Die Baustelle des Bauprojekts für den neuen Hauptbahnhof "Stuttgart 21" gegen Ende 2017.

29.1.2021 | Von:
Roland Müller

Stuttgart – ein Gang durch die Stadtgeschichte

Stuttgarts Geschichte ist in hohem Maße von der Topografie sowie von der Doppelfunktion als Kommune und Residenz beziehungsweise Hauptstadt geprägt, mithin von der Wechselbeziehung zwischen Stadt und Herrschaft einerseits und Stadt und (Um-)Land andererseits. Beide Aspekte sollen bei diesem Versuch eines knappen Überblicks besonders gewichtet werden.

Die je nach Perspektive reizvolle oder ungünstige Lage beförderte spekulative Aussagen über das "Wesen" der Stadt und ihre Einwohner; sie wurde auch als politisches Argument instrumentalisiert, meist negativ als "Kessel" assoziiert. Eine moderne Stadtgeschichte ist ein Desiderat; die Erforschung der Stadtgeschichte wird durch massive Überlieferungsverluste erschwert.

Zentralort – dezentral

Zweifellos bildet die Entwicklung Stuttgarts abseits vom Fluss und von großen Verkehrswegen siedlungsgeografisch einen Sonderfall. Auf die günstigere Lage Cannstatts ist wiederholt hingewiesen worden. Über dem Neckar errichteten dort am Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr. die Römer ein Reiterkastell. In der Nähe entstand im Frühmittelalter mit einer Martinskirche ein kirchliches Zentrum.

In der Stadtmitte haben Ausgrabungen zwischen 1998 und 2005 Nachweise für einen ins 8. Jahrhundert reichenden Friedhof und eine hochmittelalterliche Siedlung erbracht. Unbelegt, aber zumindest plausibel ist die Gründung eines Gestüts um die Mitte des 10. Jahrhunderts, das der Stadt Namen und Wappen verlieh.

Frühester Namensbeleg ist eine auf Mitte des 12. Jahrhunderts datierte Erwähnung eines "Hugo von Stuokarten" im Codex Hirsaugiensis um 1500. Bis zur ersten urkundlichen Erwähnung dauerte es bis 1229; die von Papst Gregor IX. dem Kloster Bebenhausen bestätigten Weinberge verweisen auf den bis ins 18. Jahrhundert wichtigsten Wirtschaftszweig. Zuvor schon ist eine Stadtwerdung unter dem Markgrafen Hermann von Baden anzunehmen. Durch Heirat 1251 an die Grafen von Württemberg gelangt, geriet Stuttgart in die nachstaufischen Territorialkonflikte und 1312 für drei Jahre unter Verwaltung der benachbarten Reichsstadt Esslingen.

Eine Zäsur bedeutete die Verlegung von Sitz und Grablege der Württemberger nach Stuttgart um 1320; hierfür werden strategische Gründe ins Feld geführt. Die Kirche des neuen Heilig-Kreuz-Stiftes übernahm auch die Funktion einer Stadtpfarrkirche. Stuttgart profitierte von der Stabilisierung des Territoriums. Jenseits der Stadtbefestigung entstand die Esslinger Vorstadt, im 15. Jahrhundert wurden Stifts- und Leonhardskirche erweitert, und die in der neuen, der Oberen oder Turnierackervorstadt gebaute dritte spätgotische Kirche überließ der Landesherr den Dominikanern für die einzige Klostergründung in der Stadt. Stuttgart hatte jene Gestalt angenommen, die kaum verändert bis zum Ende des Alten Reiches 1806 Bestand hatte.

Eberhard im Bart, 1495 zum Herzog erhoben, vereinigte die seit 1442 geteilte Herrschaft im Münsinger Vertrag; dort war die Zentralfunktion Stuttgarts verankert. Mit dem Jerusalempilger und Universitätsgründer kam als Angehöriger des Hofgerichts der Humanist Johannes Reuchlin, bekannt als Verteidiger jüdischer Schriften, nach Stuttgart. Eberhard aber verwies die Juden aus Stadt und Land.

Die Stadt als Residenz

Stuttgart reichte Anfang des 16. Jahrhunderts mit rund 5.000 Einwohnern nicht an die führende südwestdeutsche Reichsstadt Ulm heran. Gericht und Rat sind früh belegt, aber kaum greifbar. Der herzogliche Vogt agierte in Doppelfunktion meist in herrschaftlichem Sinne. Daran sollte sich bis 1806 nichts ändern. Die Tätigkeit der Bürgermeister in der Funktion von Kämmerern (im heutigen Sinne) dokumentieren die von 1508 bis 1746 erhaltenen Rechnungen; sie werden derzeit im Stadtarchiv mit Projektfördermitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) digitalisiert und versprechen neue Erkenntnisse über die frühneuzeitliche Wirtschafts- und Sozialgeschichte.

