Eine Frau geht an einer Weltkarte, die aus Kinderporträts besteht, am Freitag (18.06.2010) im JuniorMuseum in Köln vorbei.

1.7.2010 | Von:
Maria Nozhenko

Historische Entwicklung und aktuelle Trends

Bedeutende aktuelle Migrationsentwicklungen sind tief in der russischen Geschichte verwurzelt.

Die Bevölkerungswanderungen der zaristischen Epoche (1547–1917) und der Sowjetzeit (1917–1991) schufen die Voraussetzungen für die post-sowjetische Migration und umfassen heute sowohl nationale als auch internationale Migrationsprozesse. Die aktuellen Migrationsströme, die Wanderungsbewegungen von Menschen mit einer bestimmten ethnischen Gruppenzugehörigkeit mit einschließen (z.B. Russen, Deutsche, Finnen), sind überwiegend eine Reaktion auf Siedlungspolitik, wechselnde Grenzverläufe und in der jüngeren Vergangenheit auf Rücksiedlungspolitiken.

17. bis 19. Jahrhundert

Die territoriale Erweiterung des russischen Zarenreiches unterscheidet drei historische Phasen. Die erste datiert aus dem 17. Jahrhundert und steht im Zusammenhang mit der Erschließung Sibiriens und des Fernen Ostens. Russische Muttersprachler wurden bis 1678 zur Mehrheit in diesen Gebieten. Die zweite Expansionsphase folgte zu Beginn des 18. Jahrhunderts: Das russische Kernland wurde um Weißrussland, die Baltischen Staaten, Teile Polens und des Osmanischen Reichs (einschließlich Bessarabien, das heutige Moldawien) erweitert. Der Nordkaukasus, Armenien, Georgien und Zentralasien kamen im 19. Jahrhundert im Zuge der letzten Expansionsphase hinzu. [1] Diese räumliche Ausdehnung hatte unter anderem zur Folge, dass russische Muttersprachler in neue Gebiete vordrangen. Außerdem wurden europäische Bauern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von staatlicher Seite dazu ermuntert, in die asiatischen Regionen umzusiedeln. [2]

Vermutlich war Russland das erste Land auf der Welt, das 1763 ein eigenes Amt für Migrationsmanagement ins Leben rief. Hauptanliegen dieser Behörde war es, die Migration von Westeuropa nach Russland zu fördern. Diese Politik führte dazu, dass sich Tausende von Immigranten, in ihrer Mehrheit gut ausgebildet (z.B. Wissenschaftler, Professoren, Offiziere, Ingenieure, Architekten und Geschäftsleute), in Russland niederließen. Den bedeutendsten Anteil der Einwanderer stellten Deutsche. Historischen Quellen zufolge lebten Ende des 19. Jahrhunderts ungefähr 1,8 Millionen Deutsche im russischen Zarenreich. [3]

Die sowjetische Ära

In der sowjetischen Ära gab es zwei gegensätzliche Faktoren, die Migration beeinflussten: zum einen die Einschränkung der Bewegungsfreiheit durch das Aufenthaltsgenehmigungssystem (propiska) [4] und zum anderen freiwillige bzw. erzwungene massive Wanderungsbewegungen. [5] Die Idee einer totalen staatlichen Migrationskontrolle durch das "Propiska-System" lässt sich in mehrfacher Hinsicht auf die Erfahrungen der Behörden zurückführen, denen es während der Revolution 1917 und im Bürgerkrieg von 1917 bis 1923 nicht gelungen war, spontane und unkontrollierte Massenwanderungen in den Griff zu bekommen. Triebfeder für die freiwillige, aber streng staatlich gelenkte Migration in der Sowjetzeit war die Industrialisierung.

