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29.10.2020 | Von:
Frederik Schulze

Vom Sklavenhandel zum Auswanderungsland – Brasilien und die Migration

Brasilien ist ein stark von Einwanderung geprägtes Land. Die wechselvolle Migrationsgeschichte spiegelt sich bis heute in der Bevölkerung und Kulturvielfalt wider. In jüngster Zeit dominiert die Auswanderung.

Menschen mit Mundschutz gegen das Corona-Virus auf einer belebten Straße in Salvador, 22.07.2020Menschen mit Mundschutz gegen das Corona-Virus auf einer belebten Straße in Salvador, 22.07.2020. Die wechselvolle Migrationsgeschichte Brasiliens spiegelt sich bis heute in der Bevölkerung und Kulturvielfalt wider. (© picture-alliance/dpa, Manuela Cavadas)

Migrationsgeschichte

Brasilien ist stark von Einwanderung geprägt. Doch in den letzten Jahrzehnten hat sich das größte und bevölkerungsreichste Land Südamerikas zu einem Auswanderungsland entwickelt. Ziel von transnationaler Migration ist es dennoch geblieben.[1] In Brasilien leben Nachfahren von Menschen aus der ganzen Welt: Nachdem portugiesische Seefahrer im Jahr 1500 erstmals das Land betraten und es für die portugiesische Krone in Besitz nahmen, bauten sie in den folgenden drei Jahrhunderten ein Kolonialreich auf, in dem Portugiesinnen und Portugiesen, Indigene und afrikanische Sklavinnen und Sklaven lebten. Letztere wurden zwangsverschleppt, um auf Plantagen zu arbeiten.

Bis zur Abschaffung der Sklaverei 1888 wurden fast vier Millionen Menschen aus Afrika nach Brasilien gebracht (siehe Tabelle 1).[2] Während sie in der Kolonialzeit vor allem in der Zuckerwirtschaft des Nordostens eingesetzt wurden, avancierte ab Ende des 18. Jahrhunderts der Südosten des Landes zum Hauptzielort von Zwangsmigration, da dort Kaffeeplantagen entstanden. Daher wurden viele Sklavinnen und Sklaven innerhalb Brasiliens verkauft. Die nach Brasilien Verschleppten hatten sich im Zuge dieser Zwangsmigration weitgehend von ihren Herkunftskulturen entfremdet, auch wenn sie einzelne Aspekte von Alltagskultur wie Musik oder Speisen und eine synkretistische Religion – in der Einflüsse verschiedener Glaubensformen vereint wurden – bewahren konnten. Auch war Widerstand in Form von Aufständen und Flucht weit verbreitet. Die teilweise heute noch existierenden Quilombos, Siedlungen geflohener Sklavinnen und Sklaven, legen davon Zeugnis ab.

Tabelle 1: Entwicklung der Zahl der im Rahmen des atlantischen Sklavenhandels nach Brasilien verschleppten Sklavinnen und Sklaven

Nordost-BrasilienBahiaSüdost-Brasilien
1519–1600 35.000 15.000 -
1601–165086.300 60.000 30.000
1651–1675 15.600 15.600 15.600
1676–1700 30.200 75.900 30.200
1701–1725 24.300 199.600 122.000
1726–1750 51.400 104.600 213.900
1751–1775 126.900 94.400 210.400
1776–1800 210.800 112.500 247.200
1801–1825 214.800 182.000 408.700
1826–1850 80.000 146.500 736.400
1851–1867 900 1.900 3.600

Quelle: Meissner, Jochen/Mücke, Ulrich/Weber, Klaus: Schwarzes Amerika. Eine Geschichte der Sklaverei, München: Beck 2008, S. 87.

