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Schnelltriebwagen auf einer Versuchsstrecke im 19. Jahrhundert

8.8.2012 | Von:
Prof. Dr. Jürgen Osterhammel

1800 bis 1850

Die Welt 1800-1850

Transatlantische Verbindungen und Trennungen

Um 1800 waren die einzelnen Teile der Erde noch sehr weit voneinander entfernt. Von einem Kontinent zum anderen gelangte man nur durch gefährliche und beschwerliche Seereisen. Von England aus war ein Schiff nach China vier bis fünf Monate unterwegs. Bis nach Australien, das erst ab 1788 systematisch von Europäern besiedelt wurde, zunächst als britische Sträflingskolonie, dauerte es sogar sieben bis acht Monate. Nirgendwo, auch nicht über den Nordatlantik hinweg, gab es einen fahrplanmäßigen Schiffsverkehr, von Tourismus ganz zu schweigen. Das meeresferne Innere von Asien, Afrika und Südamerika war in der Außenwelt so unbekannt, dass europäische Kartografen die berühmten weißen Flecken ließen. Die Welt von 1800 war eine Welt ohne Hotels. Nachrichten waren ebenso lange unterwegs wie Schiffe, denn es gab keine andere Methode, sie zu befördern. Die Gouverneure in den europäischen Überseekolonien konnten daher kaum von ihren Zentralen in London, Paris oder Amsterdam kontrolliert werden. Diese aus heutiger Sicht unvorstellbar schwierigen Kommunikationsverhältnisse verhinderten indes nicht, dass sich intensive Fernkontakte knüpften.
Diese Kontakte waren geografisch sehr ungleich verteilt. Die Initiative zu ihnen ging vorwiegend von Europäern aus. Seit 300 Jahren hatten die Europäer – erst Spanier und Portugiesen, dann Holländer, Engländer und Franzosen – als ungebetene Gäste andere Teile der Welt militärisch erobert und unter ihre Kontrolle gebracht. Dies war selten ohne die Mitwirkung von Einheimischen geschehen, die oft die Fremden als Verbündete in lokalen Machtkonflikten schätzten. Um 1800 hatten die europäischen Mächte keineswegs schon den überwiegenden Teil der Erdkugel unter ihre Herrschaft gebracht. In Afrika war nur die Südspitze des Kontinents niederländisches, dann britisches Kolonialgebiet. In Asien hielten sich winzige portugiesische Küstenenklaven (Goa in Indien, Macau in China) als Reste eines verschwundenen Handelsimperiums. Bedeutenden Kolonialbesitz, der ebenfalls ein Nebeneffekt von Handelsinteressen war, unterhielten nur die Niederlande im heutigen Indonesien sowie die Briten, deren halboffizielle East India Company seit den 1760er-Jahren Territorialherrin in Bengalen (mit der Hauptstadt Kalkutta) war und um 1800 erfolgreich Kriege zur Ausweitung ihres Herrschaftsbereichs führte. Französische Versuche, sich in Asien festzusetzen, waren gescheitert. Spanier saßen in der Stadt Manila und auf einigen der größeren philippinischen Inseln, denen aber wenig eigener kolonialer Wert beigemessen wurde, dienten sie doch vor allem als Zugang nach Ostasien.
Viel tiefer hatte sich der europäische Kolonialismus in der westlichen Hemisphäre eingewurzelt. Dort war er aber in den 1760er-Jahren in eine tiefe Krise geraten. Diese Krise hatte 1776 dazu geführt, dass 13 der britischen Kolonien in Nordamerika ihre Unabhängigkeit erklärten. Sie siegten in einem Krieg gegen das vormalige Mutterland und gaben sich 1787 eine gemeinsame Verfassung. 1789, im Jahr der Französischen Revolution, nahmen die Organe eines neu gegründeten Staates – Präsident, Senat und Repräsentantenhaus – ihre Arbeit auf: die der Vereinigten Staaten von Amerika. Die USA waren durch Sezession ohne verbleibende Bindung aus dem British Empire ausgeschieden.
