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am 16.09.2019

Risiken und Nebenwirkungen der Digitalisierung

Von Manfred Spitzer
Manfred Spitzer ist ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, Hochschulprofessor sowie AutorManfred Spitzer ist ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, Hochschulprofessor sowie Autor (© privat)

Digitale Informationstechnik (IT) verursacht Kurzsichtigkeit, Angst, Depression, Aufmerksamkeitsstörungen, Schlafstörungen, Bewegungsmangel, Übergewicht, Haltungsschäden, Diabetes, Bluthochdruck, Sucht (Internetsucht, Spielsucht, Smartphone-Sucht, aber auch mehr Alkohol- und Tabak-Konsum) und ein erhöhtes Risikoverhalten beim Geschlechts- und Straßenverkehr: Geosocial Networking, darunter Dating-Apps mit Standortangaben, fördert Gelegenheitssex und damit auch die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten; Smartphones haben bei jüngeren Verkehrsteilnehmern den Alkohol als Unfallursache Nummer 1 abgelöst.

Digitale Medien lenken die Aufmerksamkeit ab, schaden dem Lernen und bewirken eine geringere Bildung, wie Studien aus vielen Ländern der Welt zeigen. Unabhängige Studien, die das Gegenteil zeigen, gibt es nicht. Weiterhin gilt: Je ungebildeter ein Mensch ist, desto mehr schadet ihm digitale Informationstechnik. Daher schaden Computer an Schulen auch vor allem den schwächeren Schülern. Soziale Online-Medien erzeugen nachweislich soziale Unzufriedenheit und Depressivität, wie internationale Studien zeigen. Zudem haben sie ungünstige Auswirkungen auf die Gesellschaft, wie die folgenden Beispiele zeigen.

(1) YouTube hat mit etwa 1,5 Milliarden Nutzern und einer Milliarde Stunden Betrachtung durch die Menschheit weltweit täglich das Fernsehen als Leitmedium abgelöst. Im Gegensatz zum Fernsehen, wo wir uns anschauen, was wir wollen, werden aber etwa 80% der auf YouTube geschauten Inhalte von dessen Recommendation-Algorithmus vorgeschlagen. Damit wir besonders lange am Bildschirm kleben bleiben (die gezeigte Werbung ist das Geschäftsmodell!), werden uns automatisch immer radikalere Videos gezeigt: Man beginnt bei "Joggen" und landet wenige Videos später bei "Ultramarathon"; oder man beginnt mit "vegetarisch" und trifft sehr bald auf "vegan". Insbesondere bei politischen Inhalten wurde die Tendenz zur Radikalisierung sehr deutlich. Damit sehen sich weltweit 1,5 Milliarden Menschen für mehr als eine Milliarde Stunden Videos an, deren Inhalte automatisch radikaler sind als die Ansichten der Betrachter dieser Videos.

(2) Twitter hat eine weitere ungewollte und zugleich unvermeidliche Auswirkung: Falsche Nachrichten werden schneller, weiter und tiefer verbreitet als wahre Nachrichten, wie eine im Fachblatt Science publizierte Auswertung von 126000 Twitter-Nachrichten, die von 3 Millionen Nutzern insgesamt 4,5 Millionen Mal weitergeleitet wurden, ergab.

(3) Facebook untergräbt systematisch unsere Privatsphäre und spioniert uns aus. Mit nur 9 Facebook-Likes kann man die Persönlichkeit eines Menschen etwa so gut vorhersagen wie wenn man sein Arbeitskollege wäre, mit 65 Likes ist man in der Einschätzung so gut wie ein Freund, mit 125 Likes so gut wie Vater, Mutter, Bruder oder Schwester. Mit den 225 Likes, die Facebook-Nutzer im Durchschnitt abgegeben haben, ist jeder, der diese Daten auswerten kann, so gut wie der Partner!

