"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Wirtschaft und Gesellschaft unterm Hakenkreuz

Rolle der Frauen

Auch in der nationalsozialistischen Frauenpolitik gab es den tiefen Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die NS-Führer und Ideologen waren frauenpolitisch extreme Traditionalisten und überdies voller sozialdarwinistischer Vorurteile. Sie förderten die traditionellen Verhaltensmuster, nach denen Frauen sich auf Familie, Kinder und Haushalt zu konzentrieren hätten. Dazu gehörte auch ein energisches Einschreiten gegen die weibliche Erwerbsarbeit. Hinzu kamen spezifische Elemente der nationalsozialistischen Ideologie: Die ideologiebewußte Frau habe sich dem selbstlosen Dienst für Volk und Regime unterzuordnen. "Du gehörst dem Führer", lautete die Parole. Gewollte Kinderlosigkeit galt als eine Art "Fahnenflucht", schrieb man doch der Frau dann die Verantwortung für den angeblich "drohenden Volkstod" zu. Doch bald wurden die Spannungen zwischen der Ideologie und den Anforderungen der Wirtschaft, die im Zeichen der Rüstungskonjunktur zunehmend Arbeitsplätze benötigte, immer größer. Das von den Wirtschaftsbürokratien geforderte Instrument einer allgemeinen Frauendienstpflicht wurde jedoch auch im Krieg nicht überall umgesetzt. Dagegen standen die genannten ideologischen Voreingenommenheiten und die Sorge um eine allzu große Belastung der Familien durch den Krieg, die durch eine allgemeine Frauenarbeit nicht noch erhöht werden sollten.

Trotz verschiedener familien- und arbeitsmarktpolitischer Gesetzgebungsmaßnahmen gelang es den Nationalsozialisten jedoch nicht, den säkularen Trend zur Ein- oder Zweikinder-Familie und zu einer zunehmenden Frauenerwerbstätigkeit zu stoppen oder umzudrehen. Die Steigerung der Geburtenrate von 14,7 pro 1000 Einwohner im Jahre 1932 auf 18,6 im Jahre 1936 hatte keine familienpolitischen oder ideologischen Gründe, sondern vor allem wirtschaftliche. Es bestand ein gewisser Nachholbedarf im Bereich der Familienplanung seit der schweren ökonomischen Depression, der nun im Zeichen des Wirtschaftsaufschwunges zur Geltung kam. Auch kam es entgegen allen Versprechungen nicht zu einer Verringerung der Frauenerwerbstätigkeit, sondern im Zeichen der Hochkonjunktur zu einer Steigerung um 1,3 Millionen zwischen 1933 und 1939. Die Zahl der weiblichen Beschäftigten stieg von etwa 4,6 Millionen 1932 auf 4,75 Millionen im Jahre 1933 und betrug 1934 5,5 Millionen. Das war trotz der Ehestandsdarlehen, die den Ausstieg aus dem Erwerbsleben fördern sollten, eine Steigerung von knapp zehn Prozent. Tatsächlich war dieser Anstieg auf den vermehrten Einsatz von unqualifizierten weiblichen Arbeitskräften zurückzuführen, die als Billiglohnarbeiterinnen besonders begehrt waren. Dagegen war in qualifizierten Berufsgruppen der Trend gegenläufig. Das zeigt auch die Statistik: Während bei weiblichen Selbständigen und Beamtinnen in den genannten Jahren ein Rückgang um 14 Prozent bzw. 5,5 Prozent zu verzeichnen war, vergrößerte sich der Anteil der Industriearbeiterinnen in derselben Zeit um über 20 Prozent, der Haushaltshilfen um 7,4 Prozent, der weiblichen Angestellten um 18,9 Prozent. Ein deutlicher Rückgang von Frauenbeschäftigung trat vor allem in den akademischen Berufen ein, nachdem Akademikerinnen per Gesetz aus ihren Berufen verdrängt bzw. am Studium gehindert wurden. Frauen durften überdies erst nach dem 35. Lebensjahr verbeamtet werden. Sie durften weder Richterinnen noch Anwältinnen werden.

Mit dem kriegsbedingten wachsenden Arbeitskräftebedarf wurde das Beschäftigungsverbot für Ehefrauen aufgehoben und das weibliche Pflichtjahr in Haus- und Landwirtschaft im Jahre 1938 eingeführt. Die "totale Mobilmachung" für Frauen blieb aus. Nur ledige Frauen wurden im Krieg dienstverpflichtet. Es gab jedoch weiterhin über 5,4 Millionen nicht erwerbstätige, aber erwerbsfähige verheiratete Frauen ohne Kinder. Die Zahl der erwerbstätigen Frauen nahm nach Kriegsbeginn zunächst sogar ab und erreichte erst 1942 wieder den Vorkriegsstand. Das war in der hohen Unterstützungsleistung für die Angehörigen der Soldaten begründet. Der wachsende Bedarf an Arbeitskräften wurde überdies durch millionenfach zwangsverpflichtete ausländische Arbeitskräfte, sogenannte Fremdarbeiter gedeckt. Auch die sozialen Trennlinien wurden bei der Frauenarbeit trotz des schließlich verstärkten Kriegseinsatzes eingehalten: Die Dienstverpflichtung traf vor allem Frauen aus dem Arbeiter- und Angestelltenmilieu, was zu einer wachsenden öffentlichen Kritik an der Privilegierung der bürgerlichen Frauen führte. Nach der Wende des Krieges 1943 wurden nur etwa 900000 Frauen zusätzlich zur Arbeit verpflichtet. Aufgrund des Männermangels ließ man in den Hochschulen Frauen wieder verstärkt zum Studium zu, ebenso wie sie auch im Schulbereich nun als Lückenbüßerinnen dienen durften.

