Eine Person macht ein Handyfoto des Panda Bären Jiao Qing im Berliner Zoo.

26.2.2021 | Von:
Clemens Maier-Wolthausen

Ein Zoo für die Hauptstadt

Alle brandenburgischen Fürsten haben Wildtiere als Zeichen ihres Reichtums, ihrer Macht, zur Belustigung oder zur Aufwertung des Speiseplans gehalten. Friedrich II. schuf 1742 eine Fasanerie im heutigen Großen Tiergarten. Friedrich Wilhelm III. hielt ab 1820 auf der Pfaueninsel in der Havel exotische Tiere.[1] Fasanerie und Menagerie bilden den Grundstock des ältesten existierenden deutschen Zoos – des Zoologischen Gartens in Berlin.[2]

Dieser Beitrag beleuchtet dessen politische Geschichte. Dabei wird deutlich, dass die Geschichte eines Zoos – zumal des Zoos der Königsresidenz, der Reichshauptstadt, der westlichen Halbstadt während des Kalten Krieges und der Hauptstadt des geeinten Deutschlands – nie nur Institutionengeschichte sein kann. Sie ist immer auch eine Stadtgeschichte, eine Kulturgeschichte der Tiernutzung und sogar ein Beispiel für die "asymmetrisch verflochtene Parallelgeschichte" der beiden deutschen Staaten.[3] Denn Zoos sind nicht einfach Bildungs- oder Freizeiteinrichtungen mit wissenschaftlichem Anspruch, sie waren und sind oft eben auch Bühnen der politischen Darstellung. Sie benötigen auch nicht nur ein zahlendes Publikum. Sie benötigen politische Unterstützung – und das unabhängig von dem Regime, in dem sie existieren.

Zur Zierde der Residenz

Der erste Professor für Zoologie der neu gegründeten Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, Martin Hinrich Lichtenstein, war im 19. Jahrhundert überzeugt, dass die Residenzstadt des Preußenkönigs eine wissenschaftliche Tiersammlung für Forschung und Bildung zum Nutzen von Staat und Gesellschaft benötigte. Dank der Unterstützung Alexander von Humboldts konnte er das Interesse des Königs Friedrich Wilhelm IV. wecken. Dieser überließ 1841 dem Zoologischen Garten das Gelände seiner Fasanerie zur unentgeltlichen Nutzung, ein Darlehen sowie Tiere aus der Menagerie auf der Pfaueninsel. Für den Monarchen war es eine Möglichkeit, seine Residenzstadt zu verschönern. Die Idee, in Berlin einen Ort zu schaffen, an dem viele Menschen Tiere anschauen und studieren konnten, entsprach dem Zeitgeist.

Der Zoologische Garten bei Berlin war bei seiner Eröffnung am 1. August 1844 noch nicht fertiggestellt und zeigte nur etwa 100 Tiere. Zudem lag er noch weit vom Stadtzentrum und noch weiter von den Wohnquartieren der meisten Berliner in den östlichen Vororten entfernt am südwestlichen Rand des Tiergartens. Im Eröffnungsjahr kam an manchen Tagen niemand.[4] Der Mangel an Einnahmen hatte auch einen Mangel an größeren Attraktionen wie exotischen Tiere und schmückenden Tierhäuser zur Folge. Der Zoovorstand war in dieser Zeit auf Geschenke preußischer Konsuln oder Gönner im Ausland angewiesen.

Der Gründungsdirektor Lichtenstein war davon ausgegangen, dass der Zoo sich bald mittels einer Aktiengesellschaft selbst tragen würde. Deren Gründung war ein deutliches Zeichen, dass es sich beim Berliner Zoo trotz staatlicher Kontrolle und Unterstützung auch um ein bürgerliches Projekt handelte. Insgesamt 54 Berliner und eine Berlinerin gründeten am 28. Februar 1845 den "Actien-Verein des zoologischen Gartens bei Berlin". Es zeigte sich gleichwohl, dass Berlin noch nicht mit den großen Bürgerstädten in Westeuropa gleichziehen konnte. Ausreichend Bürger im Sinne einer selbstbewussten Bourgeoisie wie in Amsterdam, Antwerpen, London oder Dublin fehlten in Berlin noch. Nur 200 der ersten 500 Anteilsscheine wurden bis 1868 verkauft.[5] Die Stadt und ihr Bürgertum waren zu diesem Zeitpunkt noch zu wenig entwickelt, um dem Zoo zu seiner Blüte zu verhelfen.

