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Schnelltriebwagen auf einer Versuchsstrecke im 19. Jahrhundert

8.8.2012 | Von:
Prof. Dr. Jürgen Osterhammel

1850 bis 1880

Europa 1850-1880

Wohlstand

Die Jahre nach der Jahrhundertmitte erschienen bereits vielen Zeitgenossen als eine markante Wendezeit. Der Rückblick des Historikers bestätigt diesen Eindruck. In den 1870er- und 1880er-Jahren klare chronologische Einschnitte von gesamteuropäischer Bedeutung zu finden, ist schwieriger. Viele Tendenzen setzten sich von der Mitte des Jahrhunderts bis mindestens zum Ersten Weltkrieg fort. Doch um 1880 herum verdichteten sich Anzeichen der Veränderung auf vielen Gebieten. Gute Gründe sprechen dafür, diese Veränderungen als Übergänge zwischen unterschiedlichen historischen Epochen zu beschreiben. Nirgendwo waren während des dritten Viertels des 19. Jahrhunderts diese Veränderungen größer als im Bereich des materiellen Alltagslebens. Europa begann zu prosperieren. Für eine wachsende Zahl seiner Bewohner wurde das Leben luxuriös, für eine viel größere Zahl aber wurde nicht weniger Entscheidendes gewonnen: ein Minimum an materieller Sicherheit. Die späten 1840er-Jahre waren an vielen Orten, nirgendwo dramatischer als in Irland (wo der Hungersnot von 1846 bis 1852 ein Achtel der Bevölkerung zum Opfer fiel), eine Zeit des Hungers oder zumindest des nur prekären Überlebens gewesen. Im folgenden Jahrzehnt wurde die Macht des Hungers über europäische Gesellschaften gebrochen; nur noch vereinzelt kam es in Friedenszeiten zu akuten Krisen der Grundversorgung.
Ein alter Mechanismus wurde damit außer Kraft gesetzt: Wirtschaftliches Wachstum war früher in agrarischen Gesellschaften immer wieder durch die Zunahme der Bevölkerung eingeholt und aufgezehrt worden. Um die Jahrhundertmitte begann nun nicht nur in Deutschland, sondern auch in einer wachsenden Zahl von Wachstumskernen in anderen Ländern Europas ein, wie die Ökonomen sagen, wirtschaftliches Wachstum, „das sich selber trägt“. Mit anderen Worten: Die Wachstumsraten der Produktion waren langfristig und stabil höher als die der Bevölkerung. Damit konnte im Durchschnitt einer Volkswirtschaft das Einkommen pro Kopf steigen; der verfügbare, also für Konsumausgaben und Ersparnisse einzusetzende Verdienst nahm zu. Die konsumtive Verwendung von Einkommen schuf Nachfrage auf dem Markt, was wiederum eine Erweiterung der Produktion anregte. Ein Teil des Wachstums der industriellen Produktion in Europa war daher auf eine expandierende Nachfrage zurückzuführen. Ersparnisse wiederum wurden durch die Institutionen des Finanzsektors, besonders durch ein Bankwesen, das nach der Jahrhundertmitte einen großen Aufschwung nahm, zu Investitionen aufbereitet. So entstand ein spiralförmiger Aufwärtstrend, bei dem sich mehrere Faktoren zusammenwirkend steigerten. Derlei hatte es bis dahin in der Geschichte noch nie gegeben. Eine schnell steigende Produktion folgt aus einer zunehmenden Produktivität, also einer wachsenden Erzeugung von Waren und Dienstleistungen bei gleichem zeitlichem Arbeitsaufwand. Die steigende Produktivität ihrerseits erklärt sich durch die technologische Verbesserung von Werkzeugen und Maschinen, eine immer effizientere Energienutzung, die Vergrößerung der Umschlaggeschwindigkeit durch neue Verkehrsmittel wie Eisenbahn und Dampfschiff, die Expansion des nahen und fernen Handels und die Auswirkungen einer verbesserten Qualifizierung von Arbeitskräften. In dem Maße, wie auch Land- und Forstwirtschaft – zumeist langsamer als die Industrie – ihre Produktivität steigern konnten, setzten sie Arbeitskräfte für die anderen Wirtschaftssektoren frei, also für Industrie und Dienstleistungen.

