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This ain't California

28.8.2012 | Von:
Luc-Carolin Ziemann

Fake-Dokumentarfilme
 – Spiegel des Dokumentarfilms und Schule des Sehens

Doku-Soaps und Fakes



Immer wieder ist es der Wahrheitsanspruch des Dokumentarfilms, der für viele Fakes ein zentrales Thema ist. Anders gesagt: Fakes beschäftigen sich nicht nur formal, sondern häufig auch inhaltlich mit der Frage, ob Film Realität überhaupt abbilden kann und mit welchen Mitteln das gemeinhin versucht wird. Ein gut gemachter Fake parodiert nicht nur die dokumentarischen Formen, sondern wirft oft auch einen ironischen Blick auf seine Themen und Produktionsprozesse. Dies ist übrigens ein Kriterium, das Fakes von TV-Formaten wie Doku-Soaps unterscheidet. Doku-Soaps (zum Beispiel die RTL II-Serien "Extrem schön" und "Frauentausch") erzählen Geschichten aus dem Leben vermeintlich realer Personen und versuchen, mit dokumentarischen Stilmitteln einen Eindruck von Authentizität zu erzeugen. Dabei werden die "dokumentierten" Ereignisse und Konflikte meist komplett vorgegeben. De facto strebt das Filmteam keine möglichst realistische Darstellung, sondern die Abbildung von Skandalen, Eklats und Auseinandersetzungen an, die bei Bedarf auch durch das Team provoziert werden.

Diesen Hunger des Fernsehens nach Skandalen thematisiert auch der belgische Film "Mann beißt Hund" (C'est arrivé près de chez vous, Rémy Belvaux, André Bonzel, Benoît Poelvoorde, 1992) bereits Jahre bevor Doku-Soaps die Fernsehlandschaft überschwemmten. Erzählt wird eine bitterböse Satire über skandalversessene Journalisten, die für eine gute Geschichte wortwörtlich "über Leichen gehen". Im Film begleitet ein Kamerateam einen Serienmörder bei seiner "Arbeit" und wird dabei zum Mittäter – immer auf der Suche nach dem "authentischen Bild". Wie die meisten Fakes funktioniert auch "Mann beißt Hund" dann am besten, wenn die Zuschauenden für eine Weile daran glauben, wirklich einen Dokumentarfilm vor sich zu haben.

Das Spiel mit der Authentizität

Diesen Glauben nähren Fakes, indem sie geschickt die Mittel der Inszenierung nutzen, um die dokumentarische Form zu imitieren. Mit ihren ganz oder teilweise fiktiven Geschichten schlüpfen sie in ein dokumentarisches Gewand und behaupten mit Nachdruck, nichts als die Wahrheit zu zeigen. Obwohl sie in großen Teilen vorbereitet, ausgeleuchtet, geprobt und gespielt sind, wirken sie so streckenweise "echter" als manch ein Dokumentarfilm. Viele Fakes nutzen bewusst wackelige Handkamera-Aufnahmen, um spontane Reaktionen auf scheinbar unvorhergesehene Aktionen zu simulieren – beispielhaft hierfür ist "Blair Witch Project" (The Blair Witch Project, Daniel Myrick, Eduardo Sánchez, USA 1999). Andere inszenieren – frei nach gängigen TV-History-Formaten – Zeitzeugen und Zeitzeuginnen, die vor großen Bücherwänden, Kaminen oder auf dem heimischen Sofa interviewt werden und vermeintlich spontane Straßeninterviews und Interventionen, um echt zu wirken. Oft wird auch – wie etwa in "F wie Fälschung" – Archivmaterial dazwischen geschnitten, der Ton bewusst über- und untersteuert oder werden andere technische Pannen inszeniert. Gern werden auffallend lange, ungeschnittene Sequenzen verwendet, in denen die Mitwirkenden noch dazu mit dem im Dokumentarfilm gefürchteten direkten Blick in die Kamera "ungewollt" die Authentizität der Aufnahme unterstreichen. Generell nutzen Fakes gern klassische Amateurformate wie Super-8-Film und VHS-Tapes und persiflieren oder kopieren gängige dokumentarische Erzählhaltungen (zum Beispiel bemüht ernsthafte Off-Kommentare wie im Tierfilm oder den Kommentar aus der Ich-Perspektive). Eine häufig genutzte inhaltliche Wendung ist auch der gefilmte Konflikt zwischen im Film agierenden Personen und Filmteam.