Nach der Unabhängigkeit von Portugal im Jahr 1822 öffnete sich Brasilien für europäische Einwanderung. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kamen rund 4,5 Millionen Migranteninnen und Migranten ins Land, vor allem aus Portugal, Spanien sowie italienisch- und deutschsprachigen Gebieten. Die meisten von ihnen waren Bäuerinnen und Bauern, die wenig besiedelte Landstriche im Süden und Südosten Brasiliens erschlossen. Vor allem in Rio Grande do Sul, Santa Catarina, Paraná, São Paulo und Espírito Santo betrieben sie Subsistenzwirtschaft oder bewirtschafteten Kaffeeplantagen. Diese landwirtschaftlichen Aktivitäten waren ein wesentlicher Faktor für die Zerstörung des atlantischen Regenwalds (Mata Atlântica). Außerdem gab es städtische Einwanderung, die zunächst aus Eliten wie Kaufleuten, Intellektuellen und Arbeitsmigranten mit einem hohen sozialen Status bestand, zunehmend aber auch Handwerktreibende, Dienstleute sowie Arbeiterinnen und Arbeiter umfasste. Sie trugen ab Ende des 19. Jahrhunderts zur beginnenden Industrialisierung und Urbanisierung bei, für die exemplarisch die migrantisch geprägte Stadt São Paulo steht.

Brasilien präsentierte sich als Alternative zur Einwanderung in die USA und bot Land und Hilfestellung für die Migrantinnen und Migranten an.[3] Die Eliten versprachen sich neue freie Arbeitskräfte, die perspektivisch die Sklavinnen und Sklaven ersetzen sollten, da die Sklaverei in Brasilien 1888 abgeschafft wurde. Außerdem erhofften sie sich eine territoriale Stabilisierung des Landes gerade an den südlichen Grenzen, wo es im 19. Jahrhundert wiederholt zu Konflikten mit Nachbarländern wie Argentinien, Uruguay oder Paraguay kam. Nicht zuletzt verfolgten die Eliten, die selbst portugiesisch-stämmig waren, ein rassistisches Zivilisierungsprojekt und wollten mit europäischer Einwanderung ihr Land "aufweißen" (embranqueamento). Gerade der Staat São Paulo inszenierte sich gerne als Hort europäischer Zivilisation und grenzte sich gegen den eher afrikanisch und indigen geprägten Nordosten des Landes ab.[4] Mit Ausrufung der Republik 1889 erhielten alle Eingewanderten die brasilianische Staatsbürgerschaft.

Die Einwanderinnen und Einwanderer kamen vor allem aus wirtschaftlichen Gründen nach Brasilien, gab es doch in Europa ein starkes Bevölkerungswachstum und Versorgungs- und Arbeitsmarktengpässe. Einige waren auch politische Flüchtlinge, darunter die sogenannten 1848er, die aufgrund der fehlgeschlagenen deutschen Revolution migrierten. Anfang des 20. Jahrhunderts kam es zu weiteren Einwanderungswellen, die nun auch aus Japan und der sogenannten Levante, den Ländern am östlichen Mittelmeer, stammten. Aufgrund der Wirtschaftskrise in der Weimarer Republik kamen in den 1920er Jahren besonders viele Deutsche nach Brasilien. Ab den 1930er Jahren folgten jüdische Flüchtlinge aus ganz Mittel- und Osteuropa, die vor zunehmender Verfolgung und schließlich dem Holocaust Schutz suchten.[5]

Tabelle 2: Einwanderung nach Brasilien 1819–1933

Herkunftsland1819-591860-691870-791880-891890-991900-091910-191920-291930-33
Portugal 64.524 563.618 67.609 104.690 219.353 195.586 318.481 301.915 46.086
Italien 209 4.916 47.100 277.124 690.365 221.394 138.168 106.835 11.242
Spanien 191 633 3.940 30.066 164.293 113.142 181.651 80.931 8.142
Preußen/Deutschland 22.798 16.514 14.627 18.901 17.084 13.848 25.902 75.801 11.254
Österreich - 104 7.580 4.603 38.487 15.443 13.085 12.020 1.282
Frankreich 392 2.564 4.213 2.856 7.575 3.682 8.163 6.797 1.617
Schweiz 4.411 758 1.838 1.117 1.056 993 1.586 3.859 691
Russland - - 8.075 2.094 41.416 14.906 39.288 7.171 3.609
Polen - - - - 1.420 - - 28.028 9.001
Japan - - - - - 861 27.432 58.286 55.880
Levante - - - - 3.617 16.131 35.193 23.784 269
Sonstige 15.090 30.986 38.949 6.500 13.035 18.367 25.273 112.391 16.777
Gesamt 137.119 110.093 193.931 444.155 1.197.701 614.353 813.722 844.190 167.484

Quelle: Rinke, Stefan/Fischer, Georg/Schulze, Frederik (Hg.): Geschichte Lateinamerikas vom 19. bis zum 21. Jahrhundert. Quellenband, Stuttgart: Metzler 2009, S. 87.

