Japan 255

5.4.2002 | Von:

Historische Entwicklung

Herrschaft der Samurai

Verloren in einer ästhetischen Scheinwelt bemerkte der Hofadel nicht, daß in den Provinzen eine neue Schicht landbesitzenden Kriegeradels emporgekommen war, der vom 12. Jahrhundert an eine neue Herrschaftselite stellte. Bei Hofe waren die Damen und Herren von den politisch-wirtschaftlichen Entwicklungen "draußen im Lande" weitgehend isoliert, ihr Tagesablauf kreiste um den Hof und seine komplizierte Etikette. Ein Ausflug mit Sänfte oder Kutsche wenige Kilometer vom Palast entfernt galt als Reise, eine weite Reise in die Provinz, die durch Versetzung (oder auch Verbannung) nötig wurde, war eine Zumutung oder wurde als Strafe empfunden.

Abschließung von der Welt

Fern von Kyoto, in Kamakura (nahe dem heutigen Tokyo), wurde das neue Machtzentrum errichtet, von wo aus mächtige Samurai-Familien dreihundert Jahre das Land beherrschten, während der Kaiser in Kyoto ein politisches Schattendasein führte. Im 13. Jahrhundert wurden zwei Mongoleninvasionen erfolgreich abgewehrt. Ende des 15. Jahrhunderts zerfiel die Macht der Ritterschaft, es begann ein chaotisches Jahrhundert der Bürgerkriege.

Vom Ende des 16. Jahrhunderts bis zum Jahre 1628 einten drei aufeinanderfolgende Feldherren und Politiker das Land: Oda Nobunaga beendete die Bürgerkriege, Toyotomi Hideyoshi bezwang die rebellischen Feudalfürsten und wagte sogar einen Eroberungskrieg gegen China über Korea. Das Einigungswerk vollendete sein früherer Gefolgsmann Tokugawa Ieyasu, dessen Familienname einer ganzen Epoche (1603-1868) ihren Namen gab. Unter Oda und Toyotomi war das Christentum vor allem in Kyushu verbreitet; Ieyasu rottete es gezielt aus, weil er Widerstände gegen seine Herrschaft und Eroberungspläne der Spanier und Portugiesen befürchtete. Nach einem Vernichtungsfeldzug gegen die letzten Christen (1628) auf Kyushu schloß Ieyasu Japan fast hermetisch gegen das Ausland ab. Diese Abschließung dauerte bis 1854.

Die Tokugawa-Zeit kennzeichnete eine Hochblüte bürgerlicher Kultur, vor allem in Osaka und Edo (Tokyo). Während der "Pax Tokugawa" blühte die Wirtschaft des Landes auf. In den großen Städten (Edo, Osaka) und in den Lehensgebieten der Tokugawa entstanden Manufakturen (Lackwaren, Keramik, Porzellan, Tuche), die ihre Produkte für den japanischen Binnenmarkt fertigten, aber auch schon Exportwaren herstellten, die über Nagasaki (Insel Deshima) nach Europa verschifft wurden, vor allem blau-weißes ("chinesisches") Porzellan aus Kyushu. Ein Bankensystem bildete sich heraus, und in Kyoto und Osaka wurden Reis-Börsen gegründet.

In der konfuzianischen Gesellschaftsordnung stand der schwerttragende Adel (Samurai) an der Spitze, gefolgt von den Bauern, die Nahrungsmittel erzeugten, aber genau genommen stand die "Landwirtschaft" auf dem zweiten Rang, denn die einzelnen Bauern galten dem adligen Grundherren nichts. Auf Rang drei standen die Handwerker, die Geräte des täglichen Gebrauchs fertigten - und auf der niedrigsten Gesellschaftsstufe dagegen rangierten die Kaufleute, die nach Auffassung des Konfuzianismus nur parasitäre Funktionen ausübten. In der komplexen Wirtschaftsordnung der Tokugawa-Zeit aber wurden sie bald unverzichtbar, denn sie wickelten den überregionalen Handel ab, gaben Kredite und betätigten sich als Geldwechsler. Vor allem aber tauschten sie Reis, den die Samurai als Sold erhielten, gegen andere Waren ein. Ihr Wohlstand war so verlockend, daß nicht wenige herrenlose Samurai - also ohne Einkünfte - ihren Adelstitel aufgaben und Kaufleute wurden, so beispielsweise der Gründer des Hauses Mitsui, heute eine der größten Unternehmensgruppen Japans.

Zwischen 1600 und 1720 verdoppelte sich die japanische Bevölkerung, die Kindersterblichkeit sank und die landwirtschaftliche Produktivität stieg so an, daß auch die Bauern für den Markt produzieren konnten; das galt vor allem für "cash crops" wie Rohseide, Indigo und Baumwolle.

