Japan 255

5.4.2002 | Von:

Historische Entwicklung

Weltpolitischer Akteur

Reiches Land, starke Armee" war einer der Wahlsprüche, unter denen die Reformer angetreten waren. Konsequent entwickelten sie über staatliche Investitionen und unternehmerische Aktivitäten des jungen Meiji-Staates die Industrie und förderten dabei besonders die Leichtindustrie (Fasern und Textilien) sowie die strategischen Industrien (Stahl, Schiffbau, Rüstung). Gestützt auf seine modernisierte Armee begann Japan mit einer Expansionspolitik im angrenzenden asiatischen Raum, die bald zu militärischen Konflikten führte: 1895/96 errang Japan einen schnellen Sieg über das Kaiserreich China. Kriegsgrund war ein Konflikt um die Vorherrschaft in Korea. Das koreanische Königreich verstand sich als Tributstaat Chinas, und die politische Elite Koreas widersetzte sich japanischen Vormachtsansprüchen. Koreanische Reformer dagegen sahen in Japan ein Modell der Modernisierung, dem sie folgen wollten.

1904/05 besiegten Japans Heer und Marine die russischen Fernoststreitkräfte; auch in diesem blutigen militärischen Konflikt ging es um den Anspruch auf die Vorherrschaft in Korea. Eine Gruppe von koreanischen Höflingen hatte versucht, gegen die wachsende japanische Präsenz (auch militärisch) in Korea Rußland zum Verbündeten zu gewinnen. Das Zarenreich hatte gerade seine "asiatische Dimension" entdeckt und war gern bereit, sich in Korea festzusetzen - auch um den Preis eines Krieges gegen Japan. Der "asiatische Sieg über eine europäische Großmacht" löste in Japan Stolz, in Europa dagegen Bestürzung aus. 1910 annektierte Japan schließlich seinen Nachbarn Korea und errichtete ein überaus brutales Kolonialregime auf der Halbinsel. Die Erinnerung an diese Unterdrückung prägt noch heute unterschwellig das schwierige Verhältnis der beiden Nachbarn.

Der Erste Weltkrieg brachte Japan einen ungeheuren Wirtschaftsaufschwung, da Europas Großmächte auf Kriegswirtschaft umgestellt hatten und die asiatischen Märkte vernachlässigen mußten. Als Partner des französisch-englischen Bündnisses gegen Deutschland besetzte Japan die deutschen Kolonien und Pachtgebiete in China und baute seine Interessen in der Mandschurei aus. 1918 versuchte die japanische Führung vor dem Hintergrund der Revolutionswirren in Rußland in russisch Fernost eine eigene Machtsphäre zu erobern, doch dieses "sibirische Abenteuer" schlug fehl. Innenpolitisch brachten die beiden ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts eine Ausweitung des Wahlrechts (1925: Aktives Wahlrecht für alle Männer über 25 Jahre, Frauen erhielten erst 1947 durch die US-Besatzungsmacht das Wahlrecht). Bürgerliche politische Kräfte wurden gegenüber dem Militär in der Politik gestärkt, auch entstanden erste proletarische Parteien, die von Intellektuellen organisiert worden waren und Rückhalt in der Gewerkschafts- und Bauernbewegung fanden.

Wirtschaftskrisen zu Beginn der zwanziger und dreißiger Jahre führten zu dramatischer Verarmung der Bauern, die ohnehin größtenteils auf den Status ausgebeuteter Pächter abgesunken waren. Japan verlor wieder seine Exportmärkte in West- und Südostasien, da die europäischen Kolonialmächte dort wieder ihre überlegenen Marktpositionen besetzten und japanische Konkurrenz verdrängten. Damit wurde neben den Krisen in der Landwirtschaft steigende Arbeitslosigkeit zum größten Problem der japanischen Wirtschaft. Antikapitalistische Theoretiker, die einen Ultranationalismus verfochten, der sich auf den Bauernstand gründete, gewannen an Einfluß in den unteren Offiziersrängen der Armee, denn viele Offiziere stammten aus verarmten bäuerlichen Familien. Japans politische Führung aus bürgerlichen Parteipolitikern geriet zunehmend unter den Einfluß dieser radikalen "faschistischen" (wohl eher ultranationalistischen) Militärs, die die Expansion nach China und Südostasien anstrebten. Es kam zu gezielten militärischen Aggressionen in China, die sich zu blutigen Kämpfen ausweiteten (Massaker von Nanking, 1937). Es folgte Japans Austritt aus dem Völkerbund.

