Internationale Beziehungen I

9.7.2004 | Von:

Zwang zur Koexistenz in den fünfziger Jahren

"Friedliche Koexistenz"

Der XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 bestätigte diese Entwicklung zur Entspannung. Innenpolitisch war es der Parteitag der Entstalinisierung und der Beginn eines "Tauwetters" in der sowjetischen Kulturpolitik. Es schuf Schriftstellern und Künstlern vorübergehend größere Freiräume. Außenpolitisch führte der Parteitag zur Aufhebung der Doktrin von der Unvermeidbarkeit von Kriegen sowie zur Neuformulierung der sowjetischen Koexistenz-Doktrin, die für den weiteren Verlauf des Ost-West-Konflikts von entscheidender Bedeutung sein sollte.

Die Entstehungsgeschichte der Koexistenz-Doktrin reicht zurück bis in die zwanziger Jahre, als die erwartete kommunistische Weltrevolution ausblieb und die Sowjetunion sich zum "Aufbau des Sozialismus in einem Lande" entschloß. Damit wurde von den Verfechtern der Weltrevolution akzeptiert, daß es für längere Zeit ein Nebeneinander unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen geben werde. Allerdings blieben die Koexistenzvorstellungen in der UdSSR lange Zeit vage und wurden erst zwischen 1956 und 1959 zu einer geschlossenen Doktrin ausgebaut, die danach vier zentrale Aussagen enthielt:

(1) Ein friedliches Nebeneinanderbestehen von Staaten mit unterschiedlicher Gesellschaftsordnung sei nicht nur möglich, sondern angesichts der Gefahren von Kriegen im Atomzeitalter auch unumgänglich.

(2) An die Stelle militärischer Auseinandersetzung trete der wirtschaftliche Wettbewerb, in dem sich die Über- oder Unterlegenheit eines Systems erweisen müsse.

(3) Ungeachtet des friedlichen Nebeneinanderbestehens von Staaten mit unterschiedlicher Gesellschaftsordnung gehe der ideologische Kampf unvermindert weiter.

(4) Das Bekenntnis zur friedlichen Koexistenz bedeute nicht die Aufgabe der weltrevolutionären Zielsetzung, sondern solle im Gegenteil die Möglichkeiten für die Weltrevolution verbessern und sei damit nur eine taktische Variante im internationalen Klassenkampf.

Gegenseitige Abschreckung

Eingeschränkt wurde die Koexistenz-Doktrin durch die Feststellung Chruschtschows, daß sie nur im Verhältnis zu westlich-kapitalistischen Ländern gelte. In der Dritten Welt bestehe für die Sowjetunion eine Pflicht zur Solidarität mit den Völkern in ihrem antikolonialistischem Kampf. Innerhalb des sozialistischen Lagers sollten die Prinzipien des "sozialistischen Internationalismus" Anwendung finden.

Voraussetzung für die Koexistenz-Doktrin war die Abkehr von der Doktrin der Unvermeidbarkeit von Kriegen, die von Lenin und vor allem von Stalin vertreten worden war. Sie hatten behauptet, der Kapitalismus werde sich nicht ohne Gegenwehr dem Sozialismus ergeben. Auf dem XX. Parteitag erklärte Chruschtschow dazu, "eine verhängnisvolle Unvermeidbarkeit der Kriege" gebe es nicht. Die Sowjetunion besitze genügend Atom- und Wasserstoffbomben, um einen Angriff der USA oder eines anderen westlichen Landes abzuschrecken, so daß der Angriff gar nicht erst geführt werde. Und wenn er doch geführt würde, werde die Sowjetunion ihn mit dem Einsatz der eigenen Vernichtungswaffen beantworten.

Damit hatte die Sowjetunion einen wesentlichen Schritt getan, um ein System gegenseitiger Abschreckung zu errichten, das auf Furcht vor den Folgen eines Nuklearkrieges beruhte und deshalb zu einer begrenzten Zusammenarbeit führte. Die USA waren allerdings Anfang 1956 noch nicht bereit, sich in dieses System einzufügen. Erst als sich die Dullessche Strategie der Befreiung, die bereits am 17. Juni 1953 versagt hatte, im "polnischen Oktober" und beim Ungarn-Aufstand 1956 erneut als Illusion erwies, begann man auch in Washington, die Regeln des politischen Verhaltens zwischen Ost und West zu überdenken. 1953 - nur wenige Monate nach dem Amtsantritt von John Foster Dulles - waren die Menschen in der DDR in ihrer Hoffnung auf amerikanische Hilfe auf dramatische Weise enttäuscht worden. In Polen und vor allem in Ungarn wiederholte sich dieses Schicksal im Herbst 1956 auf tragische Weise, als die USA sich mit den Aufständischen solidarisch erklärten, aber zugleich bekundeten, daß ihre Hilfe selbstverständlich nur moralischer, nicht militärischer Art sein könne.