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Schnelltriebwagen auf einer Versuchsstrecke im 19. Jahrhundert

8.8.2012 | Von:
Prof. Dr. Jürgen Osterhammel

1850 bis 1880

Die Welt 1850-1880

Die großen Bürgerkriege und ihre Folgen: USA und China

Die europäischen Mächte hielten zwischen 1815 und 1854 untereinander Frieden, und die Kriege, die sie zwischen 1854 und 1914 führten, also der Krimkrieg und die drei deutschen Einigungskriege, waren kurz, regional begrenzt und in ihren Folgen überschaubar. Große Bürgerkriege wurden in dieser Zeit in Europa nicht geführt. Dies war in der Neuen Welt ebenso wie im ältesten überdauernden Staatsverband der Erde, dem Chinesischen Kaiserreich, anders. Der nordamerikanische Sezessionskrieg (1861-65) und die Taiping-Revolution in China (1850-64) waren mit großem Abstand die blutigsten Konflikte der Epoche. Der Amerikanische Bürgerkrieg forderte vermutlich 620 000 militärische Tote, die indirekten Opfer nicht gerechnet. Die Taiping-Revolution verwüstete ganze Landstriche auf Jahrzehnte hinaus; die Gesamtzahl der durch sie verursachten Todesfälle könnte – es sind nur grobe Schätzungen möglich – etwa 30 Millionen erreicht haben. Obwohl beide Großereignisse gleichzeitig stattfanden (übrigens nur wenige Jahre nach den europäischen Turbulenzen 1848/49), standen sie in keinem ursächlichen Verhältnis zueinander. Trotz aller Globalisierungsfortschritte der Zeit war es noch möglich, dass sich auf weit voneinander entfernten Schauplätzen politische Entwicklungen ganz unabhängig voneinander vollzogen.
Der Amerikanische Bürgerkrieg kam nicht überraschend. Er ergab sich aus der zunehmenden Entfremdung zwischen Nordstaaten und Südstaaten in der Sklavereifrage. Das politische System der USA war über diese Frage blockiert. Es lag in der Natur der Sache, dass ein Kompromiss unmöglich war: Sklaverei war entweder legal, oder sie war es nicht. Als im November 1860 der Republikaner Abraham Lincoln (1809-1865), ein Gegner der Sklaverei (wenngleich keiner der radikalsten), zum Präsidenten gewählt wurde, nahmen dies die Extremisten in den Sklavenstaaten zum Anlass, den Austritt des Südens aus der Union zu erklären (daher „Sezession“). Wenig später proklamierten sie einen eigenen souveränen Staat, die Confederate States of America. Der agrarische Süden war dem teilweise industrialisierten Norden an Ressourcen weit unterlegen. Niemals war es denkbar, dass er den Norden besiegt hätte. Die zuweilen brillante südliche Kriegführung hätte aber möglicherweise ein Patt erzwingen können und damit eine Teilung des nordamerikanischen Kontinents in drei Großstaaten herbeigeführt: Kanada (damals noch eine Ansammlung britischer Kolonien), die USA und die Konföderation. Dem stand Lincolns Wille entgegen, die Vereinigten Staaten in ihrer bestehenden Form um jeden Preis zu erhalten. Als während des Krieges im Norden die Stimmung gegen die Sklaverei stieg, setzte Lincoln seine moralische Ablehnung der Sklaverei in Politik um und proklamierte eine allgemeine Sklavenbefreiung zum 1. Januar 1863.
Nun wurde das Ende der Sklaverei zu einem offiziellen Kriegsziel des Nordens. Freie Schwarze und befreite Sklaven schlossen sich den Unionsarmeen an. Jedem, auch im Ausland, wurde klar, dass zwei unvereinbare Gesellschaftsordnungen gegeneinander kämpften. Die Kapitulation der Konföderation im Mai 1865 stärkte weltweit liberale und demokratische Strömungen. In Nordamerika selbst bekräftigte sie jene Einheit der Nation, die in Deutschland gleichzeitig mit militärischen Mitteln geschaffen wurde. Die Sklaverei wurde in den gesamten USA verboten. Die Lage der schwarzen Bevölkerung verbesserte sich jedoch nur allmählich und keineswegs kontinuierlich. Die Sklaverei wurde vielfach durch neue Formen der Abhängigkeit und Diskriminierung ersetzt; Schwarze hatten es weiterhin schwer, Eigentum zu erwerben; an der rassistischen Haltung der Weißen änderte sich wenig. Aus der Sicht schwarzer Amerikaner war der Bürgerkrieg nur ein Etappensieg. Ein zweites Problem, die Wiedereingliederung des Südens in die gesamte Nation, wurde nach einigen Jahren besser gelöst. Dies schuf den Rahmen für den Aufstieg der USA zur führenden Industriemacht. Dieser Aufstieg war mit der weiteren Binnenexpansion nach Westen verbunden. In den letzten Indianerkriegen wurde der Widerstand der Ureinwohner Nordamerikas gebrochen.