Die mit Hof- und Landesherren insbesondere ökonomisch eng verbundene Oberschicht hatte eine starke wirtschaftliche Stellung inne. Dies zeigte sich beim Aufstand des "Armen Konrad" 1514, als jene unter Führung von Stuttgart und Tübingen dem Herzog gegen Übernahme der Schulden das Recht zur Steuererhebung sowie die Mitbestimmung in wichtigen Angelegenheiten durch einen Landtag in Stuttgart abzuringen vermochte.

Nach einem kaiserlich-habsburgischen Intermezzo eroberte Herzog Ulrich 1534 mit Hilfe des hessischen Landgrafen Philipp das Herzogtum zurück und führte die Reformation ein. Sein Nachfolger Christoph schuf unter anderem mit einer Landesordnung und der Großen Kirchenordnung die Grundlage des württembergischen Staatswesens der Frühen Neuzeit. Der Zug zur inneren Ordnung erfasste auch die Residenz mit einer Kodifikation städtischer Rechte und Regeln sowie Verordnungen etwa zu Bau und Feuerschutz.

Stuttgart erlebte damals eine fürstliche Prachtentfaltung. Das Schloss wurde im Stil der Renaissance umgestaltet. Im erweiterten Schlossgarten entstand das spektakuläre Lusthaus, bald darauf als weiterer Prachtbau der sogenannte Neue Bau von Heinrich Schickhardt. Auf den "schwäbischen Leonardo" gehen auch die Anlage des Schillerplatzes mit dem "Prinzenbau" zurück, der mit Altem Schloss, Kanzlei, Fruchtkasten und Stiftskirche bis heute ein Ensemble bildet, sowie erste stolze Bürgerhäuser. Gleichwohl waren die desolaten hygienischen Verhältnisse ein Dauerthema.

Im Dreißigjährigen Krieg traf die Kriegsfurie die Stadt nicht unmittelbar; die Besetzung durch kaiserliche Truppen nach der Schlacht von Nördlingen 1634 brachte freilich drückende Lasten. Vor allem aber raffte die Pest mehr als die Hälfte der Einwohner hinweg; Zuzug aus dem stark zerstörten Umland minderte den absoluten Verlust. Anders als große Teile des Südwestens blieb Stuttgart bei Vormärschen der Franzosen in den 1670er Jahren und auch im Pfälzischen Erbfolgekrieg von Zerstörungen verschont. Die Bevölkerung litt dennoch unter Einquartierungen.

Bei der Verleihung des Bürgerrechts sowie der Zulassung von auswärtigen Händlern zu Märkten zeigten sich Interessenkonflikte zwischen dem Landesherrn und dem auf Abwehr bedachten Magistrat. Der Wohlstand der Oberschicht gründete auf dem Weinhandel, während die Lohnweingärtner eine karge, von den Unbilden der Witterung abhängige Existenz fristeten; auch Handwerker in übersetzten Gewerben besaßen kein sicheres Auskommen.

Das 18. Jahrhundert eröffnete mit einem Paukenschlag. Herzog Eberhard Ludwig beschloss, sein "schwäbisches Versailles" in Ludwigsburg zu bauen, das er 1718 zur alleinigen Residenz erhob. Die wirtschaftlichen Folgen für Stuttgart waren gravierend. Der Nachfolger Karl Alexander ist im Stadtgedächtnis geblieben durch die Berufung des Bankiers Joseph Süß Oppenheimer mit dem Auftrag, dem Herzog Einnahmen zu verschaffen. Die widerstrebende bürgerliche, protestantische Machtelite (Ehrbarkeit) ließ Oppenheimer nach dem Tod des Herzogs und einem Schauprozess hinrichten.

Herzog Carl Eugen wiederum hatte Stuttgart den dauerhaften Sitz von Hof und Regierung zugesichert. Doch als sich die Landschaft seiner Ausgabenwirtschaft verweigerte, gar beim Reichshofrat Klage erhob, wählte auch er die Option Ludwigsburg. Nach der Bestätigung Stuttgarts als Residenz im sogenannten Erbvergleich 1770 widmete er sich auch der Stadtgestaltung, hielt sich jedoch bevorzugt in der Sommerresidenz Hohenheim sowie auf Schloss Solitude auf.

