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Anlässlich des 68. Unabhängigkeitstages Indonesiens am 17. August 2013 wird eine riesige Flagge über den Begawan Solo River gespannt.

5.3.2012 | Von:
Marc Frings

Zivilgesellschaft in Indonesien

Kaum Luft zum Atmen: zwischen Kolonialisierung und "Neuer Ordnung"

Die Anfänge zivilgesellschaftlichen Lebens in Indonesien gehen zurück auf die Zeit der niederländischen Kolonialzeit, als sich lokale Gemeinden Themen wie Bildung, Soziales und Mikrokrediten annahmen. Das gewerkschaftliche Leben nahm hier ebenfalls seinen Anfang; zudem fiel die Gründung religiöser Massenorganisationen wie der Muhammadiyah (1912) und der Nahdatul Ulama (1926) in diese Phase.[4] Obgleich kontrovers diskutiert wird, ob religiöse Gruppen Teil der Zivilgesellschaft sind, spricht ihre oftmals karitative und soziale Agenda eindeutig dafür. Ein weiteres Argument findet sich in der Debatte um eine adäquate Übersetzung des Zivilgesellschaftsbegriffs ins Indonesische. Während masyarakat madani auf die Herrschaft des Propheten Muhammed über die Gemeinde in Medina (umma) rekurriert - ein Bild für die erstrebenswerte demokratische und freiheitliche Ordnung - und damit als islamisches Verständnis von Zivilgesellschaft anzusehen ist, steht masyarat sipil für eine säkulare Übersetzung.[5]

Präsident Sukarno (1945-1967) griff in den ersten Regierungsjahren die gesellschaftliche Partizipation am Aufbauprozess des unabhängigen Indonesiens auf.[6] Ab der "gelenkten Demokratie" (1959) und spätestens in der "Neuen Ordnung" unter General Suharto (1967-1998) hatte die gesellschaftliche Komponente einem rein ökonomisch durchdachten Entwicklungsansatz zu weichen. Politische Teilhaberechte wurden beschnitten, Massenorganisationen verboten, die Medien unter staatliche Bewachung gestellt und das Parteiensystem auf drei Kräfte beschränkt. Die ersten Unabhängigkeitsjahre, als beispielsweise Gewerkschaften und Studenten noch am Politikprozess teilnehmen konnten, gerieten zu einem kurzen Demokratieexperiment zwischen der bis 1949 reichenden kolonialen (externen) und der 1959 einsetzenden autoritären (internen) Besatzung des öffentlichen Raums. Die Unterdrückung gesellschaftlicher Partizipationsforderungen in Indonesien durch das autoritäre Regime korrespondierte mit politischen Entwicklungen in der gesamten südostasiatischen Region.[7]

Ihrer politischen Instrume beraubt, hielten NGOs der "Neuen Ordnung" stand, indem sie sich Suhartos Entwicklungsparadigma anpassten und in die Lücken seiner Wirtschaftspolitik sprangen. Sogenannte development-NGOs fokussierten ihre Arbeit ab den 1970er Jahren auf marginalisierte Gruppen der verarmten Unterklasse. Der Anpassungsdruck katapultierte die NGOs zwar in einen apolitischen Raum, eröffnete ihnen zugleich aber eine Überlebensstrategie. Eine nachwirkende Leere verursachte die politische systematische Verfolgung von Kommunisten nach dem gescheiterten Putschversuch von 1965. Infolge eines grassierenden Antikommunismus wurde die politische Linke geschwächt und weitestgehend aus der Öffentlichkeit verbannt.

Entgegen der modernisierungstheoretischen Annahme, die Chance einer erfolgreichen Demokratisierung wachse mit dem Wohlstand einer Gesellschaft, gelang Suharto der ökonomische Erfolg bei gleichzeitiger Kooptation und Marginalisierung entscheidender Vetomächte.[8] Daran änderte sich auch in den 1980er Jahren nichts, als das globale Aufkeimen von Umweltthemen, auch bedingt durch Konflikte um Land in der Peripherie, Einzug in Indonesien hielt.[9] Interessenorganisationen (advocacy-NGOs), die als neue NGO-Kategorie entstanden und bald weitere Themen aufgriffen, hielten sich weiter an das Gebot der politischen Zurückhaltung.

Fußnoten

4.
Vgl. M. Nyman (Anm. 3), S. 29.
5.
Vgl. Thung Ju Lan, Ethnicity and the Civil Rights Movement in Indonesia, in: L.H. Guan (Anm. 3), S. 217-233, hier: S. 217.
6.
Vgl. Stefano Harney/Rita Olivia, Civil Society and Civil Society Organizations in Indonesia, Genf 2003, S. 18, online: www.ilo.org/public/english/protection/ses/download/docs/civil.pdf (20.2.2012).
7.
Vgl. L.H. Guan (Anm. 3), S. 11f.
8.
Vgl. M. Nyman (Anm. 3); Bertelsmann Stiftung, BTI 2010 - Indonesia Country Report, Gütersloh 2009, S. 3, online: www.bertelsmann-transformation-index.de/fileadmin/pdf/Gutachten_BTI2010/ASO/Indonesia.pdf (20.2.2012); grundlegend zur Modernisierungstheorie: Seymour Martin Lipset, Some Social Requisites of Democracy: Economic Development and Political Legitimacy, in: American Political Science Review, 53 (1959), S. 69-105.
9.
Vgl. Dianto Bachriadi, Fighting for land, in: Inside Indonesia, 107 (2012), online: www.insideindonesia.org/feature/fighting-for-land-23012886 (20.2.2012).

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