Eine Lehrerin mit Mund-Nase-Maske malt ein Modell eines Coronavirus an die Tafel

11.12.2020 | Von:
Katharina Werner

Was kostet es, nicht in Bildung zu investieren?

Wie in vielen anderen Ländern herrscht in Deutschland Schulpflicht – Kinder sind damit verpflichtet, Bildungseinrichtungen zu besuchen, deren Kosten zum überwältigenden Teil der Staat und damit alle Steuerzahler tragen. In diesem Beitrag beleuchte ich die Vorteile eines solchen Systems aus volkswirtschaftlicher Sicht.

Bildung ist Wissensvermittlung und mehr

Die Ziele von staatlich geförderter Bildung sind vielfältig. Dies ist nicht zuletzt auch anhand der aktuellen Debatten zu Schulschließungen aufgrund der Corona-Pandemie zu erkennen, die auf die weitreichenden Folgen des Bildungsausfalls hinweisen. So werden beispielsweise in Zeiten der Schulschließungen die Funktion als Betreuungseinrichtungen, die den Eltern das Arbeiten ermöglicht, oder die Funktion als sozialer Treffpunkt mit Gleichaltrigen neben der Funktion als Ort der Wissensvermittlung offenkundig.[1] All dies ist bekannt und historisch belegt. Der Ursprung des modernen deutschen Bildungssystems etwa kann im Bestreben der preußischen Regierung verortet werden, den gesellschaftlichen Zusammenhalt in ihrem Sinne zu stärken.[2] Nichtsdestotrotz steht heutzutage allem voran die Vermittlung von Wissen und damit langfristig die Vorbereitung auf das Erwerbsleben im Fokus der Bildungsbestrebungen. Dass das Bildungssystem diese Kernaufgabe im Allgemeinen gut erfüllt, belegen zahlreiche wissenschaftliche Studien. Eine bessere Bildung führt im späteren Verlauf zu einem höheren Arbeitseinkommen und einer niedrigeren Arbeitslosigkeit. Personen mit höherer Bildung führen zudem im Durchschnitt stabilere Ehen, sind politisch aktiver und damit besser repräsentiert und erfreuen sich besserer Gesundheit.[3]

Damit bleibt einleitend festzuhalten, dass gute Bildung für den Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft insgesamt einen großen Nutzen hat. Wenn zum Beispiel eine gute Bildung das Risiko von Arbeitslosigkeit reduzieren kann, ist dies von Vorteil für die betroffene Person, aber ebenso für deren Familie und die lokale Wirtschaft in der Gegend, in der die Person lebt. Dieses Phänomen, von Ökonomen als "Externalität" bezeichnet, ist ein wichtiger Grund, wieso Bildung gesellschaftlich umfassend diskutiert und finanziert wird: Von positiven Entwicklungen im Bildungssystem profitieren nicht nur die direkten Nutznießer, sondern langfristig alle.

Dem Umstand, dass Bildung auf verschiedenste Teilbereiche im Leben einen Einfluss hat, ist geschuldet, dass es unmöglich ist, alle Folgen einer Bildungskarriere buchhalterisch aufzuführen und gegeneinander abzuwägen. Während es also wichtig ist, die vielfältigen Folgen von Bildung im Hinterkopf zu behalten, fokussiere ich mich in diesem Beitrag auf die bezifferbaren, arbeitsmarktrelevanten Aspekte von Bildung.

Bildung und Ungleichheit

Unter den vielen Zielen, die das Bildungssystem verfolgt, ist neben der Wissensvermittlung das Ziel der Chancengleichheit besonders wichtig und bedarf besonderen Augenmerks. Historisch gesehen, war Bildung eine Institution der oberen Schichten und diente neben dem Erhalt des menschlichen Wissens auch dem Erhalt von Status. Hieraus ergab sich lange Zeit eine Situation, in der die familiäre Herkunft eine entscheidende Rolle beim Zugang zu Bildung spielte. In anderen Ländern, zum Beispiel im Vereinigten Königreich, ist gut zu verfolgen, wie sich diese Diskussion etwa am Beispiel der Aufnahme von Mitgliedern der englischen Königsfamilie an Eliteuniversitäten wie der University of Cambridge bis heute fortsetzt.[4]