Die dem Zeitgeist gemäße Repräsentation bescherte Stuttgart einen glänzenden Ruf an den absolutistischen Höfen Europas. Die Stadt profitierte vom herzoglichen Interesse an Kunst und Kultur. 1761 gründete Carl Eugen die Kunstakademie, 1765 die öffentliche Herzogliche Bibliothek. Eine Besonderheit war 1770 die sogenannte Hohe Karlsschule, vom Kaiser 1781 zur Universität erhoben, mit ihrer Kombination von militärischer und aufgeklärter Bildungsanstalt. Landsmannschaftliche und religiöse Toleranz sowie die begeisterte Aufnahme der Ideen der Französischen Revolution durch die Karlsschüler provozierten die Schließung der Einrichtung durch den Geheimen Rat und die Landstände nach dem Tod des Gründers.

langer Weg zur Großstadt

1806 wurde Stuttgart königliche Residenz und war doch eine bescheidene Stadt. Der Monarch musste sich in Kriegszeiten auf die Fertigstellung des Schlosses und dessen Umgebung beschränken. In der Königstraße entstand mit St. Eberhard die erste katholische Kirche. Auch Juden, vorwiegend aus ehemaligen Reichsritterschaften, waren nun württembergische Untertanen. Privilegien für Bankiersfamilien wie die Familie Kaulla, die mit der Abwicklung der königlichen Geldgeschäfte betraut war, folgte erst 1828 eine allgemeine Regelung, vier Jahre später die Gründung einer jüdischen Gemeinde.

Den Ausbau der Residenz begann recht eigentlich König Wilhelm I., der sich als Baumeister gerierte. Staatsarchiv und Naturalienkabinett, Staatsgalerie und Prinzessinnenpalais entstanden an der Neckarstraße, der heutigen "Kulturmeile". Die Öffnung nach Süden und Westen war eine Weichenstellung: Die Parkanlagen bilden bis heute die "grüne Lunge" der Stadt.

Selbstverwaltung und Partizipation blieben begrenzt: Die Gemeinderäte wurden (bis 1849) auf Lebenszeit gewählt, an der Spitze von Rat und Verwaltung stand ein vom König (bis 1890) auf Lebenszeit ernannter Stadtschultheiß – trotz des Ehrentitels "Oberbürgermeister" unter Aufsicht eines staatlichen Stadtdirektors. Nach dem Hambacher Fest und der Aufdeckung einer Militärverschwörung 1833 drohte der König nochmals mit dem Auszug nach Ludwigsburg.

Die Aufstellung eines Schiller-Denkmals Bertel Thorvaldsens 1839 durch den Stuttgarter Liederkranz geriet zur liberalen Manifestation. Der berühmte dänische Bildhauer hatte früh Kontakt zum Stuttgarter Klassizisten Johann Heinrich Dannecker, der mit seinem Schwager Gottlob Heinrich Rapp einen Kreis von Kunstinteressierten versammelte und auch die Kunstsammlung Boisserée ausstellte. Dass man diese 1827 nach München ziehen ließ, mag Ursprung eines bis heute anhaltenden Neidkomplexes sein. Hingegen entwickelte sich nach dem Zuzug des Verlegers Johann Friedrich Cotta 1810, der auch die Grundlagen für die Verlags- und Buchhandelsstadt legte, ein reges literarisches Leben auch in Salons.

Im Vormärz nahmen die politischen und sozialen Spannungen zu, verschärft durch Missernten kam es im Mai 1847 zu einem Brotkrawall. 1848 gelangten die Liberalen nach der Revolution in Paris rasch in die Regierung. Der Kopf des "Märzministeriums", Friedrich Römer, rang dem König die Zustimmung zum Grundrechtskatalog und zur Reichsverfassung vom März 1849 ab; so konnte Stuttgart zum Fluchtpunkt der Nationalversammlung werden (wie 1920 beim Kapp-Putsch). Doch bald nach einer festlichen Begrüßung durch die Stadt ließ Römer mit Waffengewalt die Demokraten des "Rumpfparlaments" stoppen, die eine Reichsregentschaft wählten und ein Reichsheer aufstellen wollten.

Nach der Rückkehr aus dem Exil machten Karl Mayer, Ludwig Pfau und Julius Haußmann Stuttgart zum Zentrum des politischen Liberalismus. Sie gründeten 1864 die Volkspartei; aus deren Versammlung 1866 erwuchs die Tradition des Dreikönigstreffens.

In der stark agrarisch geprägten Region genoss nach der Hungerkatastrophe von 1816/17 die Verbesserung der Landwirtschaft Priorität. Sichtbares Zeichen war die Gründung einer Versuchsanstalt in Hohenheim, der heutigen Universität. 1829 wurde auch eine Kunst- und Gewerbeschule, das Polytechnikum, eröffnet; es sollte die Keimzelle der Universität Stuttgart werden.

