"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

11.4.2005 | Von:
Prof. Dr. Wolfgang Benz

Infrastruktur und Gesellschaft im zerstörten Deutschland

Gesellschaftsprobleme

Die Gesellschaft der Nachkriegszeit war nicht nur durch den Verlust von Werten charakterisiert, an die man kurz zuvor noch geglaubt hatte. Die Eliten des Hitler-Staates hatten Selbstmord begangen, waren geflohen, saßen im Gefängnis oder im Internierungslager. Im Straßenbild der Dörfer und Städte waren, neben Zerstörungen, die Kriegsversehrten ebenso ein gewohnter Anblick wie Frauen, die bei der Beseitigung von Trümmern wie in der Verwaltung, im öffentlichen Leben und in Betrieben die Stellen von Männern eingenommen hatten. Dies alles fiel niemandem mehr auf.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs befanden sich mehr als acht Millionen Deutsche als Kriegsgefangene im Gewahrsam der Siegermächte. Im ersten Jahr nach Kriegsende wurden fünf Millionen von ihnen entlassen. Neben zahlreichen Todesopfern gab es außerdem eine große Anzahl von Vermissten, deren Verbleib nicht mehr geklärt werden konnte. Weit über 1,5 Millionen solcher Schicksale ehemaliger Wehrmachtsangehöriger verzeichneten die Statistiken. 1950 sprach man von 1,3 Millionen Vermissten im Osten und 100 000 Vermissten im Westen, der Suchdienst des Roten Kreuzes hat 1,086 Millionen deutsche Soldaten schließlich für tot erklärt. Hinter den Zahlen stehen die Schicksale zerstörter Familien, das Leid von Kriegerwitwen und Kriegswaisen.

Zum Kriegsgefangenenproblem gehörte auch die Verständigung der Alliierten darüber, dass ein Teil der deutschen Kriegsgefangenen zum Wiederaufbau und zur Wiedergutmachung angerichteten Schadens eingesetzt werden sollte. Aufgrund dieser Verabredung übergaben Amerikaner und Briten etwa eine Million Gefangene an Frankreich. In Lagern der Sowjetunion wurden deutsche Kriegsgefangene bis 1956 als Arbeitskräfte festgehalten.

Integration der Flüchtlinge

Das größte Problem war der Strom der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge, der sich aus den abgetrennten Ostgebieten und aus Ost-Mitteleuropa in das verkleinerte und vierfach geteilte Deutschland ergoss. Ende Oktober 1946 wurden in den vier Besatzungszonen über 9,6 Millionen Heimatvertriebene gezählt. Die britische Zone hatte am 1. April 1947 einen Bevölkerungszuwachs von 3,67 Millionen (oder 18 Prozent) gegenüber 19,8 Millionen Einwohnern im Jahre 1939 zu verzeichnen. Die Einwohnerzahl der US-Zone vergrößerte sich um 3,25 Millionen (23 Prozent), die der sowjetischen Zone um 3,16 Millionen (16 Prozent). Die französische Zone nahm dagegen nur wenige Flüchtlinge widerwillig auf. Bei der Volkszählung im September 1950 hatte sich die Zahl der Einwohner dennoch um mehr als zwei Millionen erhöht. Die Gesamtbilanz nennt schließlich über 16 Millionen Menschen, die nach dem Ende der NS-Herrschaft das Schicksal von Flucht und Vertreibung traf und die in der Bundesrepublik sowie in der DDR eine neue Heimat fanden. Den größten Anteil mussten die Agrarländer Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern tragen, weil dort die Ernährung und Unterbringung eher möglich waren als in den Industriegebieten. Aber auch in Nordrhein-Westfalen gehörten von 100 Einwohnern 13 in die Kategorie der "Entwurzelten", wie Vertriebene, Flüchtlinge und Evakuierte amtlich genannt wurden.