Migrationskonflikte

Vor allem Deutsche, aber auch andere Gruppen, die als Bäuerinnen und Bauern in homogenen Gruppen siedelten, hatten im 19. Jahrhundert teilweise wenig Kontakt zum Staat und unterhielten, auch mit Unterstützung des deutschen Staats und nationalistischer Interessenvertretungen, deutschsprachige Schulen und Kirchen. Fremdsprachige Vereinswesen und, wie im Fall der Deutschen, politische Rückbezüge auf die alte Heimat, etwa in Form von Kaisergeburtstagsfeiern, irritierten die brasilianischen Eliten.[6] Ab 1900 begannen Politiker und Intellektuelle, die mangelnde Assimilierung einiger migrantischer Gruppen zu kritisieren. Einzelne Kommentatoren beschworen gar die "deutsche Gefahr" herauf, nach der sich die deutschen Migrantinnen und Migranten für unabhängig erklären und die Integrität des Staates gefährden könnten.[7] In Wirklichkeit integrierten sich jedoch viele Eingewanderte in die brasilianische Gesellschaft und stellten keine pauschale Gefahr dar.[8] Als sich Brasilien 1917 während des Ersten Weltkrieges der "Entente" – dem Militärbündnis rund um Frankreich, England und Russland – anschloss, kam es zu Ausschreitungen gegen Migrantinnen und Migranten aus den Mittelmächte-Staaten (Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, Bulgarien und Osmanisches Reich). Deutschsprachige Einrichtungen wurden vorübergehend geschlossen.

In den 1930er Jahren ging der Staat erneut vehement gegen die Bewahrung migrantischer Kulturen vor. Unter Präsident Getúlio Vargas, der seit 1930 autoritär herrschte, bemühte sich der Staat um die Stärkung des brasilianischen Nationalismus und forderte die Assimilierung der Eingewanderten ein.[9] Eine Einwanderungsbehörde arbeitete auf der Grundlage der damals aufkommenden Migrationssoziologie, wie sie in den USA entwickelt wurde, ein Quotensystem für erwünschte Einwanderung aus, verhinderte homogene Ansiedlungen und versuchte, Migrantinnen und Migranten zu nationalisieren, indem etwa die Schulen patriotische Inhalte vermittelten.[10] Im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs verstärkte sich das Assimilierungsprogramm von Vargas. Die Auslandsorganisation der NSDAP, die auch in Brasilien aktiv war, wurde verboten.[11] Bei Kriegsausbruch kam es zu Verhaftungen von deutschen Staatsangehörigen, zur Schließung fremdsprachiger Einrichtungen und zum Verbot der deutschen Sprache in der Öffentlichkeit.

Durch die Nationalisierungspolitik und eine Nationalerzählung, die ethnische und kulturelle Mischung als Kern der brasilianischen Identität ausrief, rückten nach dem Zweiten Weltkrieg kulturelle Rückbezüge von Eingewanderten zunächst in den Hintergrund. Über Einwanderung wurde wenig gesprochen, migrantische Interessengruppen hatten kaum politischen oder gesellschaftlichen Einfluss. Erst ab den 1980er Jahren lässt sich ein Wiedererstarken von Migrationsthemen auf lokaler Ebene, im Kulturleben und auch in der Forschung erkennen, da ein neues Interesse an Migrationskontexten entstanden ist. Regionen mit deutscher, italienischer und japanischer Einwanderungsgeschichte begannen nun, solche Rückbezüge auch für touristische Zwecke zu nutzen. Das Oktoberfest von Blumenau ist ein solches Beispiel erfundener Tradition. Im Rahmen einer solchen Identitätspolitik und einer multikulturellen Auffächerung Brasiliens haben sich auch afrobrasilianische Gruppen bemerkbar gemacht, eine Aufwertung afrikanischer Kulturen gefordert und Rassismus beklagt.

