RAF Fahndungsplakat

20.8.2007 | Von:
Dr. Wolfgang Kraushaar

Das Ende der RAF

Zum Schluss heißt es in derselben Rhetorik fortfahrend: "Wir denken an alle, die überall auf der Welt im Kampf gegen Herrschaft und für Befreiung gestorben sind. Die Ziele, für die sie sich einsetzten, sind die Ziele von heute und morgen – bis alle Verhältnisse umgeworfen sind, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. Ihr Tod ist schmerzlich, aber niemals umsonst. Sie leben in den Kämpfen und der Befreiung der Zukunft weiter. Wir werden die GenossInnen der palästinensischen PFLP nie vergessen, die im Herbst 1977 in internationaler Solidarität beim Versuch, die politischen Gefangenen zu befreien, ihr Leben ließen."

Mit anderen Worten: Jene palästinensischen Terroristen, die die Lufthansa-Maschine mit den Mallorca-Urlaubern an Bord entführt hatten, waren nun doch nichts anderes als Märtyrer, die letztlich für eine gute Sache gestorben sind. Im christlichen Kulturraum ist der Märtyrer, wie der Historiker Manfred Hettling einmal betont hat, eine Konkretisierung des Opfers, das die Zuversicht, ja Sicherheit auf eine zukünftige Erlösung einschließt: "Während das Opfer mehr die Bereitschaft zur Hingabe zum Ausdruck bringt, ist im Begriff des Märtyrers sowohl die gegenwärtige Niederlage als auch die Gewißheit der künftigen Heilsgewinnung enthalten." Dieses transzendente Moment in der Figur derjenigen, die bereit sind, sich im Kampf selbst zu opfern, ist damit jedenfalls von jenen in Anspruch genommen worden, die die RAF beerdigt haben.

Die Auflösungserklärung endet schließlich mit der Auflistung jener 26 Namen, die im Laufe der 28 Jahre andauernden Existenz ihrer Organisation als RAF-Angehörige ihr Leben verloren haben, ohne jedoch irgendein Wort über die von ihr selbst verursachten Opfer zu verlieren. Zuletzt folgt ein trotzig zitierter Ausspruch Rosa Luxemburgs, der bereits wie ein utopisches Motto über ihrem eigenen, tragisch geendeten Leben gestanden hatte: "Die Revolution sagt: ich war, ich bin, ich werde sein!"

Rosa Luxemburg wollte mit diesem Satz auf die Niederlage ihrer eigenen revolutionären Bewegung reagieren. Nach der Niederschlagung des Spartakus-Aufstandes hatten die Sozialdemokraten Friedrich Ebert und Gustav Noske erklärt, dass nun in Berlin diese Ordnung wieder hergestellt sei. Luxemburg hielt ihnen in einem letzten, am Abend vor ihrer Ermordung verfassten Artikel entgegen, dass ihre Ordnung in Wirklichkeit auf Sand gebaut sei. Nach ihrem Tod wurde die Zeile "Ich war, ich bin, ich werde sein" unter Kommunisten zu einer Art Vermächtnis. Sie sollte mit dem Verweis, dass die Revolution auch weiterhin eine historische Notwendigkeit sei, in aussichtslos erscheinenden Situationen – wie beispielsweise der NS-Zeit– Zuversicht bieten und Trost spenden.

In diesen durch die Ikone der undogmatischen Linken gestifteten, seit Jahrzehnten von Parteigängern des Kommunismus strapazierten und durch dessen Totalitarismus beschädigten und in sich gebrochenen Traditionszusammenhang klinkt sich die RAF bedenkenlos ein. Indem sie ihr eigenes Ende in dem Rosa Luxemburgs spiegelt, versucht sie zum Schluss deren moralisch unbestechlichen Ruf zu okkupieren und sich damit noch einmal mythisch zu erhöhen. Mit dieser Verlautbarung hat sich die RAF selbst ein Denkmal zu setzen versucht. Die Sätze sind von einem unerträglichen Pathos der Selbstgerechtigkeit getragen und wirken petrifiziert, fast wie in Stein gehauen.

Nirgendwo sonst ist das manichäische, existenziell aufgeladene Weltbild der RAF so deutlich hervorgetreten wie in ihrem Opferverständnis. Dem Kult um die eigenen Opfer, der unablässigen Heroisierung ihrer zu Tode gekommenen Aktivisten, wurde die Verachtung der fremden Opfer und ihre weitgehende Tabuisierung entgegengesetzt. Ein ehemaliges RAF-Mitglied, Klaus Jünschke, ein RAF-Mann der ersten Generation, kommentierte die Erklärung in einem Interview ernüchtert mit den Worten: "Das alte Tabu – kein Wort über die Opfer – wird nicht gebrochen."

Die strikte Selektivität der Opferwahrnehmung hörte also auch nach der Einstellung des bewaffneten Kampfes keineswegs auf. Das extreme Missverhältnis zwischen Fremdopfer und Selbstopfer dürfte zudem grundlegend dafür gewesen sein, dass sich innerhalb der deutschen Linken der Mythos RAF über so viele Jahre hat erhalten und ein derartiges Echo hat erzeugen können.


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