Anlässlich des 68. Unabhängigkeitstages Indonesiens am 17. August 2013 wird eine riesige Flagge über den Begawan Solo River gespannt.

5.3.2012 | Von:
Evamaria Müller

Just Fashion? NS-Symbole in der indonesischen Jugendkultur

Erbe der Suharto-Zeit

Im Vergleich der Einstellungen der Lehrpersonen mit denen der Schülerinnen und Schüler werden zwei Dinge deutlich: zum einen, dass die Einschätzungen der NS-Zeit und des Hakenkreuzes in vielen Punkten übereinstimmen und zum anderen, dass diese Gemeinsamkeiten vor allem in einer relativierenden Bewertung liegen. Ein Blick auf das indonesische Schulsystem kann hier Erklärungsansätze liefern. Zunächst ist es wichtig festzuhalten, dass deutsche Geschichte nur einen sehr kleinen Raum im Geschichtslehrplan einnimmt. Sie wird lediglich im größeren Rahmen des Zweiten Weltkriegs thematisiert. Es ist daher wahrscheinlich, dass manche Aussagen auf mangelndes Hintergrundwissen zurückzuführen sind.

Ein weitaus wichtigerer Erklärungsansatz liegt aber in der Entwicklung des indonesischen Bildungssystems. Unter dem autokratischen Präsidenten Suharto (1967-1998) rückten der nation-building-Prozess und die Legitimation der damaligen Regierung in den Fokus der Bildungspolitik. Suhartos "Neue Ordnung" basierte dabei auf fünf Grundprinzipien, die schon unter seinem Vorgänger Sukarno (1945-1967) als Pancasila eine wichtige Rolle spielten: (1) der Glaube an einen allmächtigen Gott, (2) eine gerechte und zivilisierte Menschlichkeit, (3) die Einheit Indonesiens, (4) eine durch Konsensentscheidungen geleitete Demokratie und (5) soziale Gerechtigkeit.[2] Diese Prinzipien klingen zwar liberal, aber die darauf beruhenden, verbindlichen Unterweisungen in allen öffentlichen Institutionen hatten hauptsächlich das Ziel, das autoritäre Regime zu legitimieren. Die geforderte Religiosität erhob moralisches Verhalten zum obersten Gebot. Dies verlangte, sich seiner Pflichten anderen gegenüber bewusst zu sein und durch das Zurückstellen der eigenen Interessen zum Wohle der Gesellschaft bzw. des Staats beizutragen. Ausgehend von der Annahme, dass der Staat alle Entscheidungen im Namen des Allgemeinwohls und der nationalen Entwicklung traf, wurde es als selbstverständlich angesehen, dass die Entscheidungen der Obrigkeit vollständig akzeptiert wurden. Hiermit wurde die ideelle Basis für ein Patronagesystem gelegt, in dem sich nahezu alle Macht im "väterlichen" Präsidenten der großen indonesischen Familie zentral vereinigte, dessen Entscheidungen als richtig galten, weil sie im Namen der nationalen Einheit getroffen wurden. Die Ursache von Problemen wurde in "negativen" und "egoistischen" Einstellungen Einzelner gesehen, die eine Bedrohung der harmonischen und moralischen Pancasila-Ordnung darstellten.[3] Auf diese Weise wurde nicht nur die Einschränkung der Pressefreiheit, sondern auch das gewaltsame Vorgehen gegen Kritiker gerechtfertigt. Es versteht sich von selbst, dass "sensible" Ereignisse wie beispielsweise die Umstände der Machtergreifung Suhartos sowie die anschließenden massenhaften Tötungen von mutmaßlichen Anhängern der Kommunistischen Partei öffentlich kaum thematisiert wurden.

Auch wenn inzwischen ein Öffnungsprozess eingesetzt hat und alternative Geschichte(n) Eingang in den akademischen und öffentlichen Diskurs finden, sind die Folgen der Suharto-Zeit weiterhin spürbar. So sind noch immer viele Unterrichtsmaterialien im Umlauf, die aus der Zeit vor 1998 stammen. Auch haben die Lehrerinnen und Lehrer, die zu dieser Zeit ausgebildet wurden, nicht erlernt, kritisch mit Geschichte umzugehen und sind mit den Freiheiten, welche die neuen Lehrpläne eröffnen, oft überfordert. Die relativierenden Aussagen zur deutschen Geschichte zwischen 1933 und 1945 können somit auch Ausdruck einer gewissen Unsicherheit im Umgang mit der fremden Thematik sein. Über mehrere Jahrzehnte besaß der Staat ein Interpretationsmonopol auf Geschichte und wurde als Instanz angesehen, die über die Zulässigkeit oder Unzulässigkeit individueller Meinungen bestimmte. Entsprechend erklären viele der Befragten, dass sie ihre moralischen Bedenken, zum Beispiel hinsichtlich des Tragens des Hakenkreuzes als modisches Accessoire, nicht äußern, da sie sich nicht auf entsprechende Gesetze berufen könnten und somit über keine legitime Argumentationsgrundlage verfügten. Diese "Autoritätshörigkeit" wirkt sich auch auf die Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden aus und erklärt, warum die Meinungen in vielen Fällen übereinstimmen, auch wenn die Lehrpersonen diese Art von Gehorsam nie explizit einfordern.

Fußnoten

2.
Vgl. Niels Mulder, Southeast Asian Images. Towards civil society, Yogyakarta 2005, S. 209.
3.
Vgl. ebd., S. 42-53.

Dossier Innerstaatliche Konflikte

Aceh

Der Friedensprozess in der indonesischen Provinz Aceh ist eine Erfolgsgeschichte. Seit 2005 gab es keine gewalttätigen Auseinandersetzungen mehr zwischen der heute als Aceh-Partei mitregierenden Befreiungsbewegung und der indonesischen Zentralregierung. Bedenklich ist allerdings die Einführung islamisch-fundamentalistischer Gesetze und Vorschriften.

Mehr lesen