Sklaven in den USASklaven in den USA
Die Verwendung dieser Grafik ist honorarpflichtig.

China war keine republikanische Föderation, sondern ein monarchisches Einheitsreich. Sklaverei gab es dort nicht. Dennoch finden sich gewisse Ähnlichkeiten mit Nordamerika. Auch in China erhob sich, geografisch gesehen, der Süden gegen den Norden. Die Rebellen kündigten der Regierung den Gehorsam auf und errichteten ihren eigenen Gegenstaat. Vorübergehend sah es so aus, als könnten sie die Dynastie in Beijing stürzen oder zumindest ihre Kontrolle über Süd- und Mittelchina dauerhaft festigen. Die Bewegung der Taiping, die ein „Himmlisches Reich des Großen Friedens“ (chin.: Taiping tianguo) errichten wollte, entstand aus der Anhängerschaft des religiösen Propheten Hong Xiuquan (1814-1864), der 1850 in entlegenen Gegenden Südchinas zu predigen begann. Hong war durch christliche Traktate beeinflusst, die illegal nach Südchina eingesickert waren. Nach Erleuchtungserfahrungen – er sah sich von Gott zum jüngeren Bruder Jesu erhoben – zimmerte er sich ein Weltbild, das christliche mit chinesischen, insbesondere konfuzianischen Elementen verband.
Hong konnte nur deshalb seine frühe Gefolgschaft zu einer riesigen Armee ausweiten, weil es damals in China viel Anlass für sozialen Protest gab, vor allem eine Wirtschaftskrise als Folge des Opiumkrieges (1840-42) und der beginnenden „Öffnung“ Chinas. Die Schuld für die Missstände wurde aber nicht den Europäern angelastet, sondern der Dynastie der Qing (sprich: „Tching“), die seit 1644 in Peking regierte. Die Taiping suchten sogar Unterstützung bei den christlichen Westmächten, allerdings vergeblich. Dass sie ihre militärischen Ziele nicht erreichen konnten und die Bewegung 1864 in ihrer Hauptstadt Nanjing in einem gigantischen Gemetzel unterging, lag teils an der Zerstrittenheit der verschiedenen Taiping-Führer (die sich „Könige“ nannten) untereinander, teils an der geschickten und nicht minder brutalen Gegenwehr der Qing-Dynastie, nachdem sie den ersten Schock überwunden hatte. Die kaiserliche Ordnung überlebte, allerdings nachhaltig geschwächt. Reformen, die in der Nach-Taiping-Zeit eingeleitet wurden, blieben zaghaft und vermochten China gegenüber den imperialistischen Mächten nicht nachhaltig zu stärken. 1911 wurde die Monarchie durch eine Revolution gestürzt.

Quellentext

Gleiche Rechte bleiben vorerst ein Traum

Wie soll nach mehr als 600 000 Toten und unendlich viel Leid in Zukunft […] ein friedliches Zusammenleben möglich sein, nachdem schon vorher auf beiden Seiten so viel Hass herrschte. [Präsident Abraham] Lincoln […] spricht sich für Versöhnung und ein Wiederaufbauprogramm für den Süden aus […].
[…] In vielen Weißen im Süden schwelt ein unversöhnlicher Hass auf die Yankees, die Nordstaatler, und das wird auch noch bis weit ins 20. Jahrhundert so bleiben. Denn viele überzeugte Südstaatler impfen diesen Hass auch ihren Kindern ein. Eine Südstaatlerin berichtet, ihre Mutter habe ihr beigebracht, „Gott zu fürchten, den Süden zu lieben und dafür zu leben, dass er gerächt wird“. […]
Der Demokrat Andrew Johnson […] versucht, Lincolns Versöhnungskurs [nach dessen Ermordung durch einen Südstaatler – Anm. d. Red.] fortzusetzen. […] Bald wird klar, dass das nicht funktioniert. Innerhalb kürzester Zeit sind in den Regierungen der ehemaligen Rebellenstaaten wieder Rassisten an der Macht. Sie versuchen auf Umwegen an der Sklaverei festzuhalten und finden Mittel und Wege, die Schwarzen mit neuen Gesetzen zu unterdrücken. […] Viele Südstaatler wollen nicht akzeptieren, dass Schwarze […] Bürger sein sollen. Deshalb greifen sie zu Gewalt und Terror gegen Schwarze. Der Ku Klux Klan – der Name soll das Geräusch eines Gewehr imitieren, dessen Hahn gespannt wird – wird gegründet und beginnt im Süden mit brutalen Einschüchterungen, Auspeitschungen und Lynchmorden. Schwarze, die den Rassisten aus irgendeinem Grund auffallen, werden vom weißen Mob einfach am nächsten Ast aufgeknüpft oder mit Benzin übergossen und angezündet. [...]
[…] 1877 ziehen im Rahmen eines […] politischen Deals die letzten Unionstruppen aus dem Süden ab. Damit ist die Phase der Reconstruction, des Wiederaufbaus, offiziell beendet. Längst hat in den Südstaaten die romantische Verklärung des alten Südens begonnen, nach und nach wird er für viele zum Mythos.
Die Realität ist weniger schön. Im Süden hat sich eine neue Gesellschaft herauskristallisiert, in der der Rassismus fast ebenso tief verankert ist wie zuvor. „Sie haben nichts vergessen und nichts gelernt aus diesem schrecklichen Krieg“, sagte ein Zeitzeuge aus dem Norden über die ehemaligen weißen Sklavenhalter. Schwarze gelten als Bürger zweiter Klasse, besitzen nur selten Land und schuften unter harten Bedingungen für ihr Überleben. Zwar gibt es Einrichtungen des Bundes, die sie bei der Suche nach Arbeit und allen ihren Anliegen unterstützen sollen, aber wichtig ist für sie vor allem die gegenseitige Hilfe. Ihr gesellschaftliches Leben entwickelt sich oft um die schwarzen Kirchengemeinden herum. Sie müssen den Hass der Weißen ebenso fürchten wie die Armut. Es wird bis in die [1960er] Jahre dauern, bis Schwarze endlich auch im Süden gleiche Rechte haben.

