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Geschichte erinnern - Gegenwart gestalten. Festvortrag von Thomas Krüger zum Abschluss des 9. Diplomatenkollegs am 24. Juni 2014 in Berlin

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Geschichte erinnern - Gegenwart gestalten. Festvortrag von Thomas Krüger zum Abschluss des 9. Diplomatenkollegs am 24. Juni 2014 in Berlin

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Meine sehr verehrten Damen und Herren,

vielen Dank für die Einladung und die Gelegenheit, in diesem festlichen Rahmen zu Ihnen zu sprechen. Ich möchte mit Ihnen über den Umgang mit Zeitgeschichte in der politischen Bildung nachdenken – eine Kernaufgabe meines Hauses, der Bundeszentrale für politische Bildung.
Die bpb muss sich grundsätzlich zu zeithistorischen Jahrestagen verhalten. Dies wird von unseren Nutzenden und vom politisch-medialen Umfeld zu Recht erwartet. In den Jahren 2014 und 2015 etwa standen und stehen zahlreiche Geschichtsjubiläen verschiedener bedeutsamer Daten der neueren und neuesten deutschen und europäischen Geschichte an: 100 Jahre Beginn des Ersten, 75 Jahre Beginn des Zweiten Weltkriegs, 70. Jahrestag des Attentats auf Hitler, 70 Jahre Befreiung Auschwitz/Kriegsende, 25 Jahre Mauerfall (2014), 25 Jahre Deutsche Einheit (2015) oder auch 50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen dem Staat Israel und der Bundesrepublik Deutschland.

Das große öffentliche Interesse an zeitgeschichtlichen Themen zeigt: Es ist offenbar eine grundlegende Neujustierung der historischen Erinnerung in Deutschland im Gang. Das Gedenken an den Ersten Weltkrieg wird nicht mehr von dem an den Zweiten Weltkrieg überdeckt. In der Wissenschaft, aber auch in der Medienöffentlichkeit und vielleicht bereits im Bewusstsein unserer Zielgruppen wird Zeitgeschichte neu periodisiert. So gilt die Zeit von 1914 bis 1945 als „Zeitalter der Weltkriege“; die Zeit von 1945 bis 1990 wird als „Periode der Zweistaatlichkeit“ in Deutschland rezipiert; die Zeit seit 1990 wird ebenfalls bereits historisiert, etwa als „Berliner Republik“.

Politischer Bildung kommt die Aufgabe zu, Geschichtsschreibung zu dekonstruieren, als etwas Menschengemachtes und von der Jetztzeit Bestimmtes zu präsentieren. Denn politische Bildung betreibt keine Geschichtspolitik, sondern dekonstruiert sie. Erinnerungs- und Geschichtspolitik zu durchschauen und die Bürgerinnen und Bürger für die Gefahren des Missbrauchs zu sensibilisieren, ist zentraler Teil historischen Lernens in der politischen Bildung. Mit Geschichte wird Politik gemacht, sie wird zur Legitimierung von Macht eingesetzt. In pluralistischen Gesellschaften sind öffentliche Diskussionen und Kontroversen um die Deutung von Geschichte Teil einer lebendigen Demokratie.

Was meine ich mit „Dekonstruktion“ von Geschichte? Auf dem Umschlag des im vorvergangenen Jahr erschienenen Heftes unserer „Informationen zur politischen Bildung“, „Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft“, sehen Sie Arbeiter der Hamburger Werft Blohm & Voss beim Stapellauf des Marineschulschiffes „Horst Wessel“ am 13. Juni 1936. Adolf Hitler und seine Paladine waren angereist, und als das Schiff zu Wasser gelassen und die Nationalhymne gespielt wurde, erhoben alle den Arm zum „deutschen Gruß“ - alle bis auf einen. Man muss sehr genau hinschauen, um ihn auf dem historischen Foto zu entdecken. Es ist nicht restlos geklärt, um wen es sich handelt; die Forschung bietet zwei „Stille Helden“ an. Es könnte sich um einen gewissen August Landmesser handeln, der seine jüdische Verlobte Irma Eckler wegen der Nürnberger Rassengesetze nicht heiraten durfte; oder aber um Gustav Wegert, ein Schlosser auf der Werft, der als gläubiger Christ den sogenannten „Hitler-Gruß“ verweigerte. Sie sehen hier, was mit Bildanalyse, mit genauem Hinsehen möglich ist: die Dekonstruktion von Geschichtsbildern, das Aufzeigen von Handlungsalternativen, denn keine politische Maßnahme ist wirklich alternativlos, und das, was wir als Geschichte wahrnehmen, ist immer etwas „Gemachtes“, etwas im Nachhinein Konstruiertes. Diese Erkenntnis ist historisches Lernen in der politischen Bildung, wie wir sie verstehen.

