Japan 255
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5.4.2002 | Von:
Manfred Pohl

Historische Entwicklung

Menschen müssen, wie Ausgrabungen belegen, auf den japanischen Inseln schon 20000 Jahre v. Chr. gelebt haben, wobei es erste lockere Wohngemeinschaften schon etwa 1000 Jahre v. Chr. gegeben hat. Als Beweis dienen zahlreiche Keramikgefäße aus Höhlensiedlungen, die nach ihrer teils kunstvollen Verzierung in einer Art "Taumuster"-Stil der Jomon-Kultur ihren Namen gaben. Die Menschen dieser Entwicklungsstufe waren Jäger, Sammler und Fischer.
Ein Samurai in der Nähe von Tokio. Beim Frühlingsfest in Japan hat er einen Krieger in voller Montur nachgestellt.Ein Samurai in der Nähe von Tokio. Beim Frühlingsfest in Japan hat er einen Krieger in voller Montur nachgestellt. (© picture-alliance/AP)

Einleitung

Menschen müssen, wie Ausgrabungen belegen, auf den japanischen Inseln schon 20000 Jahre v. Chr. gelebt haben. Erste lockere Wohngemeinschaften hat es schon mindestens 1000 Jahre v. Chr. gegeben. Es wurden in Höhlensiedlungen über das Land verteilt zahlreiche Keramikgefäße gefunden, die nach ihrer teils kunstvollen Verzierung in einer Art "Taumuster"-Stil der Jomon-Kultur ihren Namen gaben (japanisch jomon = "Taumuster"). Die Menschen dieser Entwicklungsstufe waren Jäger, Sammler und betrieben Fischfang.

Samurai-Skulptur. Erinnerung an die vormoderne Führungselite des Kaiserreichs.Samurai-Skulptur. Erinnerung an die vormoderne Führungselite des Kaiserreichs. (© Japan Photo-Archiv)
Die frühen Kulturen der japanischen Inseln erhielten zwischen 300 v. Chr. und 300 n. Chr. durch Einwandererströme vom asiatischen Festland weitere zivilisatorische Impulse, die eine schnelle Entwicklung von handwerklichen Fertigkeiten (Bronze- und Eisenverarbeitung) und in der Landwirtschaft (Naßfeld-Reisanbau) auslösten. Die Ausgrabungen zeigen auch, daß sich jetzt feste Siedlungen (Dorfgemeinschaften) herausbildeten.

Frühgeschichte

Die frühesten schriftlichen Zeugnisse über Japan finden sich in chinesischen Quellen aus der Zeit zwischen 200 vor bis 200 n. Chr. Die Chroniken erwähnen ein Inselreich mit etwa 100 Teilstaaten. Einige dieser Fürstentümer pflegten engen Austausch mit China, ihre Herrscher erkannten die Tributpflichtigkeit gegenüber den chinesischen Kaisern an. Über die regelmäßigen Tributgesandtschaften gelangten Grundelemente der chinesischen Zivilisation nach Japan, vor allem die chinesische Schrift. Um 350 n. Chr. gelang es dem Lokalherrscher der Region Yamato (Gebiet um Kyoto, Nara), die übrigen Fürstentümer unter seiner Vorherrschaft zu einen. Als religiöse Legitimation dieses neuen Herrschaftsanspruchs wurden die Familiengottheiten der anderen Fürstenfamilien den Hausgottheiten der Yamato-Fürsten in "familiärer" Hierarchie unterstellt. China und kleinere Königreiche auf der koreanischen Halbinsel erkannten die Vorherrschaft der Yamato-Fürsten über das gesamte damals bekannte Japan an - ein neuer Staat war geboren.

