Anlässlich des 68. Unabhängigkeitstages Indonesiens am 17. August 2013 wird eine riesige Flagge über den Begawan Solo River gespannt.

5.3.2012 | Von:
Gunnar Stange
Roman Patock
Kristina Großmann

Aceh nach Konflikt und Tsunami - Chancen und Herausforderungen

Fortsetzung des Kampfes mit anderen Mitteln?

Um eine Gefährdung des Friedens dauerhaft auszuschließen, sah das MoU für die ehemaligen Kämpfer eine Amnestie und die Rückgabe aller politischen, sozialen und wirtschaftlichen Rechte, die Einrichtung eines Reintegrationsfonds, den Ersatz von Eigentumsverlusten, die Vergabe von Farmland, Unterstützung beim Eintritt in den Arbeitsmarkt und soziale Absicherung im Falle von Invalidität sowie die Möglichkeit zur Integration in die organischen Sicherheitskräfte Indonesiens vor. Hierfür wurde 2006 eigens eine acehische Reintegrationsbehörde geschaffen. Die von der GAM zunächst genannte Zahl von 3000 Kämpfern erwies sich aber als viel zu niedrig, was weitreichende Verteilungsprobleme mit sich brachte. Die Behörde erkannte daraufhin neben der großen Gruppe ziviler Konfliktopfer weitere anspruchsberechtigte Kämpfer aller Seiten an. Bis 2009 wurden bereits 90 Prozent (rund 140 Millionen Euro) des Reintegrationsfonds für Direktzahlungen, Hausbau und Entschädigungen ausgezahlt.

Die Kämpfer, die sich als Beschützer des acehischen Volkes und verantwortlich für die hinterbliebenen Witwen und Waisen empfinden, sehen in den Reintegrationszahlungen jedoch allenfalls einen berechtigten Anspruch aus dem originären Konflikt-Opfermythos ökonomischer Benachteilung und als Entschädigung für angetane Kriegsgreuel, nicht jedoch eine Friedensdividende. Des Weiteren nehmen Frauen innerhalb der offiziellen Reintegrations- und Friedensprogramme nur eine untergeordnete Rolle ein und können meist nur durch Eigeninitiative und gute Kontakte zu Mitgliedern des KPA-Kaders finanzielle Mittel erhalten.

Dadurch, dass das Aceh-Übergangskomitee KPA die Hoheit über die Listung Anspruchsberechtigter und die Distribution der Gelder innehatte, konnte es sich erfolgreich in den Reintegrationsprozess einschalten, trug damit aber auch zu einer Stärkung des Patronagenetzwerks bei. Die nach wie vor intakte Militärstruktur sorgt einerseits dafür, dass die Mitglieder, gebunden an Befehl und Gehorsam, auf den Frieden und die Solidarität mit Kameraden und Konfliktopfern verpflichtet werden. Andererseits verfügt das KPA damit über ein gefährliches Mobilisierungpotenzial, was eine Verstetigung konkurrierender Vereinigungen bedeutet. Interne Bruchlinien zwischen ökonomisch und politisch erfolgreichen ehemaligen Kommandeuren und benachteiligten einfachen Kämpfern werden immer deutlicher. Korruption, Raubüberfälle, Erpressung und andere kriminelle Aktivitäten werden jedoch zumeist Einzeltätern oder geheimdienstlichen Verunglimpfungen zugeschrieben. Dies verdeutlicht aber auch, dass die ökonomische Absicherung unzureichend ist und der beabsichtigte Übergang in zivile Existenzen weitgehend verfehlt wurde. Nicht zuletzt wegen der ideologischen Feindprägung gelingt auch die Integration der ehemaligen Kämpfer in die organischen Sicherheitskräfte Indonesiens kaum.

Eine "mentale Entwaffnung" ist noch nicht zu verzeichnen, und auch die im MoU vorgesehene Einrichtung einer Wahrheits- und Versöhnungskommission sowie eines Menschenrechtsgerichtshofes ist bisher ausgeblieben. Symbole, Lieder, Erzählungen und die Rhetorik des Kampfes bleiben in den Reihen der einfachen Kombattanten stark und revitalisieren beständig die Idee von der Unabhängigkeit Acehs. Immer wieder wird die Bereitschaft betont, jederzeit kampfbereit zu den Waffen zurückzukehren, sollte sich die Situation nicht bessern. Splittergruppen, die das MoU gänzlich ablehnen und desillusionierten Kämpfern eine gefährliche Alternative zum Frieden bieten könnten, gibt es durchaus, finden bislang aber wenig Gehör.


Dossier Innerstaatliche Konflikte

Aceh

Der Friedensprozess in der indonesischen Provinz Aceh ist eine Erfolgsgeschichte. Seit 2005 gab es keine gewalttätigen Auseinandersetzungen mehr zwischen der heute als Partai Aceh regierenden Befreiungsbewegung und der indonesischen Zentralregierung. Bedenklich ist allerdings die Einführung islamisch-fundamentalistischer Gesetze und Vorschriften.

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