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Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage | Presse | bpb.de

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Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage

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Grußwort von Thomas Krüger im Rahmen des Bundeskongresses "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" am 14. September 2022 in Berlin

(C) Wolfgang Borrs

Sehr geehrte Frau Kleff, sehr geehrter Herr Seidel, meine sehr geehrten Damen und Herren,

wir leben in einer Zeit der Krisen. Eine dieser Krisen hat die viele Jahre stattfindende Reihe an Bundeskongressen unterbrochen, umso mehr freut es mich, dass wir uns heute alle wiedersehen.

Der diesjährige Titel „Die bewegte Republik. Politische Bildung mit jungen Menschen in Zeiten globaler Krisen“ rückt etwas Entscheidendes in den Mittelpunkt: Die aktuellen Problemlagen stellt nicht nur unsere Gesellschaft als Ganzes vor bislang ungeahnte Herausforderungen, sondern wirken auch direkt in Schulen als gesellschaftliche Institution, als Orte des Lernens und der Demokratie hinein. Die junge Generation wird heute unter ganz spezifischen epochalen Krisenbedingungen groß. Das prägt ihre Perspektiven, ihr Engagement und auch ihre Bedarfe mit Blick auf Politische Bildung.

Das bundesweite Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ hat einen wichtigen Anteil daran, dass kontroverse gesellschaftspolitische Debatten ihren Weg in die Schulen finden. Und nicht nur das, sie werden hier im Sinne einer demokratischen Kultur eingeordnet, weitergeführt und vertieft. Die Haltungen, die auf diese Weise gefördert werden, entfalten ihre Wirkung letztlich auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Und das nun seit mehr als 25 Jahren. Nicht zuletzt Veranstaltungen wie die heutige dokumentieren die bundesweite Strahlkraft Ihres Netzwerkes. Für Ihren unermüdlichen Einsatz, für Ihre Beharrlichkeit in der Sache, und nicht zuletzt für Ihre Courage, haben Sie, meine Damen und Herren, die dieses Netzwerk nun schon seit langer Zeit prägen, meine Anerkennung und meinen ausdrücklichen Dank!

Wir blicken dieser Tage auf globale Krisen, die unmittelbaren Einfluss auf unser aller Leben haben und deren langfristige Auswirkungen mitunter noch gar nicht hinlänglich erfasst werden können:

Seit zweieinhalb Jahren begleitet uns nun schon die Covid-19-Pandemie. Schulen waren von den politischen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus in einem besonderen Maß betroffen. Die Abkehr von der Präsenzpflicht, hastig gestrickte digitale Unterrichtskonzepte, die Debatten um Maskenpflicht im Unterricht oder der schulische Umgang mit Verschwörungserzählungen sind nur einige der hierbei vielfach diskutierten Themen. Die amtierende Bundesbildungsministerin Stark-Watzinger äußerte sich jüngst öffentlich, dass Kinder und Jugendliche durch die Pandemie besonders belastet worden seien und dass das kommende Schuljahr „normal“ werden müsse. Das wünschen wir uns, die hier anwesenden Lehrerinnen und Lehrer, die Vertretungen aus den Regional- und Landeskoordinationen und alle anderen Beteiligten des Netzwerks sicher alle.

Seit mehr als sechs Monaten leidet die ukrainische Bevölkerung nun schon unter dem russischen Angriffskrieg auf ihr Territorium, der am 24. Februar dieses Jahres seinen schrecklichen Anfang nahm. Der Bundeskanzler konstatierte im Bundestag eine „Zeitenwende“ für die deutsche Sicherheitspolitik. Demnach zerbricht die europäische Friedensordnung mit dem russischen Einmarsch auf ukrainisches Staatsgebiet. Deutschland und Europa finden sich in einem neuen Zeitalter wieder, in dem aus einer zuvor relativ abstrakten militärischen Bedrohung eine konkrete und reale geworden ist. Jenseits von sicherheitspolitischen Überlegungen rücken hierzulande zunehmend auch die energiepolitischen Konsequenzen des Krieges in den Fokus. Die Gasknappheit und die direkten Auswirkungen auf das Leben der Bürgerinnen und Bürger sowie auf Industrie und Wirtschaft zeichnen für die bevorstehende kalte Jahreszeit ein wahrlich düsteres Bild.