Die imperiale Krise der 1760er-Jahre hatte auch das große spanische Reich in der Neuen Welt erfasst. Damals hatte Spanien versucht, den Zugriff auf seine Vizekönigtümer in Amerika zu verstärken, und damit den Widerstand der Kreolen, also der in Amerika geborenen Nachfahren spanischer Eltern, geweckt. Diese Gruppierung sah ihre wirtschaftlichen Interessen und politischen Privilegien bedroht. Eine scharfe Eskalation wie in Nordamerika blieb jedoch einstweilen aus. Der hispano-amerikanische Unabhängigkeitskampf begann erst, nachdem Napoleons Invasion Spaniens 1808 das Ancien Régime in Madrid gestürzt und ein südatlantisches Machtvakuum geschaffen hatte. Zwischen 1810 und 1826 wurde mit wechselnden regionalen Brennpunkten auf dem ganzen Subkontinent gekämpft. Trotz eines gewaltigen Militäreinsatzes musste sich Spanien geschlagen geben. Aus dem riesigen spanischen Imperium wurde ein Mosaik von 16 souveränen Staaten: großen wie Mexiko, Venezuela oder Argentinien, kleinen wie Panama oder Honduras. Unter anderen Umständen löste sich Brasilien 1822 von Portugal und machte sich zu einem selbstständigen Kaiserreich. Nur die Inseln Kuba und Puerto Rico verblieben bis 1898 in spanischer Hand.
Die Unabhängigkeit Lateinamerikas war die umfassendste Veränderung der politischen Landkarte in der gesamten Neuzeit. Fügt man hinzu, dass Napoleon 1803 die riesigen französischen Besitzungen in Nordamerika, die sich heute auf 15 Bundesstaaten verteilen, an die USA verkaufte, so zeigt sich, dass zwischen 1783 – als die späteren USA nach ihrem militärischen Sieg über Großbritannien de facto selbstständig wurden – und 1826 aus einem vom arktischen Norden bis in den tiefen Süden von Europa kolonisierten Kontinent eine Welt post-imperialer Nationalstaaten geworden war; nur Kanada blieb britisch. Die spanischsprachigen Republiken fanden aber nicht – wie die 13 britischen Kolonien – zu einer Union zusammen. Auch war es zunächst unter der Herrschaft von Militärführern und kleinen Oligarchien von Großgrundbesitzern mit ihrer inneren Stabilität und demokratischen Entwicklung nicht gut bestellt. Wirtschaftlich wurden sie von Großbritannien abhängig, gegen Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend von den USA.
Die Inselwelt der Karibik ging einen anderen Weg als das Festland. Dort behauptete sich der europäische Kolonialismus. Eine Ausnahme bildete die französische Kolonie Saint-Domingue, die westliche Hälfte der Insel Hispaniola. Saint-Domingue war die wirtschaftlich produktivste und profitabelste Kolonie des französischen Ancien Régime. Hunderttausende von Sklaven, die aus Afrika herbeigeschleppt worden waren, bauten dort für französische Pflanzer Zucker und Tabak an, „Kolonialwaren“ für europäische Kunden. Nachrichten vom Ausbruch der Französischen Revolution weckten Freiheitshoffnungen in allen Teilen der Bevölkerung. Die französischen Plantagenbesitzer hofften auf eine größere Autonomie vom Mutterland; eine ethnisch gemischte Mittelschicht von Mulatten und freigelassenen Sklaven wollte sich von der Vormundschaft der weißen Pflanzer befreien; die Sklaven, die die große Mehrheit der Bevölkerung ausmachten, erstrebten ein Ende von Sklaverei und Plantagensystem. Später wurde Saint-Domingue in die weltpolitische Auseinandersetzung zwischen Napoleon und der britischen Krone hineingezogen. Frankreich verfolgte einen Zickzack-Kurs: 1794 wurde die koloniale Sklaverei abgeschafft, 1802 führte Napoleon sie wieder ein. Vorübergehend schien sich die Möglichkeit eines autonomen Sonderstatus innerhalb des französischen Staatsverbandes abzuzeichnen. Sie wurde verspielt. Am Ende eines blutigen Tumults, der insgesamt von 1791 bis 1804 dauerte, stand die Gründung des neuen Staates Haiti – das erste Beispiel für einen erfolgreichen anti-kolonialen Befreiungskampf von Nicht-Weißen. Die Haitianische Revolution bildet eine wichtige Episode in der Geschichte revolutionärer Wechselwirkungen über den Atlantik hinweg in den Jahrzehnten um 1800.