Gründerboom und Krise

1869 beschloss die Generalversammlung der Aktionäre nach königlicher Erlaubnis ein neues Statut, was einen Aktienbesitz attraktiver machte, und eine Erhöhung des Aktienkapitals um 1.000 Aktien.[6] Die Ausgabe dieser Wertpapiere war ein Erfolg und verhalf dem Zoo zu dringend benötigten Mitteln für den Ausbau. Um 1870 und im anschließenden Boom der Gründerjahre wuchs auch in Berlin eine bildungsbürgerliche Schicht von Philanthropen heran, die ihren Zoo erhalten und ausbauen konnte. Maßgeblichen Anteil daran hatte das rapide Wachstum der Stadt und die neue Bedeutung Berlins und Preußens im Deutschen Reich.

Seit 1891 wurden in den Geschäftsberichten des Zoologischen Gartens regelmäßig Geschenke aus den Kolonialgebieten erwähnt. Mitglieder des kaiserlichen Haushaltes, Gouverneure und Kolonialgesellschaften sandten seltene Tiere. 1907 hatte der Zoo elf Löwen, und nur ein Tier war kein Geschenk aus den Kolonien. Mit dem Ersten Weltkrieg brach dieser stetige Zufluss kostenloser Attraktionen ein, und nach seinem Ende belastete die Hyperinflation den durch das Erliegen des internationalen Tierhandels stark belasteten Zoo. Unabhängige Gemeinden wie Charlottenburg und Spandau spendeten noch vor der Gründung Groß-Berlins 1920 solidarisch Geldbeträge, um den Zoologischen Garten zu retten, zudem wurden Sammlungen veranstaltet. Nach zeitweiliger Schließung konnte der Zoo durch Kredite des Landes und Staates erhalten werden.[7]

Indienststellung

Bereits innerhalb weniger Wochen nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler passten Direktion und Aufsichtsrat den Zoologischen Garten den neuen Verhältnissen an. Im Mai 1933 wurden die Eintrittspreise für Mitglieder nationalsozialistischer Organisationen, anders als in vielen deutschen Zoos, stark ermäßigt. Der Zoo der Reichshauptstadt stand unter besonderer Beobachtung, Beispiele anderer Zoodirektoren zeigen aber, dass es Spielräume gab, einen Zoo nicht zum Instrument nationalsozialistischer Weltanschauung zu machen.

Der Berliner Zoodirektor Lutz Heck nutzte seine Handlungsspielräume aber nicht, sondern stellte aus Opportunismus und Überzeugung den Zoo in den Dienst des Nationalsozialismus. Am 1. Juni 1933 wurde er förderndes Mitglied der "Schutzstaffel" (SS) der NSDAP. Ab 1933 pflegte Heck auch mit dem preußischen Ministerpräsidenten, Reichsluftfahrtminister und späteren Reichsforstmeister Hermann Göring Umgang.[8]

Auch die judenfeindliche, rassistische Politik der NSDAP fand Eingang in den Zoo. Bereits 1933 schieden die langjährigen Aufsichtsratsmitglieder Georg Siegmann und Walter Simon aus ihren Ämtern aus. Sie waren aufgrund ihrer jüdischen Identität im Aufsichtsrat erniedrigenden Diskussionen ausgesetzt gewesen. Schon in der ersten Aufsichtsratssitzung nach der Machtübernahme wurde ihnen klargemacht, dass für sie als Juden kein Platz mehr sei. Nationalsozialisten wie der letzte Gouverneur der deutschen Kolonie Togo, Adolf Friedrich zu Mecklenburg, SS-Brigadeführer Ewald von Massow oder der "Rassenhygieniker" Eugen Fischer rückten in den nachfolgenden Jahren auf.[9]

Dem Zoo aber ging es unter den neuen Machthabern blendend. 1935 konnte er, auch dank einer Vereinbarung mit der NS-Organisation "Kraft durch Freude", einen Besucheransturm verbuchen. Die vielen Touristen, die zu den Olympischen Spielen nach Berlin kamen, bescherten dem Zoo 1936 einen Besucherrekord von mehr als zwei Millionen zahlenden Gästen. Und größer war der Zoo auch noch geworden.