Der kulturelle Austausch mit China über die koreanische Halbinsel als "Kulturbrücke", aber auch mit der Kultur Koreas selbst, verstärkte sich besonders im 6. Jahrhundert: Von dieser Zeit an reisten immer wieder koreanische Gelehrte und Handwerker nach Japan. Sie brachten Hausbautechnik, medizinisches Wissen, Musik, Literatur und vor allem buddhistische Schriften mit. Korea wurde auf diese Weise zu einem Bindeglied zwischen dem kulturell hochentwickelten chinesischen Kaiserreich und dem vergleichsweise "primitiven", jungen japanischen Staat. Im 6. Jahrhundert gelangte so der Buddhismus nach Japan, der nach längeren Machtkämpfen zwischen den führenden Familien unter dem Regenten Shotoku Taishi "Staatsreligion" wurde (ca. 600 n. Chr.). Unter Shotoku wurde der Kaiser (Tenno), gestützt auf die "17 Artikel" (eine Art "Verfassungswerk" Shotokus), zum göttlichen Alleinherrscher über einen ansonsten locker zusammengefügten Sippenverband als Staat. Dieses "Reich" übernahm im 8. Jahrhundert das chinesische Verwaltungssystem, den zentralisierten Beamtenstaat. Der neue Zentralstaat dehnte seine Grenzen im Norden nach harten Kämpfen gegen die Ainu (eine Bevölkerungsgruppe sibirischer Abstammung) bis Ost-Honshu aus; im Westen wurden Restvölker südostasiatischer Abstammung auf Kyushu besiegt. Zuvor war Japan bis Mitte des 7. Jahrhunderts in die Machtkämpfe zwischen Reichen in Korea verwickelt, es besaß im Süden eine "Kolonie" (das Gebiet Mimana). Diese frühen Kontakte zu Korea waren für die weitere Entwicklung der japanischen Zivilisation und Kultur von entscheidender Bedeutung: Die koreanische Halbinsel wurde in den folgenden Jahrhunderten zu einer "Kulturbrücke" zwischen dem chinesischen Kaiserreich und Japan.

"Klassik"

Häufige Verlegungen der Hauptstädte kennzeichneten bis Ende der Nara-Zeit, als Nara 75 Jahre lang Hauptstadt Japans war, den "Städtebau". Nach dem Tod eines Tenno war sein bisheriger Wohnort mit unglückverheißenden Tabus belegt und ein neuer Residenzort mußte gefunden werden. Die Verlegung der Hauptstadt aus Nara nach Heiankyo (das heutige Kyoto) im Jahre 794 hatte jedoch andere Gründe: Die buddhistischen Tempel-Sekten hatten einen solchen politischen Einfluß gewonnen, daß der Kaiserhof nur durch eine Verlegung der Hauptstadt diese Einflüsse abschütteln konnte. Heiankyo/Kyoto blieb tausend Jahre lang kaiserliche Residenz ("Hauptstadt"), erst im 19. Jahrhundert wurde dann Tokyo neue Hauptstadt.

Am Hof von Heiankyo entwickelte sich eine höfische Kultur von äußerstem Raffinement: Der höfische Adel war durch die Erträge seiner Landgüter materiell abgesichert, die Verwaltungsaufgaben wurden weitgehend den Provinzgouverneuren und dem Landadel auf diesen Gütern überlassen, nur die zentralen Staatsaufgaben wurden von Hofbeamten (im Namen des Kaisers) wahrgenommen.

In der höfischen Muße entwickelten sich die schönen Künste zu höchster Blüte: Malerei, Plastik, die Schriftkunst und vor allem die Literatur erreichten eine Hochblüte, die diese Epoche mit Recht als "japanische Klassik" bezeichnen läßt. Damen und Herren bei Hofe lebten in getrennten Wohnquartieren des Schlosses, galante Abenteuer - nicht selten ausgelöst durch eine auffällig raffinierte Garderobe oder auch durch ein geistreiches Tagebuch, das von Hand zu Hand ging - waren an der Tagesordnung. Hofdamen, die nicht gerade Dienst bei der Kaiserin (oder den zahlreichen hochrangigen Konkubinen) hatten, beteiligten sich hingebungsvoll an diesen galanten Spielen - und genossen in dieser Epoche völlige Freiheit. In der Literatur setzten sie sogar die Maßstäbe: Im 10. und 11. Jahrhundert gaben Frauen in der japanischen Literatur den Ton an, einige der größten Literaturwerke wurden von Hofdamen verfaßt (zum Beispiel die "Geschichte vom Prinzen Genji", Gedichtsammlungen, Tagebücher).