Waren schon merkantilistische Manufakturgründungen erfolglos geblieben, spielte Stuttgart als Produktionsstandort in der Frühindustrialisierung keine Rolle. Hingegen entstanden entlang des Neckars mit günstig verfügbarer Wasserkraft mechanische Produktionsstätten, so auch in Cannstatt und im Weiler Berg, 1836 nach Stuttgart eingemeindet. Gerade für Württemberg und Stuttgart brachte die Eisenbahn einen enormen Schub. Die erste Bahn verkehrte 1845 bezeichnenderweise von Cannstatt nach Esslingen; Stuttgart wurde durch Tunnel ein Jahr später angeschlossen.

Leitsektor zu Beginn der Industrialisierung war die chemische Industrie. Die Fabrikanten übernahmen – anders als der Mythos vom Tüftler besagt – Innovationen aus dem Ausland und pflegten weitgespannte Handelsverbindungen. An wichtigen Gründungen und Transaktionen in Stadt und Land war ein überschaubarer Kreis von Unternehmern und Bankiers beteiligt. Die meisten waren bei den Bismarck-treuen Nationalliberalen aktiv und auch philanthropisch engagiert, zuvörderst Eduard Pfeiffer, Mitbegründer des Arbeiterbildungsvereins und des "Vereins für das Wohl der arbeitenden Klassen". Er wurde 1909 erster jüdischer Ehrenbürger Stuttgarts.

Mit den 1886 und 1890 gegründeten Firmen von Bosch und Daimler, bei denen binnen kurzer Frist einige Tausend Arbeitsplätze entstanden, gelang ein entscheidender Schritt. Auf einem handwerklich hohen Niveau entwickelte sich Stuttgart dank einer differenzierten Struktur vor allem im Maschinen- und Motorenbau, in Feinmechanik und Elektrotechnik sowie einer qualifizierten Arbeiterschaft zum bedeutenden Industriestandort. Wegen des begrenzten Raums profitierten auch die Nachbargemeinden; Feuerbach stieg durch Zuzug zum viertgrößten Industriestandort Württembergs auf.

Die sozioökonomische Entwicklung veränderte die politische Landschaft. 1892 gelangte der erste Sozialdemokrat in den Bürgerausschuss, bereits 1909 war die SPD stärkste Partei. Dank des liberalen Rufs hatten in der Zeit der Sozialistengesetze mehrere Zentralverbände – Vorläufer der Gewerkschaften – ihren Sitz nach Stuttgart verlegt. 1910 waren bei Bosch, der 1906 als einer der ersten Arbeitgeber den Achtstundentag eingeführt hatte, 95 Prozent der Arbeiter gewerkschaftlich organisiert; 1913 dauerte ein Arbeitskampf dort fast sieben Wochen. Nur in Stuttgart konnte im Reich 1907 ein Internationaler Sozialistenkongress stattfinden, verbunden mit der Ersten Internationalen Konferenz Sozialistischer Frauen mit der hier lebenden Clara Zetkin.

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs war aus der kleinen Residenz eine Großstadt mit fast 300.000 Einwohnern geworden; 80,4 Prozent der Stuttgarter waren evangelisch, 17,1 Prozent katholisch und 1,5 Prozent jüdisch. Katholiken wie Juden entwickelten ein reiches Vereinsleben, blieben aber noch meist unter sich. Stuttgart blieb eine protestantische Stadt.

Ein selbstbewusstes, urbanes Bürgertum entstand erst allmählich. Deutlich zeigte sich dies im kulturellen Leben, das nach wie vor vom Interesse des Monarchen, mithin von Landeseinrichtungen geprägt war. Nach einem Brand 1902 und einem Interimstheater eröffnete im Herbst 1912 der Neubau von Theater und Oper nach Plänen Max Littmanns. Höhepunkt war die vom Komponisten Richard Strauss dirigierte Uraufführung von "Ariadne auf Naxos". Das 1913 eingeweihte Kunstgebäude des Architekten Theodor Fischer gilt als erstes Hauptwerk der ersten "Stuttgarter Schule" der Architekten; dessen Assistent und Nachfolger Paul Bonatz hatte 1911 mit Friedrich Scholer den Bahnhofswettbewerb gewonnen.

Das Wachstum stellte außergewöhnliche Anforderungen an die Infrastruktur. Seit 1873 betrieb die Stadt die Abwassersysteme in eigener Regie und folgte dabei einem Plan des englischen Ingenieurs James Gordon. Das privat betriebene Gaswerk wurde 1899, drei Jahre später die Elektrizitätsversorgung kommunalisiert. Die 1868 eröffnete Pferdebahn wurde seit 1895 auf elektrischen Betrieb umgerüstet; der Ausbau über die Stadtgrenzen förderte die Verflechtung des Wirtschaftsraums.