All diese Erkenntnisse verblieben leider nicht im Bereich der Wissenschaft, sondern wurden ganz "praktisch" umgesetzt, um damit Geld zu verdienen. Wenn Sie nichts bezahlen, dann sind sie nicht der Kunde, sondern das verkaufte Produkt, d.h. das Internet und alle seine "Segnungen" sind nicht umsonst! Wir bezahlen vielmehr alle mit unserer Lebenszeit und mit einer Verschlechterung unserer Gesundheit, unserer Bildung und Lebensbedingungen, und verhelfen damit den ohnehin schon reichsten Firmen der Welt – Apple, Google, Amazon, Microsoft und Facebook – zu noch mehr Reichtum.

Müssen wir die Geschäftsgrundlage der genannten Firmen wirklich mit Steuergeldern (z.B. für den Breitbandausbau) weiter öffentlich fördern? Kann eine Gesellschaft auf der Grundlage automatischer und systematischer Spionage, Unwahrheit und Radikalisierung überhaupt nachhaltig existieren?

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Kommentare anderer Nutzer

Anna Jatta | 20.09.2019 um 04:22 [Antworten]

Digitalisierung

Die Digitalisierung ist sowohl positiv als auch negativ zu sehen
Ich persönlich stehe diesem kritisch gegenüber. Sie sorgt für Unsicherheit und Angst, beim Arbeitsplatzverlust oder der Überwachung. Kinder kommen gezwungenermaßen schon früh mit der Digitalen Welt in Kontakt. Die neuartige Kommunikation, der Austausch, der Zugang zu Wissen und Bildung und der vereinfachte Alltag sind positiv.

Viviane Turhan | 20.09.2019 um 04:24 [Antworten]

Digitalisierung

Die Digitalisierung: Das Zeitalter der neuen Generation und der Stärkung der Demokratie?. Die Technologie von heute gibt uns das Potential für das Ausleben der Meinungsfreiheit und der Weiterentwicklung der Menschheit durch Aufklärung. Jedoch wird dies nicht richtig genutzt. Meiner Meinung nach geht es nicht mehr um die Frage ob die Digitalisierung richtig ist, sondern wie wir sie richtig nutzen müssen.

Lisa Keil | 20.09.2019 um 04:27 [Antworten]

Digitalisierung

Digitale Informationstechnik bringt negative und positive Seiten mit sich, aber man sollte sich im Klaren sein, dass man selbst die Kontrolle über seine eigene Nutzung digitaler Medien hat. Für mich hat es bisher überwiegend positive Aspekte gehabt, da mir gewisse Seiten und YouTube-Videos schon viel mit einigem Schulstoff weitergeholfen haben.

Jeremias Kasapoglu | 20.09.2019 um 04:29 [Antworten]

Digitalisierung

Die Digitalisierung erleichtert uns nicht nur den Alltag, sondern auch unseren Job auf unserer Arbeitsstelle. Zudem kann mithilfe der Digitalisierung die Umwelt geschützt werden, indem statt Briefe per Post, Emails über das Internet zu verschicken. Oder statt Plakate in der Schule, PowerPoint Präsentationen zu erstellen.

Kontra:
Allerdings darf man nicht vergessen, dass Computer zuerst hergestellt werden müssen, damit wir zu diesen Erleichterungen kommen und zum Umweltschutz beitragen. Denn laut Rüdiger Kühr, einer der Autoren der Untersuchung werden pro Computer-Herstellung 240kg an fossilen Brennstoffen z.B. Silizium, Blei oder Aluminium benötigt.

Viktoriya Sydorenko | 20.09.2019 um 09:40 [Antworten]

Digitalisierung

Ich könnte mir eine Welt ohne Social Media und digitalen Techniken nicht mehr vorstellen. Was würden wir nur tun, wenn wir unsere Liebsten nicht mehr in Sekunden per WhatsApp erreichen könnten? Die Nutzung von Smartphones kann süchtig machen und wirkt sehr ablenkend besonders, wenn man sich vom Lernen drücken will. Ich bin gespannt, wie die Digitalisierung unsere Welt zukünftig verändern wird.

Jakob Reiter | 23.09.2019 um 15:53 [Antworten]

Keine Diskussionsgrundlage

Wow, das ist inhaltlich ein echtes Armutszeugnis für die bpd. Liest sich wie ein sinnlos aneinandergereihte Quellensammlung, die jedem Erstsemester um die Ohren gehauen würde, und ist total einseitig.

Darf bald auch Bernd Höcke hier publizieren?


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