Nach wie vor ist Bildungserfolg wesentlich vom Familienhintergrund abhängig, wobei dieser Zusammenhang in Deutschland tendenziell stärker ausgeprägt ist als in anderen europäischen Ländern.[5] Etwa 74 Prozent derjenigen studieren, deren Eltern selbst ein Universitätsstudium abgeschlossen haben, aber nur 21 Prozent derer, bei denen kein Elternteil studiert hat. Ein weiteres Beispiel ist der Übertritt auf die weiterführende Schule: Selbst bei gleich guten Noten ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind das Gymnasium besucht, höher, wenn die Eltern selbst einen höheren Bildungsabschluss haben.[6] Diese zwei Beispiele illustrieren ein Muster, dass sich auch bei vielen anderen Bildungsentscheidungen zeigt. Vor dem Hintergrund der vielfältigen positiven Effekte von Bildung für das spätere (Arbeits-)Leben der Schülerinnen und Schüler führt eine solche Abhängigkeit des Bildungserfolgs vom familiären Hintergrund zu einer Verfestigung von gesellschaftlicher Ungleichheit.

Dennoch ist es in der heutigen Zeit erklärtes Ziel des Bildungssystems, allen Kindern die Entfaltung ihres Potenzials zu ermöglichen und sie je nach ihren Stärken zu fördern, also Chancengerechtigkeit zu gewährleisten. In der ökonomisch-philosophischen Theorie ist eine Institution dann gerecht, wenn der Erfolg des Einzelnen von Faktoren abhängt, die dieser selbst in der Hand hat. Gleichzeitig sollte der Erfolg unabhängig von Faktoren sein, für die das Individuum nichts kann. Am Beispiel der Schule wäre es dieser Theorie zufolge zum Beispiel gerecht, wenn Schülerinnen und Schüler bessere Noten bekommen, wenn sie sich im Unterricht beteiligt, gewissenhaft ihre Hausaufgaben gemacht oder sich in ihrer Freizeit besonders gründlich auf einen Test vorbereitet haben. Die finanzielle Situation der Familie, der Wohnort oder die Schulkenntnisse der Eltern – Faktoren, die die Kinder selbst nicht beeinflussen können –, sollten hingegen keinen Einfluss auf die Benotung haben.

Auch wenn die Einordnung verschiedener Umstände in beeinflussbare und nicht beeinflussbare Faktoren in der Praxis niemals trennscharf möglich ist, ergeben sich anhand dieser theoretischen Überlegungen wichtige Kriterien für die Gestaltung des Bildungssystems. Es zeigt sich etwa, dass eine Schulpflicht ein wichtiger erster Schritt ist, um sicherzustellen, dass alle Kinder Zugang zu Bildung erhalten. Des Weiteren ist kostenlose Bildung, ermöglicht durch ein staatlich finanziertes Bildungssystem, Voraussetzung, um den Zusammenhang zwischen dem Zugang eines Kindes zu qualifizierendem Wissenserwerb von der Motivation, den Präferenzen und den finanziellen Mitteln der Eltern zu verringern. Wenn es dem Bildungssystem gelingt, Kindern unabhängig von ihrem familiären Hintergrund Mathematik oder Lesen beizubringen, schafft es damit die Voraussetzungen, dass alle Kinder gemäß ihren Talenten Fähigkeiten erwerben können.

Insgesamt steht die Schule damit im Spannungsfeld zwischen Herausforderung und Möglichkeit, das Potenzial eines gut gestalteten Bildungssystems zur Verbesserung von Chancengerechtigkeit innerhalb einer Gesellschaft zu heben.

Wie sich Effekte von Bildung messen lassen

Die Effekte von Bildung für einzelne Schülerinnen und Schüler oder Länder zuverlässig abzuschätzen, ist aus wissenschaftsmethodischer Sicht alles andere als trivial. Denn prinzipiell wird jede Bildungsentscheidung nur einmal getroffen – wie das weitere Leben einer Schülerin oder eines Schülers verlaufen wäre, wenn die- oder derjenige weniger Stunden geschwänzt hätte, auf eine andere Schule gegangen wäre oder einen anderen Lehrer in Mathematik gehabt hätte, ist unmöglich vorherzusagen, der Einfluss von verschiedenen Faktoren im Bildungssystem damit unklar.

