Warnschild, Risiko, Gefahr

Ingrid Matthäus-Maier am 28.07.2015

Pro Sterbehilfe – Das Recht auf Selbstbestimmung gilt auch für das eigene Sterben

Die Aussicht auf Sterbehilfe hat eine suizidpräventive Wirkung, meint Ingrid Matthäus-Maier, ehemalige Verwaltungsrichterin und im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung. Sie fordert mehr Vertrauen in die Urteilskraft erwachsener Menschen und glaubt nicht, dass die Sterbehilfe einen "Dammbruch" verursacht.

Ingrid Matthäus-Maier, Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung, ehemalige VerwaltungsrichterinIngrid Matthäus-Maier spricht sich gegen ein Verbot der Sterbehilfe aus (© Ingrid Matthäus-Maier)

Weit mehr als zwei Drittel der Menschen in Deutschland wollen die Möglichkeit haben, bei einer tödlichen Krankheit, bei unerträglichen Schmerzen oder auch bei totaler Abhängigkeit von lebensverlängernden Maschinen ihr Leben selbst zu beenden. Sie wünschen sich, dass ihnen bei dem geplanten Freitod (Suizid) in sachkundiger und menschlicher Weise, möglichst von einem Arzt, geholfen wird. Dieser Wunsch nach "Sterbehilfe" oder "Freitodbegleitung" sollte ihnen aus verfassungsrechtlichen und humanitären Gründen gestattet sein.

Verfassungsrechtliche und humanitäre Gründe



Der Freitod oder auch Suizid ist in Deutschland nicht strafbar. Dementsprechend ist auch die Beihilfe dazu mangels einer Haupttat nicht strafbar. Diese Rechtslage hat nicht nur eine jahrzehntelange Tradition in Deutschland. Sie ergibt sich auch aus dem Grundgesetz in Art. 1 Absatz 1: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Dabei umfasst das in Art. 2 Absatz 1 definierte Recht auf Selbstbestimmung auch das eigene Sterben. Menschen, die sterben wollen, benötigen Fürsorge und Begleitung. Wäre die Beihilfe zum Suizid strafbar, würde das gerade auch die Hilfe von Ärzten erschweren. Mit der von einigen Politikern jetzt geplanten Kriminalisierung der Suizidbegleitung wird derjenige, der sich meist unter persönlich schwierigsten Bedingungen für einen Freitod entscheidet, bewusst alleingelassen. Er wäre gezwungen, diesen Weg dann einsam, ohne letzte Hilfe und deswegen oft mit grausamen Begleiterscheinungen zu gehen – wie beim Sprung vom Hochhaus oder vor einen Zug. Das halte ich für zutiefst inhuman.

Es ist mehr gegenseitiger Respekt notwendig



Von den Kirchen wird eingewandt, der Freitod widerspreche dem christlichen Glauben. Selbstverständlich respektiere ich, dass andere aufgrund ihres Glaubens den Freitod und daher auch eine Freitodbegleitung ablehnen. Dieser Respekt muss aber auch umgekehrt gelten: In einem religiös-weltanschaulich neutralen Staat darf die eigene religiöse Überzeugung nicht anderen aufgezwungen werden – vor allem nicht über den Weg des Strafrechts.

Kritiker der Sterbehilfe argumentieren häufig, dass es doch mittlerweile Palliativstationen und Hospize für diese Menschen gibt. Ich halte sehr viel von der Palliativmedizin. Sie sollte weiter ausgebaut werden. Doch wissen wir, dass es Krankheitsverläufe und damit verbundene Beeinträchtigungen – zum Beispiel bei Knochen-, Gelenk- oder Nervenschmerzen – gibt, die auch durch beste palliative Pflege nicht gut behandelbar sind. Hinzu kommt: Es gibt Patienten, die wollen solche Angebote nicht wahrnehmen, weil sie ihren letzten Lebensabschnitt als unerträglich oder aus ihrer ganz persönlichen Sicht als nicht lebenswert empfinden. Andere mögen das anders sehen. Doch ob das eigene Leben noch lebenswert ist, sollten nur die betroffenen Menschen selbst entscheiden.