Doch dazu gehört eben auch: Das Wissen um Entstehung, Geschichte, Rezeption, Funktion und Wirkung dieses und anderer Bilder ist zur grundlegenden Voraussetzung für den Erwerb von Medienkompetenz im globalen Zeitalter geworden. Ungeprüfte Übernahme führt oftmals zum Kurzschluss: „sehen statt denken“, video ergo sum, Bilder statt Fakten oder Emotion statt Information. Eine aktuelle Gelegenheit zur öffentlichen De-Konstruktion von Geschichte zur Beförderung des historischen Lernens in der politischen Bildung bietet die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Er war ein globaler Krieg, die Erinnerung ist jedoch bis heute weitgehend national geprägt. In Großbritannien und allen Ländern des früheren Empires beispielsweise steht an jedem 11. November um 11 Uhr das öffentliche Leben still. Während einer Schweigeminute wird an die Gefallenen gedacht – heute übrigens an die Gefallenen aller kriegsteilnehmenden Nationen. Fast jeder Erwachsene trägt dort in der Remembrance Week die Poppy, die Mohnblume aus Papier am Revers, die an das Blut der getöteten Soldaten nicht nur in „Flanders Fields“ erinnern soll. Wie in Großbritannien gilt der Erste Weltkrieg in vielen Ländern bis heute als „Der Große Krieg“ und zeigt im kollektiven Gedächtnis, in Ausprägungen des nationalen Selbstverständnisses sowie in Form von Gedenktagen und Mahnmalen starke Resonanz. Doch dies ist nicht überall in Europa und der Welt der Fall: Während der Zweite Weltkrieg und der Holocaust in der deutschen Erinnerungskultur aus nachvollziehbaren Gründen unvergleichlich weiteren Raum einnehmen, hat der Erste Weltkrieg in den Nachbarländern, aber auch in den USA, in Australien und Neuseeland eine wesentlich größere Bedeutung. Diese Diskrepanz in der Erinnerung und Deutung eines weltumspannenden historischen Ereignisses wird in diesen Tagen deutlich, wenn sich das Attentat von Sarajewo zum 100. Mal jährt.

Bilder von Schlachtfeldern und Schützengräben haben sich ins kollektive Gedächtnis der Nationen eingeprägt. Während Briten und Franzosen von „The Great War“ und „La Grande Guerre“ sprechen, hat der Erste Weltkrieg in der Erinnerungskultur Deutschlands kaum eine Rolle gespielt. Der Erste Weltkrieg stand bislang im Schatten des Zweiten und des Nationalsozialismus. Aber dies scheint sich gerade zu verändern. Der Erste Weltkrieg hat in Deutschland wohl noch nie so viel Aufmerksamkeit erhalten wie in den vergangenen Wochen. Literatur zum Ersten Weltkrieg findet sich in den Bestsellerlisten, und das umfängliche – natürlich vorzügliche! - Angebot der Bundeszentrale für politische Bildung, das wir im Print- wie im Multimediabereich vorhalten, findet eine derart große Nachfrage, dass wir selbst überrascht sind.

Ist dieser 100 Jahrestag nur ein Medienhype? Oder steckt mehr hinter Quote und Auflagen? „Europe 14/14“, ein HistoryCampus anlässlich 100 Jahre Beginn des Ersten Weltkrieges, den wir in Partnerschaft u.a. mit der Robert Bosch Stiftung vor sechs Wochen mit 400 jungen Menschen aus 40 Ländern Europas hier in Berlin veranstalteten, belegte das große und nachhaltige Interesse vieler junger Menschen an den Ursachen, Verlauf, Nachwirkungen sowie der Rezeption und Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Europa. Das ist eine große Gelegenheit für die zeithistorische politische Bildung, die wir auch weiterhin sehr gerne nutzen – nicht als „Retro-Veranstaltung“, sondern als Möglichkeit, nach vorne, ins Hier und Jetzt zu schauen.

