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This ain't California

28.8.2012

"Wir wollen eine gefühlte Wahrheit, eine Gefühlswelt zeigen"

Ein Gespräch mit Marten Persiel, dem Regisseur des Films "This Ain't California", und dem Produzenten Ronald Vietz.

Es würde auf jeden Fall der Enttäuschung vorbeugen, herauszufinden, dass große Teile des Films nachgestellt sind. Die einzig logische Reaktion darauf ist, die gesamte Filmerzählung anzuzweifeln.

Marten Persiel: Aber wenn die Zeitzeugen sagen, der Film ist genau richtig so, dann ist er wahr. Das grenzt doch an Haarspalterei. Wir haben weit weniger als 60 Prozent des Films nachgedreht.

Ronald Vietz: Formal ist es ein Dokumentarfilm, er kommt als Dokumentarfilm daher, enthält Interviews mit Zeitzeugen und Archivmaterialien, hat einen Aufbau wie ein Dokumentarfilm. Unser Film ist nicht nur "based on a true story", sondern eine wahre Geschichte.

Marten Persiel: Ich würde es mal so sagen: Wenn man mal zwei Kreise zeichnen will – das eine ist der Spielfilm, das andere der Dokumentarfilm – dann gibt es ja immer eine Schnittmenge dazwischen und unser Film grenzt sicher eher an die Schnittmenge. Aber wenn man damit ein Problem hat, dann liegt es daran, dass man diese beiden Kreise vorher schon so wichtig fand.

Dann frage ich mal anders herum: Gab es Denis Paraceck und hat er all das erlebt, was er im Film erlebt?

Ronald Vietz: Ja, ich habe ihn mehrmals getroffen und interviewt. Ich hatte eine schwere Zeit mit ihm, weil er wirklich eine zerrissene Person war. Ich habe immer sehr gelitten nach so einem Tag mit ihm, weil er einfach so ein enormes Leben gehabt hat. Wir haben sogar viele Sachen, die er erlebt hat einfach rausgelassen, weil wir dachten, dass gehört nicht zu seinem Leben und zu unserem Film.

Marten Persiel: Es geht natürlich auch darum, eine Heldenstory zu bauen. Aber eine Heldenstory hat eben auch immer ein Ende – ein echtes Leben hat das aber nicht immer. Sein Leben ist ja weiter gegangen nach der DDR Zeit und da haben wir natürlich ausgewählt, was rein soll. Aber wir haben uns nichts aus den Fingern gesogen, wir haben immer alles recherchiert und dann stimmig eingepackt.

Wie ist es denn mit solchen Momenten wie Paracecks Tod in Afghanistan, den ja niemand miterlebt hat? Da schreiben Sie mit Ihrem Film, in dem sein Tod als Freitod inszeniert und als Animation ins Bild gesetzt wird, Geschichte, nicht nur gesellschaftliche, sondern auch die persönliche Geschichte. Damit übernehmen Sie eine große Verantwortung.

Marten Persiel: In diesem Fall fühlte sich das richtig an nach den Gesprächen, die Ronny mit Denis geführt hatte. Da hatte Denis über Situationen von der Front erzählt und auch über den enormen Druck gesprochen, unter dem er steht, wenn er wieder zurück in Afghanistan ist. Das macht schon Sinn. Aber die ganz genauen Umstände seines Todes – das stimmt – das ist natürlich eine Hochrechnung unsererseits.

Ein anderes problematisches Moment ist die Darstellung des Sportfunktionärs, der auch von einem Schauspieler gespielt wird und zwar auf eine Weise, die zeigt, dass er heute noch völlig ungebrochen zu dem steht, was er getan hat. Und diese Behauptung ist durch nichts gestützt.

Marten Persiel: Aber es geht doch eigentlich um etwas ganz anderes. An diesem Punkt, wo der Stasi-Mann vorkommt im Film, da hat er die Funktion, dass der Zuschauer gefühlsmäßig bei den Jungs bleibt. Die oberste Regel war immer, das Lebensgefühl der Jungs abzubilden. Wenn wir jetzt eingestiegen wären in diese ganze Stasi-Geschichte, dann würden wir uns davon entfernen. Das ist eine kategorische Entscheidung. Und wir stehen dahinter, dass eine emotionale Wahrheit den gleichen Stellenwert hat wie eine faktische, statistische Wahrheit. Nur so bekommt man es hin, dass das in 30 Sekunden so erzählt wird, wie es sein muss und gefühlsmäßig in den Fluss des ganzen Films passt.

Dass die faktische Wahrheit länger braucht, kann doch kein Grund sein, Zeitzeugenaussagen nach Belieben passgenau zu inszenieren!

Ronald Vietz: Ich könnte jemanden auch real interviewen und dann im Schnitt so zurecht schneiden, wie es mir passt. Als Dokumentarfilmer habe ich immer die Verantwortung für die Darstellung meiner Protagonisten.

Trotzdem macht es einen Unterschied, vorzugeben, man habe einen ganz "klassischen" Dokumentarfilm gedreht, wenn dies de facto nicht der Fall ist. Damit entziehen Sie sich der Diskussion über den Wahrheitsgehalt ihrer Bilder.

Marten Persiel: Wir wollen eben nicht das tun, worin wir Deutschen eh schon Weltmeister sind: alles im Kopf zu verarbeiten. Wir wollen, das die Leute reingehen, was fühlen, 'ne Träne im Augenwinkel haben und nach dem Kino noch gemeinsam einen Wein trinken gehen.

Ein Genre wie Dokumentarfilm fördert bestimmte Erwartungshaltungen. Auch wenn Realität niemals 1:1 im Film abgebildet werden kann, so erwartet man doch, dass immer versucht wird, sich dieser Idealvorstellung anzunähern, beziehungsweise dass die Stellen, an denen das nicht gelingen kann, kenntlich gemacht werden. Würde es den Film wirklich schwächer machen, wenn diese Diskussion zugelassen würde?

Marten Persiel: Wir haben natürlich das Publikum im Auge, den Effekt, den unser Film haben soll. Wenn wir vorher schon sagen würden: Leute, da kommt jetzt gleich ein Film, da ist das und das zu beachten, das bringt doch nichts.

Ronald Vietz: Die Magie ist dahin, wenn ich alle in meinen Zauberkasten gucken lasse. Wenn jemand sich dafür interessiert, dann findet er im Internet doch alles über den Entstehungsprozess. Warum müssen wir als Filmemacher das unserem Publikum denn schon vorerzählen? Es ist doch gar nicht wichtig.

Nachtrag

Das Interview fand am 22. Juni 2012 in Berlin statt. Eine spätere Anfrage an das Bundesverteidigungsministerium ergab, dass es unter den in Afghanistan gefallenen deutschen Soldaten keine Person namens Denis Paraceck gegeben hat. Ausserdem wurde festgestellt, dass ein großer Teil der Mitwirkenden des Films von Schauspielern und Schauspielerinnen verkörpert wird, auch Teile der vermeintlichen Archivaufnahmen und der Interviews wurden nachträglich inszeniert.