Agrarische Imperien und ihr Niedergang

Während in Amerika europäische Kolonialreiche zerfielen und unabhängige Staaten entstanden, liefen in Asien die historischen Prozesse in andere Richtungen. Asien war vor 1800 auch nicht annähernd so ausgedehnt und intensiv kolonisiert worden wie Amerika einschließlich der Karibik. Das bevölkerungsreichste Land des Kontinents, China, war im 18. Jahrhundert selbst noch ein machtvolles Imperium, das sich nach Zentralasien ausdehnte und dabei erstmals Mongolen und Tibeter in die Grenzen des Reiches einschloss. Zur selben Zeit nahm China als Exporteur von Tee, Seide und Porzellan in großem Umfang am Welthandel teil. Auch viele andere Küstenregionen Asiens wurden in den interkontinentalen Warenverkehr einbezogen. In beschränktem Maß galt dies sogar für Japan, das sich bewusst von der Außenwelt isolierte. Nirgendwo in Asien gab es um 1850 auch nur Spuren einer Industrie modernen, also „englischen“ Typs. Dabei waren die Ökonomien der dicht besiedelten Kernländer keineswegs primitiv oder rückständig, sondern besaßen ein leistungsfähiges Handwerk, das oft zur Massenproduktion fähig war, sowie eine Landwirtschaft, der es immerhin gelang, vor der Erfindung des Kunstdüngers die Versorgung einer stetig wachsenden Bevölkerung auf kargem Niveau sicherzustellen. Alle diese Länder waren als mehr oder weniger absolute Monarchien auf agrarischer Grundlage organisiert.
Während sich in Amerika die europäischen Kolonialreiche auflösten, gerieten in Asien die seit langem etablierten agrarischen Monarchien in eine tiefe Krise. In Indien war bereits im frühen 18. Jahrhundert das vordem riesige und mächtige Mogulreich in Teilstaaten zerfallen. Erst diese Zersplitterung hatte es den Briten erlaubt, in Bengalen Fuß zu fassen und von dort aus – dies war bis 1818 geschehen – große Teile des Subkontinents zu erobern. So weit kam es in anderen Teilen Asiens einstweilen noch nicht. Der im 17. Jahrhundert starke und kulturell blühende Iran wurde Opfer nicht europäischer, sondern afghanischer Invasionen. Dennoch war die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Wendezeit für Asien, denn das bis dahin bestehende ungefähre Gleichgewicht zwischen Asien und Europa verschwand.
Europa, vor allem vertreten durch das wirtschaftlich dynamische Großbritannien, konfrontierte Asien mit militärischen und kulturellen Herausforderungen, auf die eine Antwort schwerfiel. Keine der agrarischen Monarchien erwies sich als reformfähig genug, um dem Westen Widerstand leisten zu können. Indien konnte erobert werden, weil sich die Briten die indische Zerstrittenheit zu Nutze machten und weil sie fähig waren, ihren quantitativ keineswegs überwältigenden Militärapparat besser zu organisieren als ihre indischen Gegner. Das Fußvolk der britischen Truppen in Indien bildeten Inder, sodass man sagen kann, die Briten hätten eine Methode gefunden, Indien sich selbst erobern zu lassen. Japan fiel es dank seiner Insellage relativ leicht, Ausländer von seinen Küsten fernzuhalten. Aber die Bedrohung nahm unverkennbar zu, und der streng hierarchisch geordneten japanischen Feudalordnung fehlte die Flexibilität, sich auf eine neue Zeit einzustellen. Als im Juli 1853 vier Schiffe der US-Marine in der Bucht von Tokio aufkreuzten, war die japanische Machtelite überrascht und ratlos. Da sie wenig Widerstand leistete, wurde Japan ohne einen Krieg für Kontakte mit der Außenwelt „geöffnet“. An dieser Öffnung, die bald positiv als eigener Anschluss an die „Zivilisation“ interpretiert wurde, beteiligten sich viele Japaner bereitwillig oder sogar mit Enthusiasmus.
Ein Grund für dieses aktive Interesse am Westen, der in Japan von Anfang an doppelt als Europa und die USA auftrat, war das Schicksal Chinas, an dessen Ausbeutung auch Japan Interesse hatte. An der südchinesischen Küste hatte sich seit etwa 1820 ein Konflikt um Opium zusammengebraut. Das Rauschgift wurde in Britisch-Indien produziert und zunehmend statt des früher dafür verwendeten Silbers zur Bezahlung chinesischer Tee-Exporte benutzt. Die Weigerung der chinesischen Regierung, diese Praxis weiter zu dulden, wurde unter britischen Diplomaten und Handelsfirmen als willkommener Anlass gesehen, das bis dahin selbstbewusst verschlossene China zur Öffnung seiner Häfen für Ausländer zu zwingen. Dies geschah im britisch-chinesischen Opiumkrieg von 1840-42, dem 1856-60 ein zweiter Krieg folgte. Zwar wurde China vor 1895 noch nicht in nennenswertem Umfang kolonisiert, doch war erstmals in der Geschichte seine militärische Unterlegenheit gegenüber Europa offenbar geworden. Die Europäer nutzten diese Schwäche, um die Tür für ihre Geschäftsleute und Missionare zu öffnen.
Im Nahen Osten war um 1800 – wie bereits seit vier Jahrhunderten – das Osmanische Reich, das vom Sultan in Istanbul regiert wurde, die beherrschende politische Kraft. Anders als Japan und erst recht als China hatte es seit Jahrhunderten im feindseligen Kontakt mit Europa gestanden. An ein langsames Zurückweichen vor Russland und Österreich auf dem Balkan hatte man sich einigermaßen gewöhnt, doch es war ein großer Schock, dass Bonaparte 1798 in einer militärischen Aktion die Provinz Ägypten unter seine Kontrolle brachte. Auch wenn die Franzosen den Nil bereits nach wenigen Jahren verließen und Ägypten nicht zu ihrer Kolonie machten, so zeigte dies doch die außerordentliche Verwundbarkeit des Reiches. Sie erwies sich erneut, als die Großmächte England und Russland in den 1820er-Jahren mit ihrer Seemacht eine schwache griechische Unabhängigkeitsbewegung unterstützten und den Sultan zwangen, 1830 der Errichtung eines griechischen Staates unter gesamteuropäischer Protektion zuzusehen. Im selben Jahr begann Frankreich mit der Unterwerfung Algeriens, das zumindest nominell dem Sultan untertan war. Die osmanische Elite reagierte auf diese Kette von Niederlagen mit einem ehrgeizigen Reformprogramm (Tanzimat, „Neuordnung“), das, 1839 beginnend, das Reich effektiver gestalten und näher an die westlichen Vorbilder England und Frankreich heranrücken sollte. Damit wurde das Osmanische Reich zur ersten der agrarischen Monarchien Asiens, die sich selbst ein Modernisierungsprogramm verordnete. Das oberste Ziel all dieser Programme war es, das eigene Land – wie es damals oft hieß – „reich und stark“ zu machen und auf diese Weise dem Schicksal der Kolonisierung zu entgehen, das man in Gestalt Indiens mahnend vor Augen sah. Im Falle des Osmanischen Reiches wurde dieses Minimalziel erreicht.