Sylvia Englert, Cowboys, Gott und Coca-Cola, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005, S. 82 ff.

Quellentext

Der Aufstand der Taiping-Bewegung

Vorübergehend erweckte die große Volksbewegung, die das utopische Ziel eines „Himmlischen Reichs des ewigen Friedens“ (Taiping tianguo) anstrebte, den Eindruck, einen alternativen Weg für die Erneuerung Chinas aufzuzeigen. Ihre Ursprünge lagen in der sozialökonomischen Krise Südchinas, die von den Umständen der „Öffnung“ hervorgerufen worden war. Die Verlagerung des Schwerpunkts des Außenhandels von Kanton auf den 1843 geöffneten Hafen Shanghai hatte zu einer hohen Arbeitslosigkeit unter Bootsleuten, Packern und Lastträgern geführt. Die Qing-Regierung versuchte, den daraus resultierenden Einkommensausfall der Südprovinzen durch höhere Steuern zu kompensieren.
Vor diesem Hintergrund gelang es dem charismatischen Gründer der TaipingBewegung, Hong Xiuquan (1814-1864), Anhänger für seine Visionen einer neuen Weltordnung zu gewinnen. Mit seinem starken Sendungsbewusstsein und großen Organisationstalent verband er einen christlichen Egalitarismus, einen chinesischen Messianismus und einen sich erstmals artikulierenden Anti-Mandschurei-Nationalismus, der über eine nostalgische Loyalität gegenüber der Ming-Dynastie hinausreichte. Von seiner prophetischen Erwählung als „Gottes chinesischer Sohn“ überzeugt, scharte Hong Xiuquan als Wanderprediger in der relativ rückständigen Provinz Guangxi innerhalb kürzester Zeit zehntausende Anhänger um sich. Anders als die traditionellen Bauernaufstände verfügte die Taiping-Bewegung über eine breite gesellschaftliche Basis und fand ihren stärksten Rückhalt sogar in großen Städten. Sie stürzte das Qing-Reich im Grunde in einen Bürgerkrieg. Mit dem ersten Aufstand und Kämpfen gegen die lokalen Qing-Behörden im Süden Guangxis begann im Juni 1850 die Eskalation. Im folgenden Jahr erklärte Hong Xiuquan sich zum König des „Himmlischen Reiches des Großen Friedens“ und nahm den Kampf gegen die Qing-Dynastie auf. Die Organisation der Feldzüge überließ er den von ihm ernannten fünf weiteren Königen und konzentrierte sich ganz auf seine spirituelle Autorität. Die Massenheere der Taiping eroberten eine Stadt Südchinas nach der anderen. Überall entlud sich ihre revolutionäre Wut gegen die lokale Oberschicht. 1853 wurde in Nanjing, der frühen Hauptstadt der Ming-Dynastie, das Hauptquartier eingerichtet.
In der zweiten Phase der mittleren Jahre (1853-1859) gelang es der Taiping-Gegenregierung jedoch nicht, ihr Programm in die Tat umzusetzen. Dieses bestand aus einer einzigartigen, aber auch widersprüchlichen Mischung sozialer Revolutionen, kollektiver Heilssuche und eines gegen die Mandschu gerichteten Fremdenhasses. Es enthielt ebenso Elemente eines urkommunistischen Gleichheitsdenkens wie auch Pläne zu einer Modernisierung Chinas nach westlichem Vorbild. Nachdem die Taiping-Armeen zunächst auf dem Vormarsch nach Norden die Qing-Dynastie an den Rand des militärischen Zusammenbruchs getrieben hatten, wurde ihr Vorstoß 1856 am unteren Yangzi gestoppt. Die dortigen Provinzeliten organisierten einen sehr schlagkräftigen Widerstand, bei dem sie (allerdings nicht in entscheidender Weise) von den europäischen Mächten unterstützt wurden, die eine schwache Qing-Dynastie dem undurchsichtigen Taiping-Regime vorzogen. Gleichzeitig zerstörten die Machtkämpfe innerhalb der Taiping-Führung, die schon bald nach der Reichsgründung in Nanjing ausgebrochen waren, die Bewegung auch von innen her. Ihnen fielen 1856 einer der Unterkönige und 20 000 seiner Anhänger zum Opfer. Vergeblich versuchte 1859 Hong Rengan, der Cousin des immer weltfremder werdenden, geisteskranken Himmelskönigs, nach der Stagnation der letzten Jahre der Bewegung noch einen neuen Aufschwung zu verleihen. Da er jedoch über keine eigene Machtbasis verfügte, scheiterten seine Ansätze zur Zentralisierung und Rationalisierung des Taiping-Staates. In der dritten Phase der letzten Jahre (1860-1864) zog sich die Schlinge der Provinzarmeen unter Führung Zeng Guofans zu. Mitte 1862 begann die Einkesselung der Aufständischen in Nanjing, das im Juli 1864 gestürmt werden konnte.
Die extreme Grausamkeit, mit der die Taiping-Bewegung schließlich vernichtet wurde, zeigt die bürgerkriegsähnlichen Ausmaße des Konflikts, der nur mit dem vollständigen Sieg einer der beiden Parteien enden konnte. So gut wie keine Spuren überlebten von der Taiping-Gegenkultur. Die Rebellion und ihre brutale Bekämpfung hinterließen weite Teile Süd- und Mittelchinas – neben den Schauplätzen des amerikanischen Bürgerkriegs – als größtes Schlachtfeld des 19. Jahrhunderts. Einige der verwüsteten Regionen brauchten Jahrzehnte, um sich wieder zu erholen. Vor allem in den Provinzen am unteren Yangzi waren beträchtliche Teile der Oberschicht ausgelöscht worden. Nur Shanghai, das in jener Zeit zahlreiche Flüchtlinge aufnahm, ging gestärkt aus diesem Konflikt hervor und stieg in den folgenden Jahrzehnten zur unumstrittenen Metropole auf dem chinesischen Festland auf.

