Anlässlich des 68. Unabhängigkeitstages Indonesiens am 17. August 2013 wird eine riesige Flagge über den Begawan Solo River gespannt.

5.3.2012 | Von:
Gunnar Stange
Roman Patock
Kristina Großmann

Aceh nach Konflikt und Tsunami - Chancen und Herausforderungen

Zweite Katastrophe: der Tsunami 2004

Der Tsunami Ende 2004 zerstörte bis zu 80 Prozent der Küsten-Infrastruktur, forderte über 180000 Todesopfer und überlagerte die Konflikt-Opfermythen plötzlich durch einen gewaltigen neuen. Die Blockade der Konfliktparteien wurde durch eine greifbare, und vor dem Hintergrund der immensen Hilfs- und Wiederaufbauerfordernisse zwingende, neue Handlungsmöglichkeit durchbrochen. Eine öffentliche Willensbekundung zur Lösung des Konflikts gab es bereits mit dem Amtsantritt von Präsident Susilo Bambang Yudhoyono im September 2004, die Flutwelle katalysierte den Prozess zudem nachhaltig. Der GAM war die ökonomische und logistische Basis weggebrochen, der indonesischen Regierung entzog die erforderliche hohe Präsenz ausländischer Organisationen die Grundlage zur Isolation der Provinz. Die Fortsetzung des Kampfes hätte für beide Seiten immense Reputationsverluste bedeutet. Zudem löste die international angekurbelte "Katastrophenökonomie" die weitgehend obsolet gewordenen Vorteile der Konfliktökonomie größtenteils ab.

Mit Unterzeichnung der Absichtserklärung Memorandum of Understanding (MoU) zwischen der GAM und der indonesischen Regierung am 15. August 2005 in Helsinki, unter Vermittlung der Crisis Management Initiative (CMI) und mit Unterstützung der EU und dem Verband Südostasiatischer Nationen (ASEAN), wurde der Grundstein für einen Friedensprozess gelegt. Das MoU beinhaltet Sicherheitsarrangements, Regelungen zur Amnestie und Reintegration früherer Kombattanten, die Aufstellung einer internationalen Aceh Monitoring Mission (AMM) sowie die Vorlage für ein Gesetz zur politischen Gestaltung Acehs.[5] Unter den Augen der AMM konnte das militärische Konfliktpotenzial rasch abgebaut werden: Der bewaffnete Arm der GAM, die "Nationalarmee Acehs", wurde aufgelöst und in das zivile Aceh-Übergangskomitee (KPA, Komite Peralihan Aceh) überführt; zugleich wurden die Spezialkräfte der indonesischen Streitkräfte abgezogen.

Tsunami und Wiederaufbau schufen jedoch auch neue Disparitäten und Konfliktpotenziale: Während der finanziell gut ausgestattete "Tsunami-Wiederaufbau" zügig voranschritt, erhielt der eigentliche "Post-Konflikt-Wiederaufbau", insbesondere im küstenferneren Hochland, weitaus weniger Aufmerksamkeit, was die Betroffenen oft zu Opfern zweiter Klasse degradierte. Höherrangigen Kadern im Umfeld des KPA gelang es zwar recht zügig, durch die Nutzung ihrer Netzwerke und infolge der politischen Neugestaltung wichtige Schlüsselstellen in der Aufbauökonomie und Politik zu besetzen, viele ehemalige Kombattanten gingen zunächst jedoch leer aus. Nicht zuletzt keimten mit der gesamtgesellschaftlichen Umwälzung auch erneut Forderungen nach der strikteren Umsetzung islamischen Rechts auf.

Fußnoten

5.
Vgl. Government of Indonesia/Free Aceh Movement, Memorandum of Understanding, Helsinki 2005.

Dossier Innerstaatliche Konflikte

Aceh

Der Friedensprozess in der indonesischen Provinz Aceh ist eine Erfolgsgeschichte. Seit 2005 gab es keine gewalttätigen Auseinandersetzungen mehr zwischen der heute als Partai Aceh regierenden Befreiungsbewegung und der indonesischen Zentralregierung. Bedenklich ist allerdings die Einführung islamisch-fundamentalistischer Gesetze und Vorschriften.

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