Der Bauboom hatte Bodenspekulation und hohe Mieten zur Folge. Trotz der vielen Neubauten verursachten die Hausbesitzer durch Überbelegung schlimme Wohnverhältnisse. Die Stadt versuchte um 1900, die Hangbebauung zu steuern. Waren ältere Villenbauten noch vom Mietwohnungsbau eingeholt worden, markierten nun topografische Höhenlinien zugleich soziale Trennlinien.

Die kommunale Leistungsverwaltung dokumentierte auch in Stuttgart ihr Selbstbewusstsein durch ein neues Rathaus 1905. Im selben Jahr eröffnete die Vereinigung mit Cannstatt, Wangen und Untertürkheim den Zugang zum Neckar mit Flächen für Infrastruktur- und Verkehrsprojekte sowie den Wohnungsbau.

"Oase" in der Krise und "Stadt der Auslandsdeutschen"

Die Revolution von 1918/19 war fast mit Bedauern gegenüber dem als liberal geltenden König Wilhelm II. abgelaufen. Den Weg ins parlamentarische System konnte auch in Stuttgart ein Spartakistenaufstand im Januar 1919 nicht aufhalten. Im Gemeinderat gab es eine bürgerliche Mehrheit; seit 1920 stellte die SPD die stärkste Fraktion, stets mit weniger als einem Drittel der Sitze.

Im Rathaus herrschte Kontinuität. Oberbürgermeister Karl Lautenschlager amtierte seit 1911 und wurde 1921 wiedergewählt, auch die Referenten – durchweg Fachbeamte – waren vor 1918 ins Amt gekommen. Das Hauptaugenmerk galt nach Überwindung der direkten Kriegsfolgen und der Inflation der Wohnungsnot in der "teuersten Stadt im Reich", so Lautenschlager 1924. Bis 1931 baute die Stadt rund 4.000 Wohnungen, kaum weniger als jeweils private Bauherrn und gemeinnützige Genossenschaften.

Plakat des Verkehrsvereins Stuttgart, ca. 1930. Die Moderne unter dem Motto „Stuttgart empor“ repräsentieren das Kaufhaus Schocken, der Tagblatt-Turm und der Hauptbahnhof (von links), die Stiftskirche steht für das dunkle Mittelalter.Plakat des Verkehrsvereins Stuttgart, ca. 1930. (© Stadtarchiv Stuttgart, Signatur 9400-2331.)
Auch die Weißenhof-Siedlung ist in diesem Kontext entstanden. Das umstrittene Projekt verschaffte Stuttgart internationale Beachtung. Maßstäbe setzten auch Bauten wie das Kaufhaus Schocken von Erich Mendelsohn, der Tagblatt-Turm von E. Otto Oßwald oder Richard Döckers Lichthaus Luz. Die größte Baustelle entstand durch die Verlegung des Hauptbahnhofs, der 1922 mit der Hälfte der Bahnsteige in Betrieb genommen und bis 1927 fertiggestellt wurde. Die Stadt hielt in Aktiengesellschaften zur Verwertung des Geländes eine Mehrheit und beteiligte sich auch an der Neckarkanalisierung. In diesem Zusammenhang erfolgte die Eingemeindung von Neckargemeinden, wobei das Land die Übernahme armer Dörfer sowie hohe Entschädigungen an die Oberämter zur Bedingung machte. Die Eingemeindungen waren im Gemeinderat umstritten; Liberalkonservative und Rechte kritisierten generell Investitionen, Grunderwerb sowie wirtschaftliche Aktivitäten der von den Parteien der Weimarer Koalition gestützten "Regierung Lautenschlager".

Zum gesellschaftlichen Wandel gehörte ein kultureller Aufbruch. Oper und Theater zeigten sich auf der Höhe der Zeit, Brechts "Dreigroschenoper" bot zuerst Claudius Kraushaar im privaten Schauspielhaus. Aus dem Schülerkreis von Adolf Hölzel fielen besonders Oskar Schlemmer, Willi Baumeister und Max Ackermann auf, der auch Verbindungen zur modernen Tanzszene pflegte. In der Staatsgalerie bedeutete der Weggang von Direktor Otto Fischer, der 1924 mit der Ausstellung "Neue Deutsche Kunst" für Furore gesorgt hatte, eine Zäsur. Und der Landtag debattierte immer öfter über das Programm der Staatstheater. Zum Eklat kam es, als Nationalsozialisten im Oktober 1930 eine Vorführung sprengten und dafür Zustimmung im bürgerlichen Lager fanden.