Klar ist dagegen, dass ein einfacher Vergleich von Schülerinnen und Schülern in den verschiedenen Gruppen Fragen zu Effekten der Bildung nicht zufriedenstellend beantworten kann. So kann zum Beispiel kaum davon ausgegangen werden, dass ein möglicher Unterschied in den Mathematikleistungen von Gymnasiasten und Hauptschülern alleine auf den Besuch des Gymnasiums zurückzuführen ist. Da das Gymnasium eher von Schülerinnen und Schülern besucht wird, die bereits in der Grundschulzeit gute Schulleistungen gezeigt haben, würden wir Unterschiede zwischen beiden Gruppen auch dann erwarten, wenn die weiterführenden Schulen identisch wären. Im Umkehrschluss können wir von den beobachteten Mathematikleistungen der durchschnittlichen Schülerin am Gymnasium nicht auf die zu erwarteten Mathematikleistungen einer Hauptschülerin schließen, die wir ab morgen am Gymnasium einschreiben.

Statt auf einfache Gruppenvergleiche stützen sich wissenschaftliche Studien deshalb auf sogenannte natürliche Experimente, um abzuschätzen, welche Effekte bestimmte Bildungsmaßnahmen auf die betroffenen Schülerinnen und Schüler haben. Als "natürliche Experimente" werden Situationen beschrieben, in denen betroffene Schülerinnen und Schüler oder Länder unterschiedlichen Bildungsszenarien ausgesetzt waren, ohne dass dies in Zusammenhang mit ihrer intrinsischen Motivation oder ihren eigenen Charakteristika steht. Ein natürliches Experiment könnte beispielsweise auf eine Gesetzesänderung folgen, in der festgelegt wird, wie viele Jahre die Schulpflicht gilt. Da eine solche Änderung für alle Schülerinnen und Schüler eines Landes gilt, ließe sich vergleichen, wie sich der durchschnittliche Bildungserfolg in der durch die Gesetzesänderung betroffenen Kohorte von vorhergegangenen Jahrgängen unterscheidet.

Im Folgenden werden Ergebnisse solcher wissenschaftlichen Studien zusammengefasst, die es uns erlauben, die ökonomischen Auswirkungen von Bildung besser zu verstehen.

Effekte von Bildung

Insgesamt zeigt die Forschung, dass gute Bildung einen großen Beitrag dazu leistet, dass Kinder Fähigkeiten erwerben, und damit langfristig einen positiven Einfluss auf ihr späteres Erwerbsleben und die Wirtschaft allgemein hat.

Frühkindlicher Bereich
Ein wichtiges Ergebnis der bildungsökonomischen Forschung ist, dass Bildung im frühkindlichen Bereich besonders erfolgreich sein kann. Organisatorisch und gesellschaftspolitisch werden Kindertagesstätten und Kindergärten zwar oft unabhängig von der Schulpolitik diskutiert, aus ökonomischer Sicht sind diese Bereiche allerdings eng verwandt. Obwohl der Anteil der privaten Einrichtungen unter den frühkindlichen Betreuungseinrichtungen nicht vernachlässigbar ist, sind diese ebenso wie Schulen stark staatlich subventioniert. Zudem liegt der Anteil der Kinder, die einen Kindergarten besuchen, trotz fehlender Kindergartenpflicht bei über 90 Prozent und damit sehr hoch.[7] Trotz aller bestehenden Engpässe im Ausbau ist der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz, der inzwischen in Deutschland gilt, eine Anerkennung dieser Entwicklung.

Inhaltlich unterscheiden sich frühkindliche Einrichtungen hingegen deutlich von schulischen, die im Regelfall einen deutlich stärkeren Fokus auf strukturierte Wissensvermittlung legen. Dennoch ist auch der Erwerb von Fähigkeiten, der in Kindergärten und Kindertagesstätten gefördert wird, im ökonomischen Sinne als Bildung zu verstehen: Das Erlernen neuer Fähigkeiten ist ein dynamischer Prozess, bei dem bereits erlerntes Wissen die notwendige Grundlage für den Erwerb von neuen Fähigkeiten ist und das Erlernen dieser erleichtert. Demzufolge sind Investitionen in frühkindliche Bildung besonders wichtig, da sie nicht nur frühkindliche Fähigkeiten verbessern können, sondern in direkter Folge auch alles zukünftige Lernen ermöglichen. So kann zum Beispiel Sprachförderung, wie sie in frühkindlichen Einrichtungen möglich ist, Kindern, die im familiären Umfeld wenig Deutsch sprechen oder Sprachdefizite haben, helfen, diese aufzuholen, was ihnen es ihnen nach der Einschulung einfacher macht, im Unterricht zu folgen und weiterführende Inhalte zu erlernen.

