Schwarz-Weiß-Foto: Der west-deutsche Bundeskanzler Willy Brandt bei seinem berühmten Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Der Geste, die in Westdeutschland für Kontroversen sorgte, wird von der Forschung mittlerweile eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken zuerkannt.

28.12.2005 | Von:
Prof. Dr. Michael Sauer

Bilder als historische Quellen

Bilder des Imaginierten

Der Teufel weist dem heiligen Augustinus das Buch der Laster vor. Ausschnitt aus dem sog. "Kirchenväteraltar" von Michael Pacher, Neustift bei Brixen, um 1480.Der Teufel weist dem heiligen Augustinus das Buch der Laster vor. Ausschnitt aus dem sog. "Kirchenväteraltar" von Michael Pacher, Neustift bei Brixen, um 1480.
Bilder zeigen häufig Imaginäres, Dinge, die nur in den Köpfen der Menschen existierten, aber in ihrem Alltag eine höchst bedeutsame Rolle spielten, z. B. Götter, Teufel, Fabelwesen, Ansichten von Himmel und Hölle. Als Beispiel hier ein Ausschnitt aus einem Altarbild von Michael Pacher (ca. 1482), auf dem der Teufel in sehr vermenschlichter Form dargestellt ist. Er muss dem heiligen Wolfgang (einem deutschen Bischof aus ottonischer Zeit) das Messbuch halten. Bilder als Quellen erlauben also eine Annährung an die religiösen Vorstellungen, die sich Menschen zu verschiedenen Zeiten machten. Beispielsweise haben der französische Historiker Michel Vovelle und seine Frau Altarblätter aus der Provence mit Darstellungen von Seelen im Fegefeuer zwischen 1610 und 1850 untersucht. Sie stellten fest, dass auf den Bildern im 17. Jahrhundert das Leiden der Seelen, im 18. Jahrhundert ihre Erlösung dominiert. Jean Delumeau hat sich in seiner Geschichte der "Angst im Abendland" ebenfalls stark auf Bildquellen gestützt, dasselbe gilt für Philippe Ariés "Geschichte des Todes" oder die Erforschung des Alters in der Geschichte (Biegel 1993).

Bild und Kontext

Oft reicht es nicht aus, ein einzelnes Bild zu betrachten; man muss ganze Gruppen und Reihen untersuchen – Bilder also als serielle Quelle. Einschlägige historische Vorkenntnisse sind erforderlich, damit man überhaupt sinnvolle Fragen stellen und Einordnungen vornehmen kann; das ist bei Textquellen nicht anders. Vieles, was für die Menschen damals auf Bildern selbstverständlich war, muss heute erst entschlüsselt werden. Wer auf der Straße einer mittelalterlichen Stadt einem Menschen in blauem oder rotem Gewand begegnete, wusste, dass er es mit einer höhergestellten Person zu tun hatte; die Historiker müssen dieses Wissen erst den zeitgenössischen Kleiderordnungen entnehmen (Roeck 2004, S. 254).

Ebenso wie bei Textquellen muss bei der Interpretation von Bildern der historische Kontext der Quelle in den Blick genommen werden: Wer waren der Künstler und der Auftraggeber, was ihre Intentionen, an wen sollte sich das Bild richten, wie wurde es verbreitet oder präsentiert, wie wurde es rezipiert? Aber auch bei der enger gefassten Analyse beispielsweise eines Gemäldes, das sich auf Komposition, Motivik und Darstellungstechnik richtet, ist Kontextwissen notwendig, nämlich über die Bildkonventionen der Zeit, ihre visuelle Handschrift gleichsam. Der Umgang mit Bildern als historischen Quellen ist also nicht einfach – aber lohnend.


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