Im August 1935 wurde dem Zoo auf Initiative Hermann Görings ein Grundstück am Tiergartenrand zugewiesen. Hier siedelte Heck in großen Gehegen "einheimische Tierarten" an. Das Kronjuwel des Propagandaareals des sogenannten Deutschen Zoos war das Gehege für Auerochsen. Der Stammvater aller europäischen Hausrinderrassen war bereits im 17. Jahrhundert ausgestorben. Lutz Heck und sein Bruder Heinz, Direktor des Münchner Tierparks Hellabrunn, versuchten, den Auerochsen aus Kreuzungen verschiedener Rinderrassen wiedererstehen zu lassen.[10] Lutz Heck ging es dabei darum, ein "deutsches Urtier" zu erschaffen.[11] Er verwies immer wieder auf das Nibelungenlied, in dem auch Siegfrieds Jagd auf Auerochsen besungen wird.[12] Den Auerochsen aber konnten die Brüder nicht wieder zum Leben erwecken. Der Versuch galt und gilt weithin als unwissenschaftlich, seinem Einfluss bei den Nationalsozialisten hat es nicht geschadet. Am 1. Mai 1937 – also gleich nachdem der Aufnahmestopp der NSDAP von 1933 gelockert worden war – wurde Lutz Heck Mitglied der Partei.[13] Im Sommer 1938 ernannte Reichsforstmeister Göring ihn zum Leiter der Obersten Naturschutzbehörde.

Am 8. November 1938 beschloss der Aufsichtsrat, zunächst an der Weihnachtskrippe und später an den Eingängen Hinweise anzubringen, dass Juden unerwünscht seien. In der folgenden Nacht ermordeten Nationalsozialisten in ganz Deutschland in einem organisierten Pogrom Hunderte jüdische Deutsche und zerstörten Synagogen. Der Berliner Polizeipräsident verbot Juden den Besuch von Vergnügungsstätten. Die von der Zooleitung geplanten Maßnahmen nahmen die offizielle Politik also vorweg.

Die zunehmende Entrechtung zwang Juden von 1933 an, ihre persönliche Habe und auch ihre Zooaktien zu verkaufen. Gewinnausschüttungen waren mit diesen zwar nie verbunden gewesen, allerdings schwankte der Preis einer Aktie über die Jahre. Manche fanden bei frühen Verkäufen noch Interessenten zu einem marktgerechten Preis. Laut den Statuten des Aktienvereins existierte keine rechtliche Kontrolle des Zoos darüber, wer die Aktien kaufte. Im Frühjahr 1938 plante der Aufsichtsrat daher, dem Zoo durch eine Statutenänderung ein Zustimmungsrecht für Verkäufe zu übertragen. Die Maßnahme zielte eindeutig auf jüdische Aktienkäufer ab, denen die Möglichkeit, Aktien zu erwerben, genommen werden sollte. Aus rechtlichen Gründen sah der Aufsichtsrat letzten Endes davon ab, beschloss im Juli 1938 aber, die gesetzlich erlaubten zehn Prozent der eigenen Aktien von jüdischen Aktionären zu erwerben. Nach dem Novemberpogrom 1938 versuchten die letzten verbliebenen jüdischen Aktionäre, ihre Wertpapiere zu verkaufen. Etwa 100 Aktien von jüdischen Besitzern erwarb der Zoo und gab sie an "arische Besitzer" weiter. Die wenigen dokumentierten Zwischenverkäufe zeigen, dass der Zoo versuchte, an diesen Transaktionen zu verdienen, indem er zu einem Niedrigpreis kaufte und die Aktie zu einem höheren Preis verkaufte.[14]