Es geht dabei um nicht weniger als Grundrechte



Dabei setzt die Beihilfe zur Selbsttötung immer voraus, dass der Entschluss zur Selbsttötung von einem urteilsfähigen Erwachsenen frei verantwortlich getroffen wird. Wer hingegen Suizidbeihilfe leistet, wenn der Entschluss des Suizidenten aus einer krankhaften Störung entspringt, macht sich schon nach geltendem Recht strafbar. Und das soll auch so bleiben. Nicht urteilsfähige Suizidenten bedürfen keiner Hilfe zur Selbsttötung, sondern fachärztlicher Behandlung.

Dabei geht es nicht nur um Grundrechte der Suizidenten, sondern auch um Grundrechte der Ärzte, die aus Gewissensgründen Suizidhilfe leisten wollen. Nach Meinungsumfragen ist etwa ein Drittel der Ärzte (unter bestimmten Umständen) zu einer solchen Hilfe bereit. Allerdings besteht bei den Ärzten eine große Unsicherheit. Spätestens seit Inkrafttreten des Gesetzes über die Patientenverfügung (2009) ist klar: Dem Willen des Suizidenten kommt, ob schriftlich oder mündlich geäußert, eine entscheidende Bedeutung zu. Auch die neuere Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs vom 25.Juni 2010 (2StR 454/09) misst dem klar geäußerten Willen des Menschen die entscheidende Bedeutung zu: Wenn der Wille eindeutig mündlich oder schriftlich geäußert wurde, kann sich der Arzt auf diese Rechtsprechung verlassen.

Unsicherheit in Bund und Ländern



Allerdings führt die Haltung der Bundesärztekammer zu Unsicherheit. Diese beschloss im Jahr 2011 ein generelles berufsrechtliches Verbot der Sterbehilfe. Der Beschluss hat keine bindende Wirkung. Dazu bedarf es erst der Umsetzung durch die Landesärztekammern. Fast die Hälfte der Landesärztekammern hat die Formulierung nicht übernommen. Ein Zeichen dafür, dass auch viele Ärzte dem rigiden Beschluss der Bundesärztekammer nicht folgen wollen. Sie wollen weiterhin, dass die Sterbehilfe der Gewissensentscheidung des Arztes unterliegt. Das ist auch richtig so, weil ein Totalverbot der ärztlichen Sterbehilfe nicht mit den Grundrechten der Gewissensfreiheit (Art. 4) und Berufsfreiheit (Art. 12) vereinbar ist. Selbstverständlich sind die Ärzte auch in Zukunft nicht dazu verpflichtet, diese Hilfe zu leisten.

Die Gegner der Suizidhilfe argumentieren, es komme ohne eine neue strafrechtliche Regelung zu einem "Dammbruch". Diese Befürchtung findet allerdings in den Erfahrungen anderer Länder keine Grundlage. Diese zeigen im Gegenteil, dass die Gewissheit, bis ans Ende des Lebens Hilfe zu bekommen, beruhigt: Ein Großteil der offiziell erlaubten Suizidhilfen wird überhaupt nicht wahrgenommen, wie die zahlreichen Berichte z.B. aus Oregon zeigen, dem Staat der USA, der eine liberale Sterbehilferegelung eingeführt hat. Die Aussicht auf Sterbehilfe hat sogar eine suizidpräventive Wirkung. Darüber berichtet auch Uwe-Christian Arnold, der bekannteste Sterbehelfer in Deutschland in seinem Buch "Letzte Hilfe". Das Wissen, dass ihnen "notfalls" geholfen wird, führe immer wieder zur Verschiebung oder zum völligen Unterlassen des Suizids.