Wissenschaftliche Studien weisen nach, dass die Investitionskosten für Programme, die das frühkindliche Lernen von Kindern fördern, durch die verbesserten Chancen der Kinder später im Leben ausgeglichen werden, es sich also aus gesellschaftlicher Sicht lohnt, diese zu finanzieren. Dies zeigt etwa die Evaluation eines Projekts, das in den 1960er Jahren einigen armen Familien mit kleinen Kindern im US-Bundesstaat Michigan den Zugang zu intensiverer Betreuung durch pädagogisches Fachpersonal ermöglichte. Da die Teilnehmer für das Projekt zufällig ausgewählt worden waren, lassen sich die Ergebnisse derer, für die eine Teilnahme möglich war, mit denjenigen, die nicht teilnehmen durften, vergleichen. Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss, dass die Ertragsrate des Projekts bei 7 bis 10 Prozent lag, das heißt, dass die sozialen Gewinne die Kosten deutlich überstiegen.[8] Neuere Forschung zeigt, dass diese positiven Effekte hauptsächlich für Kinder gelten, die in einem benachteiligten sozioökonomischen Umfeld aufwachsen.[9]

Schulischer Bereich
Das Kernelement des Bildungsbereichs ist zweifellos das Schulsystem. Die umfangreiche Literatur in der empirischen Bildungsforschung quantifiziert die Effekte des Schulbesuchs auf die erlernten Fähigkeiten und den späteren Arbeitsmarkterfolg.

Insgesamt zeigt sich, dass jedes Jahr an zusätzlicher Bildung im Durchschnitt für den Einzelnen ein etwa 10 Prozent höheres Einkommen bedeutet.[10] Diese Einschätzung ist das Ergebnis vieler Studien, die den Zusammenhang zwischen in der Schule erlernten Fähigkeiten und Arbeitsmarkterfolg untersuchen. Die Tatsache, dass die Größenordnung des geschätzten Effekts unverändert bleibt, wenn als Datengrundlage Informationen über die pro Schuljahr erlangten Fähigkeiten in Kompetenztests und den Zusammenhang zwischen diesen Fähigkeiten und dem Erwerbseinkommen verwendet oder der Effekt direkt über Variation in der Länge des Schulbesuchs berechnet wird, unterstreicht die Verlässlichkeit dieser Schlussfolgerung.[11]

Neben den positiven Effekten für die Schülerinnen und Schüler profitiert auch die Gesellschaft von einem erfolgreichen Bildungssystem. Die Erwartung, dass ein gutes Bildungssystem ein wichtiger Treiber für wirtschaftlichen Fortschritt ist, ist auch in der Allgemeinheit weit verbreitet: In einer repräsentativen Befragung der Bevölkerung in Deutschland stimmen über 90 Prozent der Befragten der Aussage sehr oder eher zu, dass die Schülerleistungen der heute 15-Jährigen wichtig für den zukünftigen wirtschaftlichen Wohlstand Deutschlands sind. Diese Intuition wird von der bildungsökonomischen Forschung bestätigt und quantifiziert. Internationale Studien zeigen, dass Länder, deren Schülerinnen und Schüler in Kompetenztests besser abschneiden, ein höheres Wirtschaftswachstum aufweisen als Länder, die schlechtere Leistungen in Kompetenztests erreichen. Dabei entspricht eine Verbesserung der Schülerleistungen um eine Standardabweichung – was in etwa dem Kompetenzzuwachs von drei Schuljahren entspricht[12] – im internationalen Durchschnitt einem zusätzlichen Wirtschaftswachstum von zwei Prozentpunkten.[13] Hierbei ist herauszuheben, dass die positiven Effekte nicht davon getrieben sind, wie viele Jahre die Schülerinnen und Schüler eines Landes im Durchschnitt das Bildungssystem besuchen, sondern welches Kompetenzlevel sie in dieser Zeit erreichen. Damit bestätigt sich, dass es für einen späteren Arbeitsmarkterfolg hauptsächlich um die im Unterricht vermittelten Fähigkeiten geht, nicht um das Absitzen der Mindestschulzeit.