Zerstörung

Schwarz-Weiß-Foto: Zwei Löwen liegen auf Felsen im Löwengehege des Zoologischen Gartens in Berlin mit Blick auf die Ruinen des Zooaquariums im Jahr 1947.Abbildung 1: Löwengehege des Zoologischen Gartens in Berlin mit Blick auf die Ruinen des Zooaquariums, 1947. (© Archiv der Zoologischen Gärten Berlin)

Kurz nach dem deutschen Angriff auf Polen verfügte Hermann Göring am 14. September 1939, dass Zoologische Gärten auch im Krieg zur Erfüllung ihrer volksbildnerischen Aufgaben offen zu bleiben hätten. Überall im Zoo wurden Luftschutzräume eingerichtet und Vorkehrungen gegen ausbrechende Tiere getroffen.[15] Um den durch die Einberufungen von Mitarbeitern bedingten Personalmangel abzufedern, beutete der Zoo zunächst polnische, dann französische Kriegsgefangene und ab Spätsommer 1941 sogenannte Ostarbeiter aus der Sowjetunion als Zwangsarbeiter aus. Im letzten Kriegsjahr kamen dann dauerhaft 40 sogenannte Italienische Militärinternierte hinzu. Auch für andere deutsche Zoos ist der Einsatz von Zwangsarbeitern belegt, der Zoo der Reichshauptstadt genoss aber einen so hohen Stellenwert, dass ihm eine große Anzahl zugewiesen wurde. Nachdem in der Nacht auf den 23. November 1943 der Zoo durch einen alliierten Bombenangriff in ein Flammenmeer verwandelt und 30 Prozent des noch vorhandenen Bestands an Tieren getötet wurde, wurden beispielsweise 750 Zwangsarbeiter für die Räumungsarbeiten eingesetzt.[16] Am 25. Juli 1944 öffnete der Zoo wieder. Ende April 1945 wurden die verbleibenden Zoomänner aber zum Volkssturm eingezogen und mussten durch ihren Zoo Schützengräben ziehen. Die Geschäftsleitung des Zoologischen Gartens floh vor der herannahenden Roten Armee. Am 2. Mai war die Schlacht um die Stadtmitte und den Zoo zu Ende. Überall lagen Leichen und Tierkadaver; etwa 90 Tiere von ehemals über 3.300 Tieren in mehr als 1.000 Arten hatten überlebt. Lutz Heck fand in der Nachkriegszeit keine Anstellung bei einem Zoo mehr. Er galt zu Recht als politisch belastet. Auch der Versuch, Mitte der 1950er Jahre mit Hilfe von verbündeten Aufsichtsratsmitgliedern wieder Direktor des Zoologischen Gartens Berlin zu werden, scheiterte.

Eine Stadt, zwei Zoos

Auf ganz besondere Art und Weise sind in den folgenden Jahrzehnten Stadt und Zoo in ihrer Entwicklung mit den politischen Entwicklungen des Kalten Kriegs verbunden. Zwischen 1945 und 1990 wurden auch die Tiergärten des geteilten Landes zu dessen Spielfeld. Nach der Befreiung der Stadt war es zunächst der Witwe des Berliner Aquariumsdirektors, der Zoologin Katharina Heinroth, überlassen, aus den Trümmern eines der ehemals wichtigsten zoologischen Gärten der Welt wieder einen Anziehungspunkt und eine Bildungseinrichtung zu formen. Dabei hatte sie mit Kommandeuren der Alliierten, der Berliner Blockade und der großen Not im Nachkriegsdeutschland zu kämpfen, musste Trümmer und Vorurteile beiseite räumen. Die Männer im Aufsichtsrat trauten einer Frau die Bewältigung dieser Aufgabe nicht zu. Katharina Heinroth bewies allen das Gegenteil. Mit Sachkenntnis leitete sie die Aufräumarbeiten im Zoo, beschaffte mit wenig Etat durch ihre Netzwerke neue Tiere, die Besucher anzogen und die Grundlage für wertvolle Zuchtprogramme bildeten, und handelte schließlich mit dem West-Berliner Senat einen Gebietstausch am Hardenbergplatz aus, der dem Zoo langfristig durch Kompensationszahlungen die Zukunft sicherte.[17]