Die eigenständige Entwicklung der USA

Zu den erstaunlichsten und folgenreichsten Entwicklungen während des 19. Jahrhunderts gehörte der langsame Aufstieg der USA zum reichsten Land der Erde und schließlich zur politisch-militärischen Großmacht. Innerhalb des British Empire hatten die nordamerikanischen Kolonien keine herausgehobene Rolle gespielt. Wirtschaftlich war lange Zeit aus Londoner Sicht die Zucker produzierende Karibik (wie beispielsweise Jamaika, Barbados und andere Inseln) wichtiger gewesen. Nur wenige Beobachter in Europa sagten den neu gegründeten USA eine glanzvolle Zukunft voraus.

Die Union startete indes sehr erfolgreich ins 19. Jahrhundert. Die republikanische Regierungsform, die noch niemals in einem der großen Flächenstaaten praktiziert worden war, erwies sich als stabil und handlungsfähig. Eine Gruppe herausragend talentierter Politiker – die Gründerväter um George Washington (1732-1799) und Thomas Jefferson – löste die Probleme, die sich stellten. Die ehemaligen Kolonien, nunmehr Bundesstaaten, wuchsen trotz großer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Strukturunterschiede zusammen. Bäuerliche Landwirtschaft, Schifffahrt und Fernhandel in den nördlichen Staaten, die Produktion von Baumwolle und anderen Agrarprodukten auf Sklavenplantagen im Süden bildeten die Grundlagen einer sich schnell entwickelnden Prosperität. Trotz der politischen Trennung von Europa, die 1823 durch die Monroe-Doktrin („Amerika den Amerikanern!“) bekräftigt wurde, integrierten sich die USA erfolgreich in den Welthandel.

Sie gehörten zur zweiten Generation der Industrialisierer, die unmittelbar auf den Pionier Großbritannien folgte. Bereits in den 1820er-Jahren entstand in den Neuenglandstaaten eine fabrikmäßige Textilproduktion. Ende der 1840er-Jahre erlebte die US-Wirtschaft dann einen spektakulären take-off zur Industrialisierung, etwa gleichzeitig mit Frankreich und noch vor Deutschland. Ebenso wie Europa waren auch die USA damals noch von der Landwirtschaft geprägt, doch wies die Tendenz zumindest im atlantischen Nordosten in Richtung auf eine Gesellschaft, die durch Industrie zu Wohlstand kam. Die USA verfügten über einzigartig günstige Voraussetzungen für wirtschaftliche Entwicklung. Sie besaßen, anders als Länder wie China, Japan oder Indien, fruchtbares Land in unbegrenzter Fülle, dazu alle nötigen Rohstoffe und den für die Industrialisierung unerlässlichen Energieträger Kohle. Arbeitskräfte strömten aus Europa herbei, viele von ihnen qualifizierte junge Leute. Keine alten feudalen Strukturen behinderten die Dynamik einer Gesellschaft neuen Typs; es gab keine parasitäre Autokratie wie in einigen Teilen Europas. Die republikanischen Institutionen wirkten als Rahmen, der eine „Marktrevolution“ zur Entfaltung kommen ließ. Wirtschaftlicher Erfolg und sozialer Aufstieg des Einzelnen waren in den USA viel weniger von seinem Familienhintergrund abhängig als in der Alten Welt.

Zum Zeitpunkt der Gründung der USA 1789 wusste man an der Atlantikküste so gut wie nichts über das Innere und den Westen des eigenen Kontinents. Erst Forschungsexpeditionen, die in die „Wildnis“ entsandt wurden, brachten Nachrichten von riesigen Wäldern, Grasländern, Gebirgen und Flüssen und von den „Indianern“, den Bewohnern des Westens. Auf die Entdeckungsreisenden folgten Pioniere und agrarische Siedler in stetig zunehmender Zahl. Die Erschließung des Westens dauerte bis zum Ende des Jahrhunderts und wurde zu einem der großen Themen des US-amerikanischen Selbstverständnisses. Dieses Voranschieben einer Siedlungsgrenze, der frontier, war mit brutalem Vorgehen gegenüber der indianischen Bevölkerung verbunden. Viele Indianer wehrten sich; als geschickte Reiterkrieger leisteten sie Widerstand, der aber die Siedlerwelle nicht aufhalten konnte. Die Indianer verloren ihr Land und ihre wirtschaftliche Existenzgrundlage, sie wurden deportiert und schließlich zwangsweise in Reservaten untergebracht. Die Erschließung des Westens führte nicht nur zur Ausdehnung der landwirtschaftlichen Flächen, die für Weizenanbau und Rinderzucht genutzt wurden, sondern auch zur Anlage zahlreicher Städte, allen voran Chicago, das nach 1833 innerhalb kurzer Zeit von einer kleinen Siedlung zur zweitgrößten Metropole der Union aufstieg. Die USA wurden zu demjenigen Teil der Welt, in dem die Industrialisierung am schnellsten voranschritt.