Den beherrschenden politischen Einfluß am Kaiserhof übte die Familie Fujiwara aus, die vielfältige verwandtschaftliche Bindungen zum Kaiserhaus unterhielt. Die Fujiwara stellten hohe Staatsbeamte und lenkten nicht selten aus dem Hintergrund die Entscheidungen des Tenno als Regenten. Anfangs geschah dies nur für einige minderjährige Tenno, später aber auch für volljährige Kaiser. Angehörige der Fujiwara übten militärische Ämter aus, und eine ganze Reihe von Tenno waren mit Töchtern des Hauses Fujiwara verheiratet. Die Fujiwara brachten aber auch berühmte Dichter und Gelehrte hervor, so daß die höchste Blüte der höfischen Kultur in der Heian-Zeit auch "Fujiwara-Epoche" genannt wird. Ihre Macht endete im 11. Jahrhundert mit dem Aufkommen des Schwertadels.

Herrschaft der Samurai

Verloren in einer ästhetischen Scheinwelt bemerkte der Hofadel nicht, daß in den Provinzen eine neue Schicht landbesitzenden Kriegeradels emporgekommen war, der vom 12. Jahrhundert an eine neue Herrschaftselite stellte. Bei Hofe waren die Damen und Herren von den politisch-wirtschaftlichen Entwicklungen "draußen im Lande" weitgehend isoliert, ihr Tagesablauf kreiste um den Hof und seine komplizierte Etikette. Ein Ausflug mit Sänfte oder Kutsche wenige Kilometer vom Palast entfernt galt als Reise, eine weite Reise in die Provinz, die durch Versetzung (oder auch Verbannung) nötig wurde, war eine Zumutung oder wurde als Strafe empfunden.

Abschließung von der Welt

Fern von Kyoto, in Kamakura (nahe dem heutigen Tokyo), wurde das neue Machtzentrum errichtet, von wo aus mächtige Samurai-Familien dreihundert Jahre das Land beherrschten, während der Kaiser in Kyoto ein politisches Schattendasein führte. Im 13. Jahrhundert wurden zwei Mongoleninvasionen erfolgreich abgewehrt. Ende des 15. Jahrhunderts zerfiel die Macht der Ritterschaft, es begann ein chaotisches Jahrhundert der Bürgerkriege.

Vom Ende des 16. Jahrhunderts bis zum Jahre 1628 einten drei aufeinanderfolgende Feldherren und Politiker das Land: Oda Nobunaga beendete die Bürgerkriege, Toyotomi Hideyoshi bezwang die rebellischen Feudalfürsten und wagte sogar einen Eroberungskrieg gegen China über Korea. Das Einigungswerk vollendete sein früherer Gefolgsmann Tokugawa Ieyasu, dessen Familienname einer ganzen Epoche (1603-1868) ihren Namen gab. Unter Oda und Toyotomi war das Christentum vor allem in Kyushu verbreitet; Ieyasu rottete es gezielt aus, weil er Widerstände gegen seine Herrschaft und Eroberungspläne der Spanier und Portugiesen befürchtete. Nach einem Vernichtungsfeldzug gegen die letzten Christen (1628) auf Kyushu schloß Ieyasu Japan fast hermetisch gegen das Ausland ab. Diese Abschließung dauerte bis 1854.

Die Tokugawa-Zeit kennzeichnete eine Hochblüte bürgerlicher Kultur, vor allem in Osaka und Edo (Tokyo). Während der "Pax Tokugawa" blühte die Wirtschaft des Landes auf. In den großen Städten (Edo, Osaka) und in den Lehensgebieten der Tokugawa entstanden Manufakturen (Lackwaren, Keramik, Porzellan, Tuche), die ihre Produkte für den japanischen Binnenmarkt fertigten, aber auch schon Exportwaren herstellten, die über Nagasaki (Insel Deshima) nach Europa verschifft wurden, vor allem blau-weißes ("chinesisches") Porzellan aus Kyushu. Ein Bankensystem bildete sich heraus, und in Kyoto und Osaka wurden Reis-Börsen gegründet.