1954, also 110 Jahre nach der Eröffnung des Zoologischen Gartens, geschah das, was schon seit der Jahrhundertwende wiederholt diskutiert worden war: Es entstand in der eigenen Stadt ein zweiter Tiergarten. Entgegen dem Rat aller Zoodirektoren in Ost- und Westdeutschland, die Nachteile für die bestehenden und unter den Folgen des Krieges leidenden Tiergärten in der DDR befürchteten, entschied sich das Regime dazu, der Hauptstadt der DDR einen eigenen Zoo zu bauen. Genauer gesagt, die Bevölkerung sollte ihn sich selbst bauen, denn Ressourcen waren keine vorhanden. So wurde mit sozialistischer Freiwilligenarbeit ein zweiter Tiergarten – der Tierpark Berlin – auf dem Gelände des enteigneten Schlosses Friedrichsfelde gebaut.[18] Unter seinem Gründungsdirektor Heinrich Dathe erarbeitete sich diese neue Einrichtung in nur wenigen Jahren internationale Anerkennung. Das war vor allem trotz großen Mangels an frei handelbaren Währungsmitteln und Baumaterialien der außergewöhnlichen Förderung der Verantwortlichen im Magistrat und auf der Ebene der Ministerien zu verdanken.

Die Konkurrenz in der eigenen Stadt führte in gewissem Sinne zu einer Art Wettrüsten. Hier der neue Tierpark, der eine Überlegenheit des sozialistischen Bildungssystems verkörpern sollte, dort der traditionsreiche Zoologische Garten am Kurfürstendamm, der ein Schaufenster der westlichen Welt war. Beide Direktoren verstanden es glänzend, aus dieser Konkurrenzsituation Vorteile für ihren Garten zu schaffen. Der Ost-Berliner Dathe verwies gegenüber den Behörden auf neue Bauten und exotische Tiere im westlichen Teil der Stadt. Zudem betonte er, dass viele internationale Kollegen seinen Tierpark lobten. Die Mischung aus beidem sorgte dafür, dass so manches möglich gemacht und beispielsweise Devisen oder behördliche Hilfe für den Kauf und Tausch von Tieren mit anderen Tiergärten in aller Welt zur Verfügung gestellt wurden. In der westlichen Stadthälfte konnte Direktor Heinz-Georg Klös, der 1956 die Nachfolge Katharina Heinroths angetreten war, mit dem Verweis auf die Bedeutung des Zoos für die westliche "Frontstadt" immer wieder Gelder durch die staatliche Lotteriegesellschaft und politische Förderung provozieren. Bei internationalen zoologischen Kongressen in der einen oder anderen Stadthälfte präsentierten die Politiker in beiden Teilstädten ihre Stadthälfte dem internationalen Publikum als besonders glänzend.[19]

Die Insellage West-Berlins war für den Zoo einerseits ein Problem, da sie viele potenzielle Besucher auf der anderen Seite der Grenze ausschloss. Andererseits aber sorgte die bundesdeutsche und die West-Berliner Politik mit bezahlten Reisen in die "Frontstadt" und Fördermitteln dafür, dass der West-Berliner Zoo in den 1960er Jahren wieder zum am häufigsten besuchten und artenreichsten Zoo der Welt wurde. Dies war auch die Grundlage dafür, dass die beiden Pandabären, die die chinesische Regierung 1980 Bundeskanzler Helmut Schmidt schenkte, in den West-Berliner Zoo kamen (Abbildung 2).[20]
Schwarz-Weiß-Foto: Bundeskanzler Helmut Schmidt (mit Mütze) und seine Frau Hannelore "Loki" Schmidt am 8. November 1980 beim Besuch der Pandabären im Zoologischen Garten in Berlin. Zwischen den beiden steht Zoodirektor Heinz-Georg Klös, links neben Helmut Schmidt der Regierende Bürgermeister von Berlin, Dietrich Stobbe.Abblidung 2: Bundeskanzler Helmut Schmidt (mit Mütze) und seine Frau Hannelore "Loki" Schmidt am 8. November 1980 beim Besuch der Pandabären im Zoologischen Garten in Berlin. Zwischen den beiden steht Zoodirektor Heinz-Georg Klös, links neben Helmut Schmidt der Regierende Bürgermeister von Berlin, Dietrich Stobbe. (© picture-alliance/dpa, Chris Hoffmann)