Bevölkerungswachstum in EuropaBevölkerungswachstum in Europa
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Auch wenn ein solcher Prozess der Industrialisierung auf den britischen Inseln und in kleinen Regionen des Kontinents bereits vor 1850 begonnen hatte, prägte er erst danach den Kontinent insgesamt. Und sogar in Großbritannien wurde jetzt erst die extreme Verelendung der Fabrikarbeiter, wie sie für die Anfänge der Textilindustrie charakteristisch gewesen war, langsam überwunden. Freilich wirkte sich die Industrialisierung geografisch nicht gleichmäßig aus. Wie schon in ihren Anfängen, so blieb sie auch weiterhin regional konzentriert. Große Teile der europäischen Randzonen von Portugal und Spanien über das mediterrane Frankreich, Süditalien und den Balkan bis nach Russland waren noch um 1900 Agrargesellschaften, jedoch überall mit gewissen industriellen Einsprengseln. Wachstum und Umbau der Wirtschaft ließen kaum eine Ecke Europas ganz unberührt.
Sozial gesehen gab es selbstverständlich Gewinner und Verlierer. Landarbeiter hatten vom langsam steigenden Wohlstand weniger als höher qualifizierte Fachkräfte, die in den neuen Wachstumsbranchen Eisen und Stahl, Metallverarbeitung, Bergbau und Eisenbahn Beschäftigung fanden. Hunderttausende, die in niedergehenden Gewerben und Handwerken arbeiteten, machten die Erfahrung von Arbeitslosigkeit, Statusverlust und Entwurzelung. Am oberen Ende der sozialen Hierarchie verdrängten neue bürgerliche Unternehmereliten nicht in jedem Fall den alteingesessenen Adel, machten ihm aber die Symbole seiner kulturellen Überlegenheit streitig und übertrafen ihn nicht selten an Reichtum. In neu gegründeten Industriestädten fehlten ohnehin die überkommenen Strukturen einer von aristokratischem Landbesitz dominierten Sozialordnung. Erstmals in der europäischen Geschichte wurde der kapitalistische Unternehmensgründer, der „Industrielle“ oder „Industriekapitän“, zu einer gesellschaftlichen Leitfigur. Er trat an die Stelle der patrizischen Kaufleute früherer Zeiten.
Besonders deutlich sichtbar wurde der Wohlstandsgewinn in der Modernisierung vieler Städte, besonders der größten Metropolen. Die Reste mittelalterlicher Stadtbilder verschwanden. Stadtmauern und Tore wurden beseitigt. Öffentliche Hygiene und Seuchenprävention wurden erstmals zu wichtigen Themen der Lokalpolitik. Nach zwei oder drei Jahrzehnten infrastrukturellen Ausbaus waren viele Großstädte gesünder geworden. Die Architektur wurde nunmehr stärker von Repräsentationsbauten der Bürgergemeinde wie Rathäusern und Museen geprägt als von den Monumenten fürstlicher und kirchlicher Bautätigkeit. Die großzügige Neuanlage der Pariser Innenstadt unter Napoleon III. und seinem Stadtplaner, Baron Georges-Eugène Haussmann, wurde zum Vorbild für städtische Modernisierung in ganz Europa.

Durchschnittliches Monatseinkommen eines deutschen Arbeiterhaushaltes (beide Eltern und zwei Kinder arbeiten)Durchschnittliches Monatseinkommen eines deutschen Arbeiterhaushaltes (beide Eltern und zwei Kinder arbeiten)
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Wirtschaftspotenziale in Europa 1840 bis 1880Wirtschaftspotenziale in Europa 1840 bis 1880
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Nationalismus, Reform, Stabilisierung