Kommunale Kultureinrichtungen existierten nicht; selbst ein Stadtarchiv wurde erst 1928 gegründet. Eine großzügige Schenkung bildete 1925 den Grundstock einer Kunstsammlung; die Stadt begnügte sich jedoch mit der Ausschmückung von Repräsentationsräumen und Amtsstuben. Der Verein zur Förderung der Volksbildung, kaum zu überschätzende Keimzelle von Kultur- und Bildungsinstituten, war eine private Initiative, maßgeblich finanziert von Bosch. Überregionale Beachtung fanden die erste Waldorfschule sowie Reformschulkonzepte; sie prägten, wie die wiederum von Bosch geförderte Homöopathie, das Image der Stadt.

In der Wirtschaftskrise galten Stuttgart und die Region als "Oase". Tatsächlich lag die Arbeitslosigkeit unter dem Durchschnitt der übrigen Großstädte. Neben der spezifischen Wirtschaftsstruktur wirkte sich die Verflechtung mit dem Umland aus, vor allem der hohe Anteil von Pendlern mit landwirtschaftlichem Nebenerwerb. Die hohe Zahl von Kurzarbeitern zeigt, dass die Unternehmen die qualifizierte Arbeiterschaft halten wollten.

Die gesamtgesellschaftliche Krise erreichte Stuttgart dennoch mit Macht. Die Nationalsozialisten hatten in dieser Stadt der ökonomischen Stabilität und der gesellschaftlichen Kontinuität einen schweren Stand. Zwar hatte die NSDAP im Juli 1920 eine der ersten Ortsgruppen außerhalb Bayerns gegründet, sie war aber nach der Neugründung 1925 personell und konzeptionell zerstritten. Umso mehr waren die Nationalsozialisten 1933 auf Zusammenarbeit angewiesen, die die überwiegend anpassungsbereiten Eliten in Verwaltung und Wirtschaft nicht verweigerten.

Im Rathaus übernahm das Aushängeschild der NSDAP, der aus einer alteingesessenen Familie stammende Karl Strölin, die Führung. Es gelang ihm, sich als Macher mit Einfluss zu präsentieren. Gerade mit technokratischer Effizienz erwies sich die Stadtverwaltung als maßgeblicher Machtträger. Dass beispielsweise entgegen der Rechtslage und Zuständigkeit ein "Asozialenlager" eingerichtet wurde, entlarvt den nach 1945 postulierten Gegensatz zwischen einer angeblich normenstaatlich agierenden Verwaltung und einer Parteiclique als Schutzbehauptung.

Da im NS-System direkte Beziehungen zur Reichsführung, in erster Linie zu Hitler, und "reichsweite" Aufgaben ausschlaggebend waren, bemühte man sich mit Erfolg um den Titel einer "Stadt der Auslandsdeutschen". Die Erwartungen wurden jedoch enttäuscht; Stuttgart gelangte nicht in den Kreis der sogenannten Neugestaltungsstädte. Planungen für Herrschaftsbauten wie auch Wohnungsbau und Verkehr blieben Papier; eine Verlegung des Hauptbahnhofs wurde zurückgestellt.

Meist schon vor 1933 existierende Interessenkonflikte zwischen Stadt und Land wurden im Spannungsfeld von Großstadtfeindlichkeit und Rüstungsinfrastruktur ideologisiert. Während die "Stadt ohne Raum" ihre Eingemeindungswünsche auch mit einer "Auflockerung des Siedlungsraums" begründete, lehnten mit demselben Argument Gauleitung und Teile der Ministerialbürokratie Eingemeindung, Neckarkanalisierung und Ausbau der kommunalen Energieversorgung ab. Stuttgart konnte sich dennoch mit den 1933 gebildeten Technischen Werken behaupten und schaffte mitten im Krieg durch die Eingemeindung unter anderem von Vaihingen und Möhringen den "Sprung auf die Filder".

Zugleich bot die Topografie eine Chance: Die 3. Reichsgartenschau 1939 in der "wunderschönen Hauptstadt des Schwabenlandes" war in moderner Manier als stadt- und landschaftsgestaltendes Projekt konzipiert; sie begründete den Ruf Stuttgarts als Gartenstadt über 1945 hinaus. Noch mehr als das Deutsche Turnfest 1933 oder die auslandsdeutschen Feiern wirkte dieses scheinbar unpolitische Fest integrierend für die "NS-Volksgemeinschaft".

Diese Gemeinschaft war in erster Linie durch Exklusion definiert. Die Ausschaltung politischer Gegner erfolgte wie anderswo binnen weniger Jahre; vermerkt sei, dass in Stuttgart keine Bücherverbrennung stattfand. Unter Beteiligung des kommunalen Gesundheitsamts wurden über 1.000 kranke, behinderte oder sozial auffällige Menschen zwangssterilisiert.