Sabine Dabringhaus, Geschichte Chinas 1279-1949. Oldenbourg Grundriss der Geschichte Bd. 35, 2. Aufl., München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2009, S. 59 ff.

Defensive Modernisierung: Japan

Japan war seit dem frühen 17. Jahrhundert ein Land, das sich, begünstigt durch seine Insellage, von der Außenwelt noch viel gründlicher abschottete als China. Man war über Kontakte mit Niederländern, die als einzige Europäer in begrenztem Umfang Schiffe nach Japan schicken durften, im Groben über Europa und das Vordringen der europäischen Kolonialmächte in Asien unterrichtet. Die japanische Elite, bestehend aus dem obersten Militärherrn (dem Shogun), etwa 250 Territorialfürsten und deren Kriegern und Verwaltern (den Samurai), hatte jedoch keine Strategie zur Hand, als die USA 1853 auf der Öffnung Japans für westliche Diplomaten und Kaufleute beharrten. Während der folgenden 15 Jahre begannen Großbritannien und die USA mit dem Aufbau einer politischen und wirtschaftlichen Repräsentanz im Inselreich. Zugleich rang die japanische Elite um eine Antwort auf die westliche Herausforderung.
1868 beseitigte ein nahezu unblutiger Putsch von jungen Vertretern der Feudalaristokratie aus südlichen Landesteilen die seit einem Vierteljahrtausend bestehende Herrschaft der Shogune. Stattdessen wurde die längst zum Ornament degradierte Institution des Kaisers wiederbelebt. Fortan regierte eine kleine Oligarchie im Namen des Monarchen. Diese Meiji-Restauration oder Meiji-Erneuerung, wie sie in Japan genannt wird, war in Wirklichkeit eine Revolution „von oben“. Denn die neue Machtelite verteidigte nicht konservativ alte Positionen, sondern erkannte, dass Japan nur durch eine radikale Modernisierung in einer veränderten Welt würde bestehen können. In den Jahren nach 1868 wurde das Land dem radikalsten Sozialexperiment des 19. Jahrhunderts unterzogen. Die alte Statushierarchie wurde abgeschafft, darunter auch die privilegierte Gruppe der Samurai, aus der die Oligarchen selbst stammten. Auf diese Weise wurden die Voraussetzungen für größere soziale Mobilität geschaffen. Japan wurde politisch vollkommen umorganisiert. Es war bis dahin ein Flickenteppich halbautonomer Feudalfürstentümer gewesen, eine Art von Bundesstaat mit relativ starker Spitze. Die Fürsten wurden nun in Pension geschickt, das heißt aus der Staatskasse abgefunden. Dies war eine viel radikalere Lösung als die deutsche Reichsgründung 1871. Japan verwandelte sich in ein unitarisches Land ohne den in Deutschland bewahrten Föderalismus. Das Land wurde nach französischem Vorbild straff und zentralistisch durchorganisiert. Es erhielt eine moderne Bürokratie, die sich für zahlreiche Aspekte des Lebens zuständig fühlte. Militär, Polizei und das Bildungswesen wurden nach westlichen Vorbildern neu geordnet. Eine kaiserliche Universität entstand, die Keimzelle für ein rasch expandierendes Hochschul- und Forschungswesen. Die Staatsfinanzen und die Währung wurden nach den Gepflogenheiten moderner Industriegesellschaften organisiert. Der Staat gab sogar – was in Europa sehr selten geschah – den Anstoß zu Industrialisierungsprojekten. Da Japan sich davor hütete, durch Anleihen vom Ausland abhängig zu werden (wie es gleichzeitig in China und im Osmanischen Reich geschah), lag die Last der Finanzierung der neuen Industrie auf der Bauernschaft, der extrem harte Steuern aufgebürdet wurden.