Allein diese Aufzählung der verschiedenen filmischen Methoden, die Fakes nutzen, um ihre "Echtheit" zu bezeugen, macht deutlich, dass auch sie "dokumentarischen Moden" unterworfen sind. Wer sich heute Orson Welles "Krieg der Welten" anhört, wird kaum erschrocken vom Sitz aufspringen. Denn das Spiel mit der Authentizität ist viel gängiger geworden, als es dies in den Pioniertagen der Medien war. Heute ist das Publikum durchaus sensibel für mediale Inszenierungen und bewusst gesetzte Störmanöver. Bedenkt man jedoch, dass parallel zur Entwicklung dieser medialen Sensibilität ein unglaublicher Anstieg medialer Reize zu verzeichnen ist, wird deutlich, warum es bis heute passieren kann, dass ein gut gemachter Fake Teile der Zuschauenden hinters Licht führen kann, vor allem dann, wenn sich der Film um Themen dreht, die dem Publikum nur aus Medienberichten bekannt sind.

Der Reiz liegt in der Enttarnung

Ein gutes Beispiel dafür ist "Borat. Kulturelle Lernung von Amerika um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen" (Borat: Cultural Learnings of America for Make Benefit Glorious Nation of Kazakhstan, Larry Charles, USA 2006), in dem der fiktive kasachische Journalist gleichen Namens, gespielt vom britischen Komiker Sacha Baron Cohen, in die USA geschickt wird, um dort die Facetten des "American way of life" zu dokumentieren. Der Film mischt reale Szenen mit inszenierten Aufnahmen und karikiert vor allem die verbreiteten Klischees, die in den USA (nicht nur) über Länder wie Kasachstan verbreitet sind. Zur Kritik, er würde mit seinem Film Witze auf Kosten Kasachstans machen, sagte Cohen, dass er keineswegs Kasachstan der Lächerlichkeit preisgegeben wollte, "sondern die Leute, die glauben, dass dieses Kasachstan, das ich beschreibe, wirklich existiert."

Hier wird deutlich, dass Fakes durchaus einen aufklärerischen Anspruch haben können (auch wenn viele Urheber und Urheberinnen dies weit von sich weisen würden). Doch die Balance zwischen totaler Täuschung und geschickt gestreuten Anlässen zum Zweifeln ist fragil und wird durch mehrere Faktoren bestimmt, allen voran die Aufmerksamkeit der Zuschauenden und den Willen der Regie, sich in die Karten schauen zu lassen. Angesichts der nahezu unendlichen filmischen Möglichkeiten, die Illusionen des Authentischen zu erzeugen, bleibt es letztlich den Filmschaffenden überlassen, ob sie ihrem Publikum die Chance zum Zweifeln eröffnen wollen oder nicht.

Die Macher des Films "This Ain't California" (Marten Persiel, Deutschland 2012) einem vorgeblichen Dokumentarfilm über Skater in der ehemaligen DDR, haben sich für eine argumentative Häppchen-Strategie entschieden, mit der sie lange Zeit recht erfolgreich waren (der Film wurde auf diversen Dokumentarfilmfestivals gezeigt und von der Wiesbadener Filmbewertungsstelle als "Dokumentarfilm des Monats" ausgezeichnet). Zugegeben wird immer nur das, was bereits als Täuschung aufgedeckt worden ist. Zwar geben sie zu, dass sie einzelne Szenen ihres Films in Reenactments nachgestellt haben, verschweigen aber, dass ein fiktiver Protagonist im Mittelpunkt steht und auch alle weiteren tragenden Rollen von Schauspielern und Schauspielerinnen verkörpert werden.

Es bleibt festzuhalten: Fakes können dem Publikum einen Spiegel vorhalten, in dem sichtbar wird, mit welchen einfachen Mitteln ein "authentisches Medienbild" konstruiert werden kann oder wie hilflos die Zuschauenden bei der zweifelsfreien Einordnung medialer Nachrichten noch immer (und vielleicht sogar immer mehr) sind. Indem Fakes die dokumentarische Ästhetik und Erzählweise studieren, kopieren und dann kreativ unterwandern, erlauben sie uns einen humorvollen Blick auf die Stärken und Schwächen des Genres. Für das Publikum können Fakes wie eine Schule des Sehens sein, bei der es nicht um die perfekte Tarnung geht, sondern bei der der Reiz letztlich gerade in der Aufdeckung ihrer Camouflage besteht – Fakes haben ihr Ziel genau dann erreicht, wenn der Zuschauende beginnt, hinter die Kulissen zu schauen respektive die Kulissen als solche wahrzunehmen.


Als die Produzenten optischer Geräte Louis und Auguste Lumière 1895 den "Cinématographe" erfunden hatten, stellten sie die Apparatur vor ihre Fabrik und filmten die Arbeiter, die am Feierabend aus den Toren kamen. Der kurze Filmstreifen gehörte zur allerersten Programm-Präsentation der Lumières. Die Kamera stand in Augenhöhe, es gab keine Dramaturgie und keine Montage, denn die war noch nicht erfunden. Es ist die Dokumentation eines realen Geschehens – auch wenn die Brüder Lumière diese Szene mehrere Male mit den Arbeitern probten, bis sie im "Kasten war“.

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