Zunächst wurden sie als Fremde, als Störende des häuslichen Friedens, als unerwünschte arme Leute mit ungewohnten Sitten und Gebräuchen empfunden. Die Einheimischen ließen die Vertriebenen das Fremdsein spüren. Und die sozialen Probleme schienen kaum lösbar. Die Vertriebenen suchten Wohnung und Arbeit, Entschädigung für erlittene Verluste und Unterstützung in existenzieller Not. Die Besatzungsbehörden erwarteten die möglichst reibungslose Integration der neuen Bürgerinnen und Bürger. Sie untersagten ihnen deshalb den Zusammenschluss in eigenen politischen Organisationen und veranlassten die zuständigen Länderregierungen zum Erlass von Sozialgesetzen zugunsten der "Flüchtlinge".

Die Integration der Vertriebenen und Flüchtlinge ist als eine der großen gesellschaftlichen Leistungen Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg anzusehen. Als ein mögliches Indiz für die weit gehende Eingliederung der Vertriebenen in ihre neue Heimat ist vielfach der allmähliche relative Bedeutungsverlust angesehen worden, den im Laufe der historischen Entwicklung der Bundesrepublik die Interessenverbände der Vertriebenen und die 1949 (nach dem Ende des Lizenzzwanges) gegründete Flüchtlingspartei "Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten" (BHE) erfuhren.

Das war noch nicht absehbar gewesen, als im August 1950 "im Bewusstsein ihrer Verantwortung vor Gott und den Menschen" die Sprecher der Landsmannschaften und die Spitzen der Vertriebenenverbände die "Charta der deutschen Heimatvertriebenen" formulierten. In der Stuttgarter Kundgebung, bei der die Charta unter feierlichem Verzicht auf Rache und Vergeltung verkündet wurde, war auch das "Recht auf die Heimat als eines der von Gott geschenkten Grundrechte der Menschheit" postuliert worden.

Die Integrationsleistung der Sowjetischen Besatzungszone stand den Anstrengungen und dem Erfolg der Flüchtlings- und Vertriebenenpolitik in den Westzonen nicht wesentlich nach. Freilich bestand dort ein Teil der Lösung auch in der Tabuisierung des Problems, denn es war grundsätzlich und ausschließlich nur von "Umsiedlern" die Rede und landsmannschaftliche Zusammenschlüsse wie in den Westzonen waren erst gar nicht erlaubt.

Entwicklung in der SBZ

Die sowjetische Besatzungszone (SBZ) nahm frühzeitig eine Entwicklung, die sich von den Westzonen unterschied. Das begann mit der Reparationspolitik der sowjetischen Besatzungsmacht, die unmittelbar nach Kriegsende mit Beutezügen und Demontagen einsetzte. Allein in Sachsen wurden bis Mitte 1948 etwa 1000 Betriebe demontiert und dabei 250 000 Maschinen abtransportiert. Bis März 1947 waren in der Ostzone 11 800 Kilometer Schienen abgebaut worden. Das Eisenbahnsystem verlor mit entsprechenden Wirkungen auf die Transportleistung fast überall das zweite Gleis. Auch die Entnahmen aus der laufenden Produktion waren ungleich höher als in den Westzonen. Lieferungen aus der Ostzone im Wert von sieben Milliarden US-Dollar während der ganzen Besatzungszeit standen lediglich 0,13 Milliarden aus den drei Westzonen gegenüber. Der Wert der Demontagen belief sich im Osten auf 2,6 Milliarden Dollar, im Westen auf 0,6 Milliarden.

Auch auf anderen Gebieten wurden in der SBZ die Weichen frühzeitig anders gestellt als im Westen. Die sowjetische Besatzungsmacht entwickelte auf ihrem Territorium neue soziale und politische Strukturen und wollte eine "neue Gesellschaft" formieren. Das hieß zunächst "antifaschistisch-demokratische Umwälzung" und zielte auf eine "Revolution der gesellschaftlichen und politischen Zustände", ein Prozess, der schließlich als "Transformation" in die Stalinisierung am Ende der Besatzungszeit mündete.

Die Sowjetische Militäradministration war die treibende Kraft dieser Entwicklung, forcierte die Veränderungen und schrieb deren Ergebnisse fest. So wurde im öffentlichen Dienst schon 1945 das Berufsbeamtentum abgeschafft. In der Justizreform von 1946 wurden mehr als 85 Prozent der Richter und Staatsanwälte im Zuge der Entnazifizierung entlassen und durch im Schnellverfahren ausgebildete "Volksrichter" unter ideologischer Dominanz der KPD ersetzt. Gleichzeitig wurde der gesamte Justizapparat zentralisiert. Der KPD wurde auch beherrschender Einfluss in den im Juli 1945 von der sowjetischen Militärregierung gebildeten Zentralverwaltungen (für Volksbildung, Finanzen, Arbeit und Sozialfürsorge sowie für Landwirtschaft) zugestanden.