Einheitsbeschwerden

Mit dem Fall der Berliner Mauer ergaben sich für den Zoologischen Garten gleichzeitig Chancen und Herausforderungen. Zum einen gewann er ein Umland mit potenziellen Besuchern. Auf der anderen Seite aber war der mit durchschnittlich fast zwei Millionen Besuchern pro Jahr sehr beliebte Tierpark auf einmal ein direkter Konkurrent in der eigenen Stadt. Beide Direktoren hatten 30 Jahre lang wissenschaftlich konkurriert und persönlich gestritten. Wie sollte es nun weitergehen? In den Transformationsprozessen der deutschen Einheit traten insbesondere bei ostdeutschen Kulturinstitutionen Abbauverluste auf. Überall in der untergegangenen DDR wurden westdeutsche Spezialisten zurate gezogen, die ostdeutsche Firmen und Kultureinrichtungen als ineffizient charakterisierten und abbauten. In Berlin stellte sich die Frage in hohem Maße, existierten viele Institutionen doch zwei- oder mehrfach. Genau das galt auch für die Zoos. Die Leitung des West-Berliner Zoologischen Gartens wurde von den Finanzbehörden bezüglich der Tragfähigkeit des Ost-Berliner Tierparks zurate gezogen und stellte Konzepte für eine Weiterführung nach einem Umbau und die Koordinierung der beiden subventionierten Einrichtungen vor. Damit lag das Schicksal des einen in der Hand des anderen. Zwar sprach sich die Doppelverwaltung aus Ost-Berliner Magistrat und West-Berliner Senat sehr früh für eine Weiterführung des Tierparks aus und auch innerhalb der Zooleitung war den Beteiligten klar, dass der Konkurrent nicht geschlossen werden konnte, in der Bevölkerung gab es aber Ängste, dass der "große Bruder" im Westen genau dies tun würde. Am Ende wurde der Tierpark 1991 in Form einer GmbH in Landesbesitz überführt.

1993 erwarb der nach wie vor als Aktiengesellschaft organisierte Zoologische Garten diese Landesanteile. Seitdem sind beide Tiergärten miteinander verbunden. Bis heute haben beide eine unterschiedliche Besucherstruktur. So ist die Anzahl der Dauerkarteninhaber im Verhältnis zu den Besuchern im Tierpark wesentlich höher als im Zoologischen Garten, der eine doppelt so hohe Besucherauslastung aufweist:[21] dort lange und häufige Ausflüge mit der (zumeist Berliner) Familie, hier tendenziell kürzere (touristische) Ausflüge nach dem Einkaufsbummel. Welche Auswirkungen das in Zeiten einer globalen Pandemie hat, ist noch nicht abzuschätzen – aber auch diese Frage wird wieder die Politik in der Stadt beschäftigen.