Dabei geht es immer auch um aktuelle politische Fragen, um das Leben in Europa hier und heute. Die Finanzkrise und der sich täglich verschärfende Konflikt in der Ukraine fordern uns heraus, und es stellt sich die Frage: Wie gehen wir mit neuen und alten Interessenkonflikten in der Europäischen Union um? Trägt die Gründungserzählung der EU noch, Frieden und Kooperation nach dem „Zeitalter der Weltkriege“ zu garantieren? Und wie lassen sich Kriege vermeiden? Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat vor kurzem die Ukraine-Krise als „schwerste in Europa seit dem Ende des Kalten Krieges“ bezeichnet. Und weiter: „Wenn wir nicht achtgeben, droht die Rückabwicklung des zivilisatorischen Fortschritts, den wir nach der Auflösung des Ost-West-Konfliktes erleben durften. Dass sieben Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg Grenzen korrigiert werden, ist, glaube ich, in seinen politischen Konsequenzen noch gar nicht zu übersehen.“ Seit 70 Jahren herrscht weitgehend Frieden in Europa. Haben wir nicht alle geglaubt, dass Grenzen immer durchlässiger, ja unwichtiger werden? Für die junge Generation lag ein Krieg in Europa als Teil der globalisierten Welt lange fern jeder Vorstellung. Doch auch 1914 war die Welt bereits „globalisiert“. Der internationale Handel blühte, Baumwolle kam aus Indien, Kaffee aus Zentralamerika, das Kaiserreich war ein multiethnisches Gebilde, die Adelshäuser feierten grenzübergreifende Familienfeiern, eine selbstbewusste Arbeiterschaft beschwor internationale Solidarität. Wie kam es trotz der mannigfaltigen, geradezu transnationalen Beziehungen zu einem furchtbaren Krieg, der über vier Jahre dauerte und Millionen Opfer forderte? Schlitterten die gekrönten Häupter und die Regierungschefs in den Krieg? „Schlafwandelten“ sie gar?

Am Abend des 3. August 1914 blickte der britische Außenminister Edward Grey aus seinem Büro auf den Londoner St. James Park, in dem gerade die Laternen angezündet wurden, und sagte: „In ganz Europa gehen die Lichter aus, wir werden es nicht mehr erleben, dass sie angezündet werden". Die meisten der politisch Verantwortlichen in den Hauptstädten ahnten den Krieg, er war nicht geplant, aber er war vielen willkommen und galt als legitimes Mittel der Politik.
Heute ist dies in Europa nicht mehr der Fall, aber die aktuellen Ereignisse in Europa, die angespannte Situation in der Ukraine, die vielfältigen Erscheinungen von Re-Nationalisierung und Desintegration machen deutlich, wie schnell ein Konflikt eskalieren kann, wie fragil Frieden, Demokratie sind. Sie sind nicht selbstverständlich. Lange, sehr lange haben wir alle geglaubt, dass es in einem prosperierenden Europa gänzlich unwichtig sei, ob Spanier in Italien, ob Ungarn in Rumänien, ob Russen in der Ukraine leben. Das war ganz offensichtlich ein böser Trugschluss. Wir wollen, wir müssen zurück schauen. Wir brauchen die Vergangenheit. Nur wer sie ergründet und begreift, hinterfragt und erinnert, bekommt damit das Werkzeug, die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft bewusst zu gestalten. Wie weit geht der Interpretationsspielraum beim Umgang mit der Vergangenheit? Wo fängt die Geschichtsklitterung oder die Lüge an? Bis wohin ist es legitim, Geschichte zu „gebrauchen“, wie weit darf Geschichtspolitik zumal staatliche, gehen? Was sind Bewertungsmaßstäbe, nach denen wir die Qualität und den Wahrheitsgehalt von historischen Darstellungen messen?

Zwei Beispiele sollen illustrieren, was ich meine. Erstens: Wir alle kennen die Berichte und Bilder vom Jubel beim Verkünden der Nachricht vom Kriegsbeginn oder von den lachend ins Feld ziehenden Soldaten. Doch gab es 1914 wirklich eine derart verbreitete Kriegsbegeisterung? Oder handelt es sich um ein Konstrukt der nationalen, rechtfertigenden Geschichtsschreibung? Schaut man in eher ländlich geprägte Regionen, so war von Kriegsbegeisterung nicht viel zu spüren. Die Erntezeit stand bevor, und da wurde jede Hand gebraucht. Für die Metropolen dagegen ist es sicher nicht verfehlt, von einer „Erweckung“ durch das „Augusterlebnis“ zu sprechen, als insbesondere städtisch geprägte, junge Männer von der Oberschulbank oder von den Universitäten geradezu an die Front drängten. Bevor die Blätter braun werden, seid ihr wieder daheim, versprachen Kaiser und Heeresleitung den Freiwilligen. Uns allen stehen die Kreideslogans auf den Eisenbahnwaggons vor Augen, die „Menschenmaterial“ zu den Fronten brachten.