Musterkolonie Indien und informeller Imperialismus in China

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war im Vergleich zur Situation 100 Jahre zuvor eine neue Geografie der europäischen Kolonialreiche entstanden. Vom kontinentalen Amerika, wo die Kolonisation nach Kolumbus begonnen hatte, war europäische Kolonialherrschaft weitgehend verschwunden. Sie hielt sich noch auf den karibischen Inseln (mit Ausnahme des seit 1804 unabhängigen Haiti), deren weltwirtschaftliche Bedeutung dank der Abschaffung der Sklaverei jedoch zurückgegangen war. Allein Kuba, wo Sklaverei bis 1886 legal blieb, war eine exportorientierte Plantagenökonomie. Das einzige andere Kolonialgebiet in der Neuen Welt war das riesige und dünn besiedelte Kanada, eine Ansammlung mehrerer britischer Kolonien, die sich 1867 zu einer Föderation zusammenschlossen.
Unter allen europäischen Imperien war das britische dadurch einzigartig, dass es in mehreren Kolonien Bevölkerungsmehrheiten europäischer Siedler gab, während die Einheimischen, ähnlich wie in den USA, militärisch besiegt, verfolgt und zurückgedrängt wurden. Dies galt außer für Kanada auch für Australien sowie Neuseeland, das seit 1840 zum British Empire gehörte. Diese Länder nannte man bald nicht mehr „Kolonien“, sondern Dominions, Herrschaftsgebiete, in denen die britische Krone ihre Kontrolle zunehmend auf Militär, Außenpolitik und (teilweise) Finanzen beschränkte. Ansonsten waren diese Länder nicht in die autoritäre Kommandostruktur der Kolonialverwaltung einbezogen. Sie regierten sich im Wesentlichen selbst und hatten Regierungen, die nach britischem Muster demokratisch gewählten Parlamenten verantwortlich waren. Die Gouverneure der Krone hatten nur ein Vetorecht gegen bestimmte Entscheidungen. Kanada, Australien und Neuseeland blieben Teile des British Empire, waren aber am Vorabend des Ersten Weltkriegs in vieler Hinsicht zu selbstständigen Nationalstaaten geworden.
Auch im französischen Kolonialreich verlagerte sich der geografische Schwerpunkt. Frankreichs Position in Amerika war auf einige unbedeutende Inseln reduziert. Napoleon, der große Imperienbauer auf dem europäischen Kontinent, hatte kolonialpolitisch geringe Interessen und fast keinen Erfolg. Ein Neuaufbau eines französischen Kolonialreichs begann erst 1830 mit der brutalen Eroberung Algeriens, die um die Mitte des Jahrhunderts abgeschlossen war. Infolge einer umfangreichen Einwanderung aus Frankreich, Spanien und Italien war Algerien um 1870 zu einer Siedlerkolonie geworden. Anders als etwa in Australien bildeten hier die Einheimischen aber weiterhin eine Bevölkerungsmehrheit, die von allen politischen Rechten ausgeschlossen war. Ein ungewöhnlich schroffer Religionsgegensatz zwischen Christentum und Islam kam hinzu. Algerien war fortan Frankreichs wichtigste Kolonie; es erhielt sogar den Sonderstatus, administrativ ein Teil des Mutterlandes zu sein. In Asien begann ein französisches Engagement 1862 mit der Eroberung von Saigon. Bis 1890 hatten die Franzosen ihre Kontrolle auf ganz Vietnam bis hoch zur chinesischen Grenze ausgedehnt.
Niederländisch-Ostindien (das heutige Indonesien) war ein Überrest aus Hollands goldenem Zeitalter als führende Welthandelsnation, die sich in Batavia (heute Jakarta) ihren wichtigsten asiatischen Stützpunkt geschaffen hatte. Im 19. Jahrhundert fehlten den Niederlanden die Machtmittel für eine aggressive Kolonialpolitik. Sie dehnten ihr Kolonialreich nicht weiter aus. Die Herrschaft über Indonesien wurde jedoch gefestigt und das Inselreich mit Methoden systematischer Ausbeutung zu einer der weltweit lukrativsten Kolonien ausgebaut.