Fragen an die Vergangenheit und Gegenwart

Die Archive des Zoologischen Gartens sind voll mit Schreiben an die Zooleitungen, in denen Wünsche nach vermeintlich besonderen Tieren oder Erlebnissen mit diesen geäußert werden. Verbesserungsvorschläge und Kritik an den Gehegen oder Ausstellungen gab es seit Anbeginn. Auffällig ist, dass seit den 1990er Jahren von einigen Briefschreibenden die Existenz von Zoos prinzipiell infrage gestellt wird. Besondere Ereignisse, etwa der Tod des Eisbären Knut 2011, haben seit der Jahrtausendwende immer wieder Konjunkturen von Kritik an der Einrichtung Zoo selbst ausgelöst. Nun wird nicht mehr die Ästhetik der Präsentation lebender Tiere diskutiert, sondern die Legitimität der Haltung von Tieren in menschlicher Obhut an sich infrage gestellt. Seit 1996 gibt eine Richtlinie des Bundeslandwirtschaftsministeriums die "Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren" hinsichtlich Haltungsanforderungen und Raumbedarf an.[22] Die im Verband der Zoologischen Gärten vereinten Tiergärten sind verpflichtet, diesen zu folgen. Das führte und führt zu neuen Strategien der Ausrichtung und der Auswahl der gezeigten und gezüchteten Tiere. Auch der Zoologische Garten Berlins sieht sich neuen Fragen nach seiner Legitimitätsgrundlage als Bildungseinrichtung und Artenschutzzentrum gegenüber, die zunehmend im öffentlichen Raum ausgehandelt werden.

Eine für den Zoologischen Garten Berlins sicher spezielle Frage, nämlich die nach einer möglichen Verantwortung der früheren Zooleitung für die Übertragung von Wertpapieren jüdischer Zooaktionäre unter Marktwert, hat sich der Zoo selbst nie gestellt. Anfang der 2000er Jahre wurde der mögliche Druck der Vertreter des Zoologischen Gartens auf die jüdischen Aktionäre, ihre Aktien zu verkaufen, in der Presse neu thematisiert. Ausgehend von der Annahme, der Zoo selbst habe die jüdischen Aktionäre enteignet, wurde nun die Frage nach einer moralischen Verantwortung gegenüber den Aktionären gestellt. Daraufhin finanzierte der Zoologische Garten in den Jahren 2002 und 2003 eine Vorstudie zu den Aktienverkäufen jüdischer Aktionäre. 2011 wurde am Antilopenhaus eine Gedenktafel für ebenjene Aktionäre enthüllt. 2015 erschien zudem eine durch den Zoo finanzierte Monographie, in der die Lebenswege einer Anzahl jüdischer Zooaktionäre nachverfolgt wurden.[23] Für viele Pressevertreter gingen diese Initiativen aber nicht weit genug – auch, da im Zoo immer noch eine Büste den ehemaligen Zoodirektor Lutz Heck unkommentiert ehrte. Das Ergebnis der Debatten um den Umgang mit der Vergangenheit war letztlich die im Dezember 2016 eröffnete Dauerausstellung zur Geschichte des Zoologischen Gartens und eine Ergänzungstafel an der Büste Lutz Hecks, auf der die Stationen der nationalsozialistischen Karriere Hecks aufgeführt sind. Regelmäßig erreichen den Zoo Anfragen aus Wissenschaft und Medien zu diesen und weiteren Themen, etwa zu den sogenannten Völkerschauen, den auch in Zoos inszenierten Schauen mit "exotischen" Menschen vor allem zum Ende des 19. Jahrhunderts.[24] Zwar hat der Zoologische Garten seit 2012 keine regelmäßigen Zuschüsse aus dem Landeshaushalt mehr erhalten, das bedeutet aber nicht, dass parlamentarische Anfragen oder öffentliche Debatten keine politischen Wirkungen bis in den Zoo hinein haben. Zoos sind weiterhin Gründe und Orte (vergangenheits)politischer Aushandlungsprozesse.

Der Zoologische Garten war also zu keinem Zeitpunkt "nur" ein wissenschaftliches Institut. Er ist nicht nur ein Spiegel der Geschichte der ihn beherbergenden Stadt auf ihrem Weg von der eher unbedeutenden preußischen Hauptstadt zur Metropole, seine Geschichte ist auch mit den wechselnden Regimen Berlins und Deutschlands verflochten. Millionen von Besuchern wissenschaftlich geführter Zoos weltweit sollte daher bewusst sein, dass der Bildungs- und Freizeitort "Zoo" ein höchst politischer Ort ist, der ständiger ethischer, aber auch politischer Legitimierung bedarf.