Kalifornien wurde anfangs nicht durch die Ost-West-Bewegung der agrarischen Frontier besiedelt, sondern von Abenteurern, die nach der Entdeckung von Gold im Jahre 1848 in diese Region strömten. Durch einen Angriffskrieg gegen Mexiko hatten die USA zu Beginn desselben Jahres den mittelamerikanischen Nachbarstaat zur Abtretung des größten Teils Kaliforniens gezwungen. Das Staatsgebiet der USA wurde seit der Unionsgründung kontinuierlich erweitert. Immer neue Gebiete kamen hinzu: durch Besiedlung, militärische Eroberung und Annexion oder durch Kauf (wie 1803 „Louisiana“ oder 1867 Alaska, das von Russland erworben wurde). Die Einbeziehung der neuen Territorien in den Zusammenhang der Föderation gehört zu den erstaunlichsten Leistungen politischer Organisation in der Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts. So wurde verhindert (was durchaus denkbar gewesen wäre), dass sich auf nordamerikanischem Boden, ähnlich wie in Süd- und Mittelamerika, mehrere unabhängige Staaten bildeten.

Die territoriale Expansion schuf aber mindestens ein zentrales Problem: die Ausdehnung der Sklaverei in die neu angeschlossenen Gebiete. Die Einfuhr neuer Sklaven in die USA war 1808 durch Bundesgesetze verboten worden. Die Sklaverei jedoch blieb weiterhin erlaubt. Sie wurde mehr denn je zur wirtschaftlichen Grundlage einer boomenden Plantagenproduktion, vor allem von Baumwolle, in den Südstaaten und zur zentralen gesellschaftlichen Institution in diesen Teilen der USA. Da sich die Sklavenbevölkerung in den USA, anders als in der Karibik, ohne neuen Zustrom selbst vermehrte, herrschte an schwarzen Arbeitskräften kein Mangel. Im Norden, das heißt nördlich von Virginia und Kentucky, war die Sklaverei nach 1780 durch einzelstaatliche Gesetzgebung schrittweise abgeschafft worden. Den neu an die Union angeschlossen Staaten wurde es nicht länger anheimgestellt, sich selbst für oder gegen die Sklaverei zu entscheiden („Missouri-Kompromiss“ von 1820). Da jeder neue Staat die Machtbalance zwischen freien Staaten und Sklavenstaaten in der nationalen Politik, etwa in der Zusammensetzung des Senats, veränderte, wurde die Förderung oder Einschränkung der Sklaverei zu einem permanenten Streitpunkt in der amerikanischen Innenpolitik. Jeder Schritt zur Erweiterung der Union schuf neue Ungleichgewichte und Risiken.

