Schwarz-Weiß-Foto: Der west-deutsche Bundeskanzler Willy Brandt bei seinem berühmten Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Der Geste, die in Westdeutschland für Kontroversen sorgte, wird von der Forschung mittlerweile eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken zuerkannt.

28.12.2005 | Von:
Prof. Dr. Michael Sauer

Bilder als historische Quellen

Geschichte: fotografierter Alltag

3,5-Tonnen-Dampfhammer im Essener Hammerwerk II, Foto von vor 1906.3,5-Tonnen-Dampfhammer im Essener Hammerwerk II, Foto von vor 1906. (© Krupp Archiv)
Visuelles zum Zwecke der Dokumentation festzuhalten, ist schon lange eine der Aufgaben der Fotografie. Die sozialdokumentarische Fotografie soll soziale Missstände belegen; die Architekturfotografie dient unmittelbar der Aufbewahrung und Erinnerung. Realienkundliche Erkenntnisse aus solchen Bildern haben in vielen Fällen auch als Hilfe bei der Restauration nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs gedient. Freilich muss man selbst Dokumentarfotografien, jedenfalls wenn es nicht nur um tote und stehende Objekte geht, mit Zurückhaltung und Sorgfalt betrachten. Die Abbildung eines Dampfhammers im Krupp-Werk Essen scheint zunächst den historischen Arbeitsprozess getreu wiederzugeben. Der Technikhistoriker Ulrich Wengenroth belehrt uns eines Besseren: "Diese Szene wurde wieder vollkommen gestellt. Sowohl der Rohling auf dem Wagen als auch jener unter dem Hammer sind ganz offensichtlich alte, weißgetünchte Stücke. Die Arbeiter drängen sich in möglichst großer Zahl ins Bild und nehmen als 'typisch' empfundene Posen ein. Das Fallgewicht des Hammers ist in einer mittleren Stellung arretiert" (Wengenroth 1994, S. 99).

Kultur- und Mentalitätsgeschichte

Hier liegt das wohl weiteste Feld historischer Möglichkeiten aus Bildern Erkenntnisse zu gewinnen. Bilder können Antworten auf unterschiedlichste Fragen der Sozial-, Alltags-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte geben. Das gilt zunächst einmal für solche, die von vorneherein gewissermaßen "propagandistische" Zielsetzungen hatten. Bilder sollen Ansichten von Herrschern verbreiten oder bestimmte Herrschaftsvorstellungen legitimieren; sie sollen das Selbstverständnis des eigenen Standes demonstrieren und andere herabsetzen; sie sollen den Gegner in politischen oder religiösen Auseinandersetzungen diffamieren, umgekehrt die eigene Sache propagieren und ihre Anhänger mobilisieren. Jenseits solcher Instrumentalisierung zeugen Bilder indirekt auch von gesellschaftlichen Wertvorstellungen, sozialen Beziehungen, den Wahrnehmungen, Gefühlen und Ängsten der Menschen, ihren alltäglichen Haltungen und Verhaltensweisen. Eben weil sie Quellen für (kollektive) Vorstellungen, (Selbst-)Deutungen und Bewusstseinshaltungen sind, erhalten Bildquellen für die neueren kulturwissenschaftlichen Fragestellungen der Geschichtswissenschaft eine besondere Bedeutung.

Die Herrscherpose

Ludwig XIV., König von Frankreich. Gemälde von Hyacinthe Rigaud, Öl auf Leinwand (277x194 cm), um 1700Ludwig XIV., König von Frankreich. Gemälde von Hyacinthe Rigaud, Öl auf Leinwand (277x194 cm), um 1700
Die "Propaganda-Funktion" von Bildern lässt sich vorzüglich an dem bekannten Bildnis Ludwig XIV. demonstrieren, das in kaum einem modernen Schulbuch fehlt. Es ist das Herrscherporträt par excellence: Der Maler Hyacinthe Rigaud hat den umfassenden absolutistischen, durch göttlichen Auftrag und Tradition legitimierten Herrschaftsanspruch ins Bild gesetzt. [int. Link auf Werner] Das Bild ist überlebensgroß, fast 3m hoch und 2m breit. Es ist sorgfältig komponiert; wie ausgestellt steht der König in der Bildmitte. Sein Krönungsmantel, der
Kaiser Wilhelm II., Gemälde von Max Koner, Öl auf Leinwand, 1890Kaiser Wilhelm II., Gemälde von Max Koner, Öl auf Leinwand, 1890
Thronsessel rechts und das Tischchen mit der Krone links sind durch das Lilienmuster – die Lilie als Symbol der Bourbonen – miteinander verbunden. Man sieht keinen realistischen Raum, sondern gewissermaßen eine bühnenhafte Hintergrunddekoration. Nichts an diesem Bild ist zufällig, jedes Detail hat Bedeutung.

