Anlässlich des 68. Unabhängigkeitstages Indonesiens am 17. August 2013 wird eine riesige Flagge über den Begawan Solo River gespannt.

5.3.2012 | Von:
Gunnar Stange
Roman Patock
Kristina Großmann

Aceh nach Konflikt und Tsunami - Chancen und Herausforderungen

Herausforderung oder Chance?

Transformationsprozesse brechen verkrustete Strukturen auf, verändern Macht- und Akteurskonstellationen und bergen zunächst unerwartete Chancen, aber auch Herausforderungen und spezifische Probleme. Der Tsunami katalysierte trotz aller Tragik eine Konflikttransformation, die zwar immer noch offenen Ausgangs ist, aber bereits seit mehr als fünf Jahren das Ende der Unsicherheit des früheren Kriegsalltags bedeutet, was von der Mehrheit der Bevölkerung in Aceh positiv bewertet wird. Wenngleich die neu gebildete Aceh-Partei weitgehend unerfahren und schwach an Kapazitäten ist, konnte sie dennoch in Prozesse der Lokalpolitik und des Parlaments integriert werden, und trotz immenser interner Spaltungen gelang es ihr, die drohende Stagnation in der Frage der Nominierung eines Gouverneurskandidaten für die kommende Wahl 2012 abzuwenden. Die Selbstverpflichtung der GAM-Führung zur aktiven Mitgestaltung des Friedensprozesses bleibt somit bestehen. Dennoch ist aufgrund steigender Korruption, Geheimabsprachen und Nepotismus die Frage, ob die neuen politischen Führer tatsächlich eine bessere Alternative zu den alten darstellen, nicht eindeutig zu bejahen. Zwar konnten führende KPA-Kader nach dem Ende des bewaffneten Konflikts innerhalb des mangelhaft umgesetzten Reintegrationsprozesses ausreichend Zugang zu Ressourcen erhalten, und eine Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes ist vorerst nicht zu befürchten, aber der Traum von der Unabhängigkeit Acehs bleibt in vielen Köpfen lebendig.

Die rigide Implementierung der Scharia führt zu vielfach kritisierten Diskriminierungen und Bestrafungen. Dennoch befürworten viele Menschen in Aceh ein islamisches Rechts- und Gesellschaftssystem, da es ihnen auch als Referenz- und Handlungsrahmen dient, mit dem sie Angst und Ungewissheiten, die mit dem Umbruch und der Öffnung Acehs einhergehen, begegnen können.

Abschließend muss konstatiert werden, dass der historische, politische und soziokulturelle Kontext des Aceh-Konflikts sich nur sehr bedingt verallgemeinern und auf andere Konfliktszenarien übertragen lässt. Acehs Lage in der Peripherie eines multikulturellen und trotz eines fortschreitenden Dezentralisierungsprozesses noch stark zentralistisch ausgerichteten Staates und der besondere Umstand einer derart verheerenden Naturkatastrophe sowie der daraufhin geleisteten beispiellosen internationalen Hilfe lassen den bisherigen Verlauf der Konflikttransformation als Ausnahme erscheinen.


Dossier Innerstaatliche Konflikte

Aceh

Der Friedensprozess in der indonesischen Provinz Aceh ist eine Erfolgsgeschichte. Seit 2005 gab es keine gewalttätigen Auseinandersetzungen mehr zwischen der heute als Partai Aceh regierenden Befreiungsbewegung und der indonesischen Zentralregierung. Bedenklich ist allerdings die Einführung islamisch-fundamentalistischer Gesetze und Vorschriften.

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