Brasilien als Einwanderungsland seit 1945

Nach 1945 ging die Einwanderung stark zurück, auch wenn Brasilien mit Ländern wie Italien und Spanien Einwanderungsabkommen abschloss und darüber hinaus politische Flüchtlinge aufnahm. Auch deutschen Nationalsozialisten gelang das Untertauchen in Brasilien. Wichtiger wurde ab den 1950er Jahren jedoch die Binnenmigration vom Land in die Städte und vom Nordosten in den Südosten, vor allem nach São Paulo.[12] Die Migrantinnen und Migranten suchten Arbeit und fanden sich oft in den Armutssiedlungen (favelas) der großen Städte wieder. Diese gesellschaftliche Stratifizierung wirkte wieder auf Identitätserzählungen zurück, die einen Gegensatz zwischen dem migrantisch geprägten Süden und Südosten und dem von kolonialzeitlicher Migration geprägten Nordosten konstruierten.

Heutzutage ist Brasilien vor allem Zielland südamerikanischer Migration.[13] Dafür sind vornehmlich wirtschaftliche Gründe verantwortlich. Gemessen an einer Gesamtbevölkerung von knapp 210 Millionen Menschen ist die Zahl von 1,27 Millionen Eingewanderten in den Jahren 2010–2018 aber eher gering. Größere Gruppen bildeten im genannten Zeitraum Personen aus Bolivien (124.169), den USA (78.984), Argentinien (65.793) und Kolumbien (60.158).[14] Da die Zahl vieler Migrantinnen und Migranten nicht dokumentiert ist, sind diese Zahlen allerdings wenig belastbar. Seit 2002 gibt es ein Personenfreizügigkeitsabkommen zwischen den Ländern des Mercosur und Bolivien und Chile, welches die legale Migration zwischen diesen Ländern erleichtert und ihren Bürgerinnen und Bürgern das Recht auf Gleichbehandlung im Aufnahmeland einräumt. Inzwischen sind Peru und Ecuador sowie Kolumbien dem Abkommen beigetreten. Auch einige afrikanische Migrantinnen und Migranten sind in den letzten Jahren nach Brasilien eingewandert. Seit 2017 ist ein neues Migrationsgesetz in Kraft. Es ermöglicht unter anderem die Einreise mit einem befristeten Visum und definiert neben Pflichten auch Rechte von Eingewanderten. Das Gesetz löste das bis dahin geltende sogenannte Ausländerstatut (Estatuto do Estrangeiro) aus dem Jahr 1980 ab, welches Migration noch unter dem Aspekt der "nationalen Sicherheit" betrachtete.

2010–2018 reisten zudem Flüchtlinge aus Haiti (107.079) und Venezuela (48.611) ein.[15] Während unter der Regierung Dilma Rousseffs ab 2012 der Aufenthalt für Einreisende aus Haiti erleichtert wurde, sind derzeit Venezolanerinnen und Venezolaner darauf angewiesen, die Grenze illegal zu überqueren. Sie sind zudem an einigen Orten gewalttätigen Reaktionen der lokalen Bevölkerung ausgesetzt.

Brasilien als Auswanderungsland

Während Brasilien in den letzten Jahrzehnten kaum mehr als Einwanderungsland wahrgenommen wurde, wuchs seine Bedeutung als Auswanderungsland: Allein 2010–2019 fanden 2,66 Millionen mehr Aus- als Einreisen statt.[16] Ab 1964 kam es zu einer ersten kleinen Auswanderungswelle, als Gegnerinnen und Gegner der Militärdiktatur (1964–1985) ins politische Exil gingen, darunter viele Intellektuelle und Kunstschaffende. In den 1980er und verstärkt in den 1990er Jahren setzte angesichts einer großen Wirtschaftskrise mit hoher Inflation eine ökonomisch motivierte Emigration ärmerer Bevölkerungsteile in die USA und nach Europa ein. In den 2000er Jahren wanderten auch vermehrt Angehörige der Mittelschicht aus, wobei die USA als Zielland wegen der dortigen Wirtschaftskrise und des restriktiven Einwanderungskurses in den Hintergrund traten. Außerdem wanderten viele Personen in den 2000er Jahren zurück, da Brasilien einen Wirtschaftsaufschwung erfuhr.