Einer der zentralen Faktoren, der die Qualität des Schulunterrichts maßgeblich beeinflusst, ist die pädagogische und fachliche Eignung der Lehrkräfte. Schülerinnen und Schüler, die von einer Lehrkraft unterrichtet werden, deren Leistung im unteren Dezil der Verteilung liegt, erreichen später ein deutlich geringeres Lebenseinkommen.[14] Offen bleibt dabei, wie das Bildungssystem gestaltet sein muss, um gute Lehrkräfte für den Beruf zu gewinnen, auszubilden und langfristig zu binden.

Neben den positiven Effekten auf das durchschnittliche Einkommen erhöht gute Bildung auch die Chance, überhaupt ein Erwerbseinkommen zu verdienen. Statistisch gesehen, lag die Arbeitslosigkeit für diejenigen, die keinen qualifizierenden Abschluss haben, 2015 bei etwa 20 Prozent und damit deutlich über dem Durchschnitt derjenigen, die eine berufliche oder akademische Ausbildung abgeschlossen haben.[15] Doch auch bei den höheren Bildungsabschlüssen gibt es noch deutliche Unterschiede: Das Risiko einer Arbeitslosigkeit unter Akademikern war im Durchschnitt nur halb so hoch wie das derjenigen, die eine Lehre als höchsten Berufsabschluss absolviert haben. Dabei zeigen Studien interessante dynamische Effekte: Während das Arbeitslosigkeitsrisiko bei Akademikern zu Beginn des Erwerbslebens noch über dem der Auszubildenden liegt, kehrt sich dies im Laufe des Erwerbslebens um.[16] Dieses Phänomen kann dadurch erklärt werden, dass das deutsche Ausbildungssystem sehr erfolgreich darin ist, Absolventinnen und Absolventen die speziellen Fähigkeiten zu vermitteln, die für den gelernten Beruf zu diesem Zeitpunkt relevant sind, was den Berufseinstieg erleichtert. Gleichzeitig haben diese zielgerichteten Ausbildungen potenziell den Nachteil, dass spezialisiertes Wissen mit der Zeit obsolet wird, womit der Beschäftigungsvorteil gegenüber den oft breiter aufgestellten Akademikern nach und nach verloren geht. Festzuhalten ist auf jeden Fall, dass das oft beschriebene Phänomen des arbeitslosen Akademikers in Deutschland derzeit nicht weit verbreitet ist. Im Gegenteil, statistisch gesehen, sinkt mit guter Bildung auch die Wahrscheinlichkeit, auf dem Arbeitsmarkt keine Beschäftigung zu finden.

Zu beachten ist, dass die Kosten einer Arbeitslosigkeit höher sind, als der einfache mathematische Erwartungswert suggeriert. Eine naive Berechnung des Erwartungswertes würde die Wahrscheinlichkeit einer Arbeitslosigkeit für Individuen mit einem bestimmten Bildungsabschluss mit dem durchschnittlichen Gehalt multiplizieren und daraus den Wert der jeweiligen Bildung ableiten. Allerdings würde eine solche Argumentation davon ausgehen, dass es für die Betroffenen gleichermaßen akzeptabel ist, wenn sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 5 Prozent ein sehr hohes Einkommen von 30.000 Euro pro Monat verdienen, aber mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent lediglich staatliche Notfallunterstützung von 446 Euro erhalten – oder aber mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent ein Einkommen von 2000 Euro im Monat und lediglich mit 5 Prozent Wahrscheinlichkeit eine Zahlung von 446 Euro. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass Sicherheit für viele Menschen ein Wert an sich ist. Wenn das Risiko, von einem Beruf nicht leben zu können, als belastend empfunden wird, können die erlebten Kosten, die durch Arbeitslosigkeit entstehen, deutlich über dem einfachen mathematischen Erwartungswert liegen.