Die „Achtundvierziger“-Revolution war, insgesamt gesehen, ein einziger, aber in viele Stränge und Schauplätze differenzierter Revolutionsprozess, der nicht nur die Länder des Deutschen Bundes, sondern ebenso weite Teile des übrigen Europa erfasste, vor allem Italien, nicht aber Großbritannien und Russland. Dieser Prozess begann im Februar 1848 mit der Ausrufung der Zweiten Republik in Frankreich. Er endete im August 1849 mit der brutalen Unterwerfung der letzten Aufständischen in Ungarn durch österreichische und russische Truppen.
Die Revolutionäre hatten ihre Ziele nur selten erreicht. Die Revolution führte nicht zur Parlamentarisierung Kontinentaleuropas und zur Ausbreitung der liberalen Demokratie. Die großen Dynastien blieben auf ihren Thronen. In Frankreich wurde ein kurzes republikanisches Intermezzo durch die Diktatur Louis-Napoleon Bonapartes (1808-1873) und sein darauf folgendes Kaisertum abgelöst. Die städtischen Unterschichten, die vielfach die radikalsten Strömungen getragen hatten, vermochten ihre Lage nicht zu verbessern. Dennoch blieb diese „gescheiterte“ Revolution nicht ohne konstruktive Wirkungen. Die Leibeigenschaft verschwand nun überall außerhalb des Zarenreiches und kleiner Enklaven in Ostmitteleuropa. Damit kam der lange Prozess der Bauernbefreiung, der mit der Französischen Revolution begonnen hatte, bis an die Grenzen des Zarenreichs zum Abschluss. Die rebellischen Bürger hatten zwar ihre Forderungen nach größerer politischer Mitsprache auf der Ebene der Zentralregierungen nicht durchsetzen können, doch wurde ihre Stellung auf Gemeindeebene vielfach gestärkt. Auch wenn die erhofften freiheitlichen Verfassungen einstweilen ausblieben, war der Verfassungsgedanke stillschweigend als legitim akzeptiert worden. Die staatlichen Bürokratien erkannten die Notwendigkeit weiterer rechtlicher und organisatorischer Reformen, die den Rahmen für wirtschaftsbürgerliche Aktivitäten verbessern würden. Nach 1848/49 hatte die hohe Beamtenschaft im Allgemeinen ein offeneres Ohr für die Anliegen von Unternehmern. Die politische und die wirtschaftliche Programmatik der vorherrschenden bürgerlichen Politikorientierung, des Liberalismus, traten fortan auseinander: eine Grundlage für die spätere Spaltung in „linksliberale“ und „rechtsliberale“ Strömungen, letztere die wirtschaftliche Freiheit, erstere die Freiheit des Denkens und politischen Handelns betonend.
Das dritte Quartal des 19. Jahrhunderts war insgesamt eine Zeit freiheitlicher Reformen „von oben“, vor allem des langsamen Ausbaus von Rechtsstaatlichkeit. Der Staat gewährte einen Teil von dem, was 1848/49 nicht erkämpft werden konnte. Das Wahlrecht wurde Schritt für Schritt auf breitere männliche Bevölkerungskreise – aber nirgendwo auf Frauen – ausgedehnt, indem die Besitzqualifikationen für den Eintrag ins Wählerregister gelockert wurden. Im Zarenreich wurde 1861 endlich die Leibeigenschaft beseitigt. Dies geschah als Teil einer direkt vom Zaren ausgehenden neuen Politik, Russland nach seiner Niederlage gegen Großbritannien und Frankreich im Krimkrieg 1856 international wettbewerbsfähig zu machen.
Dort, wo Nationalstaaten neu gegründet wurden, machte der Zusammenschluss kleinerer Einheiten Integrationspolitik und damit Reformen unerlässlich. So in Italien, das 1861 erstmals in seiner nachantiken Geschichte unter eine einheitliche Regierung kam (mit Ausnahme des Kirchenstaates). So zehn Jahre später in Deutschland. Doch auch in einem seit Jahrhunderten zentralistisch regierten Großstaat wie Frankreich waren riesige und langwierige Anstrengungen nötig, um aus Dorfbewohnern, die in engen Horizonten lebten, national denkende Franzosen zu machen. Der Nationalismus wurde nach der Jahrhundertmitte zur stärksten mobilisierenden Idee in Europa. Er war nach frühneuzeitlichen Anfängen in der Zeit der Französischen Revolution in Frankreich selbst ebenso wie unter seinen Gegnern entstanden. Was anfangs eine Denkströmung unter Intellektuellen gewesen war, verbreitete sich aber nur sehr langsam über das gesamte Gesellschaftsgefüge hinweg. Vor dem Aufkommen einer Massenpresse waren der Propagierung von politischen Ideen, die in den Metropolen entstanden, ohnehin enge Grenzen gesetzt.
Die Stärkung eines Wir-Gefühls unter Menschen, die sich nicht persönlich kennen, und die Wendung sowohl gegen Nachbargesellschaften als auch gegen nicht-konforme Minderheiten im eigenen Land waren (und sind) die beiden Hauptmerkmale des Nationalismus. Diese Kombination findet sich nach 1850 überall in Europa. Sie war aber nicht, wie nationalistische Geschichtsdeutungen häufig annehmen, die maßgebliche Ursache für Nationalstaatsbildung. Die beiden wichtigsten nationalen Einigungsprozesse, der italienische und der deutsche, wurden weniger von Massenbewegungen von unten als von sozial konservativen Machteliten von oben durchgesetzt. Überhaupt kann man das 19. Jahrhundert in Europa nur sehr bedingt als das Zeitalter des Nationalismus oder der Nationsbildung betrachten. Unabhängige Nationalstaaten entstehen zumeist durch den Zerfall von Imperien oder durch Abspaltung von ihnen – wie die USA. Da die Imperien ausnahmslos weiter bestanden, fehlte es an Gelegenheiten zur Nationalstaatsbildung. Nur Belgien und Griechenland kamen als neue Nationalstaaten auf die politische Landkarte. Ungarn erreichte durch den sogenannten Ausgleich von 1867 innerhalb der Habsburgermonarchie ein hohes Maß an Autonomie, die an die Schwelle nationaler Selbstständigkeit heranführte. Keine andere Nationalität im Reich des Kaisers zu Wien erhielt ähnliche Zugeständnisse. Irland blieb weiterhin ein Teil Großbritanniens. Polen existierte nicht als Nationalstaat, sondern war unter Russland, Preußen und Österreich aufgeteilt. Die politische Landkarte Europas wurde zwar zwischen 1861 und 1871 durch die Einigungen in Italien und Mitteleuropa verändert. Weitaus größere Verschiebungen sollten aber erst unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs mit der Auflösung der Habsburgermonarchie, des Zarenreiches und des Osmanischen Reiches vor sich gehen. Am Ende der 1870er-Jahre war in Europa ein höheres Maß an innen- wie außenpolitischer Stabilität erreicht als jemals zuvor im 19. Jahrhundert.