Alternative Ausland



An Freitod denkende Menschen müssen schließlich die Gewissheit haben, dass sie sich mit ihren Fragen an beratende Organisationen wenden können, und zwar ohne negative Folgen. Wird solchen Organisationen wie der Deutschen Gesellschaft für humanes Sterben oder dem Humanistischen Verband die Hilfsmöglichkeit verwehrt, besteht die Gefahr, dass nur noch Sterbewillige, die über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen, entweder heimlich in Deutschland oder offiziell im Ausland, ärztliche Hilfe beim Freitod erhalten.

Gegenposition - Es gibt kein unwürdiges Leben, sondern nur lebensunwürdige Umstände


Michael Wunder, Ethikrat, Beratungszentrum AlsterdorfMichael Wunder

Ein Gesetz, das organisierte und auf Wiederholung angelegte Suizidbeihilfe erlaubt, kann und darf es niemals geben, meint Michael Wunder, Diplom-Psychologe, Mitglied des Deutschen Ethikrats sowie Autor zahlreicher Beiträge zur Medizin im Nationalsozialismus, Behindertenhilfe und Bioethik. Er fordert ein Verbot – mit wenigen Ausnahmen in Notfällen.

Zum Contra-Beitrag


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Kommentare anderer Nutzer

Elisabeth Schwabe | 05.08.2015 um 13:48 [Antworten]

Sterbehilfe

Selbstbestimmt leben ist Menschenrecht!
Zwänge gibt es leider im Leben dennoch immer wieder, mehr als uns lieb ist.
Geht mein Leben dem Ende zu, muss ich Schmerzen ertragen die mir jegliche Freude am Leben rauben, habe ich keine Aussicht auf Genesung, dann will ich auf jeden Fall selbst bestimmen, ob ich diese Qual jahrelang hinnehme oder vorzeitig Auf- ein-Wiedersehen sagen will!
Meine älteste Schwester lag fünf Jahre im Sterben, konnte ihre Augenlider nicht öffnen, nichts sprechen, nur qualvoll Stöhnen!
Ich vermute, gespart haben die an ihr auch noch mit Schmerzbetäubungsmitteln. Wer was wer die als Rauschmittel verscherbelt hat? So will ich nicht enden!
Meine Familie und jeder der mich kennt, weiß, dass ich meinen Löffel selbst abgebe, wenn das nötig werden sollte!
Ärzten und evtl. Christen soll auf jeden Fall erlaubt werden, den Wunsch des Hilfesuchenden nicht im Wege zu stehen, sondern liebevoll die letzte Ehre zu erweisen. Respekt vor der Selbstentscheidung zu zeigen!

Werner Kraus | 05.08.2015 um 15:52 [Antworten]

Selbstbestimmtes Sterben

Habe meine Mutter mehrere Jahre mit Krebs leiden sehen; sie starb mit 52 Jahren. Mein Vater mit Schlaganfall im Krankenhaus, wollte nicht behandelt werden: Fand einen Arzt der diesem Wunsch entsprach - nach 10 Tagen kam friedvoll der Tod.
Und nun zu mir:
gehöre der Nachkriegs- und 68-Generation an, die für Selbst- und Mitbestimmung in dieser Republik kämpfte. Und zu diesem Leitbild stehe ich auch heute noch insbesondere im Hinblick auf meinen Tod. Ich brauche keine Politiker oder andere Personen, die mir vorschreiben möchten, wie ich mein Leben beende. Ich trete für einen humanen Freitod ein mit Hilfe entsprechender Mittel. Also selbstbestimmtes Lebensende und den Zeitpunkt möchte ich allein bzw. mit meiner Familie bestimmen. Politik respektiere meinen Willen - ansonsten ist euer Gerede vom "mündigen Bürger" nur eine hohle Phrase. Mit besten Grüßen

echterdoc | 07.08.2015 um 13:25 [Antworten]

Sterbehilfe

Egal um welche Gesetze es geht - viele werden die aktuelle Gesetzeslage respektieren und einhalten, aber es wird immer wenige geben, die eine Alternative finden, die für sie "besser" ist. Deshalb ist die Diskussion Leben oder Ableben in ein - wie immer auch gestaltetes - gesetzliches Korsett zwingen zu wollen, meiner Meinung nach auf Müßiggang der Politik und des Journalismus zurückzuführen.
Ich verstehe ja den Reglementierungsdrang von Staaten oder auch der EU zugunsten von mächtigen Wirtschaftszweigen. Wer aber hat etwas davon, ob dem Einzelnen Sterbehilfe auf gesetzliche oder illegale Weise gespendet wird. Oder macht unsere Gesellschaft auch daraus einen lukrativen Wirtschaftszweig?

