Eine Person macht ein Handyfoto des Panda Bären Jiao Qing im Berliner Zoo.

26.2.2021 | Von:
Christina Katharina May

Blicke ins Territorium. Die inszenierten Tierräume der Zooarchitektur

In Artikel 2 der Richtlinie zur Wildtierhaltung in Zoos der Europäischen Union werden diese als dauerhafte Einrichtungen definiert, "in denen lebende Exemplare von Wildtierarten zwecks Zurschaustellung während eines Zeitraums von mindestens sieben Tagen im Jahr gehalten werden".[1] Von temporären Einrichtungen wie Zirkussen und Wandermenagerien werden Zoos klar unterschieden, da sie über feste Bauten verfügen müssen. Darüber hinaus werden der "Schutz wildlebender Tiere und die Erhaltung der biologischen Vielfalt", die Bildung der Öffentlichkeit über "Arten und ihre natürlichen Lebensräume" sowie wissenschaftliche Forschung als Ziele genannt.[2] Nicht nur die Tiere selbst, sondern auch der ihnen zugeordnete "natürliche Lebensraum" sind demnach Bestandteile von Zoos. Diese Verbindung geht so weit, dass manche Autoren bestreiten, dass ein Tier ohne Landschaftskontext überhaupt existiert beziehungsweise im Zoo Bestandteil von Natur ist.[3]

Mit dem Zweck der Zurschaustellung ist die Architektur im Zoo eine des Sichtbarmachens und zugleich – vor allem in jüngerer Zeit – eine des geschickten Verbergens. Ein Zootier wird einem Publikum präsentiert, damit es zur Unterhaltung, für die Bildung und zur Forschung beobachtet werden kann. Die vierte Aufgabe des Zoos, der Artenschutz, ist heute das wichtigste Argument für das Betreiben von Zoos,[4] jedoch nicht unmittelbar mit der Sichtbarkeit der Tiere für ein Publikum verknüpft. Ein Zootier kann als flagship species, als charismatischer Stellvertreter eines Habitats inszeniert werden, damit emotionalisieren und so zur informellen Bildung beitragen. Insbesondere das Design von sogenannten Immersionslandschaften zielt auf das imaginäre Eintauchen des Publikums in eine exotische, wilde Welt, die die emotionale Einbindung verstärken und abstrakte Themen wie Biodiversität visualisieren soll. Parallel zur Imitation von Wildnis für die Menschen müssen die Ansprüche an den Raum der jeweiligen Tierart interpretiert und als Haltungsfaktoren umgesetzt werden. Diese unterscheiden sich meistens deutlich von der Landschaftsversion, die die Zoobesucher:innen wahrnehmen. Beispielsweise werden räumliche Anforderungen für die Nachzucht einer Tierart, etwa Absperrgehege oder Wurfboxen, aus dem sichtbaren Bereich ausgeblendet. Auch Technik und Tierpflege sind nur bedingt mit der Inszenierung einer vermeintlich zivilisationsfreien Natur im Zoo vereinbar und werden vor den Blicken des Publikums verdeckt. Rückzugsorte, Aussichtspunkte oder Klettermöglichkeiten für die Tiere bringen mehr Komplexität in die Anlage, erschweren aber die Beobachtung.

Naturinszenierungen in Zoos sind Übersetzungsversuche, die – abhängig von der Zeit und der Region – Natur in abstrakter, symbolischer oder nahezu fotorealistischer Form in die Stadt holen. Dabei manifestieren sich Ideen über die Natur, Körperbilder sowie Vorstellungen zum Mensch-Tier-Verhältnis bis hin zu ganzen Weltbildern.[5] Die räumliche Inszenierung von Landschaften und Architektur und die Systematisierung von Tierhäusern und -gehegen unterliegen bestimmten zoologischen, ökologischen oder kulturellen Leitideen und ändern sich abhängig vom sozialgeschichtlichen Kontext. Die im Zoo präsentierte "Natur" wechselt zwischen einer abstrakten Interpretation von Umwelten und einer visuellen Darstellung, die dem Publikum aus Illustrierten, Bildbänden, Tierfilmen oder schließlich von eigenen touristischen Erlebnissen bekannt ist.

