Anlässlich des 68. Unabhängigkeitstages Indonesiens am 17. August 2013 wird eine riesige Flagge über den Begawan Solo River gespannt.

5.3.2012 | Von:
Doris K. Gamino

Annäherung an ein unbekanntes Land - Essay

Neue Wege und Aussichten

Seit Suhartos erzwungenem Rücktritt 1998 befindet sich Indonesien in einem politischen Veränderungsprozess, und mit Susilo Bambang Yudhoyono, kurz SBY, hat das Land seit 2004 seinen ersten in freier Direktwahl gewählten Präsidenten. Unter SBY hat sich Indonesien vom Entwicklungsland zum Schwellenland gemausert und auch auf regionalem wie internationalem Parkett spielt es eine zunehmend ernst zu nehmende Rolle. Jakarta ist Sitz des Sekretariats der Association of Southeast Asian Countries (ASEAN) und des Ausschusses der Ständigen Vertreter der ASEAN-Mitgliedstaaten. Im Dezember 2007 fand auf Bali die UN-Klimakonferenz statt, im Juni 2011 beherbergte Jakarta zum ersten Mal den Weltwirtschaftsgipfel, und Indonesien ist als einziger südostasiatischer Staat im Forum der G20-Gipfel vertreten.

Im vergangenen Jahr übertraf die indonesische Wirtschaft mit einem Wachstum von mehr als sechs Prozent alle Erwartungen, aktuell befindet sich das Land in einem regelrechten Konsumboom. Schon wird euphorisch die neue Mittelschicht heraufbeschworen, die jedoch noch weit davon entfernt ist, dauerhaft das Vakuum zwischen den Armen (50 Prozent der Bevölkerung) und den Superreichen (zehn Prozent) auch nur annähernd zu füllen, zumal der Boom nichts anderem geschuldet ist, als dem Ausverkauf der Rohstoffe. Und das birgt große Risiken. Viel Geld fließt ins Land, aber nur wenig wird darauf verwendet, alte Probleme zu lösen. Ohne eine verarbeitende Industrie als Puffer macht sich die Wirtschaft gefährlich abhängig von schwankenden Rohstoffpreisen. Auf der anderen Seite wird das Bruttosozialprodukt zur Hälfte mit kurzlebigen Konsumgütern erwirtschaftet, die auf Verbraucherseite keine Werte schaffen.

Die Wirtschaft ist aber nicht die einzige "Baustelle" im Land. Zwar gibt es inzwischen freie Wahlen, aber machen die automatisch eine Demokratie? Auch 14 Jahre nach Ende der Suharto-Diktatur sind es noch immer die alten Seilschaften, welche die Landschaft aus Politik und Wirtschaft bestimmen. Und selbst dort, wo das Personal gewechselt hat, greifen noch die alten Mechanismen. Wie sehr die alten Strukturen noch funktionieren, beweist gerade der jüngste Sohn des 2008 verstorbenen Diktators, Hutomo Mandala Putra Suharto, genannt Tommy. Mit der Unterstützung der Partei Hanura ("Gewissens-Partei") will er sich bei der Wahl 2014 um das Präsidentenamt bewerben. Dass es sich bei dem Kandidaten um einen ehemaligen Verbrecher handelt, scheint niemanden anzufechten. Tommy wurde 2002 wegen des Auftrags zum Mord an einem hohen Richter, der ihn in einem Betrugsfall für schuldig befunden hatte, zu 15 Jahren Haft verurteilt. Doch schon nach vier Jahren wurde Tommy aus der Haft entlassen. Geld und Einfluss wirken in Indonesien auch posthum. Die Partei Hanura tritt unter anderem mit der Losung an, "die moralischen Werte in der Gesellschaft zu sichern". Gegen ihren Gründer, General Wiranto, liegt indes seit 2004 ein Haftbefehl der Behörden Ost-Timors vor. Er soll 1999 maßgeblich an der Vertreibung und Ermordung Tausender Timorer beteiligt gewesen sein. Doch Indonesien ignoriert den Haftbefehl. Demokratie geht anders.