Wolfgang Klosterhalfen | 11.08.2015 um 11:57 [Antworten]

Es geht um Hilfe, nicht um Beihilfe!

Es ist damit zu rechnen, dass der Bundestag Anfang November beschließen wird, dass die „geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung“ strafrechtlich verboten wird. Das klingt etwas verschraubt und ist es auch. Denn warum verbietet man nicht einfach die „Beihilfe zur Selbsttötung“?

Die Antwort ist: Weil das nicht geht. Denn nach §27 StGB setzt eine Bestrafung wegen Beihilfe eine rechtswidrige Haupttat voraus. Der Suizid ist aber schon seit 1871 nicht mehr rechtswidrig. Wäre er es, bräuchte man kein spezielles Gesetz zum Verbot der „Suizidbeihilfe“.

Warum sprechen dann nicht nur die Befürworter, sondern auch viele Gegner eines Suizidhilfeverbotsgesetzes von „Beihilfe zum Suizid“? Kein Mensch würde von einer Beihilfe zum Umzug oder zum Überqueren der Straße sprechen. Frau Matthäus-Maier habe ich mal so verstanden, dass durch die Bindung an eine Haupttat klar würde, dass die „Beihilfe zum Suizid“ gar nicht strafbar sein könne. Das mag für Juristen gelten, aber nicht für die Mehrheit der Bürger, denen diese Formulierung eine Straftat signalisiert. Ich kann es nicht belegen, aber mein Eindruck ist, dass durch diesen Sprachgebrauch schon seit anno Hackethal und dem Katechismus der Katholischen Kirche 1992, Nr. 2282 ärztliche und andere Suizidhelfer verbal kriminalisiert worden sind und dass das Wirkung hinterlassen hat.

Elisabeth Schwabe | 26.09.2015 um 22:30 [Antworten]

Sterbehilfe

Hallo,
meine älteste Schwester lag 5 Jahre im Sterben. Ihre Augenlider konnte sie nicht mehr öffnen. Ihre Verwandten nicht mehr erkennen. Schmerzen muss sie gelitten haben wir verrückt. ihr Stöhnen war unerträglich! So will ich nicht zum jahrelangen Todeskampf gezwungen werden! So etwa ist teuflisch!
Nach allem was ich nach der Wende mit der Exekutive erlebt habe, vertraue ich ihr nicht mehr! Juristen und Mediziner vertuschen ihren Murks auf Biegen und Brechen, sofern einer Klage erhebt hat er keine Waffengleichheit! Ich bin tieftraurig über Deutsche Zustände.
Es grüßt Sie
Elisabeth Schwabe

Martin Groß | 25.03.2017 um 22:37 [Antworten]

Sterbebegleitung / Freitod

Wenn der Mensch schon nicht gefragt wird ob er leben möchte,
sollte der Mensch das Recht haben über seinen Tod zu bestimmen!


 

Contra

Sterbehilfe – es gibt kein unwürdiges Leben, sondern nur lebensunwürdige Umstände

Ein Gesetz, das organisierte und auf Wiederholung angelegte Suizidbeihilfe erlaubt, kann und darf es niemals geben, meint Michael Wunder, Diplom-Psychologe, Mitglied des Deutschen Ethikrats sowie Autor zahlreicher Beiträge zur Medizin im Nationalsozialismus, Behindertenhilfe und Bioethik. Er fordert ein Verbot – mit wenigen Ausnahmen in Notfällen. Weiter... 

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