Netzdebatte Logo

Kristin Haug am 11.07.2018

Wir dürfen G8 nicht aufgeben

Anstatt die Reform zu reformieren, sollten die Bundesländer den überhastet eingeführten G8-Lehrplan verbessern und in das Konzept der Ganztagsschule integrieren.

Zeit und Geld, das für die Rückkehr zu G9 genutzt wird, können effektiver genutzt werden, sagt Kristin Haug.Zeit und Geld, das für die Rückkehr zu G9 genutzt wird, können effektiver genutzt werden, sagt Kristin Haug. (Not Original by John Jones ) Lizenz: cc by/2.0/de

Die Idee klang gut: Die Schüler/-innen an Gymnasien in Deutschland sollten nach acht Jahren Abitur machen, um jünger auf den Arbeitsmarkt zu kommen. Also wurde in einigen Bundesländern die achtjährige Gymnasialzeit eingeführt (G8).

Doch schon bald wurden kritische Stimmen laut. Eltern monierten, ihre Kinder hätten zu viel Stress in der Schule. Für Hobbys bliebe keine Zeit mehr. Begriffe wie "Turbo-Abitur" und "Bulimie-Lernen" kamen auf. Eltern appellierten an Lehrer/-innen, Schulleiter/-innen und Politiker/-innen, um zur neunjährigen Gymnasialzeit (G9) zurückzukehren. Sie legten Umfragen vor, aus denen hervorging, dass die Mehrheit ebenso denkt. Sie gründeten Initiativen, starteten Online-Petitionen. Und sie wurden gehört – von Politiker/-innen, die um ihre Wiederwahl fürchteten: Niedersachen, Schleswig-Holstein, Bayern, Nordrhein-Westfalen entschlossen sich, die Reform zu reformieren.

Ein großer Fehler! Gymnasiast/-innen in den neuen Bundesländern machen ihr Abitur seit jeher in acht Jahren. Das funktioniert: Der Ländervergleich des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen[1] zeigt, dass Schüler/-innen aus Thüringen und Sachsen nicht schlechter sind als ihre Mitstreiter/-innen in anderen Bundesländern.

Natürlich haben G8-Schüler/-innen in der elften und zwölften Klasse Nachmittagsunterricht und natürlich ist das anstrengend. Aber sie haben trotzdem Zeit für Hobbys oder einen Nebenjob. Sicher sind die Tage voll. Sicher kann es sein, dass sie bis spät in die Nacht lernen müssen oder morgens sehr früh aufstehen, um das Wichtigste kurz vor einem Test oder einer Klassenarbeit noch einmal durchzugehen.

Und auch, wenn sie später merken, dass kurzfristiges Pauken meist gar nicht so viel bringt, haben sie eine Lektion gelernt: sich ihre Zeit gut einzuteilen. Wie wichtig diese Lektion ist, merken sie spätestens an der Hochschule. Dort müssen sie in noch viel kürzerer Zeit, viel mehr Stoff lernen.

Zudem sind G8-Schüler/-innen nicht schlechter auf ein Studium vorbereitet als G9-Schüler/-innen. Das belegt etwa eine Erhebung des Kieler Leibniz-Instituts für Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik im Auftrag der Mercator-Stiftung[2]. Demnach macht es für Schüler/-innen keinen großen Unterschied, ob sie nach acht oder neun Jahren Abitur machen. Zumindest fachlich nicht.

Acht oder neun Jahre bis zum Abitur – für Frauke Hildebrandt, Professorin für frühkindliche Bildungsforschung an der Universität Potsdam, ist das die falsche Frage. Sie hält es für wichtiger, darüber nachzudenken, ob Kinder nicht prinzipiell länger gemeinsam lernen sollten. (© 2018 Bundeszentrale für politische Bildung)

Die vollständige Rückkehr zu G9 in Niedersachen, Bayern, Nordrhein-Westfalen, die Wahlfreiheit in Hessen und ein Sondermodell in Baden-Württemberg macht aus der Bildungslandschaft in Deutschland einen riesigen Flickenteppich, die Abschlüsse lassen sich noch weniger miteinander vergleichen als bisher. Auch Schulwechsel zwischen Bundesländern werden wieder schwieriger.