Quellentext

Wie Paris zur Weltstadt wurde

[…] Noch war Louis-Napoléon „nur“ Präsident, als er Georges-Eugène Haussmann im kalten Januar 1849 zum ersten Mal im Élysée-Palast empfing, der von den Verwüstungen der 48er-Revolution gezeichnet war. Doch der künftige Kaiser erkannte in dem fähigen Provinzpräfekten genau den Mann, den er suchte: den Planer seiner monumentalen Hauptstadt.
Das Viertel um den Bahnhof SaintLazare ist ein Musterbeispiel der „Haussmanisation“, der nicht nur urbanen und architektonischen, sondern zugleich auch der sozialen Umgestaltung von Paris. 1852 zum Präfekten des Départements Seine – also von Paris – ernannt, fand er eine in ihrer Struktur mittelalterliche Stadt vor, die an den Rändern in wilde Siedlungen, teils gar in Slums auslief. So auch um den Bahnhof Saint-Lazare. Westlich von ihm lag eine Gegend, die den bezeichnenden Namen „Klein-Polen“ trug, mehr oder minder eine Barackensiedlung von polnischen Immigranten. Die Bewohner ließ Haussmann vertreiben, das hügelige Gelände planieren, mit dem Lineal gezogene Straßen ziehen, die sich in spitzen Winkeln kreuzen.
Die Place de l’Europe, ein schon vor Haussmann angelegter Platz, wurde nun zu einer gewagten Brückenkonstruktion über den Gleisen des Bahnhofsvorfelds, auf die die Straßen sternförmig zulaufen. Doch erst die Weltausstellung von 1867 brachte einen ungeheuren Aufschwung der Bautätigkeit mit sich. In rascher Folge wurden bis in die 1870er Jahre hinein die fünfstöckigen Wohnhäuser hochgezogen, die dem neuen Stadtquartier ihr Gesicht geben. Diese neoklassischen Häuser mit ihren tiefgezogenen „Pariser“ Fenstern, schmiedeeisernen Balkonbrüstungen und maximaler Firsthöhe von 35 Metern bestimmen unverändert das Bild der Stadt. Nach Haussmanns Rezepten entstand das Paris, wie alle Welt es heute kennt. [...]
In das neue Quartier de l’Europe zogen die Verfechter des „modernen Lebens“, voran die Maler des Impressionismus, Edouard Manet, Claude Monet und Gustave Caillebotte, aber auch der Dichter Stéphane Mallarmé und der Romancier Maxime du Camp. Und natürlich hat Zolas Romanheld Jacques Lantier hier sein fiktives Zuhause. Die Kehrseite des Haussmann’schen Stadtumbaus sind die Enteignungen und Abrisse zahlloser Häuser, die beinahe gewaltsame Vertreibung ihrer Mieter, der „kleinen Leute“, und die Inbesitznahme der inneren Stadt durch die neureiche Bourgeoisie. Die heutige „Gentrification“ ist dagegen ausgesprochen harmlos.
Haussmanns Planungen blieben nach seinem Rücktritt 1870 auch für die nachfolgende Dritte Republik bestimmend. Das „Quartier de l’Europe“, nunmehr ganz und gar innerstädtisch, wurde zum bevorzugten Wohnort des gehobenen Bürgertums. Große Wohnungen in den typischen neoklassischen Häusern, dazu die Eisenbahn für den Sonntagsausflug an die Seine: Das ist das Leben der neuen Mittelklasse, das die Impressionisten in ihren Bildern festhielten. [...]