In der konfuzianischen Gesellschaftsordnung stand der schwerttragende Adel (Samurai) an der Spitze, gefolgt von den Bauern, die Nahrungsmittel erzeugten, aber genau genommen stand die "Landwirtschaft" auf dem zweiten Rang, denn die einzelnen Bauern galten dem adligen Grundherren nichts. Auf Rang drei standen die Handwerker, die Geräte des täglichen Gebrauchs fertigten - und auf der niedrigsten Gesellschaftsstufe dagegen rangierten die Kaufleute, die nach Auffassung des Konfuzianismus nur parasitäre Funktionen ausübten. In der komplexen Wirtschaftsordnung der Tokugawa-Zeit aber wurden sie bald unverzichtbar, denn sie wickelten den überregionalen Handel ab, gaben Kredite und betätigten sich als Geldwechsler. Vor allem aber tauschten sie Reis, den die Samurai als Sold erhielten, gegen andere Waren ein. Ihr Wohlstand war so verlockend, daß nicht wenige herrenlose Samurai - also ohne Einkünfte - ihren Adelstitel aufgaben und Kaufleute wurden, so beispielsweise der Gründer des Hauses Mitsui, heute eine der größten Unternehmensgruppen Japans.

Zwischen 1600 und 1720 verdoppelte sich die japanische Bevölkerung, die Kindersterblichkeit sank und die landwirtschaftliche Produktivität stieg so an, daß auch die Bauern für den Markt produzieren konnten; das galt vor allem für "cash crops" wie Rohseide, Indigo und Baumwolle.

Die Tokugawa- (oder Edo-)Zeit aber war vor allem eine Hochblüte der bürgerlichen Stadtkultur: Wohlhabende Kaufleute und Handwerker vergnügten sich mit populären Theaterstücken (Kabuki), literarischem Puppentheater, aber auch mit dem neuen "Ringkampf der dicken Männer", dem Sumo, der in dieser Epoche populär wurde. Diese "fließend vergängliche Welt" wurde in immer neuen, weit verbreiteten Holzdrucken gefeiert. Populäre Schauspieler, Kurtisanen, die in der Mode richtungweisend waren oder Ringkämpfer und berühmte Landschaften tauchen auf diesen Blättern auf, die von geschäftstüchtigen Verlagen verbreitet wurden.

Mitte des 19. Jahrhunderts hatte das "Entwicklungsland" Japan alle wirtschaftlichen Instrumente zur Verfügung, um sich an den Weltmarkt anzukoppeln: Börsensystem, Bankenwesen, Transportsysteme, Küstenschiffahrt usw. Ermöglicht wurden diese Entwicklungen durch den Frieden der Tokugawa-Zeit, den ein ausgeklügeltes, effizientes Verwaltungssystem garantierte.

Neuzeit seit dem 19. Jahrhundert

Nach 300jähriger strenger Abgeschlossenheit gegen das Ausland (nur in Nagasaki durften Holländer auf einer künstlichen Insel eine Handelsniederlassung unterhalten) erzwang 1854 eine amerikanische Flotte unter Commodore Matthew Perry (die sogenannten "Schwarzen Schiffe", in Japan noch heute Symbol äußerer Bedrohung) die Öffnung von Vertragshäfen und damit die Aufnahme des Handelsverkehrs. Das alte feudalistische Herrschaftssystem wurde in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts von Wirtschafts- und Finanzkrisen geschüttelt. Inflation durch Münzverfälschungen (Kupfer statt Gold, Blei statt Silber), häufige Mißernten und drückende Steuerlasten, die Bauernaufstände auslösten, kündigten das Ende der Tokugawa-Herrschaft an.