Rigauds Gemälde war offenbar so beeindruckend, dass es Schule machte. Ludwig XV., XVI. und Karl X. ließen sich in ähnlicher Weise porträtieren und stellten sich damit bewusst in die Tradition des großen Vorgängers. Aber auch in Max Koners Gemälde von Wilhelm II. sind die Anleihen bei Rigaud nicht zu übersehen; allerdings wirkt der damit verbundene Anspruch im Jahre 1890 nicht mehr zeitgemäß, die Darstellung plakativ und geradezu operettenhaft.

Das Familienporträt

Kaiser Wilhelm II. mit seiner Familie. Ansichtskarte, 1906.Kaiser Wilhelm II. mit seiner Familie. Ansichtskarte, 1906.
Bilder können auch Quellen für Wertvorstellungen und soziale Beziehungen sein. Dafür ist das Familienbild ein gutes Beispiel. Erkennbar wird, wer überhaupt zur Familie zählt, welche Haltung die Familienmitglieder zueinander einnehmen, welcher sozialen Schicht die Familie angehört. Mit der notwendigen Vorsicht lassen sich daraus Aussagen über Zeittypisches ableiten. Dazu drei Beispielbilder. Das erste zeigt Kaiser Wilhelm II. mit seiner Familie auf einer Ansichtskarte von 1906. Die Personen sind nach einem klaren Muster arrangiert,
Familienfoto, um 1880.Familienfoto, um 1880.
das die klassische Rollenverteilung widerspiegelt. Der Vater überragt stehend die Familie, die Mutter sitzt im Kreis der zahlreichen Kinder. Die drei älteren Jungen tragen wie der Kaiser selbst Uniform und nehmen eine entsprechend disziplinierte Haltung ein. Der Vierte hat einen Matrosenanzug an – weit verbreiteter Ausdruck der Flottenbegeisterung in dieser Zeit. Dass das Bild als Ansichtskarte verbreitet wurde, belegt einen modellhaften oder repräsentativen Anspruch.

Zum Vergleich ein kleinbürgerliches Familienfoto von 1880. Die Komposition ist fast dieselbe. Natürlich hat man sich für die Aufnahme in Schale geworfen, dennoch bleibt die soziale Differenz unverkennbar. Aber auch hier fehlt das militärische Moment nicht; dem Jüngsten haben die Eltern eine Militärmütze aufgesetzt.
Familienfoto aus den späten Sechzigerjahren des 20. JahrhundertsFamilienfoto aus den späten Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts
Der Hintergrund ist deutlich als Vorhang eines Fotostudios erkennbar. Dass sich die Ausstattung auf ein Minimum, nämlich einen schlichten Vorhang und einen Teppich beschränkt, weist daraufhin, dass die Aufnahme von einem billigen Fotografen oder sogar einem Wanderfotografen gemacht worden ist.

Ein anderes Bild als Kontrast. Dieses Foto aus den späten Sechzigerjahren zeigt, wie die Familien kleiner werden und die Geschlechterrollen aufweichen: Der Vater kümmert sich um das Baby, die Mutter liest die Zeitung. Die Situation ist informell; einen solchen Schnappschuss hätte die Fototechnik um 1900 nicht zugelassen. Wer das Bild aufgenommen hat, wissen wir nicht. Steht es für eine veränderte Normalität? Oder zeigt es (für diese Zeit oder auch für diese Familie) eine Ausnahmesituation? Solche Fragen lassen sich nur dann und nur näherungsweise klären, wenn man einen größeren Quellenfundus in den Blick nimmt.


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