Quellentext

Grundlage des Pionier-Erbes

Der Westen prägt Amerika. Wenn man ein scheinbar endloses, leeres Land zur Verfügung hat, das mit neuen Chancen lockt, das man sich mit etwas Wagemut einfach nehmen kann, dann gibt einem das ein Gefühl großer Freiheit. Dann gibt es für Unzufriedene keinen Grund, vor sich hin zu brüten oder zu rebellieren – sie können ja einfach nach Westen gehen.
Dieser Aufbruch spielt in der Erinnerung der Nation und im Selbstverständnis der US-Amerikaner bis heute eine ganz wichtige Rolle. Während die Städte an der Ostküste immer mehr für gesellschaftliche Enge stehen, wird der Westen mit seinen Bergen und weiten Prärien zum Inbegriff für Freiheit. Schon bald ist davon die Rede, dass das Land westlich der alten Kolonien „unbegrenzte Möglichkeiten“ bietet. Dieses Schlagwort verbinden wir bis heute mit den USA, auch wenn es den freien Westen längst nicht mehr gibt. In dieser Zeit entsteht aber auch eine typisch amerikanische Charaktereigenschaft, die Frontier-Mentalität: Wenn sich so viele Menschen in der Wildnis behaupten müssen, dann lernen sie, sich allein auf sich selbst zu verlassen, keine Hilfe von außen zu erwarten und Dinge einfach anzupacken. Viele Amerikaner haben noch heute eine unkomplizierte, praktische Art – und sie sind stolz auf dieses Pionier-Erbe.
In den ersten Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit sind große Teile des nordamerikanischen Kontinents noch unerforschte Wildnis. Es gibt nur Gerüchte, dass ein großer Teil dieser endlosen Weite aus Wüste besteht. Erst nach einem geschickten Kauf, dem berühmten Louisiana Purchase, öffnet sich die Tür nach Westen ganz.
[...] Im Jahr 1803 überrascht einer von Napoleons Ministern den amerikanischen Gesandten in Paris mit der Frage, ob die USA nicht daran interessiert seien, Louisiana zu kaufen. So wird damals das riesige Gebiet westlich des Mississippi genannt, das damals im Besitz Frankreichs ist. Dem Gesandten bleibt fast der Mund offen stehen. Er antwortet schnell: „Ja, wir sind interessiert!“ [...] Für fünfzehn Millionen Dollar wechselt Louisiana den Besitzer – ein Gebiet, das ein Drittel der heutigen USA ausmacht, die gesamte Mitte des Kontinents.
[...][D]ie Amerikaner wissen nicht genau, was sie erworben haben. Also schickt Präsident Thomas Jefferson mehrere Gruppen auf Erkundung los, unter anderem eine, die das Land bis zur Pazifikküste erforschen soll. Mit dieser schwierigen Aufgabe beauftragt Jefferson seinen persönlichen Assistenten, den 29-jährigen Meriwether Lewis (1774-1809), und den Offizier William Clark (1770-1838). Der Präsident unterrichtet die beiden vor der Abreise persönlich in Botanik, Zoologie und Geologie.
Im Jahr 1804 geht es los, Lewis und Clark bahnen sich mit vierzig Mann und mehreren Schiffen zunächst auf dem Missouri River einen Weg nach Westen, später geht es zu Fuß weiter. Sie sehen zum ersten Mal Präriehunde und stecken in Herden von Millionen Büffeln fest. „Es gibt hier unglaubliche Mengen von Wild, das sehr zahm ist; besonders die männlichen Büffel machen sich kaum die Mühe, uns aus dem Weg zu gehen. Wenn wir herankommen, betrachten sie uns nur einen Moment lang, weil wir ihnen ungewohnt sind, dann fressen sie einfach weiter“, schreibt Lewis in sein Reisetagebuch. Er und seine Gefährten sehen überwältigende Landschaften und überqueren unter großen Mühen die Rocky Mountains. Von Jefferson haben sie die Anweisung, freundlichen Kontakt mit den Indianern der Gegend aufzunehmen.
Als die Expedition immer weiter in unbekanntes Gebiet vordringt, erweist es sich als Glücksfall, dass sich ihr ein französischer Trapper und seine indianische Frau angeschlossen haben. Der Trapper stellt sich zwar als Taugenichts heraus, dafür erweist sich seine Frau Sacajawea, eine Schoschonin, als großer Gewinn für die Expedition. Sie holt Lewis und Clark als Dolmetscherin und Führerin aus so mancher Klemme, weil sie die Stämme der Gegend kennt.
Schließlich ist es geschafft, sie haben den Pazifik erreicht! In der regnerischen, dicht bewaldeten Gegend verbringen sie einen feuchten Winter und lernen die Clatsop-Küstenindianer kennen, die sich von Lachs ernähren und ihre Schädel mit Hilfe von Holzbrettern so bandagieren, dass sie eine abgeflachte Stirn und einen spitz zulaufenden Kopf bekommen.
1806 kehren Lewis und Clark mit einem wahren Schatz an Erkenntnissen wieder zurück nach St. Louis. Alle ihre Beobachtungen haben sie ausführlich in ihrem Tagebuch festgehalten. 300 bisher unbekannte Tier- und Pflanzenarten beschreiben sie und fünfzig verschiedene Indianerstämme haben sie kennen gelernt, darunter auch die kriegerischen Teton Sioux (ausgesprochen: „Suu“), denen sie beinahe nicht wieder entkommen wären.
Die Expedition lässt den Strom der Pioniere, der in den berühmten Planwagen nach Westen drängt, noch weiter anschwellen. In schneller Folge entstehen auf dem Gebiet der USA neue Staaten: Sobald in einem Territorium die nötige Mindestzahl von Siedlern erreicht ist, kann es sich als Staat bewerben. Allein während George Washingtons Amtszeit kommen drei neue hinzu: Tennessee und Kentucky im Westen und Vermont im Norden an der Grenze zu Kanada. Die Regierung hat ein Interesse daran, dass der Westen besiedelt wird, und gibt Land günstig ab. Für 160 Dollar bekommt man genug Grund und Boden für eine Farm, später wird Land sogar teilweise kostenlos abgegeben. Sich ein Grundstück zu sichern ist einfach: Man lässt sich an einer netten Stelle nieder, an der noch niemand anders ist, und steckt sich seinen Claim ab, also das Land, das man für sich beansprucht. Später kann man das Land dann offiziell kaufen, wenn nötig auf Kredit. [...]

Sylvia Englert, Cowboys, Gott und Coca Cola, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005, S. 52 ff.

