Internationale Beziehungen I

9.7.2004 | Von:

Krise und Neubeginn der Ost-West-Kooperation

Schritte zur Abrüstung

Vorrang genossen allerdings die Bemühungen um den Abschluß eines INF-Abkommens, über dessen Grundzüge sich Reagan und Gorbatschow bei ihrer ersten Begegnung in Genf im November 1985 - dem ersten amerikanisch-sowjetischen Gipfeltreffen seit 1979 überhaupt - verständigten. Bei ihrer zweiten Begegnung im Oktober 1986 in Reykjavik schien das Abkommen beinahe schon perfekt, scheiterte aber im letzten Moment an der Weigerung Reagans, Begrenzungen des amerikanischen SDI-Programms hinzunehmen. Daher konnte der INF-Vertrag erst am 8. Dezember 1987 auf dem dritten Gipfel zwischen Reagan und Gorbatschow in Washington unterzeichnet werden.

Der Vertrag, durch den in einer "doppelten Null-Lösung" auf sowjetischer Seite 857 Raketen mit 1667 Sprengköpfen und auf amerikanischer Seite 429 Raketen und Sprengköpfe abgerüstet wurden, konnte indessen nur ein Anfang sein. Zwar wurde damit erstmals eine ganze Klasse von Kernwaffen beseitigt. Aber von der Reduzierung waren tatsächlich nur etwa drei bis vier Prozent aller Nuklearwaffen betroffen. Denn 1987, als die USA und die Sowjetunion den INF-Vertrag schlossen, wurden in der Welt insgesamt 930 Milliarden Dollar für die Rüstung ausgegeben - 1,8 Millionen pro Minute. Davon entfielen allein 293 Milliarden auf die USA und 260 Milliarden auf die Sowjetunion. Nur ein einziges, mit 24 Nuklearraketen bestücktes amerikanisches "Trident"-Unterseeboot verfügte über das Achtfache der Zerstörungskraft aller im Zweiten Weltkrieg eingesetzten Bomben und Granaten.

Die USA und die Sowjetunion verhandelten deshalb zugleich im Rahmen der START-Gespräche über eine Halbierung ihres strategischen Nuklearwaffenpotentials, ohne daß es ihnen jedoch gelang, bis zum vierten und letzten Gipfeltreffen zwischen Reagan und Gorbatschow innerhalb von drei Jahren im Mai 1988 in Moskau ein unterzeichnungsreifes Abkommen zustande zu bringen.

Für Gorbatschow ging es dabei nicht nur um außenpolitische Ziele. Er war vor allem aus wirtschaftlichen Gründen an der Abrüstung interessiert, um Ressourcen für die dringend reformbedürftige sowjetische Wirtschaft freizusetzen. Frühzeitig korrigierte er in diesem Zusammenhang auch das weltweite Ausgreifen der sowjetischen Außenpolitik nach Afrika, Asien und in die Karibik, das zu einer Verschwendung wertvoller Devisen geführt hatte. Die Freunde in der Dritten Welt, erklärte er dazu auf dem XXVII. Parteitag der KPDSU im Februar 1986, müßten den Sozialismus nun "hauptsächlich aus eigener Kraft aufbauen".

Der sowjetische Rückzug aus Afghanistan, der im Mai 1988 begann und am 15. Februar 1989 abgeschlossen wurde, war nur das sichtbarste Beispiel dieser Neuorientierung, die auch in Afrika, in der Karibik und in lndochina vorgenommen wurde. Sie verhalf dazu, in den Regionalkonflikten, die das Ost-West-Verhältnis seit Mitte der siebziger Jahre so sehr belastet hatten, nach einvernehmlichen Lösungen zu suchen, und erleichterte auch die Wiederannäherung zwischen Ost und West. Für die Sowjetunion aber war ihr "Disengagement" (Rückzug) in der Dritten Welt nur Teil einer umfassenden Revision ihrer Innen-, Außen- und Wirtschaftspolitik, um durch weitreichende Reformen die Strukturen ihrer Politik, Wirtschaft und Gesellschaft von Grund auf neu zu gestalten.