Bernhard Schulz, „Wie Paris zur Weltstadt wurde“, in: Der Tagesspiegel, Berlin, vom 21. November 2010

Quellentext

Russland: Auf dem Weg in die Moderne?

Während der Alltag sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts kaum merklich änderte, wandelten sich die äußeren Bedingungen Rußlands nach 1848 schnell und auffallend. Die Übernahme der Ergebnisse der ersten industriellen Revolution in den westlichen Ländern des Kontinents verschärfte den überkommenen Rückstand. [...] [U]nd es gab keinen Zweifel, dass Reformen nach westeuropäischem Vorbild nötig waren. Kaiser Alexander II. (1855-81) machte sich zum Anführer der liberalen Bewegung: 1864 wurden Selbstverwaltungsorgane auf Kreis- und Gouvernementsebene (semstwo) geschaffen, die dem Provinzadel und dem Bürgertum gemeinnützige Tätigkeiten in der Volksbildung, dem Gesundheitwesen, dem Verkehrsausbau und der Armenfürsorge ermöglichten. Zugleich mit dieser Dezentralisierung von Verwaltung gab eine Justizreform durch die Einführung von Friedensrichtern und Geschworenengerichten mehr Rechtssicherheit. Die sechs Universitäten des Landes erhielten die akademische Selbstverwaltung zurück, die ihnen unter Nikolaus genommen worden war; 1863 wurde die Universität Warschau, allerdings mit russischer Unterrichtssprache, wiedereröffnet, zwei Jahre später die Universität Odessa gegründet.
Die wichtigste Reform war jedoch die Befreiung der Bauern von Fronen und Abgaben an die Gutsherren 1861. Der baltische Adel war auf seinen Gütern mit der Bauernbefreiung vorangegangen, hatte die Bauern jedoch ohne Land freigesetzt und damit ein ländliches Proletariat geschaffen. In Kernrußland wollte man diesen Fehler vermeiden, andererseits aber auch den Adel nicht ruinieren. Eigenwirtschaft der Güter machte in Rußland meist nur einen geringen Teil des adligen Landsbesitzes aus – der größere Teil wurde von den Gutsbauern zwar als Fron (Barschtschina), aber mit den Mitteln ihrer eigenen Höfe bewirtschaftet. Hätten die Bauern das Land erhalten, das sie bewirtschafteten, dann wären die Güter weithin als Wirtschaftseinheiten verschwunden und damit jene Institutionen, wo das Exportgetreide vor allem angesammelt wurde. Wären jene Bauern einfach freigesetzt worden, welche ihren Herren keine Fron leisteten, sondern Geld zahlten (Obrok), dann wäre auch dieser Adel ruiniert gewesen. Die Befreiung der Bauern wurde also in sehr unterschiedlichen Verfahren so durchgeführt, dass die Güter nicht nur große Ländereien behielten – die Landanteile der Bauern also kleiner waren, als was sie bewirtschafteten –, sondern die Gutsbesitzer auch Abzahlungen für ihre ehemaligen Leibeigenen bekamen. Das Geld streckte der Staat den Bauern vor; aber desto mehr hielt er daran fest, dass die Dorfgemeinden insgesamt für diese Schulden (wie auch für die Steuer) hafteten. [...] Die Gesamthaftung hielt die Bauern auf dem Lande fest, statt sie einem frühkapitalistischen Differenzierungsprozess auszusetzen, der die ärmeren dann in die Städte getrieben hätte.

Hans-Heinrich Nolte, Kleine Geschichte Rußlands, Stuttgart: Reclam 2003, S. 138 ff.