Von der Menagerie zum Zoo

Einrichtungen zur Wildtierhaltung sind bereits im alten Ägypten mit den Tiergehegen der Königin Hatschepsut nachweisbar.[6] Wilde Tiere besaßen rituelle Bedeutungen und dienten im antiken Griechenland zur Forschung oder in China im "Park der Intelligenz" zur Kontemplation, zur besinnlichen Betrachtung. Sie lebten in den Palästen und Parks zur Unterhaltung und als Machtsymbole der Herrschenden sowie in Wandermenagerien, die sämtliche Bevölkerungsschichten ansprachen. So vielfältig wie die Nutzung waren auch die Formen der Tierhaltung, von denen sich beispielsweise Fischteiche, (Vogel-)Käfige oder Inseln aufzählen lassen, die zur Haltung von Wildkaninchen dienten und in der Renaissance als Rückbezug auf die römische Antike wieder aufgegriffen wurden.

Der erste eigenständige Baukomplex, der Gehege, Käfige und Stallungen verschiedener Tierarten vereinigte, wurde von Louis Le Vau, dem Architekten Ludwig XIV., von 1662 bis 1664 im Schlosspark von Versailles errichtet. Diese Menagerie war Vorbild für die Einrichtung zahlreicher weiterer Menagerien an Fürstenhäusern in ganz Europa und demonstrierte die Prinzipien barocker Raumkomposition. Hinter einem Lustschloss (Maison de plaisance) öffneten sich strahlenförmig auslaufende Tierhöfe für farbenprächtige Vögel und Huftiere, die von einem zentralen Pavillon aus überschaubar waren. Metaphorisch wurde das zentralisierte Blicksystem der Menagerie als Dominanz des absolutistischen Herrschers über das Tierreich und von dem Philosophen Michel Foucault als Modell einer Überwachungsstruktur interpretiert.[7] Die Befreiung der Tiere während der Französischen Revolution galt als Überwindung feudalistischer Strukturen. So symbolisierte für die Jakobiner:innen die kostspielige höfische Haltung "nutzloser" Tiere die luxuriöse Verschwendung des Adels. Dennoch demonstrierte die barocke Menagerie nicht nur die absolutistische Gesellschaftsordnung. Die Tiere dienten auch für die Forschungen an der königlichen Akademie der Wissenschaften – wenngleich erst nach ihrem Ableben.

Unter neuen Vorzeichen – der Bildung und Unterhaltung des Volkes, der Wissenschaft und der Zucht für ökonomischen Nutzen – sollte Ende des 18. Jahrhunderts im Botanischen Garten der Akademie für Naturkunde in Paris eine neue Menagerie entstehen. Der Plan sah dabei eine Parkanlage mit klassizistischen Pavillons und Tierbauten im rustikalen Stil nach dem Vorbild des englischen Landschaftsgartens vor, der mit der Idee der Aufklärung konnotiert war.[8] Diese Vision wurde aber aus Geldnöten nie realisiert, sodass die Anlage zunächst nur aus Provisorien bestand. Nach der Machtübernahme Napoleons wurde die Menagerie wieder zur Demonstration imperialer Macht benötigt, was sich auch im Bau des wehrhaft anmutenden Tierhauses "Rotunda" widerspiegelte.[9]

Der Begriff "Zoologischer Garten" wurde erstmals von der Zoologischen Gesellschaft von London verwendet, die 1828 im Londoner Regent’s Park einen "Zoological Garden" einrichtete. Weitere Zoogründungen in ganz Europa, Nordamerika, aber auch in anderen Teilen der Welt folgten. Die Zoos des 19. Jahrhunderts strebten eine räumliche Systematisierung nach Gattungen, Familien, Arten und Unterarten an, beispielsweise durch Raubtier-, Huftier- oder Reptilienhäuser. Die Innenräume dieser Häuser sowie die Außengehege und Käfige an den Spazierwegen folgten unmittelbar wie Schaufenster aufeinander, damit das Aussehen der Tiere, die Morphologie, schnell verglichen werden konnte.[10] Weiterhin existierten Privatmenagerien und Wildparks des Adels. Wildparks dienten zwar primär zur Jagd, verfolgten aber in ihren weitläufigeren Gehegen auch die Zucht seltener Tierarten wie dem Père-David-Hirsch oder dem Przewalskipferd.