Genaue Zahlen von brasilianischen Staatsangehörigen im Ausland gibt es nicht, da ein großer Teil undokumentiert migriert. 2015 schätzte das brasilianische Außenministerium, dass 3.083.255 Brasilianerinnen und Brasilianer im Ausland lebten. Die zehn wichtigsten Aufnahmeländer waren demnach die USA (1,41 Millionen), Paraguay (332.042), Japan (170.229), Großbritannien (120.000), Portugal (116.271), Spanien (86.691), Deutschland (85.272), die Schweiz (81.000), Italien (72.000) und Frankreich (70.000).[17]

Tabelle 3: Brasilianerinnen und Brasilianer im Ausland (2015)

Schätzung des brasilianischen Außenministeriums

LandAnzahl
Nordamerika 1.467.000
Südamerika 553.040
Europa 750.983
Asien 191.967
Vorderer Orient 47.522
Ozeanien 47.310
Afrika 25.387
Karibik und Zentralamerika 5.046

Quelle: Estimativas populacionais das comunidades brasileiras no Mundo – 2015 (números atualizados em 29/11/2016), in: http://www.brasileirosnomundo.itamaraty.gov.br/a-comunidade/estimativas-populacionais-das-comunidades (Zugriff: 07.06.2020).

Hauptziele brasilianischer Migration in den USA sind New York, Boston und Florida. Auch wenn es keine ausgeprägte Community-Bildung gibt, kommt es zu einer Identitätsbildung gerade auch in Abgrenzung zu anderen lateinamerikanischen migrantischen Gruppen.[18] Europa ist vor allem für Personen interessant, die eine europäische Familiengeschichte und daher oft noch ein Anrecht auf eine europäische Staatsangehörigkeit besitzen. Aufgrund der sprachlichen Nähe ist Portugal Hauptzielland, was durch ein bilaterales Abkommen (2002) erleichtert wurde. Dennoch ist das Zusammenleben nicht immer konfliktfrei, da Eingewanderte aus Brasilien in Portugal oft als anders wahrgenommen werden. Ähnlich ergeht es japanischstämmigen Rückwanderinnen und Rückwanderern aus Brasilien, die in Japan nicht als japanisch anerkannt werden.[19] So entsteht ein komplexes Bild von brasilianischer Auswanderung, das Diskriminierungserfahrungen und positive Rezeption, Arbeit und Geldzahlungen an Familienmitglieder in Brasilien (remittances), Studierende und Wohlhabende ebenso wie kulturelle Einflüsse im Gastland umfasst, für die Capoeira- oder Waxing-Studios beispielhaft stehen.[20] So bleibt Brasilien weiterhin ein Land, dessen Geschichte und Gegenwart eng mit Migrationserfahrungen verknüpft sind.