Und doch handelt es sich bei der Beschwörung des „Augusterlebnisses“ auch um eine kulturelle und historiografische Inszenierung. Es gab auch sehr verbreitet: Angst. Und bisher kaum beachtet und erforscht sind die Massenkundgebungen und -versammlungen gegen den Krieg, die vor allem die Sozialdemokratie noch Tage vor dem eigentlichen „Ausbruch“ des Krieges auf die Straße brachte. Ein zweites Beispiel: Wir müssen konstatieren, dass viele bewegte und unbewegte Bilder des Ersten Weltkriegs lügen. Der Medienwissenschaftler Rainer Rother, lange Jahre Leiter der Kinemathek des Deutschen Historischen Museums, mit dem wir gerade ein Lesebuch zum Ersten Weltkrieg komponiert haben, wies uns darauf hin, dass die meisten Bild- und Filmdokumente des Kriegs, die zurzeit auf uns einstürzen, gestellt oder nachgestellt sind – das Grauen des Schützengrabens also quasi aus zweiter Hand. Es war mit der damaligen technischen Ausstattung viel zu gefährlich, tatsächlich in die Schützengräben an der Front zu gehen. Viele „knopp-authentische“ Filmschnipsel entstammen tatsächlich Spielfilmen oder Dokumentationen, die in den 1920er und 1930er Jahren entstanden.

Politische Bildung leitet dazu an, derartige „Originaldokumente“ auf ihre Authentizität hin zu überprüfen. Das geht nur mit dem Blick zurück. Doch wir dürfen bei diesem Blick zurück nicht stehen bleiben: Es geht nicht allein um die historische Aufarbeitung der „Urkatastrophe“ und ihrer weitreichenden Folgen. Es geht es in der historisch-politischen Bildung darum, die – oft grausame – Geschichte zu thematisieren, Zusammenhänge zu begreifen und zu verstehen, dass Geschichte nicht „einfach passiert“, oder wie ein Schicksal über uns hereinbricht. Hinter der Geschichte stehen immer Akteure und Entscheidungen. Durch die Einbeziehung verschiedener Handlungsperspektiven wird eine differenzierte Auseinandersetzung möglich und eröffnet Fragen nach alternativen Handlungsoptionen – wie es Herfried Münkler in seinem jüngsten Werk „Der Große Krieg. Die Welt 1914-1918“ so exzellent erörtert hat. Wie haben die Menschen reagiert? Wie haben Verantwortliche gehandelt, wurden Handlungsoptionen genutzt? Die Perspektiverweiterung verdeutlicht, dass die Rollen nicht eindeutig festgelegt sind. Moralisch eindeutige Urteile werden so deutlich schwieriger, wenn nicht unmöglich. „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte“, meinte Marx im „18. Brumaire des Louis Bonaparte“, „aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.“ Diesen Alp aufzuspüren und für das Heute in produktives „Nie wieder“ zu verhandeln, ist ein primäres Ziel politischer Bildung, wie wir sie in der Bundeszentrale verstehen. Besonders bedeutend finde ich diesen Ansatz in der Arbeit mit jungen Menschen. Hier bin ich wie Theodor W. Adorno zutiefst davon überzeugt, dass es unsere Aufgabe ist, Jugendliche und junge Erwachsene zur Mündigkeit erziehen, ihnen die „Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen“ zu geben.

Bei unserem HistoryCampus etwa eröffnete sich dazu eine einmalige Möglichkeit: 400 junge Menschen aus 40 verschiedenen Ländern Europas kamen im Mai in Berlin zusammen, um sich auf unterschiedlichste Arten mit dem Ersten Weltkrieg auseinanderzusetzen. Jugendlichen und jungen Erwachsenen sollte die Gelegenheit gegeben werden, ihren eigenen Bezug und ihre eigenen Fragen zur Geschichte und Europa heute zu entwickeln. Ziel war es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Europa zu erkennen und darüber einen Dialog zu führen. Bei allen Veranstaltungen sollte es nicht bei einem rückwärtsgewandten Blick bleiben, vielmehr soll der Erste Weltkrieg als „Folie“ dienen, um sich über Trennendes und Gemeinsames in Europas Geschichte und Gegenwart auszutauschen. Daneben formulierten die jungen Europäer Antworten auf die Frage, was dieser Teil der Geschichte für sie persönlich und für ihre Generation in Europa bedeutet. So wurden nationale Perspektiven aufgebrochen und zu einer transnationalen Sicht erweitert und um bislang ungehörte Stimmen ergänzt.