Hagenbecks "exotische" Landschaften

Die entscheidende Innovation, einen Zoo weniger als geordnete Parkanlage, sondern als Imitation abenteuerlicher Wildnis anzulegen, erfolgte durch Hagenbeck’s Tierpark, der 1907 im Hamburger Vorort Stellingen als Privatzoo eröffnet wurde. Der erfahrene Tierhändler und Betreiber von "Völkerschauen" und Zirkussen Carl Hagenbeck führte verschiedene Neuerungen aus Zoos, Wildparks, Gewerbeausstellungen, Naturkundemuseen und Bildmedien zusammen.[11]

Schwarz-Weiß-Foto: Das "Südlandpanorama", eine Felsenlandschaft mit großem Wassergraben, in Hagenbeck’s Tierpark um 1910.Abbildung 1: "Südlandpanorama" in Hagenbeck’s Tierpark um 1910. (© Archiv Tierpark Hagenbeck, Hamburg)

In sogenannten Panoramen bildete er die vagen Lebensräume der Tiere mit gewaltigen Kunstfelskulissen nach. Die Anlagen sollten etwa zunächst eine willkürliche Naturversion, eine paradiesische Landschaft oder das abenteuerliche Polarmeer simulieren. Durch Gräben statt Gitter abgesperrt, schienen Eisbären unmittelbar neben ihrer Beute, den Robben, über Eisschollen zu klettern. Vorbild für das Eismeerpanorama war dabei Fridtjof Nansens berühmte Polarexpedition mit dem Schiff "Fram" von 1893 bis 1896. Im Tierpark wurden die populären Pressebilder dieser Reise nacherlebbar. Ergänzend dazu erinnerte die Anlage des "Südlandpanoramas" an afrikanische Landschaften. Die Löwen lagen in einer Felsgrotte mit Blick auf die potenzielle Beute im savannenartig gestalteten "Heufressergehege". Die Absperrung der Raubtiere durch Trockengräben war für das Publikum eine Sensation: Die Gräben ermöglichten den gitterfreien Blick auf die Tiere, erlaubten ungestörtes Fotografieren und sorgten für Nervenkitzel, da wenig Wissen über das Verhalten von Raubkatzen und damit über deren tatsächliches Sprungvermögen bestand. Zunächst noch nach den Illustrationen aus Familienzeitschriften konzipiert, griffen die Planer für das 1911 errichtete Südpolarpanorama auf Fotos realer Felsformationen aus Südgeorgien zurück, sodass die dreidimensionale Landschaftskulisse einem nachgebauten Bild glich.

Zeitgleich wurden in den Naturkundemuseen die populären Dioramen entwickelt, Schaukästen, in denen modellierte oder präparierte Tierarten in zoogeografischen Zusammenhängen gezeigt wurden.[12] Der zoologische Blick hatte sich verändert, seit sich die Forschung verstärkt dem Verhalten und der Lebensumgebung zuwandte. Ausstellungen von Menschen, die sogenannten Völkerschauen,[13] sollten mit Akrobatik, Erotik und Souvenirständen die Inszenierung einer Reise in entfernte Länder ergänzen, gekoppelt mit der Botschaft eines irdischen Paradieses.[14]

Diese "Revolution" in der Zoogestaltung bedeutete auch Veränderungen für die Tierhaltung. Beispielsweise wurden Tiere unterschiedlicher Arten gemeinsam gehalten, um durch "Spiel" die Aktivität auf der Anlage zu erhöhen.[15] Für neue Absperrungstechniken wurde das Tierverhalten eingehend studiert. Dennoch waren auch in den Landschaftskulissen die Böden der Gehege betoniert, um Parasiten vorzubeugen – noch gab es keine medizinischen Gegenmittel. Die Innenkäfige und -ställe, die in die Landschaftskulissen integriert waren, waren zudem sehr beengt, da Gebäude nur eine untergeordnete Stellung in den Panoramakomplexen hatten.[16]

Zwar war Hagenbeck’s Tierpark in der Zoofachwelt umstritten, der Publikumserfolg der Felskulissen und gitterlosen Panoramen sorgte jedoch für eine globale Verbreitung des Konzeptes. "Das Tier" sollte im lebensweltlichen Kontext gezeigt werden und nicht mehr wie ein museales Exponat in den galerieartigen Tierhäusern des 19. Jahrhunderts.