Und auch wenn es angesichts der Allgegenwärtigkeit der Informationen über den Krieg der letzten Monate in den Hintergrund gerückt sein mag, die Dürren in ganz Deutschland führen es uns drastisch vor Augen: Die Klimakrise bedroht uns und vor allem die zukünftigen Generationen. Ausgetrocknete Flussbetten, Waldbrände und Überflutungen sind Ereignisse, die es in Deutschland nicht erst seit wenigen Jahren gibt. In dieser Vehemenz aber hat der Klimawandel uns nie ereilt. Der Blick in die europäischen Nachbarstaaten lässt erahnen, was noch auf uns zukommen kann – von der globalen Perspektive ganz zu schweigen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler liefern uns schon jetzt die dazugehörigen Daten und Prognosen, all den Leugnungen des Rechtspopulismus, der Verschwörungsideologen und der Rechtsextremen zum Trotz. Die Menschen merken, dass dieses Thema sie ganz konkret betrifft. Dies zeigt sich allen voran an jungen Menschen, die mit großer Sorge und teils auch Angst auf die prognostizierten klimatischen Bedingungen zum Ende dieses Jahrhunderts blicken, das sie – im Gegensatz zu älteren Kohorten – noch erleben werden. Dies führt zu Protesten (nicht nur) der jungen Generation und die Forderungen nach Klimagerechtigkeit werden lauter. Schule ist auch hier ein Ort der Auseinandersetzung. Von Schülerinnen und Schülern getragen, formt sich eine Protestkultur, die wiederum in die Schulen zurückwirkt und entsprechende Debatten anstößt, zu denen sich Schule als demokratischer Ort verhalten muss.

Die von mir gerade skizzierten Krisen – Pandemie, Krieg und Klima – tangieren allesamt auch Fragen der Gerechtigkeit. Wie können Lernrückstände von Schülerinnen und Schülern effektiv aufgeholt werden? Verlieren wir das Ziel der Bildungsgerechtigkeit aus den Augen? Welche Möglichkeiten bestehen, um die gestiegenen Energiekosten gerecht zu verteilen? Und wie blicken wir eigentlich auf Szenarien zur Wasserversorgung in zehn, zwanzig Jahren? Nachbarländer wie Frankreich zeigen uns schon heute, dass dies kein abstraktes Thema ist, wenn es um Fragen der Gerechtigkeit geht. Die Politikwissenschaftlerin Tamara Ehs hielt im vergangenen Jahr in einem Beitrag zum Thema Demokratie in unsicheren Zeiten fest, dass die Pandemie keineswegs die große „Gleichmacherin“ war, für die sie zunächst gehalten wurde, sondern stattdessen die Ungleichheiten innerhalb der Gesellschaft aufzeigte. Der Autorin nach sei das gleiche Recht auf gesellschaftliche Teilhabe nicht nur formal zu verstehen, vielmehr müssten die Voraussetzungen zur Partizipation gleich verteilt sein. Wenn die sozio-ökonomische Ungleichheit hingegen nicht abgebaut werde, verringere sich die Zufriedenheit mit der Demokratie und es drohe eine Polarisierung der Gesellschaft.

Ist unsere Demokratie also in Gefahr? Nun, Polarisierung ist zunächst nicht per se schlecht und keine direkte Gefahr für die Demokratie. Zwei oder mehrere politische Pole können Ausdruck einer wünschenswerten Unterscheidung von politischen Positionen sein, die um die Gunst der Bürgerinnen und Bürger werben und sie zur Beteiligung am politischen Prozess anregen. Deutschland ist auch nicht in dem Sinne polarisiert, dass es zwei etwa gleich große verfeindete politische Lager gäbe. Das demokratische Spektrum überragt das undemokratische um Längen und hinsichtlich der parlamentarischen Koalitionsfähigkeit gab es seit dem Zweiten Weltkrieg nie eine höhere Flexibilität. Dennoch bieten die derzeitigen Krisen Anlass zur Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Denn neben der pandemischen Situation befeuern auch die anderen Krisen sozio-ökonomische Ungleichheiten weiter – denken wir nur an die Inflation, die steigenden Energiepreise und die Aussicht auf sinkende Haushaltseinkommen. 47 Prozent der Befragten des ARD-Deutschland-Trend im Juni 2022 gaben etwa an, „starke“ oder „sehr starke“ Einschränkungen wegen der aktuellen Preissteigerungen machen zu müssen; bei den Menschen mit einem monatlichen Nettoeinkommen unter 1.500 Euro waren es 77 Prozent der Befragten. Diese Erhebungen geben uns einen Eindruck von den Bedingungen und Problemen, mit denen sich insbesondere auch junge Menschen auseinandersetzen müssen. Die Autorin Franca Parianen findet hierfür in ihrem kürzlich erschienenen Essay „Teilen und Haben“ klare Worte: „Ungleichheit gefährdet unseren Lebensraum, unsere Gesundheit und unsere Demokratie, und wir müssen etwas dagegen tun. Schnell.

