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Redaktion am 13.03.2014

"Die Politik muss jetzt sofort handeln"

Lemia Yiyits Eltern kamen als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland, sie war damals neun Jahre alt. „Sei neugierig, aber verliere deine Kultur nicht“, rieten sie ihr. Wenn Lemia auf einen Kindergeburtstag ging, kam ihr Bruder als Aufpasser mit. So ist das bei alevitischen Muslimen üblich. Aber die Eltern ließen ihr auch viele Freiheiten: Mit ihren Klassenkameraden durfte Lemia Yiyit sogar in die Kirche gehen. So westlich Lemia Yiyit heute wirkt, ihre Kultur hat die 49-Jährige nicht verloren.

Lemia Yiyit mit ihrem EhemannLemia Yiyit mit ihrem Ehemann (© Philip Artelt)
Großfamilie oder alleinerziehend
- Wie sieht Familie heute aus?


Familie kommt in unserer Kultur zuerst. Das ist für mich jetzt genauso. Aber wir haben sehr viel anders gemacht als unsere Eltern. Unsere zwei Kinder sind viel freier, sie durften schon von klein an mitentscheiden. Und der Sohn meiner deutschen Schwägerin durfte selbst entscheiden, ob er sich evangelisch taufen lässt. Er hat sich dafür entschieden, was meinen Eltern natürlich nicht gepasst hat. Aber sie mussten es akzeptieren. Wir sind von der Sprache vielfältig, wir sind von der Religion vielfältig – wir sind Weltbürger.

Großfamilie. Dadurch, dass ich zwei deutsche Schwägerinnen habe, feiern wir natürlich Weihnachten. Und wir feiern das Ramadan-Fest. Wenn Weihnachten ist, gehen wir zu meinen Eltern. Meine Mama kocht ein schönes Weihnachtsessen für uns. Und genauso ist es, wenn wir muslimische Feste feiern. Die zehn Enkelkinder meiner Eltern lieben es wirklich sehr, wenn sie zusammen sind. Wenn wir bei diesen Festen zusammenkommen, sind wir wirklich eine große Familie.

Als meine Schwester das dritte Kind bekommen hat, da habe ich das nicht verstanden. Aber jetzt bereue ich es, dass ich kein drittes Kind habe, weil ich denke, Kinder sind eine Bereicherung. Später, wenn wir älter werden, fühlen wir uns nicht so alleine. Ich will gar nicht, dass die Kinder uns betreuen, sondern dass sie einfach da sind.

Und welchen Einfluss hat die Politik darauf?

Die Politik muss jetzt sofort handeln, damit die Mieten nicht steigen. Wenn eine Familie drei Kinder haben möchte, braucht sie mindestens eine Vier-Zimmer-Wohnung. Da bezahlt man 1200 Euro aufwärts. Das können sich viele nicht mehr leisten. Wir fühlen uns wohl hier, aber in den letzten zehn Jahren läuft vieles schief. Als wir in den 80er-Jahren herkamen, war das nicht so.


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