Hatte sich die Stadt vor den Olympischen Spielen 1936 aus Parteikreisen noch Kritik für Zurückhaltung gegenüber jüdischen Einwohnern zugezogen, verfolgte sie dann einen bürokratischen Kurs der Ausschaltung. Seit Ende 1941 wurden rund 2500 jüdische Bürger deportiert, das Sammellager befand sich auf dem Gelände der Reichsgartenschau. Es trifft den Systemkern, dass mit einem Ort die erfolgreichste Manifestation der "Volksgemeinschaft" wie auch die schrecklichste Exklusion verbunden ist. Daran erinnern heute Gedenkorte im Höhenpark sowie das "Zeichen der Erinnerung" am Inneren Nordbahnhof.

Der Luftkrieg erreichte Stuttgart Anfang 1943, das als Zentrum der Rüstungsindustrie – in dem über 50.000 Menschen Zwangsarbeit leisten mussten – und als Verkehrsknotenpunkt wichtiges Angriffsziel war. Die Lage, entfernt von den alliierten Basen und in hügeligem Gelände, hatte der Stadt eine Frist beschert. Schutz boten auch die von den Anwohnern in die Hänge getriebenen sogenannten Pionierstollen. Bei 53 Luftangriffen verloren rund 4.500 Menschen ihr Leben.

Hauptstadt des Südweststaats

Französische Truppen besetzten Stuttgart als Faustpfand für die Schaffung einer eigenen Zone, die USA erzwangen jedoch am 8. Juli 1945 einen Flaggenwechsel. In Stuttgart markierte eine Rede von US-Außenminister James F. Byrnes im September 1946 den Wechsel zur Integration Deutschlands in den Westen.

Die Parteien kooperierten in den Nachkriegsjahren; anders als im Land, wo die Allparteienkoalition über die Berlin-Blockade zerbrach, verblieb die KPD auf der Referentenbank. Versorgungskrisen, Konflikte um die Betriebsverfassung sowie die sozialen Folgen der Währungsreform führten aber auch in Stuttgart zu gewerkschaftlichen Protesten. Eine überzogene Reaktion der Militärregierung löste am 28. Oktober 1948 den "Tumult von Stuttgart" samt Ausgangs- und Versammlungsverbot aus.

Unter dem von den Alliierten eingesetzten, dann mehrfach wiedergewählten Oberbürgermeister Arnulf Klett (1945–1973), der 1948 Stuttgart als Bundeshauptstadt ins Gespräch brachte, standen zunächst Versorgungsprobleme, Trümmerbeseitigung – auf dem Birkenkopf ("Monte Scherbelino") aufgetürmt – sowie die Bekämpfung der Wohnungsnot im Vordergrund. Unter den Neubauten fielen unter anderem die Liederhalle, der Landtag sowie der vom Süddeutschen Rundfunk errichtete Fernsehturm auf – heute ein Wahrzeichen der Stadt; seinerzeit hatte der Gemeinderat eine Beteiligung abgelehnt. Die 1952 eingeweihte Synagoge der überwiegend von ehemaligen "Displaced Persons" gebildeten jüdischen Gemeinde war der erste Neubau eines jüdischen Gotteshauses in der Bundesrepublik nach der Shoah.

Zwar entstand mit der Schulstraße 1950 eine der ersten Fußgängerstraßen, Priorität hatte jedoch die autogerechte Stadt. Zahlreiche bedeutende Bauten verschiedener Epochen fielen der Spitzhacke zum Opfer, darunter trotz internationaler Proteste das Kaufhaus Schocken. Ein innerstädtischer Verkehrsring schlug breite Schneisen und sorgt bis heute für Debatten. Seit den 1970er Jahren wurden innerstädtische Straßenbahnstrecken getunnelt und Fußgängerzonen geschaffen, 1978 die ersten S-Bahn-Linien eröffnet. Gelungene Altstadtsanierungen erfolgten in Bad Cannstatt und im sogenannten Bohnenviertel, der ehemaligen Esslinger Vorstadt.

Mit dem "Wirtschaftswunder" kamen seit 1955 zahlreiche Arbeitsmigranten nach Stuttgart. Begünstigt durch die florierende Wirtschaft und eine relativ homogene Stadtgesellschaft sowie das Engagement von Stadt und Zivilgesellschaft gilt Stuttgart als weithin gelungenes Beispiel für Integration. Der populäre Oberbürgermeister Manfred Rommel (1975–1996) wie auch sein ebenfalls der CDU angehörender Nachfolger Wolfgang Schuster (1997–2012) folgten in der Migrations- und Integrationspolitik nicht der Parteilinie.