„Realismus“ und sozialistische Gesellschaftskritik

Nach 1850 veränderte sich das kulturelle Klima in Europa. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte in allen europäischen Nationalkulturen literarisch im Zeichen der Romantik gestanden. In der Musik setzte die Romantik etwas später ein als in der Literatur, etwa um 1830, sie erfuhr einen Höhepunkt im musikdramatischen Werk Richard Wagners (1813-1883) und hielt sich dann noch bis zum Ende des Jahrhunderts. In der Baukunst lässt sich, abgesehen von Anklängen an ein imaginiertes Mittelalter („Neo-Romanik“, „Neo-Gotik“), ein romantischer Stil weniger deutlich erkennen. Hier überwog in ganz Europa der Klassizismus, also eine Wiederbelebung altgriechischer Formen mit Säulen und Portiken. Romantische Malerei interessierte sich weniger als die Kunst des 18. Jahrhunderts für mythologische Motive und wandte sich Naturszenen und orientalischen Sujets zu.
Die literarische Romantik, die in Deutschland bis zum Tod Johann Wolfgang von Goethes 1832 in einer produktiven Spannung zum Kunstprogramm der „Klassik“ stand, sah die Welt als doppelbödig. Hinter der Oberfläche der wahrnehmbaren Erscheinungen verbarg sich eine Sphäre des Geheimnisvollen, die im Traum zugänglich war oder auch plötzlich und verstörend in die Realität des Alltags einbrechen konnte, so zum Beispiel bei E.T.A. Hoffmann (1776-1822) oder in den USA bei Edgar Allan Poe (1809-1849). Romantische Literatur erkannte ganzheitliche Zusammenhänge in der Natur; in Deutschland wurde erstmals der Wald zu einem bevorzugten Schauplatz. Im Unterschied zu Aufklärung und Klassik, die sich immer wieder auf die Antike bezogen, war die Romantik von Mittelalter und Renaissance fasziniert, etwa in Italien bei Alessandro Manzoni (1785-1873) oder in Frankreich beim jungen Victor Hugo (1802-1885). Zum letzten Mal wurde – besonders eindrücklich bei Joseph von Eichendorff (1788-1857) – eine vorindustrielle Welt beschworen, in der Energie nicht von Dampfmaschinen, sondern aus Mühlrädern stammte. Die europäische Romantik war jedoch keinesfalls nur rückwärtsgewandt und politisch konservativ. Die Stimmungen und Ängste, die sie künstlerisch gestaltete, waren die ihrer Gegenwart.
Es gab Figuren des Übergangs aus der Romantik in eine neue Zeit wie Victor Hugo und den im Pariser Exil lebenden Heinrich Heine. Aber es war doch eher eine neue Generation, die den Ton des „Realismus“ in die europäische Literatur trug. Die bevorzugte und charakteristische Form wurde nun der Roman, der erstmals Lyrik und Drama an Prestige überflügelte. Der realistische Roman wandte sich der Gegenwart zu. Auch wenn er Themen aus der jüngeren Vergangenheit behandelte wie Leo Tolstois (1828-1910) „Krieg und Frieden“ (1868/69) den russischen Abwehrkampf gegen Napoleon, tat er dies nicht in heroisierender Absicht, sondern als Analyse persönlicher Motivationen und politischer Kräfte. Der realistische Roman strebte psychologische Wahrheit ebenso wie wirklichkeitsnahe Detailtreue der oft ausführlichen Schilderungen an. Er war Gesellschaftsroman. Schon der große Pionier dieser literarischen Richtung, Honoré de Balzac (1799-1850), hatte in einer Serie von 91 Romanen die französische Gesellschaft seiner Zeit scharfsinnig durchleuchtet und bissig kommentiert. Er war ein Soziologe, bevor es die Wissenschaft der Soziologie überhaupt gab. In den Jahrzehnten nach Balzacs Tod entwarfen Autoren wie Charles Dickens (1812-1870), Gustave Flaubert (1821-1880; „Madame Bovary“, 1856), Tolstoi (vor allem in „Anna Karenina“, 1877/78), Iwan Turgenjew (1818-1883), Theodor Fontane (1819-1898) und Wilhelm Raabe (1831-1910) breit ausgeführte Porträts von Gesellschaften in schnellem Wandel. Ihre Romane sind bis heute unentbehrliche Quellen für die Sozial- und Mentalitätsgeschichte.