Seit Sukarno dem 240-Millionen-Volk vor 70 Jahren die "Einheit in der Vielfalt" verordnet hat, hat sich ein starkes Nationalbewusstsein entwickelt. Mit der Vielfalt und Toleranz gegenüber Andersdenkenden tun sich allerdings immer noch viele schwer. Sowohl innerhalb der Bevölkerung als auch seitens der Regierung wird vor allem auf Unabhängigkeitsbestrebungen einzelner Landesteile höchst empfindlich reagiert. Gerade im Umgang mit dem ohnehin auf allen Ebenen schlecht behandelten Papua ist keine Lösung abzusehen; vielmehr scheint sich dieser Konflikt, bei dem sich Nationalstolz mit massiven wirtschaftlichen Interessen paart, wieder zu verschärfen.

Besorgniserregend ist auch die zunehmende religiöse Intoleranz und Radikalisierung islamistischer Gruppen im bevölkerungsreichsten muslimischen Land der Welt. Christliche Kirchen sehen sich und ihre Mitglieder seit einigen Jahren verschärft schikaniert und, meist unter Vorschiebung bürokratischer Gründe wie fehlender Genehmigungen, an der Ausübung des Gottesdienstes gehindert. Doch sind es weniger die Behörden, als vielmehr radikalislamische Gruppierungen wie die FPI ("Front der Verteidiger des Islams"), die sich als Moralwächter aufspielen. Zahllose Kirchen wurden in den vergangenen Jahren - ungeahndet - offen oder klammheimlich niedergebrannt.

Selbst Muslime sind nicht sicher vor den Radikalen. Im Februar 2011 stürmte in der javanischen Provinz Banten ein Mob von 1500 Menschen eine Moschee der Ahmadiyya-Glaubensgemeinschaft, deren Angehörige den Koran geringfügig anders deuten als der Mainstream der Muslime in Indonesien. Unter den Augen der untätigen Polizei ging die Moschee in Flammen auf, drei Menschen wurden erschlagen. Schockierend war auch der Umgang der Behörden mit dem Fall: Keiner der Brandstifter oder Mörder, die alle über Filmaufnahmen eindeutig identifiziert werden konnten, wurde verurteilt, vielmehr wurde Anklage gegen einen Ahmadi wegen Provokation erhoben. Statt Toleranz gegenüber der ethnischen, kulturellen und weltanschaulichen Vielfalt hat sich vielerorts ein religiöser Nationalismus mit faschistoiden Zügen entwickelt, dem die Regierung offenbar nichts entgegenzusetzen gewillt ist. Toleranz scheint nur für die Intoleranten zu gelten. Wiewohl die Mehrzahl der indonesischen Muslime als friedlich und moderat gelten muss, haben es sowohl die Regierung und insbesondere SBY, als auch die beiden großen muslimischen Dachverbände Nahdatul Ulama (NU) und Muhammadiyah versäumt, sich von diesen Gruppierungen zu distanzieren und eindeutig Stellung gegen die Gewalt zu beziehen.

SBY wird 2014 nicht mehr kandidieren können; sein Wahlversprechen, die Korruption auszutrocknen, hat er nicht gehalten. Jedes Mal, wenn er es in der Hand hatte, Signale zu setzen, hat der Präsident gekniffen. Auch in Fragen der gewalttätigen islamischen Gruppierungen hat er kein Profil gezeigt. Seine Amtszeit ist trotz außenpolitischer Erfolge, etwa im Kampf gegen den internationalen Terror, eine lange Kette vertaner Chancen. Indonesien ist unbestreitbar auf dem Weg. Ob es in die richtige Richtung geht, werden auch die kommenden Wahlen zeigen, bei denen hoffentlich nicht zwischen Steuerbetrügern und Anstiftern zum Mord fürs Präsidentenamt entschieden werden muss. Demokratie heißt auch, dass alle Bürgerinnen und Bürger eines Landes die gleichen Rechte und Pflichten haben, unabhängig davon, auf welcher Insel sie leben, an welchen Gott sie glauben oder ob sie in Prada oder im Lendenschurz daherkommen.


Dossier Innerstaatliche Konflikte

Aceh

Der Friedensprozess in der indonesischen Provinz Aceh ist eine Erfolgsgeschichte. Seit 2005 gab es keine gewalttätigen Auseinandersetzungen mehr zwischen der heute als Partai Aceh regierenden Befreiungsbewegung und der indonesischen Zentralregierung. Bedenklich ist allerdings die Einführung islamisch-fundamentalistischer Gesetze und Vorschriften.

Mehr lesen