Natur aus Beton

Die Landschaftskulissen wurden durch die Architekturmoderne abgelöst.[17] Mit dem Gorillahaus und dem Pinguinpool des Architektenbüros Tecton im Londoner Zoo erhielt Großbritannien Anfang der 1930er Jahre seine ersten modernen Bauwerke.[18] Organische Materialien wie Holz wurden durch leicht zu reinigende Oberflächen aus Stahl, Glas und Beton ersetzt. Licht, neue Klimatechnik und Hygiene wurden als Prinzipien für den Wohnungsbau ausgerufen und zogen auch in die Zoos ein. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden mithilfe von Technik der natürliche Lebensraum als Zeichen des Fortschritts "ersetzt" und Spezialbauten wie Nachttierhäuser entwickelt.[19] In den USA entstanden riesige Delfinarien wie Marineland, das mit Charles Luckman und William Pereira die Architekten bauten, die in den 1950er Jahren auch Disneyland und angrenzende Hotels im kalifornischen Anaheim fertigstellten.

Parallel zur Optimierung der Veterinärmedizin und Hygiene verbreitete sich ab den 1930er Jahren auch das Interesse für die neue biologische Disziplin der Tierpsychologie. Der Schweizer Zoologe und Zoodirektor Heini Hediger versammelte verschiedene Erkenntnisse zur Zootierhaltung in seiner Publikation "Wildtiere in Gefangenschaft" und etablierte damit die Tiergartenbiologie. Die Neugründung der Internationalen Union von Direktoren Zoologischer Gärten – später umbenannt in Weltverband der Zoos und Aquarien – förderte ab 1946 zudem die Professionalisierung der Zoos und die Standardisierung von Tierhaltungstechniken.

Hediger forderte, dass eine Zooanlage auf der Grundlage der tierlichen Wahrnehmung und seiner Umweltfaktoren basieren solle und versuchte, anthropozentrische Vorurteile zu berichtigen: "Das freilebende Tier lebt nicht frei – weder in räumlicher Hinsicht noch in Bezug auf sein Verhalten gegenüber anderen Tieren."[20] Ausgehend vom Umweltmodell des Biologen und Philosophen Jakob von Uexkülls erklärte Hediger, dass ein Tier über ein Territorium, also seinen individuellen Handlungsraum verfüge. Nicht eine besonders große Fläche beziehungsweise die Raumquantität sei dabei entscheidend, sondern die Möglichkeit zur Interaktion. Material zum Scheuern, Klettern oder Markieren gehörten beispielsweise zur Ausstattung eines Käfigs. Daher entwickelte Hediger Maßnahmen zur Verhaltensbereicherung, die auf Beobachtungen aus der Feldforschung beruhten: "Natürlichkeit im Sinne biologisch einwandfreier Raumgestaltung ergibt sich nicht aus der versuchten Imitation, sondern aus der adäquaten Transposition der Naturbedingungen."[21]

Hedigers abstrahierte Version der Natur sorgte jedoch für ein willkommenes Missverständnis: Sie legitimierte die Enge der modernistischen Betonbauten.[22] Die optimierten hygienischen Bedingungen, künstliche Futtermittel und die veterinärmedizinische Betreuung sorgten indes für einen Anstieg der erfolgreichen Nachzuchten und der Lebensdauer. Seit den 1950er Jahren galt der Zoo als Stätte des Artenschutzes und diente damit als Schutzraum für bedrohte Wildtierarten. Die Zucht von Tieren außerhalb des eigentlichen Lebensraumes (ex situ) wurde auch wichtiger, da aufgrund der Autonomiebestrebungen der Kolonien die Beschaffung von Wildtieren immer schwerer zu organisieren war. 1972 trat schließlich das Washingtoner Artenschutzübereinkommen in Kraft, wodurch der internationale Tierhandel weitgehend zum Erliegen kam.