Diese zerbrach von außen unter der Bedrohung durch westliche imperialistische Mächte und von innen unter dem Herrschaftsanspruch einer Gruppe junger, reformfreudiger Samurai ("Ritter") aus den südwestlichen Lehensgebieten des japanischen Reiches. Sie hatten schon früh, Ende des 18. Jahrhunderts, die technische Überlegenheit des Westens erfahren und erkannten, daß die Tokugawa-Regierung und das erstarrte Wirtschafts- bzw. Gesellschaftssystem nicht zur Abwehr der ausländischen Bedrohung in der Lage waren. Zwischen der alten Waffentechnik des Landes und der modernen Waffentechnik westlicher Mächte klaffte eine Entwicklungslücke in Japan. Die jungen Samurai aber waren bereit, sich zur Abwehr der westlichen imperialistischen Bedrohung deren technologisches Wissen anzueignen, um es gegen sie zu kehren. Gleichzeitig strebten sie danach, die Herrschaft der Militärregenten aus dem Hause Tokugawa zugunsten einer "Restauration" der kaiserlichen Macht zu brechen. Der Tenno sollte wieder als höchster Herrscher in seine "ursprünglichen" politischen Rechte eingesetzt werden.

Nach kurzen Kämpfen zwischen Reformern und Konservativen um die Familie Tokugawa brach die Tokugawa-Herrschaft (das sogenannte "bakufu", etwa "Zeltregierung" in Erinnerung an den militärischen Ursprung) zusammen. Es folgten schnelle wirtschaftliche und soziale Reformen: freie Berufswahl, Abschaffung der Privilegien der Samurai-Klasse, Umwandlung der Grundsteuern von Natural- in Geldsteuern, Aufhebung der Bindung der Bauern an den Boden, Gewerbefreiheit - und nicht zuletzt die Schaffung eines stehenden Heeres mit allgemeiner Wehrpflicht.

1889 war das neue Herrschaftssystem der Meiji-Zeit (so genannt nach der Ära-Devise des Kaisers Mutsuhito, dem Meiji-Tenno) weit genug gefestigt, daß eine Verfassung erlassen werden konnte, die in weiten Teilen der deutschen Reichsverfassung von 1871 nachgebildet war. Deutsche Staatsrechtler hatten an ihrer Ausarbeitung mitgewirkt. Im Artikel 3 der neuen Verfassung hieß es allerdings: "Der Kaiser ist heilig und unverletzlich" - und damit war dem Tenno eine gänzlich andere verfassungsrechtliche Rolle zugewiesen als dem deutschen Kaiser. An die Stelle des europäischen Gottesgnadentums (das heißt der Herrscher regiert "von Gottes Gnaden") trat in der ersten japanischen Verfassung der rechtliche Hinweis, daß der Tenno selbst Familienbande zur Gottheit (Sonnengöttin) hatte, also selbst "göttlich" war (siehe "Geschichte und Einfluß des Kaiserhauses").

Weltpolitischer Akteur

Reiches Land, starke Armee" war einer der Wahlsprüche, unter denen die Reformer angetreten waren. Konsequent entwickelten sie über staatliche Investitionen und unternehmerische Aktivitäten des jungen Meiji-Staates die Industrie und förderten dabei besonders die Leichtindustrie (Fasern und Textilien) sowie die strategischen Industrien (Stahl, Schiffbau, Rüstung). Gestützt auf seine modernisierte Armee begann Japan mit einer Expansionspolitik im angrenzenden asiatischen Raum, die bald zu militärischen Konflikten führte: 1895/96 errang Japan einen schnellen Sieg über das Kaiserreich China. Kriegsgrund war ein Konflikt um die Vorherrschaft in Korea. Das koreanische Königreich verstand sich als Tributstaat Chinas, und die politische Elite Koreas widersetzte sich japanischen Vormachtsansprüchen. Koreanische Reformer dagegen sahen in Japan ein Modell der Modernisierung, dem sie folgen wollten.