Pax Britannica als Weltordnung

Trotz Ausdehnung, schnell wachsender Bevölkerungszahl und wirtschaftlichem Aufschwung waren die USA das ganze 19. Jahrhundert hindurch noch nicht die Weltmacht, die sie durch ihren Eintritt in den Ersten Weltkrieg 1917 werden sollten. Sie führten einen Angriffskrieg gegen Mexiko, erweiterten stetig ihren Einfluss in Mittel- und Südamerika und im pazifischen Raum und gingen bei der Öffnung Japans voran. Aber sie betrieben keine Weltpolitik. Die einzige wirkliche Weltmacht im 19. Jahrhundert war Großbritannien. Wie schon in den Jahrhunderten zuvor unterhielt es keine stehenden Heere. Seine Möglichkeiten zur Landkriegführung waren begrenzt; um 1830 war sogar die österreichische Armee doppelt so groß wie die britische.
Vor dem Zeitalter von Luftkrieg und militärischer Raketentechnologie war eine weltweit aktionsfähige Kriegsmarine das wirksamste Instrument globaler Politik. Bereits seit dem Ende des Siebenjährigen Krieges 1763 war die britische Flotte sämtlichen Gegnern überlegen. Die Vernichtung von Napoleons Seemacht bekräftigte nach 1805 die maritime Vorrangstellung des Vereinigten Königreichs. Die Royal Navy diente der Verteidigung der Heimatgewässer, mehr noch aber dem Zweck, die Verbindungslinien innerhalb des British Empire offen zu halten. Das britische Weltreich unterschied sich von allen anderen zeitgenössischen Reichen dadurch, dass es (beim Stand von etwa 1850) neben Flächenkolonien wie Kanada, Australien, Neuseeland, Indien oder Südafrika ein weltweites System von Hafenstützpunkten unterhielt, die unter anderem der Proviantierung der Schiffe dienten. Auf diese Weise kontrollierte es einen großen Teil der für die Schifffahrt bedeutsamen Meerengen (zum Beispiel das Kap der Guten Hoffnung, die Straße von Gibraltar oder die Straße von Malakka, an der die Hafenkolonie Singapur lag). Dabei verfolgte Großbritannien keineswegs die Politik, Verkehr und Handel auf den Ozeanen für sich zu monopolisieren.
Nachdem das britische Parlament mit Wirkung ab 1808 den Sklavenhandel verboten hatte, wurden das Aufbringen von Sklavenschiffen und die Befreiung der Sklaven zu einer weiteren, quasi-polizeilichen Daueraufgabe der Navy. Schließlich war die Flotte auch zu Kriegseinsätzen fähig. Nach der Einführung dampfgetriebener Kanonenboote, wie sie erstmals im Opiumkrieg gegen China eingesetzt wurden, besaß sie die Kapazität, im außereuropäischen Raum zur Durchsetzung imperialer Interessen lokal zu intervenieren und Druck auszuüben. Dampfschiffe hatten dabei den Vorteil, dass sie flussaufwärts fahren und Städte im Landesinneren bedrohen konnten.
Der Begriff des britisch durchgesetzten Friedens, der Pax Britannica, umfasst noch mehr. Zum einen bezieht er sich auf die Tatsache, dass die Briten nach der Eroberungsphase in vielen ihrer Kolonien für einen inneren Landfrieden sorgten. In Indien zum Beispiel hörten die großen Kriege des 18. Jahrhunderts nach der Errichtung der britischen Vorherrschaft 1818 auf. Zum anderen bedeutete Pax Britannica, dass die britische Seeherrschaft durch die leistungsfähigste Ökonomie der Welt untermauert war. Die britische Wirtschaft war dabei in hohem Maße auf ihre weltwirtschaftliche Einbindung angewiesen. Ihre wichtigsten Rohstoffe, vor allem Baumwolle, bezog sie aus Übersee; ihre einträglichsten Absatzmärkte lagen außerhalb der heimatlichen Inseln. Auch die britische Handelsflotte war führend in der Welt. Mehr durch Abschreckung als durch tatsächlichen Einsatz sorgte die Royal Navy dafür, dass Großbritannien seine wirtschaftliche Überlegenheit als Industrieproduzent, Finanzzentrum und Betreiber eines globalen Handelsnetzwerks optimal nutzen konnte. Der Wiener Ordnung auf dem europäischen Kontinent entsprach keine per Konferenz und Verträge abgesicherte internationale Ordnung. Die Pax Britannica, gegen die vor den 1880er-Jahren keine der anderen Großmächte ernsthaften Protest anmeldete, fungierte als eine Art von Ersatz für eine solche Ordnung.

