Die Proklamation König Wilhelm I. von Preußen zum Deutschen Kaiser. Gemälde von Anton v. Werner 1885

4.1.2021 | Von:
Lorenz Abu Ayyash

Editorial

"Und nun ging in prunklosester Weise und außerordentlicher Kürze das große historische Ereignis vor sich, das die Errungenschaft des Krieges bedeutete: die Proklamierung des Deutschen Kaiserreiches", so Anton von Werner in seinen Memoiren über den zeremoniellen Akt der deutschen Reichsgründung. Der junge Künstler war vom preußischen Kronprinzen beauftragt worden, die Ereignisse in einem Gemälde festzuhalten. Damit war von Werner einer der wenigen anwesenden Zivilisten, als am 18. Januar 1871 der preußische König Wilhelm I. im Schloss von Versailles zum deutschen Kaiser gekrönt wurde. Gewählte Volksvertreter waren ausgeschlossen – eingeladen waren Prinzen, aristokratische Militärs und Fürsten.

Die Inszenierung im Spiegelsaal verdeutlicht den Charakter einer Reichsgründung oder Revolution "von oben". Gleichwohl war die nationale Einigung auch Hauptanliegen des liberalen Bürgertums und der Revolutionsbewegung von 1848 gewesen. Der Krieg gegen Frankreich von 1870 bis 1871 einte die deutschen Staaten vorerst. Nach Kriegsende war jedoch zunächst ungewiss, was die nationale Identität im Kaiserreich ausmachen würde – und welche exkludierenden Effekte die Antwort auf die Frage haben würde, was "deutsch" ist.

Seit seiner Gründung wurde der erste deutsche Nationalstaat mit Militarismus, Großmachtansprüchen, kolonialen Ambitionen und wachsendem Antisemitismus in Verbindung gebracht – aber auch mit der Ausweitung des Wahlrechts, mit Erfolgen der Arbeiter- und der Frauenbewegung sowie dem Beginn der Moderne. Auch 150 Jahre später wird kontrovers darüber gestritten, wie das Kaiserreich und die damit verbundene gesellschaftliche Ordnung zu bewerten sind.

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