Die bevölkerungsreichste und wirtschaftlich wie politisch wichtigste Kolonie von allen wurde Britisch-Indien. Es war das schiere Gegenteil einer Siedlungskolonie. Europäisch geführte Farmen oder Plantagen spielten hier (abgesehen von Teepflanzungen im nordöstlichen Assam) keine nennenswerte Rolle. Die Regierungsform kann man als despotisch-bürokratisch bezeichnen. Ein mächtiger Generalgouverneur bzw. Vizekönig stand an der Spitze einer bürokratischen Hie-rarchie, die aus gut ausgebildeten und sorgfältig rekrutierten Elitebeamten bestand. Die indische Verwaltung war im 19. Jahrhundert für viele europäische Beobachter das Modell einer „rationalen“ Verwaltung schlechthin. Inder waren von den politischen Entscheidungen über ihr eigenes Schicksal ausgeschlossen. In Nischen des riesigen Landes ließen die Briten weiterhin rund 500 Fürsten gewähren, sorgten aber in diesem „System indirekter Herrschaft“ dafür, dass sie zu keiner militärischen Gefahr für die Kolonialmacht werden konnten.
Indien war für die Briten in mehrfacher Hinsicht von größtem Interesse: Es war ein Prestigeprojekt, der führenden Weltmacht würdig. Es war ein großer Absatzmarkt für die Produkte der britischen Industrie, zuerst Baumwolltextilien, später Eisenbahnen. Es besaß eine bäuerliche Landwirtschaft, die sich derart besteuern ließ, dass sich die Kolonialherrschaft selbst finanzierte und zudem erhebliche Überschüsse in britische Kassen flossen. Und es konnte als ein gewaltiges Reservoir für tüchtige Soldaten dienen. Schon während der Eroberungsphase hatten diese die Mehrheit in der indischen Armee gebildet. Im späten 19. Jahrhundert wurden sie als imperiale Elitetruppen im gesamten Weltreich eingesetzt.
Genau diese indischen Truppen stürzten 1857 die britische Herrschaft in ihre größte Krise im 19. Jahrhundert. Eine lokale Meuterei gegen ihre britischen Offiziere breitete sich rasch aus; einige Fürsten schlossen sich ihr an. Es kam zu Gemetzeln und Massakern auf beiden Seiten. Vorübergehend stand die britische Herrschaft über Indien auf Messers Schneide. Schließlich konnten sich die Briten gegen die Aufständischen, die nicht einheitlich taktierten und keine Vision eines modernen Nationalstaats verfolgten, militärisch durchsetzen. In den Jahrzehnten nach diesem „Großen Aufstand“ war die britische Haltung gegenüber Indien von einem starken Misstrauen geprägt. Man verließ sich nunmehr auf besondere Truppenteile, etwa die loyalen Sikhs, und verzichtete darauf, durch modernisierende Reformen Unruhe in die indische Gesellschaft zu tragen. Die Kolonialherrschaft erstarrte, bis kurz nach der Jahrhundertwende eine neue indische Nationalbewegung das koloniale System herauszufordern begann.
Ein ganz anderes Modell der Expansion wurde in China angewendet. Obwohl der kaiserliche Staat seit dem frühen 19. Jahrhundert stark geschwächt war, den Opiumkrieg verloren und die Gefahr durch die Taiping nur knapp überstanden hatte, tat sich in China niemals ein Machtvakuum auf, in das die Ausländer hätten eindringen können. Zudem galt die chinesische Bevölkerung seit jeher als fremdenfeindlich und abwehrbereit. Schließlich zeigten schon früh mehrere Großmächte Interesse an der Erweiterung ihres Einflusses in China, sodass die Gefahr direkter Konflikte zwischen ihnen bestand. In China wurde daher ein System ausgebaut, dessen rechtliche Grundlagen 1842 am Ende des Opiumkrieges geschaffen worden waren. Die fremden Mächte sicherten sich das Recht der Niederlassung in den meisten von Chinas großen Städten (man nannte sie „Vertragshäfen“). Hongkong ganz im Süden und Shanghai an der mittelchinesischen Küste waren sogar regelrechte städtische Kolonien. Von diesen Stützpunkten aus konnten westliche Geschäftsleute den Handel mit dem Binnenland organisieren; Missionare schwärmten aus, um chinesische „Heiden“ zu bekehren. Ausländische Kanonenboote in den Küstengewässern und auf den großen Flüssen sorgten für den Schutz der ausländischen Interessen. Dieses System funktionierte bis 1895 so gut, dass eine Notwendigkeit von Kolonisierung indischen oder algerischen Typs nicht bestand.