Für den Artenschutz wurden die Tierindividuen im Zoo als Vertreter oder Botschafter ihrer Artgenossen in den gefährdeten Habitaten angesehen. Eine Imitation der originären Landschaften war nicht mehr notwendig, da sowohl die Tiere als auch die Landschaften als Stellvertreter "sekundärer Natur" angesehen wurden.

Ökosysteme und Megastrukturen

Im Zuge der Bürgerrechts- und Umweltbewegungen in den USA der 1960er Jahre gerieten die Zoos in starke Kritik. Fotos von Tieren, insbesondere von Menschenaffen in engen Käfigen oder von verhaltensauffälligen Raubkatzen und Bären hinter Gittern, kursierten und machten Missstände deutlich. Auch vermittelten das Fernsehen und das Kino inzwischen allzu deutlich, wie die originären Landschaften aussahen und sich die Wildtiere in freier Wildbahn außerhalb der engen Käfige bewegten. Feldforscher:innen wie Jane Goodall, Dian Fossey oder George Schaller brachten nicht nur neue Erkenntnisse, sondern waren auch bildmedial erfolgreich. Das Bild der Wildnis wandelte sich: War Regenwald als vermeintlich undurchdringliches Chaos noch bis zur Jahrhundertmitte negativ besetzt, änderte sich die Einstellung und die "jungfräuliche", unberührte Natur der Regenwälder wurde als schützenswerte Landschaft definiert.[23] Auch das Bild der Erde änderte sich durch die Aufnahme der Apollo-17-Mission von der "Blue Marble" ("Blaue Murmel"), des blauen Planeten, der auf dem Foto von 1972 im Weltall einsam und einzigartig erschien. Die Inszenierung von Fortschritt im Zoo mit den modernen Bauten und Strukturen entsprach daher immer weniger dem Naturbild des Publikums.

Dass Zoobesucher:innen sich nicht für besonders seltene Tierarten interessierten, die nur Expert:innen kennen würden, hatte indes Bill Conway, Direktor des Bronx Zoos in New York, schon 1968 in seinem einschlägigen Aufsatz "How to Exhibit a Bullfrog" ("Wie man einen Ochsenfrosch ausstellt") betont. Stattdessen sei die Inszenierung des Habitats des Ochsenfroschs, also sein Sumpf, eine Möglichkeit, das Publikum emotional zu erreichen.[24] In den USA entstanden in der Folge in verschiedenen Institutionen Modelle für Tierhäuser und Anlagen, die auf die Repräsentation ökologischer Zusammenhänge zielen.

Für den Woodland Park Zoo von Seattle wurden beispielsweise 1976 Immersionslandschaften von dem Landschaftsarchitekturbüro Jones & Jones entwickelt.[25] Landschaften aus verschiedenen Regionen der Welt wurden genau studiert, um sie auf den Mikrokosmos des Zoos zu übertragen. Dazu gehörten klimatische Studien, Pflanzensoziologie, Morphologie und eine sorgfältige Vorbereitung des Bodens. Jegliche Zeichen menschlicher Kultur wurden vermieden, sodass, ähnlich wie in Hagenbecks Tierpark, Grabenabsperrungen zum Einsatz kamen und die Besucherwege durch Vegetation und Geländemodellationen verdeckt wurden. Einerseits sollten die Besucher:innen den Eindruck erhalten, in einen fremden Landschaftsraum einzutauchen. Andererseits sollte die Landschaftsgestaltung für die Zootiere eine komplexe Umgebung und damit vielfältige Verhaltensanreize schaffen.[26]

Landschaftsimmersion gilt seither als Designziel zahlreicher Zoos weltweit und wurde vielfach kopiert. Häufig fehlt es jedoch an Zeit, Geld und einer komplexen, langfristig angelegten Planung, sodass die Zoolandschaften als Kunstfelskulissen wirken und keinen dreidimensionalen Raum erzeugen. Neben der Kritik am mangelhaft ausgeführten Design und den hohen Kosten stellt sich dabei die Frage nach der Transparenz der Landschaftsinszenierung. Eine Emotionalisierung des Publikums soll über die Zootiere in der authentisch erscheinenden Immersionslandschaft geleistet werden. Die Bedingungen von Zootierhaltung bleiben daher gezielt unsichtbar.