Doch vor allem für Lehrer/-innen und Schulleiter/-innen ist die Rückkehr zu G9 belastend: Es müssen erneut Lehrpläne erarbeitet und Schulbücher gedruckt werden. Schüler/-innen bleiben wieder ein Jahr länger an den Schulen – und das obwohl Deutschland unter akutem Lehrer/-innenmangel leidet. Schon seit Jahren steigt die Zahl der Abiturient/-innen. Mehr als die Hälfte eines Jahrgangs legt inzwischen die Hochschulreife ab[3]. Tendenz steigend. Wo sollen all diese Schüler/-innen untergebracht werden, wer soll sie unterrichten?

Zeit und Geld, das für die Rückkehr zu G9 verwendet wird, kann effektiver genutzt werden – etwa, um die z.T. völlig überhastet eingeführten G8-Lehrpläne zu optimieren. Schulleiter/-innen und Lehrer/-innen könnten besser ausgebildet werden – auch im Hinblick auf die Digitalisierung des Unterrichts. Sind die Pädagog/-innen gut ausgebildet und motiviert, dann leisten sie auch guten Unterricht. Doch motiviert können sie nur dann sein, wenn sie nicht überfordert sind.

Auch das Konzept der Ganztagsschulen lässt sich gut mit G8 kombinieren: Schüler/-innen könnten nachmittags unterrichtet und bei den Hausaufgaben betreut werden. Gymnasien könnten auch mit Musik- oder Sportvereinen kooperieren, um den Schüler/-innen Freizeitangebote zu ermöglichen. Auch für Eltern, die ihre Teilzeitstellen aufstocken möchten, wären Ganztagsschulen eine große Hilfe.

G9 ist natürlich ein Entgegenkommen an Schüler/-innen, die Lernschwierigkeiten haben. Kritiker/-innen argumentieren, vor allem Jungen seien durch das G8 benachteiligt. Aber diese Schüler/-innen könnten ihr Abitur nach wie vor in neun Jahren – zum Beispiel auf Berufs- oder Stadtteilschulen ablegen. Oder eben eine Klassenstufe wiederholen. Das ist kein Drama, sondern zeigt den Schüler/-innenn ihre Grenzen auf und lehrt sie, dass es im Leben immer eine zweite Chance gibt

G8-Kritiker/-innen argumentieren, Abiturient/-innen seien mit 17 Jahren zu jung, um an die Hochschulen zu gehen. Das ist richtig: Nur wenige 17-Jährige wissen, was sie später werden wollen. Das müssen sie auch nicht. Sie müssen auch nicht direkt nach dem Abitur an die Universität gehen. Viel sinnvoller ist es, das Jahr nach der Schule für andere Dinge zu nutzen. Sie könnten eine Weltreise machen, ein Freiwilliges Soziales Jahr oder Praktika. So können sie herausfinden, welcher Beruf für sie infrage käme. Das bringt ihnen im Zweifel mehr als ein Jahr zusätzlicher Schulunterricht.


Gegenposition

Tafel mit KreideschriftWelche Nachteile hat das Turboabitur für die Schüler/-innen? Lizenz: cc by-sa/2.0/de
G8 hat klare Nachteile
Der G8-Mythos, nach dem Abitur/-innen schneller ins Berufsleben einsteigen, gilt als widerlegt. Das ist jedoch nicht die einzige Schattenseite der Reform, sagt Prof. Jan Marcus von der Universität Hamburg.
Zum Textbeitrag

Fußnoten

1.
https://www.iqb.hu-berlin.de/institut/bt/BT2015/Bericht
2.
https://www.stiftung-mercator.de/de/publikation/chancengleicheit-statt-g8-oder-g9/
3.
http://www.zeit.de/2017/14/schulabschluss-abitur-angestiegen-verfall
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-sa/3.0
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Ihr Kommentar:

(*) Diese Felder sind Pflichtfelder

Ihr Kommentar wird von der Redaktion geprüft und dann freigeschaltet


Kommentare anderer Nutzer

Ano Nym | 09.01.2019 um 19:03 [Antworten]