Quellentext

Vergebliche Anpassung

[...] Ganz in der Tradition der Aufklärung hatten der erste Präsident George Washington und sein Kriegsminister Henry Knox gegenüber den Ureinwohnern in den 1790er Jahren eine Politik betrieben, die von der Idee inspiriert war, dass diese dereinst einen gleichberechtigten Platz in der amerikanischen Gesellschaft finden könnten. [...]
Dass die „Indianer“ an die Zivilisation herangeführt werden konnten, glaubte auch Thomas Jefferson noch, der das Land von 1801 bis 1809 als dritter Präsident regierte. Allerdings spielte bereits Jefferson mit dem Gedanken, die diesseits des Mississippi siedelnden Indianerstämme in das 1803 von Frankreich erworbene Louisiana-Territorium umzusiedeln, das die Fläche der USA mit einem Schlag nach Westen hin verdoppelt hatte.
Besonders unter den Cherokees setzte sich um 1800 die Erkenntnis durch, dass sie nur überleben würden, wenn sie ihre Lebensweise von Grund auf änderten. Bislang waren sie Jäger und Pelzhändler gewesen. Ursprünglich hatte der Stamm ein ausgedehntes Gebiet in den Flusstälern der südlichen Appalachen beansprucht, das sich über mehrere spätere Bundesstaaten erstreckte. Schon im 18.Jahrhundert waren ansehnliche Teile davon verloren gegangen, obwohl die Cherokees in verlustreichen Kriegen dagegen angekämpft hatten.
[...] Der Landhunger der Siedler drängte die Cherokees auf ein Territorium zusammen, das Teile der Bundesstaaten Georgia, Tennessee und Alabama umfasste. Es musste rasch etwas geschehen, wenn sie nicht vollends untergehen wollten. Ihre Mitglieder entschieden sich für den Weg der kulturellen Anpassung.
[...] Immer mehr von ihnen begannen, als Farmer Einzelhöfe zu bewirtschaften, andere wurden Müller, Schmiede und Schreiner. Überdies errichteten sie Siedlungen im amerikanischen Stil, gründeten Schulen und konvertierten nach anfänglichem Zögern zum Christentum. Wie es im tiefen Süden üblich war, kauften sich die Wohlhabendsten von ihnen schwarze Sklaven, die ihnen bei der Feldarbeit zur Hand gehen mussten. Überdies kleideten sie sich nach westlichem Vorbild.
[...] Bald konnten zahlreiche Cherokees besser lesen und schreiben als manch einfacher Kolonist. [...]
Nicht genug damit, gaben sich gebildete Repräsentanten der Cherokees 1827 eine geschriebene Verfassung – mehr als zwei Jahrzehnte früher als Friedrich Wilhelm IV. dem Königreich Preußen. In ihrer Konstitution erklärten sich die Cherokees zu einer unabhängigen Nation. Geschickt übernahmen sie zentrale Prinzipien der amerikanischen Verfassung, um, wie es in der Präambel hieß, sich und ihren Kindern für alle Zukunft die „Segnungen der Freiheit“ zu sichern. In ihrer Sicht waren sie damit zu einem souveränen Staat geworden, und das innerhalb der Grenzen des Bundesstaates Georgia.
Weite Kreise im Süden empfanden den Schritt als Affront, der nicht hinzunehmen sei, zumal auf dem Stammesgebiet 1829 auch noch Gold gefunden wurde. [...]
Immer mehr Amerikaner sahen in der Union ein white man’s country und wünschten sich, dass das lästige „Indianerproblem“ endgültig gelöst würde. [...] Seit Mitte der 1820er Jahre nahm sich die junge Demokratische Partei der Sorgen der neuen Einwanderer und Siedler an. Nicht unerwartet wurde ihr Spitzenkandidat Andrew Jackson im Herbst 1828 mit massiver Unterstützung aus dem Süden zum neuen Präsidenten gewählt. [...] Wie die meisten Einwanderer und sozialen Aufsteiger sah er in den savages, den „Wilden“, Angehörige einer „unterlegenen Rasse“, die keine besonderen Rücksichten verdiene. [...] Gleich als erste Vorlage leitete Jackson dem Kongress 1829 den Indian Removal Act zu. In seiner Botschaft an die beiden Häuser unterstrich er, dass die „fünf zivilisierten Stämme“ nur die Wahl hätten, sich den Gesetzen der einzelnen Bundesstaaten zu unterwerfen oder aber geschlossen in das für sie ausersehene Territorium umzusiedeln.
[...] Die Cherokees wehrten sich mit rechtsstaatlichen Mitteln gegen die drohende Zwangsumsiedlung.
[...] Sie organisierten eine Protestkampagne und präsentierten ihre Argumente in Washington. Zweimal reichten sie Klage beim Obersten Gerichthof, beim Supreme Court ein, der ihre Position über weite Strecken stützte. Doch der Präsident setzte sich eigenmächtig über das Urteil hinweg und erhöhte den Druck weiter.
Schließlich fanden sich prominente Stammesvertreter, die in Verhandlungen mit der Bundesregierung eintraten. Den Mehrheitswillen grob missachtend, unterschrieben diese am 29. Dezember 1835 einen Umsiedlungsvertrag. Gegen eine Entschädigung von fünf Millionen Dollar erklärten sie sich im Namen aller Cherokees bereit, die alte Heimat aufzugeben und nach Westen zu ziehen. [...] Zwar reichte die übergangene Mehrheit eine Protestnote ein, die 15 600 Unterschriften zählte. Doch der Schandvertrag wurde vom Kongress rasch ratifiziert und danach von Präsident Jackson mit seiner Unterschrift in Kraft gesetzt. [...]
Der Vertrag von New Echota legte fest, dass die 16 000 Cherokees das Land ihrer Ahnen bis zum 23. Mai 1838 verlassen mussten. [...] Als die große Mehrheit keine Anstalten machte, der fatalen Vertragsbestimmung Folge zu leisten, trieben Soldaten die Cherokees schließlich mit Waffengewalt zusammen. [...] Vielen wurde nicht einmal Zeit gelassen, um das Nötigste einzupacken. Wie hungrige Wölfe fielen Plünderer über deren Häuser her und führten – vor den Augen der Soldaten – Hausrat und Vieh weg. Danach steckte man die Farmen in Brand.
Die Gefangenen wurden in 31 Palisadenforts interniert. Die Lager waren völlig überbelegt, es grassierten tödliche Krankheiten. [...] Bis zu fünf Monate lang mussten die Cherokees dort ausharren, bevor sie auf jene Leidensmärsche gezwungen wurden, die sie in ihrer Sprache Nunna daul Tsuny nennen, „den Pfad, auf dem sie weinten“.
Der Trail of Tears führte über bis zu 1000 Meilen in das Indian territory. Es gab nicht eine, sondern mehrere Routen, auf denen sie von Abteilungen der Armee eskortiert wurden. [...] Im Schnitt waren die Vertriebenen drei Monate unterwegs, einige auch deutlich länger – und das bei schlechtem Essen und mangelnder medizinischer Versorgung. Hunger, Krankheit und Erschöpfung lichteten die Reihen. Endlich in den Prärien des Zentralen Tieflands angelangt – ihrer neuen Heimat im nordöstlichen Teil des heutigen Bundesstaates Oklahoma –, stand die einst so stolze Nation buchstäblich vor dem Nichts. [...]
Die von Präsident Jackson begonnene und unter seinem Nachfolger Martin Van Buren zu Ende geführte Indianerpolitik kostete mindestens 4000 Cherokees das Leben, rund einem Viertel des Volkes. [...]

Aram Mattioli, „Auf dem Pfad der Tränen“, in: ZEIT ONLINE vom 21. Juli 2011