Schon seit dem 19. Jahrhundert hatte sich die Region am Mittleren Neckar als Wirtschaftsraum herausgebildet. Die fortschreitende Verflechtung und die damit verbundenen Fragen erforderten Abstimmung und Planung. Einen ersten Ansatz, den kommunalen Bezirksplanungsverband von 1931, löste die NS-Landesplanung ab, die kaum mehr als polykratische Konflikte bewirkte. Bei der nach dem Vorbild anderer Länder seit 1966 in Gang gesetzten Verwaltungs- und Territorialreform konnte Stuttgart keine Zugewinne verbuchen, umgeben von den Großstädten Esslingen und Ludwigsburg sowie der Agglomeration Böblingen/Sindelfingen. Auch die Distanz der überwiegend aus ländlichen Räumen kommenden Abgeordneten nicht zuletzt der stärksten Partei, der CDU, wirkte sich aus. Schließlich erfolgte 1984 die Gründung eines Verbands Region Stuttgart mit dem Stadtkreis Stuttgart sowie den Landkreisen Böblingen, Ludwigsburg, Rems-Murr, Esslingen und Göppingen. Er ist anders als die 1973 gebildeten Regionalverbände durch eine direkt gewählte Regionalversammlung legitimiert. Seine Zuständigkeit umfasst die Raumordnung, die Verkehrsplanung und die Wirtschaftsförderung in der Region. Stuttgart nimmt eine wichtige Rolle ein und ist zugleich eingehegt.

In der Ära Rommel löste 1975 die CDU, die bis 1956 noch hinter den Liberalen gelegen hatte, die SPD als stärkste Partei im Gemeinderat ab, die mit 28 von 60 Sitzen 1965 noch der absoluten Mehrheit nahe war. Die Grünen zogen 1980 erstmals mit drei Sitzen in den Gemeinderat ein und konnten ihre Position vier Jahre später auf zehn Mandate ausbauen. Erstmals 2009 und wieder seit 2019 stellen sie die stärkste Fraktion im Gemeinderat, in dem mittlerweile 14 Listen vertreten sind. Eine in den vergangenen Jahren postulierte öko-soziale Mehrheit existierte bei wichtigen Themen jedoch nicht – von der Haltung zum Projekt "Stuttgart 21" bis hin zu förmlichen Haushaltskoalitionen von CDU und Grünen in der Amtszeit des grünen Oberbürgermeisters Fritz Kuhn (2013–2020).

Stuttgart belegt inzwischen als Kulturstadt vorderste Plätze bei einschlägigen Rankings. Historisch bedingt sind die größten Kulturinstitute Einrichtungen des Landes: die Staatstheater, mit Oper, Ballett und Schauspiel größtes Dreispartenhaus Deutschlands, die auch durch den Stirling-Bau bekannte Staatsgalerie sowie das Landesmuseum. Die Stadt hat seit 2005 Kunstmuseum, Stadtarchiv, Stadtbibliothek und Stadtmuseum neu eröffnet. Zum guten Ruf trägt seit 1984 das Theaterhaus bei, eines der größten soziokulturellen Zentren in privater Trägerschaft; großen Zuspruch verzeichnen die Museen von Daimler-Benz und Porsche.

Die letzten Jahre prägte die Stadtgesellschaft eine bundesweit beachtete Auseinandersetzung über das Projekt "Stuttgart 21", zugleich Kulminationspunkt von Debatten über das Gesicht der Stadt sowie, darüber hinaus, über die Bürgerbeteiligung bei Planungsprozessen.

Stuttgart trägt erst seit 1977 offiziell den Titel einer Landeshauptstadt des 1952 gebildeten Südweststaats. Diese Rolle wird allenfalls anekdotisch kritisiert. Im historisch dezentral geprägten Südwesten haben sich wirtschaftsstarke, teils länderübergreifende Regionen entwickelt, die Geschichte und Traditionen selbstbewusst in die Moderne transferiert haben.

Stuttgart ist mit rund 610.000 Menschen aus über 180 Nationen und zugleich als Mittelpunkt einer Region mit über 2,7 Millionen Einwohnern ein herausragendes Wirtschafts- und Technologiezentrum; die Stadt war vor der Corona-Pandemie schuldenfrei und hatte Investitionsrücklagen gebildet. Da mag man die Ferndiagnose von einer Erstarrung "in ewigem Wohlstand", wie sie kürzlich in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zu lesen war, als bloßen Neid bewerten. Aber die globale Klimakrise mit den einhergehenden Transformationsprozessen der Wirtschaft gerade am Automobilstandort, die umfassende digitale Revolution sowie die gesellschaftlichen Veränderungen samt der derzeit deutlichen Spaltungstendenzen stellen grundlegende Herausforderungen und erfordern neue Antworten; ein neues Kapitel der Stadtgeschichte wird aufgeschlagen.

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