Oh Gott

Ich bin Schüler, 9.Klasse

Sie schreiben hier, es sei kein Drama eine Stufe zu wiederholen. Als ich diesen Satz gelesen habe, bin ich wütend geworden. So wüten, dass ich aufstehen musste, um mich zu beruhigen. Es ist sehr wohl ein Drama. Alle deine Freunde sind eine Stufe weiter, sind in getrennten Räumen, man verliert viel Ansehen... Die Liste lässt sich weit fortsetzen.
Natürlich haben G8-Schüler/-innen in der elften und zwölften Klasse Nachmittagsunterricht und natürlich ist das anstrengend. Aber sie haben trotzdem Zeit für Hobbys oder einen Nebenjob. Sicher sind die Tage voll. Sicher kann es sein, dass sie bis spät in die Nacht lernen müssen oder morgens sehr früh aufstehen, um das Wichtigste kurz vor einem Test oder einer Klassenarbeit noch einmal durchzugehen. Aha. Das ist so in Ordnung.
Nein. Ist es nicht! Zu wenig Schlaf ist ungesund, das TÖTET. Stress TÖTET. Schüler haben Zeit für einen Nebenjob oder ein Hobby, aber sie kennen den Schulalltag nicht. Bei uns haben am Morgen 10% die Hausaufgaben. Der Rest schreibt ab.
Ich habe seitens vieler Schüler bereits gehört, dass sie Suizidgedanken haben/hatten. An unserer Schule gab es zwei Suizide seit der g8. Einen mit lautem Meduenecho, und einen, der nach Wochen irgendwie durchgesickert ist. Sie verteidigen G8? Sie nehmen den Tod von Menschen in Kauf.
In der Schule fühlen sich viele nicht gut. Dabei ist es die Pflicht des Staates, dafür zu sorgen, dass es seinen Bürgern gut geht. Uns Schülern geht es nicht gut. Das hat einen Fachbegriff. Staatsversagen.
Gymnasiast/-innen in den neuen Bundesländern machen ihr Abitur seit jeher in acht Jahren. Das funktioniert: Der Ländervergleich des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen zeigt, dass Schüler/-innen aus Thüringen und Sachsen nicht schlechter sind als ihre Mitstreiter/-innen in anderen Bundesländern.
Schön. Das heißt, dass uns die G9 nicht schlechter macht. Darüber hinaus hätten wir mehr Spass am Leben.

Sie haben ihr Abitur in neun Jahren gemacht. Sie gehen nicht mehr in die Schule. Ihnen sind die Gefühle der Jugendlichen komplett egal!

Viel sinnvoller ist es, das Jahr nach der Schule für andere Dinge zu nutzen. Sie könnten eine Weltreise machen, ein Freiwilliges Soziales Jahr oder Praktika. So können sie herausfinden, welcher Beruf für sie infrage käme. Wir sollen gestresst werden, gequält, ind warum? Damit wir ein Jahr ausgeben können, das den meisten gar nichts bringt. Verstehen sie den Widerspruch?
Und selbst, wenn man das Schulsystem ändert: Die Schüler kriegen das nicht mehr mit, und bleiben geschädigt.

Gehen sie an eine Schule und halten sie ihnen diesen Vortrag. Sie bräuchten Polizeischutz. Die Schüler würden sie hassen, und sie wissen warum. Menschen hassen es, wenn über ihre Köpfe hinweg entschieden wird.
Abschließend lässt sich nur noch eine Frage stellen:
Warum dürfen die Schüler nicht entscheiden?


netzdebatte.bpb.de in Social Media

Debatte

Bedingungsloses Grundeinkommen

Was wäre, wenn jede_r von uns jeden Monat vom Staat einen festen Betrag aufs Konto überwiesen bekäme - ohne etwas dafür tun zu müssen? Das ist, vereinfacht gesagt, die Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE). Die Idee ist kontrovers, denn sie kratz an einigen elementaren Fragen: Ist der Mensch von Natur aus faul oder fleißig? Wie sehr vertrauen wir unseren Mitmenschen wirklich? Was ist der eigentliche Sinn von Arbeit? Woran misst sich eigentlich der Wert von Arbeit?

Mehr lesen

Debatte

Robotersteuer

Machen uns Roboter in Zukunft überflüssig? Oder schaffen sie neue Freiräume? Gewiss ist, dass die Automatisierung der Arbeit, aktuell unter dem Schlagwort Industrie 4.0, unsere Arbeitswelt verändern wird. Wie Politik, Gesellschaft und Wirtschaft darauf reagieren, ist allerdings noch offen. Diskutiert wird im Zuge dessen auch über die Einführung einer sogenannten Robotersteuer, die die befürchteten negativen sozialen Effekte abmildern soll. Wir haben zwei Experten zum Thema, um ihre Einschätzung gebeten.

Mehr lesen