Was aber kann politische Bildung, was kann das Netzwerk in einer solchen Zeit der multiplen Krisen leisten? Denn eines ist sicher: Diese Krisen werden auch die Ideologien der Ungleichwertigkeit verstärken. Schon jetzt schicken sich Rechtsextreme und Verschwörungsideologen an, zu verkünden, wer „die wahren Schuldigen“ an diesen Krisen sind. Das ist der Liberalismus, das sind jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger, das sind Migrantinnen und Migranten. Rassismus, Antisemitismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bleiben eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die gerade in der Auseinandersetzung mit Krisen unsere besondere Aufmerksamkeit braucht. Kurzfristige Erfolge in der Entgegnung dieser Ideologien sind dabei keine Lösung. Das Ziel kann immer nur sein, langfristig Wirkung zu entfalten. Denn politische Bildung hat die Aufgabe, demokratische und menschenrechtsorientierte Werte und Haltungen in einer pluralistischen Gesellschaft nachhaltig zu fördern. Politische Bildung ist nicht als Extremismusprävention zu verstehen, die Defizite behebt. Vielmehr sind kontinuierliche Bildungsangebote notwendig, die die Gleichwertigkeit aller Menschen in den Fokus rückt. Mit Blick auf die krisenhafte Gegenwart stellt sich die Frage, wie die politische Bildung einen professionellen, didaktischen Umgang mit den Widersprüchen und Herausforderungen unserer Zeit erlangen kann. Wie muss sich die politische Bildung und wie muss sich das Netzwerk auf diese Krisen, auf diese neuen Bedrohungen der Gleichwertigkeit aller einstellen? Wie kann ein offener Diskurs über Unsicherheiten, Probleme und Risiken sowie ein ausgewogener Umgang mit diesen gelingen? Wie können Kinder und Jugendliche bei der Bewältigung von Krisenerfahrungen und Einordnung der Kontexte bestmöglich begleitet werden? Diesen Fragen müssen wir uns als politische Bildnerinnen und Bildner stellen. Und diese Fragen werden auch auf das Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ zukommen. Ich bin mir sicher, dass diese und weitere Fragen im Laufe dieses zweitägigen Bundeskongresses Eingang in Beiträge und Diskussionen finden werden.

Entscheidend ist dabei auch, welche Erwartungen junge Menschen eigentlich an Demokratiebildungsprojekte haben – anders gesagt, welche Erwartungen haben junge Menschen an uns? Das Kompetenznetzwerk „Demokratiebildung im Jugendalter“, in dem bekanntermaßen auch „Schule ohne Rassismus“ mitwirkt, ging dieser Frage in einer 2021 veröffentlichten Studie nach. Zu den zentralen Erkenntnissen gehört, dass junge Menschen Demokratiebildung entscheidend mitgestalten und dass sie hierin ermächtigt, motiviert und unterstützt werden sollten. Wenn Projekte in die Lebenswelten von jungen Menschen eingebettet sind, wenn sie Gestaltungsspielräume ermöglichen und Jugendliche eigene Fragestellungen entwickeln können, dann nehmen sie sich als selbstwirksam wahr. Auf den Punkt gebracht: Junge Menschen wollen von uns wahr- und ernstgenommen werden. Gerade jetzt. Ich bin der Überzeugung, dass wirkungsvolle politische Bildung in der Schule eng mit Partizipationsmöglichkeiten für Schülerinnen und Schüler verbunden sein muss. Nur so fühlen sich die nachfolgenden Generationen wertgeschätzt. Wenn Mitgestaltung direkt erfahrbar wird und nicht allein abstrakt bleibt, kann Demokratiebildung ihre volle Wirkung entfalten.

Meine Damen und Herren, liebe Frau Kleff, lieber Herr Seidel, die Frage nach adäquater politischer Bildung mit jungen Menschen in Zeiten globaler Krisen ist gewiss keine einfache. Als Gesellschaft erwarten uns morgen Herausforderungen, die heute mitunter noch gar nicht absehbar sind. Diese Krisen werden uns noch viele Jahre beschäftigen – darauf sollten wir uns einstellen. Und das betrifft auch und gerade die politische Bildung und dieses Netzwerk. Möge der diesjährige Bundeskongress von „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ uns deshalb hier im Umweltforum zusammenbringen, um in den Dialog zu treten über die pädagogische, politisch-bildnerische Bearbeitung dieser Krisen, um Fragen zu diskutieren und erste Antworten zu finden. Möge er Zeit für persönliche Begegnungen und produktive Diskussionen bereithalten und Ihnen, meine Damen und Herren, Inspiration und Impulse für Ihre wichtige Arbeit liefern!

Ich danke Ihnen.

Fussnoten

Fußnoten

  1. www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.corona-pandemie-bildungsministerin-naechstes-schuljahr-muss-normal-werden.5ab0c8b6-b69d-4831-a1c4-14c23fd3cff9.html

  2. www.deutschlandundeuropa.de/81_21/politik_gesellschaft_corona.pdf

  3. https://www.tagesschau.de/dtrend-755.pdf

  4. Parianen, Franca: Teilen und Haben. Warum wir zusammenhalten müssen, aber nicht wollen, Bonn, 2022

  5. https://www.openion.de/files/Redaktion/News_und_Events/Begleitstudie/Abschlussbericht_Zur%20Erhellung%20des%20vermuteten%20Raums.pdf

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