Mit dem Fokus auf Ökosysteme, deren Präsentation seit 1993 auch als Leitidee des Weltverbands der Zoos und Aquarien kommuniziert wurde, entstanden vor allem in Europa Biosystem- oder Tropenhallen.[27] Bereits in den 1970er Jahren wurden Megastrukturen zur Rekonstruktion eines kompletten Ökosystems konzipiert.[28] Erstmals wurden in den 1980er Jahren großdimensionierte Tropenhallen im niederländischen Burgers’ Zoo in Arnheim und im Randers Regnskov in Dänemark realisiert. Parallel wurden in den USA Tropenhäuser mit Massen von Kunstpflanzen und Wandmalereien entwickelt, etwa 1985 die "Jungle World" im New Yorker Bronx Zoo oder ab 1982 die "Tropic World" im Brookfield Zoo in Chicago. Das Topos des Zoos als Arche, das bereits mit Hagenbecks Inszenierung der Panoramen eröffnet wurde, wurde und wird in den Tropenhallen mit einem Fokus auf Biodiversität und ein gesteigertes Immersionserlebnis fortgesetzt. So ist die 2003 eröffnete Zürcher Masoala-Halle eng mit einem Artenschutzprojekt auf Madagaskar in der Masoala-Region verbunden. Das 2011 im Leipziger Zoo eröffnete Gondwana-Land verweist hingegen auf den Urkontinent und bietet mit Hängebrücken und Bootsexkursion Erlebniselemente. In den Hallen verschwimmen die Grenzen zwischen Tieren und Betrachter:innen. Das meist tropische Klima steigert die Illusion eines Besuchs in einer anderen Welt, die den Tieren zugehörig erscheint und in der der Mensch als vorsichtiger Besucher und nicht als Machthaber inszeniert werden soll.

Zoos der Zukunft

Seit der "Welt-Zoo-Naturschutzstrategie" von 1993 ist Naturschutz als ein Ziel des Weltverbands der Zoos und Aquarien definiert. Mit Leitthemen wie dem Schutz natürlicher Lebensräume und der Erhaltung der Biodiversität dienen die Landschaftsinszenierungen als informelle Kommunikationsmittel dieser Strategie. In der Zootierhaltung stellt sich jedoch zugleich weiterhin die Frage nach dem Wohl des Tieres beziehungsweise der Tiere, insbesondere danach, wie Strukturen für komplexeres Verhalten geschaffen werden können.

Auch der ökonomische Druck, etwa durch die Konkurrenz zu Freizeitparks, sorgt dafür, dass neue Attraktionen wie Großaquarien und aufwendige Landschaftsinszenierungen für populäre Arten entstehen. Die Erlebnisarchitektur arbeitet dabei mit Immersionstechniken und versetzt das Publikum in ein kohärent erzähltes Landschaftsszenario, in dem Tiere "entdeckt" werden. Durch die emotionale Nähe zu den Tieren, die mit dem Erlebnis aufgebaut wird, soll das Publikum motiviert werden, gegenüber Artenschutzthematik aufmerksam zu werden und sich tiefergehend zu informieren.

Eine andere Möglichkeit, Aufmerksamkeit und vor allem Ansehen für Zoothemen zu erzeugen, besteht im Engagement von Stararchitekten. Im Zoo von Kopenhagen wird beispielsweise die Leitidee verfolgt, diese für den Entwurf von Tieranlagen zu gewinnen, um über die Gestaltung die Wertschätzung des Bauens für Tiere zu betonen. Das von Norman Foster entworfene Elefantenhaus von 2008 erzeugte bereits eine hohe mediale Aufmerksamkeit. Und die Bjarke Ingels Group entwickelte rund zehn Jahre später eine Pandaanlage in Form eines Yin-Yang-Symbols, in der für die Pandas mögliche Rückzugsräume jedoch wenig berücksichtigt sind.[29]