Quellentext

Revolte in Indien

[...] Als am 9. Mai 1857 in der Garnison von Meerut unweit Delhis einige Soldaten, die bei Schießübungen den Befehl verweigert hatten, degradiert und zu Gefängnis verurteilt wurden, meuterten tags darauf drei Regimenter, töteten ihre britischen Vorgesetzten, marschierten nach Delhi, brachten sämtliche Europäer, derer sie habhaft werden konnten, um und riefen den dort ansässigen greisen Badahur Shah als den letzten Nachkommen der entmachteten alten Mogul-Dynastie gegen dessen Willen zu ihrem Kaiser aus.
Rasch dehnte sich der Aufstand aus und erfaßte bald ein Gebiet von West-Bengalen bis hin zum Pandschab unter Einschluß des Nordwestens Zentral-Indiens. Neben einzelnen durch die Briten zuvor entmachteten Fürsten schlossen sich ihm auch Teile der ländlichen Bevölkerung und darunter sogar einige Großgrundbesitzer an. Erst nach mehr als einem Jahr erbitterter Kämpfe konnte der Aufstand niedergeschlagen und die Regierungsgewalt der Briten in vollem Umfang wiederhergestellt werden.
Wenn später indische Historiker das Ereignis als den ersten vergeblichen Kampf um die nationale Unabhängigkeit Indiens werteten, weil sich die Rebellen dabei ausdrücklich auf das alte Mogul-Reich bezogen hatten, so halten dem andere, vorwiegend britische Autoren entgegen, dass die große Mehrheit der Inder nicht die Erhebung unterstützte und selbst große Teile der Armee wie die bei Bombay und Madras stationierten Truppen bei ihrem Einsatz gegen die Aufständischen loyal zu den Briten standen.
Doch obwohl der Aufstand nicht von einer bestimmten sozialen Gruppe getragen wurde und es ihm an einem gemeinsamen Programm und einer einheitlichen Führung fehlte, hatte es sich andererseits dabei nicht um eine eher zufällig ausgebrochene Meuterei gehandelt. Vielmehr lassen sich die Ereignisse als Facetten einer Revolte des traditionellen Indien gegen die nun verstärkt einsetzende Politik einer forcierten Europäisierung bestimmen. Nicht zufällig war der Aufstand in der erst kürzlich annektierten Provinz Oudh ausgebrochen, und wenn die meuternden Rekruten zum Teil notleidenden Landgemeinden entstammten und darüber hinaus Angriffe auf Bankiers und Geldverleiher sowie Behördenarchive typische Momente einer sozialen Revolte waren, so handelte es sich hierbei in erster Linie um die Reaktion auf die Auswirkungen einer durch die britische Verwaltung verursachten sozialen Umbruchsituation.
Eindeutiger als die Ursachen lassen sich die Folgen des indischen Aufstands bestimmen, der vor allem das künftige Verhältnis zwischen britischen Kolonialherren und beherrschten Indern nachhaltig beeinflusste. Dabei spielte nicht so sehr die hohe Zahl der Opfer auf beiden Seiten die entscheidende Rolle, als vielmehr die exzessiven Grausamkeiten, die im Verlauf der Kämpfe begangen wurden. Zunächst waren es die Aufständischen, die im Verein mit dem städtischen Mob unterschiedslos alle Europäer, derer sie habhaft werden konnten, niedermetzelten. [...]
Die unmittelbare britische Reaktion auf die Exzesse der Aufständischen war, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Nach der Einnahme von Peshawar band man Gefangene vor die Mündung der Geschütze und gab Feuer; die Wiedereroberung von Delhi gipfelte in einem allgemeinen Blutbad, als jeder erwachsene Inder unterschiedslos niedergemacht wurde. [...]
Längerfristig trug der Aufstand dazu bei, dass vor allem in Indien ansässige Briten ihre Herrschaft nun erst recht auf die natürliche Überlegenheit ihrer angelsächsischen „Rasse“ gründeten, eine unsichtbare Schranke zwischen Indern und Briten errichtet wurde und das Konzept der Treuhandschaft mit dem Fernziel einer graduellen Assimilation in den Hintergrund trat.
Vielmehr war gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Mehrzahl der Briten entschlossen und bereit, die „Bürde des weißen Mannes“ noch auf unabsehbare Zeit hin zu tragen. Gleichzeitig wurden Konsequenzen für die politische Praxis gezogen. Mit der endgültigen Auflösung der East India Company übernahm jetzt mit der India Act des Jahres 1858 der britische Staat endgültig die unmittelbare Verantwortung für seine Herrschaft über 250 Millionen Inder. Die ehemaligen Besitzungen der Gesellschaft gingen an die Krone, in deren Auftrag fortan ein Minister mit seinem India Office und ein aus 15 Mitgliedern bestehender Rat (Council of India) die Geschäfte führten. In Indien erhielt der Generalgouverneur den Rang eines Vizekönigs, und das britische Parlament verlieh 1877 dem Antrag Disraelis folgend Königin Viktoria den Titel einer „Empress of India“. Gleichzeitig verstärkte man die Bemühungen um die Konsolidierung der Herrschaft. Da erst kürzlich unterworfene indische Fürsten wesentlich zu dem Aufstand beigetragen hatten, wurde künftig auf weitere Annexionen indischen Territoriums verzichtet. Stattdessen beließ man insgesamt 562 noch bestehenden indischen Fürstentümern formal ihre Unabhängigkeit. Und während sie, wie einst den Mogulkaiser, nun die britische Monarchin als ihr Oberhaupt anerkannten, übten an ihren Höfen britische Gesandte als „Berater“ de facto die Macht aus. Das Rückgrat der britischen Kolonialmacht blieb auch nach 1858 und nun erst recht die Armee. Hier zog man die Konsequenzen aus den Erfahrungen des Aufstands und verstärkte den Anteil des britischen Personals, sodass das Verhältnis von Engländern zu Indern nun 1:2 betrug (74 000 zu 150 000 im Jahr 1910) und das 2700 Mann starke Offizierskorps nur aus Briten bestand. Hinzu kamen noch Reserveeinheiten in einer Gesamtstärke von knapp 90 000. Damit bildete die indische Armee in Friedenszeiten die größte militärische britische Einheit im Empire und wurde mit der Zeit zunehmend auch außerhalb des indischen Territoriums eingesetzt: u. a. 1860 in China, 1868 in Abyssinien, 1878 in Afghanistan, 1882 in Ägypten und seit 1893 in verstärktem Maße auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen in Afrika, zuletzt besonders im Burenkrieg. Am Ende des Ersten Weltkrieges waren es schließlich 1,3 Mio. Soldaten, die in britischen Diensten ihre Heimat Indien verlassen hatten. [...]