Die Tokugawa- (oder Edo-)Zeit aber war vor allem eine Hochblüte der bürgerlichen Stadtkultur: Wohlhabende Kaufleute und Handwerker vergnügten sich mit populären Theaterstücken (Kabuki), literarischem Puppentheater, aber auch mit dem neuen "Ringkampf der dicken Männer", dem Sumo, der in dieser Epoche populär wurde. Diese "fließend vergängliche Welt" wurde in immer neuen, weit verbreiteten Holzdrucken gefeiert. Populäre Schauspieler, Kurtisanen, die in der Mode richtungweisend waren oder Ringkämpfer und berühmte Landschaften tauchen auf diesen Blättern auf, die von geschäftstüchtigen Verlagen verbreitet wurden.

Mitte des 19. Jahrhunderts hatte das "Entwicklungsland" Japan alle wirtschaftlichen Instrumente zur Verfügung, um sich an den Weltmarkt anzukoppeln: Börsensystem, Bankenwesen, Transportsysteme, Küstenschiffahrt usw. Ermöglicht wurden diese Entwicklungen durch den Frieden der Tokugawa-Zeit, den ein ausgeklügeltes, effizientes Verwaltungssystem garantierte.

Neuzeit seit dem 19. Jahrhundert

Nach 300jähriger strenger Abgeschlossenheit gegen das Ausland (nur in Nagasaki durften Holländer auf einer künstlichen Insel eine Handelsniederlassung unterhalten) erzwang 1854 eine amerikanische Flotte unter Commodore Matthew Perry (die sogenannten "Schwarzen Schiffe", in Japan noch heute Symbol äußerer Bedrohung) die Öffnung von Vertragshäfen und damit die Aufnahme des Handelsverkehrs. Das alte feudalistische Herrschaftssystem wurde in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts von Wirtschafts- und Finanzkrisen geschüttelt. Inflation durch Münzverfälschungen (Kupfer statt Gold, Blei statt Silber), häufige Mißernten und drückende Steuerlasten, die Bauernaufstände auslösten, kündigten das Ende der Tokugawa-Herrschaft an.

Diese zerbrach von außen unter der Bedrohung durch westliche imperialistische Mächte und von innen unter dem Herrschaftsanspruch einer Gruppe junger, reformfreudiger Samurai ("Ritter") aus den südwestlichen Lehensgebieten des japanischen Reiches. Sie hatten schon früh, Ende des 18. Jahrhunderts, die technische Überlegenheit des Westens erfahren und erkannten, daß die Tokugawa-Regierung und das erstarrte Wirtschafts- bzw. Gesellschaftssystem nicht zur Abwehr der ausländischen Bedrohung in der Lage waren. Zwischen der alten Waffentechnik des Landes und der modernen Waffentechnik westlicher Mächte klaffte eine Entwicklungslücke in Japan. Die jungen Samurai aber waren bereit, sich zur Abwehr der westlichen imperialistischen Bedrohung deren technologisches Wissen anzueignen, um es gegen sie zu kehren. Gleichzeitig strebten sie danach, die Herrschaft der Militärregenten aus dem Hause Tokugawa zugunsten einer "Restauration" der kaiserlichen Macht zu brechen. Der Tenno sollte wieder als höchster Herrscher in seine "ursprünglichen" politischen Rechte eingesetzt werden.

Nach kurzen Kämpfen zwischen Reformern und Konservativen um die Familie Tokugawa brach die Tokugawa-Herrschaft (das sogenannte "bakufu", etwa "Zeltregierung" in Erinnerung an den militärischen Ursprung) zusammen. Es folgten schnelle wirtschaftliche und soziale Reformen: freie Berufswahl, Abschaffung der Privilegien der Samurai-Klasse, Umwandlung der Grundsteuern von Natural- in Geldsteuern, Aufhebung der Bindung der Bauern an den Boden, Gewerbefreiheit - und nicht zuletzt die Schaffung eines stehenden Heeres mit allgemeiner Wehrpflicht.

1889 war das neue Herrschaftssystem der Meiji-Zeit (so genannt nach der Ära-Devise des Kaisers Mutsuhito, dem Meiji-Tenno) weit genug gefestigt, daß eine Verfassung erlassen werden konnte, die in weiten Teilen der deutschen Reichsverfassung von 1871 nachgebildet war. Deutsche Staatsrechtler hatten an ihrer Ausarbeitung mitgewirkt. Im Artikel 3 der neuen Verfassung hieß es allerdings: "Der Kaiser ist heilig und unverletzlich" - und damit war dem Tenno eine gänzlich andere verfassungsrechtliche Rolle zugewiesen als dem deutschen Kaiser. An die Stelle des europäischen Gottesgnadentums (das heißt der Herrscher regiert "von Gottes Gnaden") trat in der ersten japanischen Verfassung der rechtliche Hinweis, daß der Tenno selbst Familienbande zur Gottheit (Sonnengöttin) hatte, also selbst "göttlich" war (siehe "Geschichte und Einfluß des Kaiserhauses").