Farbfoto: Ein Tiger steht auf einer umgitterten Brücke über viele Zoobesucher:innen im amerikanischen Philadephia Zoo.Abbildung 2: Big Cat Crossing, Zoo360, Philadelphia Zoo, Pennsylvania, USA. (© Philadelphia Zoo)

Über das Tierverhalten versucht dagegen das Büro CLRDesign aus Philadelphia, die Raumqualität zu erhöhen, ohne dass notwendigerweise mehr Platz in Anspruch genommen wird. Ihren "flexiblen Anlagen" liegt das Konzept zugrunde, dass verschiedene Tierarten ihre Gehege tauschen und Witterung der anderen Art, eines Raubtiers oder einer Beute aufnehmen, um vielfältigere Sinneseindrücke zu erhalten. In Philadelphia werden seit 2012 unter dem Motto "Zoo360" die ursprünglich kleinen Anlagen des ältesten Zoos der USA mit Wegsystemen aus vergitterten Laufgängen erweitert.[30] Die Gitterpassagen aus Edelstahl erinnern an die früheren Laufgänge der Menagerien ähnelnden Affenanlagen, doch die Gestaltung ermöglicht überraschende Perspektiven für das Publikum und variierende Eindrücke für beispielsweise Großkatzen, deren Räume als Wegstrecken und nicht als Behältnis gedacht werden. Die Haltungsstrukturen werden zudem sichtbarer und Gegenstand ästhetischer und nicht mehr nur funktionaler Gestaltung.

Diese Orientierung hin zum individuellen Verhalten des Zootieres geht mit Überlegungen zum Wohlbefinden einher. Maßgeblich waren seit 1965 die sogenannten fünf Freiheiten: die Freiheit von (1) Hunger und Durst, (2) haltungsbedingten Beschwerden, (3) Schmerzen, Verletzungen und Krankheiten, (4) Angst und Stress sowie (5) die Freiheit zum Ausleben natürlicher Verhaltungsmuster.[31] Statt physischer Bedürfnisse rücken nun verstärkt die Fragen nach den psychologischen Ansprüchen und den Wahlmöglichkeiten eines Einzeltieres in den Fokus, die wesentlich durch die Anlage als Habitat bestimmt werden.[32] Die veränderte Mensch-Tier-Beziehung, die Einsicht, dass im Anthropozän eine ursprüngliche Natur nur noch ein utopisches Ideal ist und auch die Stadt als Lebensraum für Wildtiere dient, lädt zum experimentellem Nachdenken über den Zoo der Zukunft ein.[33]

Die Zooarchitektur und -landschaft erscheint damit einerseits als gemeinschaftliche Erinnerung an idealisierte Landschaftsszenarien mit ihren friedlich erscheinenden Bewohner:innen. Andererseits werden an sie die Anforderungen gestellt, einen vollständigen Lebensraum zu entwickeln, worin ihr utopisches Potenzial in Hinblick auf den Entwurf eines Zusammenlebens von Menschen und Tieren besteht.