Die Notwendigkeit, dass wir die Geschichte aus den verschiedensten Blickwinkeln begreifen lernen, um gemeinsam eine friedliche Zukunft zu gestalten, ist heute überaus aktuell. Frieden ist keine Selbstverständlichkeit, er ist kein Grundzustand, auf dem man sich ausruhen kann. Frieden wird immer wieder herausgefordert und bedroht. Das haben wir auch in Europa, in einer Union zur Bewahrung des friedlichen Miteinanders, in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder schmerzhaft zu spüren bekommen. Seien es die Balkankriege der 1990er Jahre oder der aktuelle Konflikt in der Ukraine – Frieden besteht nicht von allein, er muss mühsam erarbeitet und aktiv erhalten werden. Diese Erkenntnis ist elementar für die Zukunft Europas als gemeinsamer Friedensraum. Darum hat jeder von uns die Verantwortung, zu lernen, wie Frieden erhalten werden kann – und einer der besten Lehrmeister ist die Geschichte. Sie lehrt uns begangene Fehler zu begreifen und diese nicht zu wiederholen. Wir können sehr wohl aus der Geschichte lernen.

Als Veranstalter des HistoryCampus verfolgten wir den Ansatz, historisches Lernen mit gegenwartsorientierten Fragen zu verbinden, um Hinweise für das eigene Denken und Handeln ableiten zu können. Wo junge Menschen gemeinsam lernen, eigene Fragen stellen und selbstbestimmt handeln können, realisiert sich „Erziehung zur Mündigkeit“ in der historisch-politischen Bildung. Das muss indes angesichts des nahenden Endes der Zeitzeugenschaft der Weltkriege geschehen. Am 1. Januar 2008 starb der letzte deutsche Veteran des Ersten Weltkrieges mit 107 Jahren in Pulheim bei Köln. Heute ist es nicht mehr möglich, Beteiligte nach ihren Erfahrungen und Erinnerungen zu fragen. Zum Ersten Weltkrieg können Schülerinnen und Schüler und Studierende keine Zeitzeugen mehr einladen, sie haben keinen direkten emotionalen Bezug zu diesem Krieg, und auch das mittelbare Familiengedächtnis verblasst. Und welche Auswirkungen werden das bevorstehende Ende der unmittelbaren Zeitzeugenschaft des Zweiten Weltkrieges und des Nationalsozialismus auf die Geschichtsvermittlung sowie das Gedenken und Erinnern haben? Gibt es auch „Vorteile“? Gibt es neue, vor allem digitale, Möglichkeiten, „unbefangener“ mit Geschichte umzugehen? Und welche Bildungskonzepte zum Einsatz von Zeitzeugen und Zeugnissen brauchen wir?

Im wachsenden zeitlichen Abstand steckt eine große Chance, so beklagenswert das Schwinden von unmittelbaren Zeitzeuginnen und –zeugen ist. Unsere heutige Generation kann souveräner über die Geschichte urteilen und es wird deutlich, dass Geschichte komplex und eben nie schwarzweiß ist, sondern viele Schattierungen von „Grau“ bietet. Diese Erfahrung kann uns helfen zu verstehen, warum Menschen handelten, wie sie handelten. Und wir können sie ermächtigen, ihre Interessen zu erkennen und die öffentlichen Dinge mitzugestalten.
Hinzu kommt ein wichtiges Weiteres: Heute leben rund fünfzehn Millionen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Deutschland. Dies ist fast ein Fünftel der Bevölkerung in unserem Land. Die Auseinandersetzung mit Geschichte schafft Identität und hat damit Einfluss auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dabei geht es nicht um eine Vereinheitlichung des Geschichtsbezuges, sondern um einen reflektierten Umgang mit Geschichte, der plurale Geschichtsbilder zulässt.

Die Debatten um die historische Erinnerung werden zunehmend aus europäischer und internationaler Perspektive diskutiert, daher muss sich politische Bildung um einen intensiveren internationalen Austausch um Gedenkkulturen und Bildungskonzepte bemühen. Die Perspektiverweiterung, Geschichte weniger nationalgeschichtlich zu erzählen, ist für die Vermittlung und das historische Lernen in einer sich stets in produktiver Veränderung begriffenen Migrationsgesellschaft von zentraler Bedeutung.
Geschichte erinnern – Gegenwart gestalten: Historische Jahres- und Gedenktage bieten dazu Gelegenheit. Und die beschriebene Dekonstruktion von Geschichtsbildern vermittelt wichtige Impulse zum Empowerment der Zivilgesellschaft. Das Vermächtnis des „Stillen Helden“ auf der Hamburger Werft im Juni 1936 sollte uns auch heute, gut 78 Jahre später, elektrisieren.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


- Es gilt das gesprochene Wort -

Fussnoten