Fußnoten

1.
Vgl. Caesar von der Ahé, Die Menagerie auf der "Königlichen Pfaueninsel". Der Ursprung des Berliner Zoologischen Gartens, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins 1/1930, S. 1–24, hier S. 5.
2.
Für weiterführende Quellenhinweise vgl. Clemens Maier-Wolthausen, Hauptstadt der Tiere. Die Geschichte des ältesten deutschen Zoos, Berlin 2019.
3.
Christoph Kleßmann/Hans-Jürgen Misselwitz/Günter Wichert, Vorwort, in: dies. (Hrsg.), Deutsche Vergangenheiten – eine gemeinsame Herausforderung. Der schwierige Umgang mit der doppelten Nachkriegsgeschichte, Berlin 1999, S. 9–13, hier S. 12.
4.
Vgl. Carl Rißle, Der zoologische Garten der deutschen Hauptstadt, in: Illustrierter Volkskalender der Berliner Bürger-Zeitung, Berlin 1875.
5.
Vgl. Ludwig Heck, Fünfundsiebzig Jahre Zoologischer Garten, in: Leipziger Illustrierte Zeitung, 31.7.1919, S. 129.
6.
Vgl. Adolf Heilborn, Zoo Berlin 1841–1929. Zur Geschichte des Zoologischen Gartens zu Berlin, Berlin 1929, S. 24.
7.
Vgl. Maier-Wolthausen (Anm. 2), S. 85–89.
8.
Vgl. ebd., S. 99ff.; Lutz Heck, Waidwerk mit bunter Strecke, Berlin–Hamburg 1968, S. 67.
9.
Heck (Anm. 8).
10.
Vgl. u.a. Lutz Heck, Über die Neuzüchtung des Ur oder Auerochs; in: Berichte der Internationalen Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents 4/1936, S. 224–294, hier S. 235.
11.
Vgl. ders., Auf Tiersuche in aller Welt, Berlin 1941, S. 195.
12.
Vgl. ebd.; ders., Letzte Urwaldtiere aus deutscher Vorzeit; in: Atlantis. Länder, Völker, Reisen 10/1932, S. 577–583; ders., Die Neuzüchtung des Auerochsen, in: Wild und Hund 37/1939, S. 535ff.
13.
Siehe Mitgliedskarte im Berlin Document Center des Bundesarchivs Berlin.
14.
Vgl. Zessionspapiere im Archiv der Zoologischen Gärten Berlin.
15.
Siehe auch Lutz Heck, Tiere – mein Abenteuer, Wien 1954, S. 97–102.
16.
Vgl. Maier-Wolthausen (Anm. 2), S. 125–130.
17.
Vgl. ebd., S. 170–173; Katharina Heinroth, Mit Faltern begann’s, München 1979, S. 265–274.
18.
Vgl. u.a. Heinrich Dathe, Aus den Kindertagen des Tierparks Berlin. 4. Fortsetzung, in: Milu 1/1976, S. 45–50.
19.
Zur Geschichte der Zoos im Kalten Krieg vgl. Maier-Wolthausen (Anm. 2), S. 151–211; Jan Mohnhaupt, Der Zoo der anderen. Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte & Helmut Schmidt mit Pandas nachrüstete, München 2017.
20.
Vgl. Heinz-Georg Klös, Jahresbericht für 1980, in: Bongo 5/1981, S. 97–168.
21.
Vgl. Zoologischer Garten Berlin/Tierpark Berlin-Friedrichsfelde, Geschäftsbericht, Berlin 2019, S. 13, S. 107.
22.
Vgl. Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (Hrsg.), Gutachten über Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren, Berlin 2014, http://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Tiere/Tierschutz/HaltungSaeugetiere.pdf?__blob=publicationFile&v=7«.
23.
Vgl. Monika Schmidt, Die "Arisierung" des Berliner Zoologischen Gartens, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 12/2003, S. 211–229; dies., Die jüdischen Aktionäre des Zoologischen Gartens zu Berlin: Namen und Schicksale, Berlin 2014.
24.
Vgl. Ursula Klös, Völkerschauen im Zoo Berlin zwischen 1878 und 1952; in: Bongo 30/2000, S. 33–82 oder neuer Maier-Wolthausen (Anm. 2), S. 64–69.
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