Quellentext

Rolle des Kaisers im Krieg

Kaiser Hirohito, die stille, passive Gestalt, die nach dem Krieg ihre Marineuniform gegen graue Anzüge tauschte, war von der Person her nicht mit Hitler zu vergleichen; er spielte jedoch eine ähnliche psychologische Rolle. Die Mitscherlichs haben zu Hitler geschrieben: "Er war ein Objekt, an das man sich anlehnte, dem man die Verantwortung übertrug […]." Dasselbe gilt für die Institution des japanischen Kaisers, ganz gleich wer gerade auf dem Thron saß. […]

Es war jedoch genau dieses Symbol der Autorität […] das General MacArthur nach 1945 bewußt nicht antastete. Das war auch eine Bedingung, die die Japaner vor ihrer Kapitulation gestellt hatten. Aber die Alliierten lehnten ab und zwangen die Japaner mit der Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki zur bedingungslosen Kapitulation. Nach 1945 dann hatte man Angst, man würde Japan ohne den Kaiser nicht regieren können. Deshalb verhielt sich MacArthur wie ein traditioneller Daimyo [Name für ehemalige traditionelle Regionalfürsten] (und wurde von vielen Japanern dafür auch bewundert), und er machte sich das Symbol des Kaisers zunutze, um die eigene Macht zu stärken. Aber damit verringerte er die Chancen, in Japan eine funktionsfähige Demokratie aufzubauen, und machte sich der Geschichtsfälschung schuldig. Denn um den Kaiser auf seinem Thron halten zu können (den er ja auch hätte zum Rücktritt zwingen können), mußte Hirohitos Vergangenheit von jeglichem Makel gereinigt werden; man wollte das Symbol von allem befreien, was in seinem Namen geschehen war. […]

Kaiser Hirohito entging nicht nur der Anklage in Tokio, er konnte noch nicht einmal als Zeuge vorgeladen werden. […] Aristides George Lazarus, Verteidiger eines der angeklagten Generäle, wurde gebeten, dafür zu sorgen, daß "die angeklagten Militärs und ihre Zeugen bei ihren Aussagen auf jeden Fall betonten, Hirohito sei nur der unbeteiligte Ehrengast dieser Treffen gewesen, bei denen militärische Aktionen oder Programme erörtert wurden und an denen er aus protokollarischen Gründen teilnehmen mußte." Zweifelsohne erhielten die anderen Anwälte ähnliche Anweisungen.

[…]

Alle Japaner hatten Schwierigkeiten damit, offen über die Vergangenheit zu sprechen, solange der Kaiser noch lebte. Denn wenn er, obwohl er die formelle Verantwortung für alles, was geschehen war, getragen hatte, dafür nicht zur Rechenschaft gezogen wurde, konnte auch alle anderen keine Schuld treffen - abgesehen von einer Handvoll militärischer und ziviler Sündenböcke.

Ian Buruma, Erbschaft der Schuld, Vergangenheitsbewältigung in Japan und Deutschland, München 1994, S. 220 ff.

Am 6. September 1941 tagte die sogenannte Kaiserliche Konferenz, ein Gremium, dem die Kabinettsmitglieder, die Oberkommandierenden der Teilstreitkräfte Heer, Marine und Luftwaffe sowie hochrangige Hofbeamte angehörten; unter formalem Vorsitz des Tenno war die Kaiserliche Konferenz das höchste politische Entscheidungsorgan. Üblicherweise schwieg der Kaiser während der Diskussionen in dem Gremium, aber am 6. September war es anders, nachdem die Militärs sich offen für Krieg gegen die USA und die europäischen Kriegsgegner Deutschlands ausgesprochen hatten.

Und dann erhob sich der Kaiser. Niemand hatte den Konferenzteilnehmern gesagt, daß er das Wort ergreifen werde, es sei denn, um die Konferenz förmlich zu beenden. Was hatte das zu bedeuten? Wollte er den Staatsmännern seinen Segen geben und ihnen für die bevorstehende Feuerprobe Glück wünschen? […]

Von seinem Podest vor dem goldenen Vorhang sah der Kaiser dorthin, wo Admiral Nagano saß, und dann blickte er zu Marschall Sugiyama hinüber. Er sagte, die Antworten des Marineministers auf Haras Fragen hätten ihn außerordentlich interessiert, aber sei damit wirklich alles gesagt? Habe er nicht von den Chefs seiner Streitkräfte eine Erklärung zu der entscheidenden Frage hören müssen, was Vorrang habe - Krieg oder Diplomatie? Oder wüßten sie das nicht? Wenn sie es aber wüßten, warum hätten sie es dann nicht ausgesprochen?

Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann fort: "Was mich betrifft, so habe ich keine Zweifel wie die Antwort lautet." Er schob die Hand in die Tasche und zog einen Zettel hervor: "Ich möchte Ihnen ein Gedicht vorlesen, das mein Großvater, der große Kaiser Meiji, geschrieben hat." Und mit seiner hohen, geübten, akzentuierenden Stimme las er: […]

Die Meere umgeben die ganze Welt Und mein Herz schreit zu den Völkern der Erde Warum denn zerstören Winde und Wellen der Zwietracht den Frieden, der zwischen uns herrscht?

"Dieses Gedicht", sagte er, und in der Stille des Saals war das bestürzte, peinliche Schweigen fast zu hören, "ist immer eines meiner liebsten Gedichte gewesen, denn es spricht aus, was ich empfinde und was mein Großvater empfand, als er es schrieb - Liebe zum Frieden."

Der Kaiser setzte sich. Alle Anwesenden verbeugten sich, setzten sich ebenfalls und nahmen wieder ihre starre Haltung ein. Alle hatten verstanden, was der Kaiser von ihnen verlangte. Die militärische und politische Führung Japans folgte dem Wunsch des Tenno nicht.

Leonard Mosley, Ein Gott dankt ab. Hirohito - Kaiser von Japan, Oldenburg und Hamburg 1966, S.178 f.

Zweiter Weltkrieg

Für Japan hatte der Zweite Weltkrieg also schon 1937 begonnen, wenn auch konservative japanische Historiker die Kriegshandlungen im pazifischen Raum losgelöst vom "europäischen" Zweiten Weltkrieg betrachten. Sie sehen in der japanischen Aggression eher einen "Befreiungskampf von der europäischen Kolonialherrschaft in Asien". Der Krieg in China wurde nach Südostasien gegen die europäischen Kolonien vorwiegend in Malaysia, Burma und Indonesien ausgeweitet. Singapur und Hongkong fielen, Thailand konnte seine staatliche Unabhängigkeit retten und wurde zum "Verbündeten" Japans bei der Eroberung Indochinas.

Ein Neutralitätspakt mit der Sowjetunion (1941), die "Achse" zwischen Berlin, Rom und Tokyo schienen eine Basis für das verhängnisvollste Wagnis zu sein: den Kriegsbeginn gegen die USA. Mit dem Angriff auf Pearl Harbor (1941) war endgültig die Verknüpfung von "europäischem" Krieg und pazifischen Kriegshandlungen hergestellt: Japan und Deutschland hatten jetzt dieselben Kriegsgegner. Eine Ausnahme bildete allerdings die Sowjetunion, die erst 1945 gegen Japan in den Krieg eintrat - nach der deutschen Niederlage, wie es in einem Geheimabkommen der Alliierten festgelegt worden war.

Bis 1944 eroberte Japan ein Weltreich - und verlor es in wenigen Monaten. Japans Städte lagen längst schon durch "konventionelles" Bombardement in Schutt und Asche, als die Atombomben auf Hiroshima (6. August 1945) und drei Tage später auf Nagasaki fielen. Auf kaiserlichen Beschluß nahm Japan die bedingungslose Kapitulation nach der Potsdamer Erklärung an. Erstmals hörte das japanische Volk die Stimme des Kaisers über Radio: Der Tenno sprach verklausuliert die Kapitulationserklärung aus. Zuvor hatten fanatische Offiziere versucht, die Schellack-Platte mit seiner Rede in ihre Gewalt zu bringen und ihn zu ermorden. Ein Verwandter stand bereit, an seine Stelle zu treten und den Krieg fortzusetzen; die fanatisierten Offiziere wollten ein ganzes Volk in den kollektiven Selbstmord treiben. Der Kaiser selbst war offenbar entschlossen, dieses Ende zu verhindern und entschied für die bedingungslose Kapitulation. Am 2. September wurde die Kapitulationsurkunde an Bord des US-Schlachtschiffes "Missouri" in der Bucht von Tokyo unterzeichnet.