Frauen aus höheren sozialen Schichten wurden nicht selten von der allgemeinen Dienstverpflichtung freigestellt. Die Ressentiments gegen diesen Personenkreis, der sich durch Scheinarbeitsverhältnisse, Atteste und gute Beziehungen Vergünstigungen verschaffte, nahmen bei den weniger Priviliegierten zu. Auch die verstärkten Kampagnen der nationalsozialistischen Frauenorganisationen gegen diese Zwei-Klassen-Behandlung führten allenfalls zu der resignierten Feststellung, daß die nationalsozialistische Frauenpolitik wenig Einfluß in NS-Partei und -Staat hatte.

Trotz ihrer 3,3 Millionen Mitglieder im Jahre 1939 blieben die NS-Frauenorganisationen unter der "Reichsführerin" Gertrud Scholtz-Klink, die an der Spitze der "Nationalsozialistischen Frauenschaft" sowie des "Deutschen Frauenwerkes" stand, ein kleines Häuflein von Ideologinnen, deren Kompetenz auf soziale Betreuung und Propaganda beschränkt blieb. Das lag in dem grundsätzlichen Widerspruch zwischen dem traditionellen Frauenbild begründet, das vom Nationalsozialismus vertreten wurde, und den auch für eine Frauenorganisation geltenden Mobilisierungs- und Organisationsgesetzen, wollte sie sich politisch-organisatorisch behaupten. Denn es war kaum miteinander vereinbar, daß nach der NS-Ideologie einerseits die eigentliche Berufung von Frauen in der Erziehung von Kindern und im Haushalt lag, daß andererseits aber die eigene Frauenorganisation öffentlich und politisch wirksam werden sollte. Hinzu kamen die schweren Belastungen für die Frauen bei der Bewältigung der alltäglichen häuslichen und familiären Probleme und Sorgen während des Krieges, die kaum Raum für politische und soziale Aktivitäten ließen. Schließlich erwuchs noch ein weiterer Widerspruch aus einer bürgerlichen Sexualmoral als Grundmuster der Familienpolitik und des sozialen Verhaltens einerseits und dem vor allem in der SS propagierten rassistischen NS-Züchtungsdenken andererseits, das zwischen ehelicher und nicht-ehelicher Mutterschaft keinen Unterschied mehr machte.

Die nationalsozialistische Frauenpolitik zeigt noch einmal die ganze Widersprüchlichkeit der nationalsozialistischen Gesellschaftspolitik: den Widerspruch zwischen der Propaganda von der Volksgemeinschaft und dem Fortbestand sozialer Barrieren und Ungleichheit; den Widerspruch zwischen bürgerlich-traditionellen Leitbildern und rassistischen Ideologien; schließlich den Widerspruch zwischen den frauenpolitischen Vorurteilen bzw. Vorgaben und der sich verändernden sozialen Wirklichkeit. Denn nicht nur die Tatsache der politisch-organisatorischen Aktivitäten von Repräsentantinnen der NS-Frauenorganisation war allen ideologischen Aussagen zum Trotz ein kleines Stück sozialer und öffentlicher Existenzerweiterung und Mobilität. Auch die Kriegswirtschaft und der Zusammenbruch brachten entgegen den ideologischen Prämissen des Regimes vor allem im Bereich von Dienstleistungsberufen, in denen Frauen immer unentbehrlicher wurden, ein weiteres Stück von sozialer Mobilität. Das gilt trotz der Tatsache, daß viele der Frauen Arbeit und Anerkennung nur als Lückenbüßerinnen fanden und daß sie zunächst nur auf Zeit diese sozialen Rollen übernehmen konnten.

Das heißt aber nicht, daß die eindeutig rückwärtsgewandten frauen- und familienpolitischen Maßnahmen des Regimes, die einen Rückschritt für die Frauen bedeuteten, übersehen werden können. Das novellierte Ehe- und Scheidungsrecht, das 1938 eine eindeutige Verschlechterung des Rechtsstatus der Frau bedeutete, ist nur ein Beispiel unter vielen für die rechtliche Entmündigung und tatsächliche Schlechterstellung der Frauen. Hier kamen traditionelle Verhaltensmuster und Vorurteile, die die Rolle des Mannes stärken sollten, zusammen mit bevölkerungspolitischen Ideologien des Regimes, die zutiefst menschenverachtend und von einem rassistischen Materialismus geprägt waren.
Auszug aus:
Informationen zur politischen Bildung (Heft 266) - Wirtschaft und Gesellschaft unterm Hakenkreuz