Damit waren frühzeitig Bastionen besetzt, die beim Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft entscheidend waren. Als erstes wurde ab September 1945 unter der Devise "Junkerland in Bauernhand" Großgrundbesitz enteignet. Die Bodenreform umfasste 35 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche der SBZ; in den neu gebildeten "Bodenfonds" kamen 2,5 Millionen Hektar Land von 7000 Großgrundbesitzern sowie 600 000 Hektar aus dem Besitz ehemaliger NS-Führer und aus Staatsbesitz.

Quellentext

Bodenreform in der SBZ

Verordnung der Provinz Sachsen vom 3. September 1945

Artikel 1

1. Die demokratische Bodenreform ist eine unaufschiebbare nationale, wirtschaftliche und soziale Notwendigkeit. Die Bodenreform muß der Liquidierung der feudaljunkerlichen Großgrundbesitzer im Dorfe ein Ende bereiten, weil diese Herrschaft immer eine Bastion der Reaktion und des Faschismus in unserem Lande darstellte und eine der Hauptquellen der Aggression und der Eroberungskriege gegen andere Völker war. [...]
2. Das Ziel der Bodenreform ist: a) das Ackerland der bereits bestehenden Bauernhöfe unter 5 Hektar zu vergrößern; b) neue, selbständige Bauernwirtschaften für landlose Bauern, Landarbeiter und kleine Pächter zu schaffen; c) an Umsiedler und Flüchtlinge, die durch die räuberische hitlerische Kriegspolitik ihr Hab und Gut verloren haben, Land zu geben; d) zur Versorgung der Arbeiter, Angestellten und Handwerker mit Fleisch- und Milchprodukten in der Nähe der Städte Wirtschaften zu schaffen, die der Stadtverwaltung unterstehen, [...] e) die bestehenden Wirtschaften, die wissenschaftlichen Forschungsarbeiten und Experimentierzwecken bei den landwirtschaftlichen Lehranstalten sowie anderen staatlichen Erfordernissen dienen, zu erhalten und neue zu organisieren.

Artikel 2

1. Zur Durchführung dieser Maßnahmen wird ein Bodenfonds aus dem Grundbesitz gebildet, der unter den Ziffern 2, 3 und 4 dieses Artikels angeführt ist.
2. Folgender Grundbesitz wird mit allen darauf befindlichen Gebäuden, lebendem und totem Inventar [...], unabhängig von der Größe [...], enteignet: a) der Grundbesitz der Kriegsverbrecher und Kriegsschuldigen [...] b) der Grundbesitz mit allem darauf befindlichen landwirtschaftlichen Vermögen, der den Naziführern und den aktiven Verfechtern der Nazipartei und ihrer Gliederungen sowie den führenden Personen des Hitlerstaates gehörte, [...]
3. Gleichfalls wird der gesamte feudaljunkerliche Boden und Großgrundbesitz über 100 Hektar mit allen Bauten, lebendem und totem Inventar und anderem landwirtschaftlichen Vermögen enteignet.
4. Der dem Staat gehörende Grundbesitz wird ebenfalls in den Bodenfonds der Bodenreform einbezogen, soweit er nicht für die Zwecke verwandt wird, die unter der nachfolgenden Ziffer 5 dieses Artikels aufgeführt sind.
5. Folgender Grundbesitz und folgendes landwirtschaftliches Vermögen unterliegen nicht der Enteignung: a) der Bodender landwirtschaftlichen und wissenschaftlichen Forschungsinstitutionen, der Versuchsanstalten und Lehranstalten; b) der Boden, der den Stadtverwaltungen gehört und für die Produktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse zur Versorgung der Stadtbevölkerung benötigt wird; c) Gemeindeland und Grundbesitz der landwirtschaftlichen Genossenschaften und Schulen; d) der Grundbesitz der Klöster, kirchlichen Institutionen, Kirchen und Bistümer.