Mit der Absicht, in verschiedenen Regionen des Landes die industrielle Entwicklung voranzutreiben wurde ein spezielles Rekrutierungssystem von Arbeitskräften in den ersten Fünf-Jahresplänen (piatiletkas) [6] eingeführt. Diese Politik hatte zur Folge, dass in den 1930er Jahren des 20. Jahrhunderts um die 28,7 Millionen Menschen quer durch die UdSSR umgesiedelt wurden. [7] Darüber hinaus, wurde 1933 ein besonderer Anreiz für die Bevölkerung geschaffen, um in den Norden, nach Sibirien und in die fernöstlichen russischen Regionen zu ziehen, die sogenannten "Nordlohnzulagen" (severnaya nadbavka). In der Endphase der Sowjetunion war das System der "Verteilung von Hochschulabgängern" (raspredelenie) gängige Praxis. [8] Universitätsabsolventen mussten für einen Zeitraum von drei oder vier Jahren in bestimmten zugewiesenen Teilen des Landes arbeiten. Einige kamen nach Beendigung des obligatorischen Arbeitseinsatzes zurück, aber viele blieben auch vor Ort. Hochschulabgänger konnten auch verpflichtet werden, in andere Sowjetrepubliken zu ziehen: zum Beispiel konnte ein russischer Absolvent in die Ukraine oder nach Estland umverteilt werden. Gegen Ende der Sowjetära lief die Migration zwar überwiegend freiwillig, aber unter strengen Auflagen der Behörden ab. In den 1980er Jahren wechselten ungefähr 15 Millionen Sowjetbürger jedes Jahr ihren Wohnort innerhalb der Sowjetunion. [9]

Zwangsumsiedlung war Bestandteil des sowjetischen Totalitarismus, ein Instrument politischer Repression. Die ersten Opfer von Zwangsumsiedlungen waren wohlhabende Bauern (kulaks), die in die unterentwickelten Regionen des Nordens deportiert wurden. [10] Von 1940 bis 1959 war Zwangsumsiedlung für die sowjetischen Behörden ein probates Mittel zur Bestrafung unliebsamer Personen, die offiziell zu "verdächtigen Elementen" erklärt wurden. Zu den Opfern solcher Strafmaßnahmen gehörten viele Menschen aus den Baltischen Staaten, aus der Westukraine und aus Moldawien. Zu jener Zeit wurden nicht nur Individuen, sondern ganze Bevölkerungsgruppen als "nicht-vertrauenswürdig" abgestempelt, wie z.B. die Deutschen (nach dem Kriegsbeginn mit Deutschland 1941), Krimtartaren, Tschetschenen oder Inguschen. Diese Politik hatte zur Folge, dass viele Menschen sehr weit entfernt von ihrem Geburtsort leben mussten, beispielsweise in Sibirien oder Zentralasien.

In der UdSSR war die internationale Migration stark eingeschränkt. Besonders während des Kalten Krieges war die Bewegungsfreiheit zwischen Ländern des Ostblocks und Westeuropa bzw. Nordamerika nahezu unmöglich. Sowjetische Bürger benötigten für Reisen ins Ausland ein Ausreisevisum. Es gab nur wenige, stark kontrollierte Kanäle für eine Einreise ins Land, z.B. im Zusammenhang mit politisch bedeutsamen Projekten oder zu Studienzwecken. Illegale Migration wurde durch hochentwickelte Sicherheitssysteme und Grenzkontrollen wirksam unterbunden. [11]