Auch in anderen Künsten machte sich eine postromantische Betrachtungsweise bemerkbar. Maler wie Gustave Courbet (1819-1877) oder Adolph Menzel (1815-1905) stellten Szenen aus der Arbeitswelt dar. In Opern wie Giuseppe Verdis (1813-1901) „La Traviata“ (1853) oder Georges Bizets (1838-1875) „Carmen“ (1875) wurden statt der üblichen historischen oder mythologischen Stoffe Szenen aus der französischen Halbwelt oder aus dem Milieu spanischer Tabakarbeiterinnen auf die Bühne gebracht. Eine epochal bedeutende Veränderung der Sichtweise zog die Erfindung und Verbreitung der Fotografie nach sich. Die technischen Grundlagen für dieses neue Medium waren bis 1840 geschaffen. Ab etwa 1850 verbreitete sich die Praxis der Atelieraufnahmen von Personen; neben das gemalte Porträt trat nun das künstlerisch gestaltete Lichtbild. Mit stetig verbesserter Technik und mobileren Kameras erschlossen sich Fotografen immerfort neue Motive: Landschaften, Architektur, Straßenszenen, Kriegsschauplätze, die „exotischen“ Bewohner der europäischen Kolonien. Am Ende des Jahrhunderts war Fotografie im Zeitungsdruck möglich. Wenngleich es Vielen klar war, dass auch die Fotografie eine subjektive Auswahl und Gestaltung erforderte, war durch dieses neue Medium dennoch ein Zugewinn an bildlicher Wirklichkeitsnähe erreicht, der im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts eine Revolution der menschlichen Wahrnehmung und zugleich der Dokumentation bedeutete. Nicht die realistische Malerei, sondern die Fotografie war das visuelle Gegenstück zu den großen Romanen der Epoche.
Eine soziologische Gesellschaftsanalyse, wie wir sie heute kennen, entstand erst gegen Ende des Jahrhunderts, zuerst in Frankreich bei Émile Durkheim (1858-1917). Bis dahin war die Politische Ökonomie die für den gesellschaftlichen Zusammenhang der Menschen zuständige Wissenschaft. Als sie 1776 von dem schottischen Philosophen Adam Smith (1723-1790) mit seinem Werk „Der Wohlstand der Nationen“ begründet wurde, standen ihr noch die vorindustriellen Verhältnisse einer hoch entwickelten Handwerks- und Handelswirtschaft vor Augen. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Politische Ökonomie zur wichtigsten wissenschaftlichen Begleiterin der Industrialisierung. Ihre zentrale Frage war die nach dem Zusammenwirken der Produktionsfaktoren Boden, Kapital und Arbeit bei der Schaffung von Werten. Um 1850 gab es ein komplettes Lehrgebäude der Politischen Ökonomie. Unmittelbar danach trat ihr schärfster und scharfsinnigster Kritiker auf: der aus Deutschland nach London geflohene Karl Marx, der seine Studien in dem dreibändigen Werk „Das Kapital“ (1867-1895, posthum veröffentlicht durch Friedrich Engels) zusammenfasste. Marx verfolgte den großen Plan, die Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Produktionsweise zu entschleiern und sie, über die Politische Ökonomie hinausgehend, mit einer Interpretation der Geschichte als Folge von Klassenkämpfen zu verbinden. Seine politische Absicht war es nachzuweisen, dass von den drei Produktionsfaktoren allein die Arbeit Werte schaffe, die Machtverhältnisse in der „bürgerlichen Gesellschaft“ den Arbeitern aber eine gerechte Entlohnung vorenthielten. Marx‘ Lehre gehört trotz einiger utopischer Aspekte in den größeren Zusammenhang des neuen Realismus nach der Jahrhundertmitte. Sie wurde in vereinfachter Form zur Grundlage des Weltbildes der Arbeiterbewegung überall in Europa.

