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Eine Frau geht an einer Weltkarte, die aus Kinderporträts besteht, am Freitag (18.06.2010) im JuniorMuseum in Köln vorbei.

8.12.2014 | Von:
Evelyn Ersanilli

Einleitung

Seit Jahrhunderten haben die Niederlande dank ihres relativ hohen Wohlstands und ihrer religiösen Toleranz Einwanderer angezogen. Derzeit sind 10,8 Prozent der Bevölkerung Einwanderer, zehn weitere Prozent sind Kinder von Einwanderern.

Straßenkünstler in AmsterdamStraßenkünstler in Amsterdam: Seit Jahrhunderten haben die Niederlande Einwanderer angezogen. Derzeit sind 10,8 Prozent der Bevölkerung Einwanderer, zehn weitere Prozent sind Kinder von Einwanderern. (© picture-alliance / Ton Koene)

Die Niederländer waren lange stolz auf ihre Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Religionen. Einwanderer der Nachkriegszeit, vor allem "Gastarbeiter" und ihre Familien, wurden zunächst ermutigt, ihre eigene Kultur beizubehalten, selbst nachdem klar wurde, dass sie in den Niederlanden bleiben würden. Der Zugang zur Staatsbürgerschaft war einfach und der Assimilationsdruck gering. In den 1990er Jahren wurde dann aber die deutlich schlechtere Arbeitsmarktbeteiligung von ehemaligen "Gastarbeitern" und – wenngleich in geringerem Ausmaß – Einwanderern aus den ehemaligen niederländischen Kolonien sichtbar. Darüber hinaus deuteten die Schulschwierigkeiten von Einwandererkindern darauf hin, dass sich der niedrige sozioökonomische Status von einer Generation auf die andere weitervererbte. Fehlende Kenntnisse der niederländischen Sprache und Gesellschaft wurden für die soziale Marginalisierung von Einwanderern verantwortlich gemacht. 1998 führte eine wegweisende Gesetzesreform daher obligatorische Integrationskurse (Inburgeringscursus) für Neu-Einwanderer ein. Die Kurse vermitteln seither Kenntnisse der niederländischen Sprache, Kultur und Gesellschaft. Obwohl es kaum belastbare Daten für den Erfolg der Integrationskurse gibt, haben mehrere europäische Länder dieses Instrument übernommen.[1]

Seit der Jahrtausendwende entstand eine aufgeheizte Debatte über den niederländischen Multikulturalismus und die (vermeintlich) geringe Integration der seit langem im Land lebenden Einwanderer und ihrer Kinder.[2] Diese drehte sich um hohe Arbeitslosigkeit und Sozialhilfebezug, mangelhafte schulische Leistungen, räumliche Segregation und hohe Kriminalitätsraten. Dabei wurden kulturelle Unterschiede und geringe Niederländischkenntnisse sowohl als eigenständiges Problem als auch als Ursache sozioökonomischer Nachteile dargestellt.

Die Wahlerfolge rechtspopulistischer Parteien seit 2002 trugen zur Einführung mehrerer restriktiver Gesetze bei. Deren Hauptziel war die Verringerung des Familiennachzugs. Zudem sollten Einwanderer mit Druck zum Niederländisch-Lernen bewegt werden.

Trotz der Einführung dieser Restriktionen ist die niederländische Einwanderungspolitik immer noch vergleichsweise offen, insbesondere im Hinblick auf politische Rechte und die Rechte religiöser Minderheiten. Bei der Arbeitsmarktzulassung von Staatsangehörigen der EU-Beitrittsländer aus Mittel- und Osteuropa folgten die Niederlande einem Mittelweg (siehe unten). Zudem hat die Regierung verschiedene Programme aufgelegt, um hochqualifizierte ausländische Arbeitnehmer anzuwerben und eine "moderne Migrationspolitik" auf den Weg zu bringen.

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Hintergrundinformationen

Niederlande*

Hauptstadt: Amsterdam
Regierungssitz: Den Haag
Amtssprachen: Niederländisch, Friesisch (regional)
Fläche: 41.540 km²
Bevölkerungszahl (2014): 16.829.289
Bevölkerungsdichte (2013): 498 Einw./km²
Bevölkerungswachstum (2013): +0,3%
Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung (2013): 4,75%
Anteil der Allochthonen** an der Gesamtbevölkerung (2014): 21,36 % (nicht-westliche***: 11,87%)
Erwerbsbevölkerung**** (2013): 72,1%
Arbeitslosenquote: 8,3% (2013), 6,4% (2012), 5,4% (2011)
Religionen (2006): 27% Katholiken, 17% Protestanten, 6% Muslime, 1% Hindus, 48% ohne Religionszugehörigkeit

* Daten der Niederländischen Statistikbehörde (CBS); Religionen: Wissenschaftsrat für Regierungspolitik (WRR)
** Als Allochthone werden in den Niederlanden Personen mit mindestens einem im Ausland geborenen Elternteil bezeichnet. Der Begriff umschließt sowohl Ausländer als auch niederländische Staatsbürger. Vgl. den Abschnitt zur "Einwandererbevölkerung".
*** Niederländische Statistiken unterscheiden zwischen "westlichen" und "nicht-westlichen" Einwanderern. Westliche Einwanderer kommen dabei aus Europa (ohne Türkei), Nordamerika, Ozeanien, Indonesien und Japan. Nicht-westliche Einwanderer kommen aus der Türkei, Afrika, Lateinamerika und dem übrigen Asien.
**** Anteil Beschäftigter und Erwerbsloser (15-65 Jahre) an der Gesamtzahl potentiell Erwerbstätiger.
Dieser Text ist Teil des Länderprofils Niederlande.

Fußnoten

1.
So führten beispielsweise Deutschland 2005 (Integrationskurse) und Frankreich 2007 (contrat d’accueil et d’intégration) ähnliche Programme ein.
2.
Große Diskussionen löste beispielsweise der Essay "Das multikulturelle Drama" des Publizisten Paul Scheffer aus, der im Januar 2000 in der Zeitung NRC Handelsblad erschien. http://vorige.nrc.nl/binnenland/article1572053.ece (Zugriff: 18.9.2014).
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