Aufgrund der zaristischen und sowjetischen Politik war die Bevölkerungszusammensetzung in den verschiedenen Landesteilen nicht homogen. Ethnische Russen lebten in allen Teilrepubliken und ihre Anzahl schwankte zwischen 2,5 % (in Armenien und 38 % in Kasachstan. Sie waren hauptsächlich in den Hauptstädten und anderen urbanen Zentren ansässig, wo sie Zugang zu Kultur und Bildung in ihrer Muttersprache hatten und ihnen attraktive Arbeitsplätze offen standen. Da Russen die dominierende ethnische Gruppe in der Sowjetunion stellten (auf die man häufig als "ältere Brüder" anspielte) und Russisch die lingua franca war, wurden die Russen dazu ermuntert, sich in der gesamten UdSSR "zuhause" zu fühlen. Der beliebte Schlager aus der Ära der "Stagnation" in den 1970er veranschaulicht diese Einstellung der ethnischen Russen sehr treffend: "Nicht irgendein Haus, nicht irgendeine Straße – mein Zuhause ist die Sowjetunion". Gleichzeitig lebten viele Angehörige nicht-russischer Ethnien aus den anderen, nicht-russischen Teilrepubliken auf russischem Territorium. Der letzten sowjetischen Volkszählung von 1989 zufolge stellten ethnische Ukrainer und Weißrussen nach den Russen die zweit- und drittgrößte Bevölkerungsgruppe im überwiegenden Teil russischer Siedlungsgebiete. Ethnische Moldawier lebten hauptsächlich in den zentralen Regionen. Ethnische Esten, Letten und Litauer waren in den Nordwestregionen und Sibirien ansässig. [12] Ethnische Armenier, Aserbaidschaner und Georgier waren vorwiegend in den großen Städten wie Moskau und Leningrad anzutreffen sowie in den südlichen Gebieten. Ethnische Kasachen lebten im Grenzgebiet der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) mit Kasachstan wie beispielsweise in den autonomen Gebieten Kurgan, Astrachan oder Orenburg. [13]

Fußnoten

1.
Vgl. Heleniak T. (2004).
2.
Ivakhnyuk (2009), S. 5.
3.
Ibid, S. 4.
4.
Das System der Aufenthaltsgenehmigungen (propiska) wurde 1932 eingeführt und "durch einen Stempel im "Inlandspass" vermerkt, der von einer örtlichen Dienststelle des Innenministeriums ausgestellt wurde. Jede Person war unter einer bestimmten Adresse registriert und hatte mit der Registrierung Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Bildung, zur Gesundheitsversorgung und anderen Sozialleistungen": Ivakhnyuk (2009), S. 2.
5.
Ibid.
6.
Ab 1928 wurde die Wirtschaft der UdSSR durch eine Reihe von Fünf-Jahresplänen (piatiletkas) strukturiert.
7.
Ivakhnyuk (2009). S. 7.
8.
Verteilung von Hochschulabgängern (raspredelene) – "ein administratives Instrument der Migrationspolitik in der UdSSR ... hatte zum Ziel, Wirtschaftsprojekte und abgelegene Gegenden mit der erforderlichen Anzahl von Fachleuten (Ingenieure, Techniker, Architekten, Lehrer, Ärzte etc.) auszustatten": Ivakhnyuk I. (2009), S. 3.
9.
Cutris G.E. (1996).
10.
Ivakhnyuk I. (2009). S. 8.
11.
Ibid, S. 11.
12.
Die Anwesenheit von Esten, Letten und Litauern in Sibirien ist auf die Zwangsdeportation der baltischen Bevölkerung nach der sowjetischen Annektierung 1940 zurückzuführen.
13.
Vgl.: http://demoscope.ru/weekly/ssp/rus_nac_79.php?reg.

Kurzdossiers

Zuwanderung, Flucht und Asyl: Aktuelle Themen

Ein Kurzdossier legt komplexe Zusammenhänge aus den Bereichen Zuwanderung, Flucht und Asyl sowie Integration auf einfache und klare Art und Weise dar. Es bietet einen fundierten Einstieg in eine bestimmte Thematik, in dem es den Hintergrund näher beleuchtet und verschiedene Standpunkte wissenschaftlich und kritisch abwägt. Darüber hinaus enthält es Hinweise auf weiterführende Literatur und Internet-Verweise. Dies eröffnet die Möglichkeit, sich eingehender mit der Thematik zu befassen. Unsere Kurzdossiers erscheinen bis zu 6-mal jährlich.

Mehr lesen