Ilse Spittmann, Gisela Helwig (Hg.), DDR-Lesebuch. Von der SBZ zur DDR 1945-1949, Köln 1989, S. 148.

Enteignung und Ausweisung

"Am 24. Juli siedelten meine Frau und ich wieder in unser Gut über, wo wir uns im Inspektorhaus mit den Resten unserer Möbel zwei Zimmer einrichteten. Die Feldarbeiten wurden unregelmäßig, wochenlang überhaupt nicht verrichtet, Pferde und totes Inventar fast restlos gestohlen. Da die Bergung der Ernte auf das höchste gefährdet war, wurde mir am 14. August vom Landrat unter den allerschwierigsten Verhältnissen wieder die Bewirtschaftung übertragen. [...]
Nachdem mir noch am 28. 9. eine Anerkennung wegen Bergung der Ernte ausgesprochen war, erhielt ich am 29. 9. den Befehl, mein Gut bis zum Abend zu verlassen. [...] Wir fuhren dann nach Schwerin, wo wir in dem der Familie meiner Frau gehörenden Hause Unterkunft fanden. Am Dienstag, den 13. November, erhielten wir aus zuverlässiger Quelle Nachricht von unserer vor Ende der Woche geplanten Verhaftung und Deportation. Am 14. November verließen wir heimlich Schwerin und trafen nach unendlichen Schwierigkeiten und Anstrengungen am 29. November in der Westzone ein. Unsere ganze Habe bestand aus je einem Rucksack." K. F.
"Obwohl mein Betrieb mit 37,8 Hektar nicht unter das Bodenreformgesetz fiel, wurde er am 28. 4. 1946 durch reine Willkürmaßnahmen enteignet. Ende Mai 1947 wurden drei Viertel des Hofes zurückgegeben, da aber die wirtschaftlichen Voraussetzungen durch die erfolgte Enteignung und die bei der Rückgabe erfolgte Aufteilung sehr schlecht waren, war es auch bei bester Wirtschaftsführung nicht möglich, in den späteren Jahren den Ablieferungsverpflichtungen nachzukommen. Wir mußten am 19. 11. 1952 nach West-Berlin flüchten." R. L.

Ilse Spittmann/Gisela Helwig (Hg.), DDR-Lesebuch. Von der SBZ zur DDR 1945-1949, Köln 1989, S. 156.

Die Maßnahme fand grundsätzlich den Beifall aller Parteien, allerdings wollte die Ost-CDU keine Enteignung ohne Entschädigung. Darüber kam es zur Parteikrise, in der die Vorsitzenden Andreas Hermes und Walther Schreiber von der Sowjetischen Militäradministration im Dezember 1945 abgesetzt wurden. Ohne die Reformen als kommunistisch oder sozialistisch zu bezeichnen - offen deklarierter "sozialistischer Aufbau" erschien auch der KPD und den Sowjets noch nicht möglich -, wurde die Notwendigkeit einer Planwirtschaft festgestellt und damit die künftige Staatswirtschaft vorbereitet.
Die Industriereform, eingeleitet im Oktober 1945, war ein weiterer Schritt in diese Richtung, bei der das Eigentum von Staat, Wehrmacht, NSDAP und "Kriegsverbrechern" beschlagnahmt wurde. In Sachsen wurde am 30. Juni 1946 ein Volksbegehren "zur Enteignung der Kriegsverbrecher und Nazis" angesetzt, bei dem sich 67,6 Prozent der befragten Bevölkerung für die Enteignung aussprachen und damit den Weg zur Verstaatlichung der Schwer- und Schlüsselindustrie freimachten.

In der ganzen übrigen Sowjetzone machte - ohne Plebiszit - das sächsische Modell Schule. Schon zu Beginn der Besatzung wurden mit diesen Maßnahmen in der sowjetischen Zone entscheidende Veränderungen eingeleitet, durch die sich die Ostzone zunehmend von den Westzonen unterschied.
Auszug aus:
Informationen zur politischen Bildung (Heft 259) - Infrastruktur und Gesellschaft im zerstörten Deutschland