1904/05 besiegten Japans Heer und Marine die russischen Fernoststreitkräfte; auch in diesem blutigen militärischen Konflikt ging es um den Anspruch auf die Vorherrschaft in Korea. Eine Gruppe von koreanischen Höflingen hatte versucht, gegen die wachsende japanische Präsenz (auch militärisch) in Korea Rußland zum Verbündeten zu gewinnen. Das Zarenreich hatte gerade seine "asiatische Dimension" entdeckt und war gern bereit, sich in Korea festzusetzen - auch um den Preis eines Krieges gegen Japan. Der "asiatische Sieg über eine europäische Großmacht" löste in Japan Stolz, in Europa dagegen Bestürzung aus. 1910 annektierte Japan schließlich seinen Nachbarn Korea und errichtete ein überaus brutales Kolonialregime auf der Halbinsel. Die Erinnerung an diese Unterdrückung prägt noch heute unterschwellig das schwierige Verhältnis der beiden Nachbarn.

Der Erste Weltkrieg brachte Japan einen ungeheuren Wirtschaftsaufschwung, da Europas Großmächte auf Kriegswirtschaft umgestellt hatten und die asiatischen Märkte vernachlässigen mußten. Als Partner des französisch-englischen Bündnisses gegen Deutschland besetzte Japan die deutschen Kolonien und Pachtgebiete in China und baute seine Interessen in der Mandschurei aus. 1918 versuchte die japanische Führung vor dem Hintergrund der Revolutionswirren in Rußland in russisch Fernost eine eigene Machtsphäre zu erobern, doch dieses "sibirische Abenteuer" schlug fehl. Innenpolitisch brachten die beiden ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts eine Ausweitung des Wahlrechts (1925: Aktives Wahlrecht für alle Männer über 25 Jahre, Frauen erhielten erst 1947 durch die US-Besatzungsmacht das Wahlrecht). Bürgerliche politische Kräfte wurden gegenüber dem Militär in der Politik gestärkt, auch entstanden erste proletarische Parteien, die von Intellektuellen organisiert worden waren und Rückhalt in der Gewerkschafts- und Bauernbewegung fanden.

Wirtschaftskrisen zu Beginn der zwanziger und dreißiger Jahre führten zu dramatischer Verarmung der Bauern, die ohnehin größtenteils auf den Status ausgebeuteter Pächter abgesunken waren. Japan verlor wieder seine Exportmärkte in West- und Südostasien, da die europäischen Kolonialmächte dort wieder ihre überlegenen Marktpositionen besetzten und japanische Konkurrenz verdrängten. Damit wurde neben den Krisen in der Landwirtschaft steigende Arbeitslosigkeit zum größten Problem der japanischen Wirtschaft. Antikapitalistische Theoretiker, die einen Ultranationalismus verfochten, der sich auf den Bauernstand gründete, gewannen an Einfluß in den unteren Offiziersrängen der Armee, denn viele Offiziere stammten aus verarmten bäuerlichen Familien. Japans politische Führung aus bürgerlichen Parteipolitikern geriet zunehmend unter den Einfluß dieser radikalen "faschistischen" (wohl eher ultranationalistischen) Militärs, die die Expansion nach China und Südostasien anstrebten. Es kam zu gezielten militärischen Aggressionen in China, die sich zu blutigen Kämpfen ausweiteten (Massaker von Nanking, 1937). Es folgte Japans Austritt aus dem Völkerbund.

Quellentext

Rolle des Kaisers im Krieg

Kaiser Hirohito, die stille, passive Gestalt, die nach dem Krieg ihre Marineuniform gegen graue Anzüge tauschte, war von der Person her nicht mit Hitler zu vergleichen; er spielte jedoch eine ähnliche psychologische Rolle. Die Mitscherlichs haben zu Hitler geschrieben: "Er war ein Objekt, an das man sich anlehnte, dem man die Verantwortung übertrug […]." Dasselbe gilt für die Institution des japanischen Kaisers, ganz gleich wer gerade auf dem Thron saß. […]