Fußnoten

1.
Einführend vgl. Patarra, Neide (Hg.): Emigração e imigração internacionais no Brasil contemporâneo, São Paulo: FNUAP 1995; Fausto, Boris (Hg.): Fazer a América. A imigração em massa para a América Latina, São Paulo: edusp 1999; Lesser, Jeffrey: Immigration, Ethnicity, and National Identity in Brazil, 1808 to the Present, Cambridge: Cambridge University Press 2013 und Rinke Stefan/Schulze, Frederik: Kleine Geschichte Brasiliens, München: Beck 2013.
2.
Meissner, Jochen/Mücke, Ulrich/Weber, Klaus: Schwarzes Amerika. Eine Geschichte der Sklaverei, München: Beck 2008, S. 87.
3.
Seyferth, Giralda: Colonização e política imigratória no Brasil imperial, in: Sales, Teresa/Salles, Maria do Rosário R. (Hg.): Políticas migratórias. América Latina, Brasil e brasileiros no exterior, São Carlos: Ed. UFSCar 2002, S. 79–110.
4.
Weinstein, Barbara: The Color of Modernity. São Paulo and the Making of Race and Nation in Brazil, Durham: Duke University Press 2015.
5.
Mühlen, Patrik von zur: Fluchtziel Lateinamerika. Die deutsche Emigration 1933–1945. Politische Aktivitäten und soziokulturelle Integration, Bonn: Verlag Neue Gesellschaft 1988.
6.
Schulze, Frederik: Auswanderung als nationalistisches Projekt. 'Deutschtum' und Kolonialdiskurse im südlichen Brasilien (1824–1941), Köln: Böhlau 2016.
7.
Gertz, René: O perigo alemão, Porto Alegre: Editora da Universidade/UFRGS 1991. Zu asiatischer Einwanderung vgl. Dezem, Rogério: Matizes do "amarelo". A gênese dos discursos sobre os orientais no Brasil (1878–1908), São Paulo: Associação Editorial Humanitas 2005.
8.
Lesser, Jeffrey: Negotiating National Identity. Immigrants, Minorities, and the Struggle for Ethnicity in Brazil, Durham, NC: Duke University Press 1999 und Frotscher, Méri: Identidades móveis. Práticas e discursos das elites de Blumenau (1929–1950), Blumenau: Edifurb 2007.
9.
Seyferth, Giralda: Os imigrantes e a campanha de nacionalização do Estado Novo, in: Pandolfi, Dulce (Hg.): Repensando o Estado Novo, Rio de Janeiro: Editora FGV 1999, S. 199–228.
10.
Schulze, Frederik: Nation and Migration. German-Speaking and Japanese Immigrants in Brazil, 1850–1945, in: Foote, Nicola/Goebel, Michael (Hg.): Immigration and National Identities in Latin America, Gainesville u. a.: University Press of Florida 2014, S. 115–138.
11.
Gertz, René: O fascismo no sul do Brasil. Germanismo, nazismo, integralismo (= Documenta SC, 1), Porto Alegre: Mercado Aberto 1987 und Müller, Jürgen: Nationalsozialismus in Lateinamerika. Die Auslandsorganisation der NSDAP in Argentinien, Brasilien, Chile und Mexiko, 1931–1945, Stuttgart: Hans-Dieter Heinz 1997.
12.
Vgl. bspw. Fontes, Paulo Roberto Ribeiro: Um Nordeste em São Paulo. Trabalhadores migrantes em São Miguel Paulista (1945–66), Rio de Janeiro: FGV Editora 2008.
13.
Vgl. Cutti, Dirceu/Baptista, Dulce M. Tourinho/Pereira, José C./Bógus, Lucia M. Machado (Hg.): Migração, trabalho e cidadania, São Paulo: EDUC 2015.
14.
Cavalcanti, Leonardo/Oliveira, Tadeu de/Macedo, Marília de (Hg.): Imigração e refúgio no Brasil. Relatório Anual 2019, Brasília: Observatório das Migrações Internacionais 2019, S. 82.
15.
Ebd.
16.
Cavalcanti, Leonardo/Oliveira, Tadeu de/Macedo, Marília de (Hg.): Imigração e refúgio no Brasil. Relatório Anual 2019, Brasília: Observatório das Migrações Internacionais 2019, S. 76. Vgl. auch Buarque, Daniel: Brazil. Um país do presente. A imagem internacional do "país do futuro", São Paulo: Alameda 2013, S. 273–313 und Bógus, Lucia/Baeninger, Rosana (Hg.): A nova face da emigração internacional no Brasil, São Paulo: EDUC 2018.
17.
Estimativas populacionais das comunidades brasileiras no Mundo – 2015 (números atualizados em 29/11/2016), in: http://www.brasileirosnomundo.itamaraty.gov.br/a-comunidade/estimativas-populacionais-das-comunidades (Zugriff: 07.06.2020).
18.
Margolis, Maxine: Little Brazil. An Ethnography of Brazilian Immigrants in New York City, Princeton: Princeton University Press 1994 und Martes, Ana Cristina Braga: New Immigrants, New Land. A Study of Brazilians in Massachusetts, Gainesville: University Press of Florida 2010.
19.
Roth, Joshua Hotaka: Brokered Homeland. Japanese Brazilian Migrants in Japan, Ithaca: Cornell University Press 2002.
20.
Röhrig-Assunção, Matthias: Capoeira. The History of an Afro-Brazilian Martial Art, London: Routledge: 2005 und Lidola, Maria: Intime Arbeit und migrantische Unternehmerschaft. Professionalität, Körperlichkeit und Anerkennung in brasilianischen Waxing Studios Berlins, Bielefeld: transcript 2016.
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