Fußnoten

1.
Richtlinie 1999/22/EG des Rates vom 29. März 1999 über die Haltung von Wildtieren in Zoos, in: Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaft, 9.4.1999, S. 24ff., hier S. 24.
2.
Ebd.
3.
Vgl. Stephen Spotte, Zoos in Postmodernism, Madison NJ 2006, S. 17.
4.
Siehe hierzu auch die Beiträge von Manfred Niekisch und Volker Sommer in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
5.
Dieser Beitrag basiert auf Christina Katharina May, Die Szenografie der Wildnis. Immersive Techniken in zoologischen Gärten im 20. und 21. Jahrhundert, Berlin 2020.
6.
Vgl. zur Vorgeschichte des Zoos Eric Baratay/Elisabeth Hardouin-Fougier, Zoo. Von der Menagerie zum Tierpark, Berlin 2000, S. 12–41; Vernon N. Kisling (Hrsg.), Zoo and Aquarium History. Ancient Animal Collections to Zoological Gardens, Boca Raton 2001.
7.
Vgl. Peter Sahlins, The Royal Menageries of Louis XIV and the Civilizing Process Revisited, in: French Historical Studies 2/2012, S. 237–267.
8.
Vgl. Baratay/Hardouin-Fugier (Anm. 6), S. 86–91.
9.
Vgl. Achim Hofmann, Der Zoologische Garten als Bauaufgabe im 19. Jahrhundert, Dissertation, Ludwig-Maximilians-Universität München 1998.
10.
Vgl. Christina Wessely, Künstliche Tiere. Zoologische Gärten und urbane Moderne, Berlin 2008, S. 102–108.
11.
Zu Carl Hagenbeck siehe auch Lothar Dittrich/Annelore Rieke-Müller, Carl Hagenbeck (1844–1913). Tierhandel und Schaustellungen im Deutschen Kaiserreich, Frankfurt/M. 1998; Nigel Rothfels, Savages and Beasts. The Birth of the Modern Zoo, Baltimore 2002; Eric Ames, Hagenbeck’s Empire of Entertainment, Seattle 2008.
12.
Vgl. Susanne Köstering, Natur zum Anschauen. Das Naturkundemuseum des deutschen Kaiserreichs 1871–1914, Berlin 2003, S. 94–122.
13.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Mieke Roscher in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
14.
Vgl. Ames (Anm. 11), S. 103–140.
15.
Alexander Sokolowsky, Schutzmittel der Tiere im Kampfe ums Dasein, in: ders., Gesammelte Aufsätze zoologischen Inhalts, Leipzig 1909, S. 20–23, hier S. 23.
16.
Vgl. Gustave Loisel, Histoire des Ménageries de l’Antiquité à nos jours. Époque contemporaine, Bd. 3, Paris 1912, S. 327.
17.
Für Architekturbeispiele des 20. und 21. Jahrhunderts vgl. Natascha Meuser, Architektur im Zoo. Theorie und Geschichte einer Bautypologie, Berlin 2017.
18.
Vgl. Pyrs Gruffudd, Biological Cultivation. Lubetkin’s Modernism at London Zoo in the 1930s, in: Chris Philo/Chris Wilbert (Hrsg.), Animal Spaces, Beastly Places. New Geographies of Human-Animal Relations, London–New York 2000, S. 222–242.
19.
Vgl. Christina Katharina May, Welten der Finsternis. Nachttierhäuser in Zoologischen Gärten, in: Tierstudien 6/2014, S. 57–67.
20.
Heini Hediger, Wildtiere in Gefangenschaft, Basel 1942, S. 15.
21.
Ebd., S. 76.
22.
Vgl. Jeffrey Hyson, Urban Jungles, Zoos and American Society, Dissertation, Cornell University Ithaca 1999, S. 445.
23.
Vgl. Klaus-Dieter Hupke, Die Erfindung des tropischen Regenwaldes, in: Thomas Kirchhoff/Ludwig Trepl (Hrsg.), Vieldeutige Natur. Landschaft, Wildnis und Ökosystem als kulturgeschichtliche Phänomene, Bielefeld 2009, S. 255–261.
24.
Vgl. William G. Conway, How to Exhibit a Bullfrog. A Bed-Time Story for Zoo Men, in: Curator 4/1968, S. 310–318.
25.
Vgl. Melissa Greene, No RMS, Jungle Vu, in: The Atlantic Monthly 12/1987, S. 62–78.
26.
Vgl. May (Anm. 5), S. 228–297.
27.
Vgl. Weltverband der Zoos und Aquarien, Welt-Zoo-Naturschutzstrategie, Bern 1993.
28.
Vgl. David Hancocks, Animals and Architecture, London 1971, S. 189–193.
29.
Vgl. Natascha Meuser, Sehen und gesehen werden, in: Garten + Landschaft 10/2020, S. 48–51.
30.
Vgl. Philadelphia Zoo, Zoo360 Trails, o.D., https://philadelphiazoo.org/zoo360«.
31.
Vgl. Geoff Hosey/Vicky Melfi/Sheila Pankhurst, Zoo Animals. Behaviour, Management, and Welfare, Oxford 2009, S. 244f.
32.
Vgl. Jake Veasey, Identifying Design Priorities for Optimal Welfare, 2019, http://www.carefortherare.com/publications«.
33.
Vgl. Thijs de Zeeuw/Bart de Hartog, Die Stadt als Zoo, in: Garten + Landschaft 10/2020, S. 36–39.
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