Gesamtwirtschaftlich, sowohl bei Betrachtung der späteren Einkommen als auch der erwarteten Arbeitslosigkeit, zeigt sich, dass Schulen die einzigartige Chance bieten, die Fähigkeiten einer jeden Schülergeneration zu entwickeln und damit einen entscheidenden Beitrag zum langfristigen Wohlstand eines Landes zu leisten.

Ausnahmejahr 2020: Kosten für Schulschließungen

Die rasche Ausbreitung des neuartigen Corona-Virus und die zur Eindämmung der Pandemie getroffenen Maßnahmen, wie die großflächigen Schließungen der Schulen, haben das Bildungssystem vor unerwartete Herausforderungen gestellt. Nicht zuletzt aufgrund der vielfältigen Aufgaben, die Schulen und Kindergärten gesamtgesellschaftlich übernehmen, von der Wissensvermittlung über die Kinderbetreuung bis hin zu einem wichtigen Frühwarnsystem bei Fragen des Kindeswohls, sind die oft überstürzten, mehrwöchigen Schul- und Kitaschließungen bemerkenswert. Die in diesem Beitrag vorgestellten Effekte von Bildung lassen vermuten, dass die Nachwehen dieser disruptiven Phase die betroffenen Generationen von Schülerinnen und Schülern langfristig begleiten dürften.

Erste Studien zeigen, dass in der Zeit der Schulschließungen für einen Großteil der Schülerinnen und Schüler nur sehr wenig interaktiver Ersatzunterricht, etwa über Videotelefonieformate, stattgefunden hat. Stattdessen legten viele Schulen den Fokus auf Arbeitsblätter und Aufgaben, die in Selbstarbeit Lerninhalte vermitteln sollten und deren Bearbeitung von den Schülerinnen und Schülern – oder ihren Betreuungspersonen – ein hohes Maß an Disziplin und Eigenmotivation voraussetzt.

Auf Grundlage der wissenschaftlich ermittelten Effekte von Bildung kann man für die Situation der Schulschließungen größenordnungsmäßig abschätzen, welche Auswirkungen der Ausfall des Schulunterrichts haben könnte. Dabei ist zu beachten, dass die zur Verfügung stehenden Zahlen notwendigerweise aus Studien stammen, die Ereignisse der Vergangenheit evaluieren – die Vorhersage der Effekte in einer neuartigen Situation wie der Corona-Pandemie kann daher immer nur eine erste Näherung sein. Nehmen wir jedoch die bereits erwähnte Erkenntnis, dass ein Schuljahr im Bildungssystem das Einkommen um etwa 10 Prozent erhöht, dann ergibt sich aus den Schulschließungen für das Jahr 2020 ein errechneter Schaden von 3 bis 4 Prozent des Einkommens.[17]

In der Zeit der Pandemie waren in vielen Bereichen einschneidende Veränderungen des wirtschaftlichen Lebens notwendig. Doch auch wenn Präsenzunterricht aufgrund des Infektionsrisikos nicht möglich ist, zeigen erste Erkenntnisse, dass andere Ländern sehr viel erfolgreicher dabei waren, Lernen durch digitale Formate zu ermöglichen. Genau wie die Erfolge der beschriebenen frühkindlichen Intervention in Michigan erst in vollem Umfang offensichtlich wurden, als die betroffenen Kinder Jahrzehnte später das mittlere Lebensalter erreicht hatten, werden die Folgen der aktuellen Bildungspolitik für Jahrzehnte nachwirken. Daher ist es bei der Gestaltung der Krisenpolitik besonders wichtig, dass die Kosten ausbleibender Bildung bei politischen Überlegungen ausreichend berücksichtigt werden, um die nächste Generation und damit die deutsche Gesellschaft insgesamt gut für die Zukunft aufzustellen.

Schluss

Ein gutes Schulsystem erhöht die Fähigkeiten der Bevölkerung, erhält damit die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft und ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe. Ein Ausfall der Bildung, wie im vergangenen Schuljahr aufgrund der Pandemie gesehen, hat potenziell gravierende Auswirkungen. Besonders zu beachten ist, dass die wahren Kosten von unzureichender Bildung schwer zu beziffern sind, nicht zuletzt deshalb, weil es sich zum großen Teil um sogenannte Opportunitätskosten handelt – Kosten, die dadurch entstehen, dass Chancen nicht genutzt werden. Da die Folgen von Entscheidungen, die nicht getroffen wurden, niemals direkt beobachtet werden können, werden diese Kosten oft unterschätzt. Aber sie sind sowohl für den Einzelnen als auch die Gemeinschaft hoch.

