Anlässlich des 68. Unabhängigkeitstages Indonesiens am 17. August 2013 wird eine riesige Flagge über den Begawan Solo River gespannt.

5.3.2012 | Von:
Evamaria Müller

Just Fashion? NS-Symbole in der indonesischen Jugendkultur

Wahrnehmungen des Hakenkreuzes und der NS-Zeit

Viele der von mir interviewten Jugendlichen antworten auf die Frage, warum sie denn diese T-Shirts, Buttons und andere mit NS-Symbolen bestückten Accessoires tragen, mit der Erklärung, dass es nun einmal gerade fashion sei. Das Hakenkreuz stelle ein schönes, einzigartiges modisches Symbol mit einer ästhetischen Form dar. Zudem würde man damit die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und einen gewissen Stil zum Ausdruck bringen. Wofür dieses Symbol alles steht, kann aber kaum einer erklären. Dennoch bringen es die meisten Jugendlichen im weitesten Sinne mit dem "Dritten Reich" in Verbindung. Häufig fallen Schlagworte wie "Hitler", "Blitzkrieg", "Zweiter Weltkrieg". Auch wissen viele, dass es sich um eine Diktatur handelte, der Millionen Menschen, vor allem Juden, gewaltsam zum Opfer fielen. Erstaunlicherweise hat dies jedoch nicht die Konsequenz, Hitler oder das NS-Regime durchweg negativ einzustufen. Vielmehr sind die meisten darauf bedacht, auch "gute" Eigenschaften Hitlers und der NS-Zeit darzulegen.

Diese relativierende Haltung zeigt sich etwa an folgenden Beispielen. Ein Junge äußert zunächst: "Aus meiner Perspektive sehe ich Hitler nicht von seiner negativen Seite, sondern betrachte ihn als Anführer, der top, der krass war, mit einem starken Charakter, den ich mir zum Vorbild nehmen kann." Kurz darauf schränkt er aber ein, dass er die Heftigkeit der Vorgehensweise und die Massenmorde als zu extrem empfinde. Ein anderer Schüler betont, dass Hitler eigentlich gute Charaktereigenschaften wie Treue und Strenge besessen habe, sein Vorgehen aber unmenschlich, grausam und schlimm gewesen sei. Diese negativen Einschätzungen relativiert er wiederum mit der These, dass jede Epoche ihren eigenen Politikstil brauche und dadurch notwendigerweise unterschiedliche Regime entstünden. Dieses Muster wiederholt sich auch in anderen Interviews: Den negativen Aspekten werden vermeintlich positive entgegengesetzt. Als Letztere werden etwa die politischen "Führungsqualitäten" Hitlers genannt, ebenso der nationale Eifer, die "Stärke" und der Einflussreichtum Deutschlands zu dieser Zeit sowie das "revolutionäre Denken", das sich durch das Auflehnen gegen die Vorherrschaft der USA geäußert habe.

Um erste Erklärungen für diese Einstellungen zu finden, ist es hilfreich, einen Blick auf die Meinungen von Lehrerinnen und Lehrern in den Fächern Deutsch und Geschichte zu werfen. Diese beurteilen die NS-Zeit und Hitler tendenziell zwar negativer - viele verurteilen die ultranationalistische und faschistisch-chauvinistische Ausrichtung der deutschen NS-Politik und betonen, dass ein übersteigerter Nationalismus und die Verachtung anderer Völker gefährlich sei -, aber auch sie relativieren ihre negativen Äußerungen, indem sie erläutern, dass die NS-Zeit auch "gute Seiten" gehabt habe wie zum Beispiel Deutschlands wirtschaftlichen Aufschwung. Zudem sei es in Kriegszeiten normal, dass das moralische Verständnis von Gut und Böse durch die Werte Sieg und Niederlage ersetzt werde. Ebenso empfinden es die meisten Lehrpersonen trotz ihrer zum Teil kritischen Sicht als nicht problematisch, wenn die Jugendlichen NS-Symbole modisch verwenden. Sie begründen dies damit, dass die Schülerinnen und Schüler die Bedeutung des Hakenkreuzes wahrscheinlich nicht kennen und gehen davon aus, dass die Jugendlichen auf diese Weise einfach ihren Stil, ihre Individualität und Selbstbestimmtheit ausdrücken wollen. Zwar erläutern auch sie, dass es eigentlich wichtig sei, die Symbole zu kennen, die man trägt, kommen aber letztlich zu einer milden Bewertung, da die Jugendlichen die Hakenkreuze schließlich nur aus modischen und nicht aus ideologischen Gründen trügen. Die Schülerinnen und Schüler zu belehren oder sie gar vom Tragen des Hakenkreuzes abzubringen, liegt ihnen offenbar fern.

Die Einstellung eines (nicht islamischen) Lehrers, weist sogar eine eindeutig positive Wahrnehmung der NS-Zeit auf. Für ihn gehe vom "Dritten Reich" eine gewisse Faszination aus, wobei er besonders Militär und SS bewundere, die sich durch Eigenschaften wie Disziplin, Konsequenz, Loyalität und Vertrauen ausgezeichnet hätten. Zudem zeigt er sich begeistert davon, dass Deutschland in so kurzer Zeit solche militärische Stärke erreichen und ein einziger Mensch so großen nationalen Eifer auslösen konnte. Seine positive Einstellung drückt sich weiterhin dadurch aus, dass er die Monstrosität des Völkermords herunterzuspielen versucht. Auch wenn er den Holocaust nicht abstreitet, relativiert er diesen durch den Hinweis auf Stalin, der "viel mehr" Menschen getötet habe. In Bezug auf die Nachkriegszeit bemängelt er, dass sich die Siegermächte der deutschen technisch-militärischen Errungenschaften bemächtigt und somit gewissermaßen Diebstahl an Deutschland begangen hätten. Auch wenn diese verteidigenden Äußerungen eine nazistische oder antisemitische Einstellung nahelegen, distanziert er sich in wesentlichen Aspekten klar von der chauvinistischen Ausrichtung der NS-Ideologie und betont, dass er keineswegs alle Werte dieser Zeit als bewundernswert empfinde. Gleichermaßen finde er es jedoch ungerecht, das Tragen des Hakenkreuzes von indonesischen Jugendlichen zu verurteilen, da es für ihn nicht Ausdruck einer rassistischen oder grausamen Einstellung sei, sondern lediglich ein Symbol für die erwähnten "positiven Eigenschaften".

Dass diese Sichtweise stark verkürzt ist, ist den Befragten meist nicht bewusst. Wären die zitierten Aussagen in Deutschland ein eindeutiger Hinweis auf antisemitische Einstellungen, weisen sie in Indonesien eher auf Wissensdefizite hin. Und während die Statements aus europäischer Perspektive schockierend wirken, ist aus indonesischer Sicht die deutsche Geschichte nur eine unter vielen - entsprechend ist die Besonderheit der begangenen Verbrechen "am anderen Ende der Welt" für viele nicht erkennbar, weshalb ihre Bedeutung - gerade auch vor dem Hintergrund anderer Völkermorde in der Region - anders bewertet oder wahrgenommen wird. Die vollkommene Loslösung von den im Zeichen des Hakenkreuzes verübten Verbrechen vom Symbol an sich, noch dazu von einem Lehrer, zeigen jedoch, wie groß der Aufklärungsbedarf in Indonesien in dieser Hinsicht ist.


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