Wissenschaft als Produktivkraft und Weltdeutungsmacht

Die etwa drei Jahrzehnte nach der Mitte des 19. Jahrhunderts standen wie keine andere Periode der neueren Geschichte im Zeichen der Fortschrittsidee. Erstmals hatten nicht nur wenige Intellektuelle, sondern Millionen von Menschen das Gefühl, dass sich die Lebensverhältnisse in Europa stetig verbesserten. Wirtschaftliches Wachstum und politische Stabilisierung bei allmählicher Demokratisierung und dem langsamen Abbau alter Hierarchien zugunsten größerer Gleichheit der Staatsbürger legten eine solche Weltsicht nahe. Für viele Menschen wurde Fortschritt unmittelbar erfahrbar: Postkutschen wurden durch Eisenbahnen abgelöst, Segelschiffe durch Dampfer; an die Stelle von Erzeugnissen des Handwerks traten zunehmend Produkte der Fabrikindustrie; Städte legten sich Kanalisation und zentrale Wasserversorgung zu. In zahlreichen Ländern Europas wurde in diesen Jahrzehnten das Elementarschulwesen ausgebaut. Der Anteil von Analphabeten an der Bevölkerung ging zurück, Mädchen kamen zum Teil erstmals in den Genuss staatlicher Bildungsangebote. Die Leserschaft von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern multiplizierte sich.
Auch die Wissenschaft erreichte in populärer Gestalt erstmals ein breiteres Publikum. Sie selbst erhielt eine neue öffentliche Bedeutung. Es wurde allgemein anerkannt, dass es kein besseres Symbol und keine wirksamere Ursache des Fortschritts gebe als die Wissenschaft. Sie schuf die Grundlagen für immer neue technische Innovationen. Niemals zuvor waren die Verbindungen zwischen der Gelehrtenstube und der Werkstatt so eng gewesen. Charakteristische Repräsentanten der Zeit waren weniger die reinen Theoretiker als wissenschaftlich geschulte Erfinder und Ingenieure, die manchmal auch als Unternehmer ihre eigenen Entdeckungen wirtschaftlich umsetzten. Werner (von) Siemens (1816-1892), der schon in den 1840er-Jahren seine ersten Erfindungen gemacht und 1847 seine eigene Firma gegründet hatte und der zu einem der Begründer der Elektrotechnik wurde, verkörperte diesen neuen Typ besonders gut. Universitäten, bis dahin auf Theologie, Jura, Medizin und Altertumswissenschaften konzentriert, interessierten sich nun viel mehr als früher für die angewandten Naturwissenschaften. Die Gründung eines „Polytechnikums“ in Zürich 1855, aus dem bald die berühmte Eidgenössische Technische Hochschule werden sollte, war ein viel beachtetes und bald imitiertes Signal.
Das Zusammenrücken von Wissenschaft, Technik und Industrie, das nach 1850 begann, setzte sich in den folgenden Jahrzehnten fort. Die dann aufkommende chemische Industrie zum Beispiel zog schon früh die Forschung in die Unternehmen herein und betrieb eigene Entwicklungslabors unabhängig von den Universitäten. Von nicht geringerer praktischer Bedeutung waren die Errungenschaften der medizinischen und mikrobiologischen Forschung. Sie dämmten Seuchen ein und schufen Behandlungsmöglichkeiten für Krankheiten, die bis dahin als unheilbar gegolten hatten. Wenige Naturforscher hatten größeren Einfluss auf das Leben von Millionen als Louis Pasteur (1822-1895) in Frankreich und Robert Koch (1843-1910) in Deutschland, die die Erreger zahlreicher Leiden identifizieren konnten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wandelte sich die Medizin von Handwerk und Kunstlehre zur Wissenschaft. Hospitäler wurden von Pflege- und Versorgungseinrichtungen zu Orten der Therapie und der Forschung. Die neue Wissenschaft erreichte durch Popularisierung immer breitere Bevölkerungskreise. Ein großer Naturforscher aus einer früheren Epoche, Alexander von Humboldt (1769-1859), setzte sich am Ende seines Lebens besonders vehement und erfolgreich für eine solche Popularisierung ein.
Sie führte dazu, dass Elemente wissenschaftlichen Denkens mit Weltbildern anderer Art in Konflikt geraten konnten. Auch im 17. und 18. Jahrhundert hatte es vereinzelt schon Glaubenszweifler oder gar Atheisten gegeben. Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts lieferten die Wissenschaften eine umfassende Welterklärung, die den Lehren der christlichen Kirchen in vielen Punkten widersprach. Wer als „Positivist“ die Wahrheit in beobachtbaren „Tatsachen“ und beweisbaren Naturgesetzen suchte, hatte leichtes Spiel mit Geschichten aus der Bibel, die sich dieser Nachweisbarkeit entzogen, zumal eine historische Bibelkritik die Heilige Schrift nunmehr als Dokument ihrer Entstehungszeit zu interpretieren begann. Materialistische Weltdeutungen wurden solchen idealistischer oder religiöser Natur selbstbewusst entgegengesetzt. Die größte Herausforderung eines bibeltreuen Weltbildes kam aus England: 1859 veröffentlichte dort der Naturforscher Charles Darwin (1809-1882) sein Werk „Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“, in dem er eine seither vielfach bestätigte und verfeinerte Theorie der Evolution des Lebens aufstellte, die rein naturalistisch argumentierte und göttliche Initiative beim Schöpfungsprozess nicht vorsah. Weniger Darwin selbst als manche seiner Anhänger machten daraus eine aggressive Herausforderung der christlichen Religion, deren Vertreter zumeist ebenso kompromisslos antworteten. Niemals war die Alternative „Wissenschaft oder Religion“ schroffer gestellt worden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es mithin in Europa erstmals wissenschaftlich fundierte Alternativen zum Christentum. Freilich fanden sie nur unter einer Minderheit Anklang, und die früher beliebte Behauptung, die Zeit nach 1850 habe in Europa im Zeichen einer allgemeinen Entkirchlichung und „Säkularisierung“ gestanden, kann als widerlegt gelten. In katholischen ebenso wie protestantischen und orthodoxen Gegenden – und stets auf dem Lande mehr als in den Städten – blieb die Kirche eine einflussreiche Autorität. Außerhalb Frankreichs, das seit der Revolution von 1789 „laizistisch“ geprägt war, suchten die Dynastien überall die Nähe zwischen Thron und Altar.

Wichtige Innovationen und naturwissenschaftliche EntdeckungenWichtige Innovationen und naturwissenschaftliche Entdeckungen
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