Es war jedoch genau dieses Symbol der Autorität […] das General MacArthur nach 1945 bewußt nicht antastete. Das war auch eine Bedingung, die die Japaner vor ihrer Kapitulation gestellt hatten. Aber die Alliierten lehnten ab und zwangen die Japaner mit der Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki zur bedingungslosen Kapitulation. Nach 1945 dann hatte man Angst, man würde Japan ohne den Kaiser nicht regieren können. Deshalb verhielt sich MacArthur wie ein traditioneller Daimyo [Name für ehemalige traditionelle Regionalfürsten] (und wurde von vielen Japanern dafür auch bewundert), und er machte sich das Symbol des Kaisers zunutze, um die eigene Macht zu stärken. Aber damit verringerte er die Chancen, in Japan eine funktionsfähige Demokratie aufzubauen, und machte sich der Geschichtsfälschung schuldig. Denn um den Kaiser auf seinem Thron halten zu können (den er ja auch hätte zum Rücktritt zwingen können), mußte Hirohitos Vergangenheit von jeglichem Makel gereinigt werden; man wollte das Symbol von allem befreien, was in seinem Namen geschehen war. […]

Kaiser Hirohito entging nicht nur der Anklage in Tokio, er konnte noch nicht einmal als Zeuge vorgeladen werden. […] Aristides George Lazarus, Verteidiger eines der angeklagten Generäle, wurde gebeten, dafür zu sorgen, daß "die angeklagten Militärs und ihre Zeugen bei ihren Aussagen auf jeden Fall betonten, Hirohito sei nur der unbeteiligte Ehrengast dieser Treffen gewesen, bei denen militärische Aktionen oder Programme erörtert wurden und an denen er aus protokollarischen Gründen teilnehmen mußte." Zweifelsohne erhielten die anderen Anwälte ähnliche Anweisungen.

[…]

Alle Japaner hatten Schwierigkeiten damit, offen über die Vergangenheit zu sprechen, solange der Kaiser noch lebte. Denn wenn er, obwohl er die formelle Verantwortung für alles, was geschehen war, getragen hatte, dafür nicht zur Rechenschaft gezogen wurde, konnte auch alle anderen keine Schuld treffen - abgesehen von einer Handvoll militärischer und ziviler Sündenböcke.

Ian Buruma, Erbschaft der Schuld, Vergangenheitsbewältigung in Japan und Deutschland, München 1994, S. 220 ff.

Am 6. September 1941 tagte die sogenannte Kaiserliche Konferenz, ein Gremium, dem die Kabinettsmitglieder, die Oberkommandierenden der Teilstreitkräfte Heer, Marine und Luftwaffe sowie hochrangige Hofbeamte angehörten; unter formalem Vorsitz des Tenno war die Kaiserliche Konferenz das höchste politische Entscheidungsorgan. Üblicherweise schwieg der Kaiser während der Diskussionen in dem Gremium, aber am 6. September war es anders, nachdem die Militärs sich offen für Krieg gegen die USA und die europäischen Kriegsgegner Deutschlands ausgesprochen hatten.

Und dann erhob sich der Kaiser. Niemand hatte den Konferenzteilnehmern gesagt, daß er das Wort ergreifen werde, es sei denn, um die Konferenz förmlich zu beenden. Was hatte das zu bedeuten? Wollte er den Staatsmännern seinen Segen geben und ihnen für die bevorstehende Feuerprobe Glück wünschen? […]

Von seinem Podest vor dem goldenen Vorhang sah der Kaiser dorthin, wo Admiral Nagano saß, und dann blickte er zu Marschall Sugiyama hinüber. Er sagte, die Antworten des Marineministers auf Haras Fragen hätten ihn außerordentlich interessiert, aber sei damit wirklich alles gesagt? Habe er nicht von den Chefs seiner Streitkräfte eine Erklärung zu der entscheidenden Frage hören müssen, was Vorrang habe - Krieg oder Diplomatie? Oder wüßten sie das nicht? Wenn sie es aber wüßten, warum hätten sie es dann nicht ausgesprochen?

Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann fort: "Was mich betrifft, so habe ich keine Zweifel wie die Antwort lautet." Er schob die Hand in die Tasche und zog einen Zettel hervor: "Ich möchte Ihnen ein Gedicht vorlesen, das mein Großvater, der große Kaiser Meiji, geschrieben hat." Und mit seiner hohen, geübten, akzentuierenden Stimme las er: […]

Die Meere umgeben die ganze Welt Und mein Herz schreit zu den Völkern der Erde Warum denn zerstören Winde und Wellen der Zwietracht den Frieden, der zwischen uns herrscht?

"Dieses Gedicht", sagte er, und in der Stille des Saals war das bestürzte, peinliche Schweigen fast zu hören, "ist immer eines meiner liebsten Gedichte gewesen, denn es spricht aus, was ich empfinde und was mein Großvater empfand, als er es schrieb - Liebe zum Frieden."

Der Kaiser setzte sich. Alle Anwesenden verbeugten sich, setzten sich ebenfalls und nahmen wieder ihre starre Haltung ein. Alle hatten verstanden, was der Kaiser von ihnen verlangte. Die militärische und politische Führung Japans folgte dem Wunsch des Tenno nicht.

Leonard Mosley, Ein Gott dankt ab. Hirohito - Kaiser von Japan, Oldenburg und Hamburg 1966, S.178 f.

Zweiter Weltkrieg

Für Japan hatte der Zweite Weltkrieg also schon 1937 begonnen, wenn auch konservative japanische Historiker die Kriegshandlungen im pazifischen Raum losgelöst vom "europäischen" Zweiten Weltkrieg betrachten. Sie sehen in der japanischen Aggression eher einen "Befreiungskampf von der europäischen Kolonialherrschaft in Asien". Der Krieg in China wurde nach Südostasien gegen die europäischen Kolonien vorwiegend in Malaysia, Burma und Indonesien ausgeweitet. Singapur und Hongkong fielen, Thailand konnte seine staatliche Unabhängigkeit retten und wurde zum "Verbündeten" Japans bei der Eroberung Indochinas.

Ein Neutralitätspakt mit der Sowjetunion (1941), die "Achse" zwischen Berlin, Rom und Tokyo schienen eine Basis für das verhängnisvollste Wagnis zu sein: den Kriegsbeginn gegen die USA. Mit dem Angriff auf Pearl Harbor (1941) war endgültig die Verknüpfung von "europäischem" Krieg und pazifischen Kriegshandlungen hergestellt: Japan und Deutschland hatten jetzt dieselben Kriegsgegner. Eine Ausnahme bildete allerdings die Sowjetunion, die erst 1945 gegen Japan in den Krieg eintrat - nach der deutschen Niederlage, wie es in einem Geheimabkommen der Alliierten festgelegt worden war.

Bis 1944 eroberte Japan ein Weltreich - und verlor es in wenigen Monaten. Japans Städte lagen längst schon durch "konventionelles" Bombardement in Schutt und Asche, als die Atombomben auf Hiroshima (6. August 1945) und drei Tage später auf Nagasaki fielen. Auf kaiserlichen Beschluß nahm Japan die bedingungslose Kapitulation nach der Potsdamer Erklärung an. Erstmals hörte das japanische Volk die Stimme des Kaisers über Radio: Der Tenno sprach verklausuliert die Kapitulationserklärung aus. Zuvor hatten fanatische Offiziere versucht, die Schellack-Platte mit seiner Rede in ihre Gewalt zu bringen und ihn zu ermorden. Ein Verwandter stand bereit, an seine Stelle zu treten und den Krieg fortzusetzen; die fanatisierten Offiziere wollten ein ganzes Volk in den kollektiven Selbstmord treiben. Der Kaiser selbst war offenbar entschlossen, dieses Ende zu verhindern und entschied für die bedingungslose Kapitulation. Am 2. September wurde die Kapitulationsurkunde an Bord des US-Schlachtschiffes "Missouri" in der Bucht von Tokyo unterzeichnet.
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