Fußnoten

1.
Siehe dazu den Beitrag von Wilfried Schubarth in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
2.
Vgl. Francesco Cinnirella/Ruth Schueler, Nation Building: The Role of Central Spending in Education, in: Explorations in Economic History C/2018, S. 18–39.
3.
Vgl. Marta Dziechciarz-Duda/Anna Krol, On the Non-Monetary Benefits of Tertiary Education, in: Ekonometria 3/2013, S. 78–94.
4.
Vgl. Prince William Begins Agriculture Course at Cambridge, 7.1.2014, http://www.bbc.com/news/uk-25639442«.
5.
Vgl. Wilfried Bos et al., IGLU 2016: Wichtige Ergebnisse im Überblick, in: Anke Hußmann et al. (Hrsg.), IGLU 2016. Lesekompetenzen von Grundschulkindern in Deutschland im internationalen Vergleich, Münster 2017, S. 13–28.
6.
Vgl. Tobias C. Stubbe/Wilfried Bos, Schullaufbahnempfehlungen von Lehrkräften und Schullaufbahnentscheidungen von Eltern am Ende der vierten Jahrgangsstufe, in: Empirische Pädagogik 1/2008, S. 49–63.
7.
Dennoch greift hier das Argument, dass eine verpflichtende Teilnahme an staatlichen Bildungsangeboten einen wichtigen Beitrag zur Chancengerechtigkeit leistet: Studien zeigen, dass die Inanspruchnahme von frühkindlicher Betreuung bei Kindern aus sozioökonomisch schlechter gestellten Familien besonders niedrig ist, obwohl diese Kinder am meisten von einer solchen Betreuung profitieren könnten. Vgl. Thomas Cornelissen/Christian Dustmann/Anna Raute/Uta Schönberg, Who Benefits from Universal Child Care? Estimating Marginal Returns to Early Child Care Attendance, in: Journal of Political Economy 6/2018, S. 2356–2409.
8.
Vgl. James J. Heckman et al., The Rate of Return to the High/Scope Perry Preschool Program, in: Journal of Public Economics 1–2/2010, S. 114–128.
9.
Vgl. Sneha Elango et al., Early Childhood Education, National Bureau of Economic Research, NBER Working Paper 21766/2015.
10.
Vgl. Morley K. Gunderson/Philip Oreopolous, Returns to Education in Developed Countries, in: Steve Bradley/Colin Green (Hrsg.), The Economics of Education. A Comprehensive Overview, London 20202, S. 39–51.
11.
Vgl. Ludger Wößmann, Folgekosten ausbleibenden Lernens: Was wir über die Corona-bedingten Schulschließungen aus der Forschung lernen können, in: Ifo Schnelldienst 6/2020, S. 38–44.
12.
Diese Rechnung greift auf die gängige Näherung zurück, dass Schülerinnen und Schüler pro Schuljahr im Durchschnitt Kompetenzen erwerben, die einem Drittel einer Standardabweichung in internationalen Kompetenztests entsprechen.
13.
Vgl. Eric A. Hanushek/Ludger Wößmann, Do Better Schools Lead to More Growth? Cognitive Skills, Economic Outcomes, and Causation, in: Journal of Economic Growth 4/2012, S. 267–321.
14.
Vgl. Raj Chetty/John N. Friedman/Jonah E. Rockoff, Measuring the Impacts of Teachers II: Teacher Value-Added and Student Outcomes in Adulthood, in: American Economic Review 9/2014, S. 2633–2679.
15.
Vgl. Institut für Arbeit und Berufsforschung, Qualifikationsspezifische Arbeitslosenquoten, Nürnberg 2015.
16.
Vgl. Eric A. Hanushek et al., General Education, Vocational Education, and Labor-Market Outcomes over the Lifecycle, in: The Journal of Human Resources 1/2017, S. 48–87.
17.
Vgl. Wößmann (Anm. 11).
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