Peter Wende, Das Britische Empire. Geschichte eines Weltreichs, München: C. H. Beck, 2012, S. 162 ff.

Kommunikationsrevolution und Standardisierung

Im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts führten neue technische Systeme und neue länderübergreifende Institutionen dazu, dass die Welt zusammenrückte. Unter den technischen Systemen waren die wichtigsten die interkontinentale Dampfschifffahrt und die Telegrafie. Dampfgetriebene Schiffe waren im Binnenverkehr bereits ein paar Jahre vor dampfgetriebenen Schienenzügen eingesetzt worden. 1838 überquerte erstmals ein Schiff unter Dampf den Atlantik. Solche Schiffe für interkontinentale Passagen mussten groß genug sein, um die hohe See zu bewältigen und um die gewaltigen Kohlevorräte an Bord nehmen zu können, die für den Betrieb erforderlich waren. Anfangs waren die Transportkosten so hoch, dass nur wenige Passagiere sie aufzubringen vermochten und die Beförderung von Massengütern unerschwinglich war. Die frühen ozeanischen Dampfschifffahrtsgesellschaften erwirtschafteten einen großen Teil ihrer Gewinne mit der Beförderung von Post auf der Grundlage von Verträgen mit Postgesellschaften und nationalen Regierungen. In manchen Verwendungen hielten sich Segelschiffe noch mehrere Jahrzehnte lang. Die schnellsten Segelschiffe aller Zeiten, die tea clippers, die frisch gepflückten Tee von Asien nach Europa brachten, verkehrten noch in den 1860er-Jahren.
Die technische Entwicklung trug jedoch schnell zum Siegeszug des Dampfschiffes bei. Die Transportkosten fielen deutlich unter diejenigen von Segelschiffen. Mit der Eröffnung des Suez-Kanals, einem der umfangreichsten Ingenieurprojekte der Zeit, im Jahre 1869 verkürzte sich die Seeverbindung zwischen Europa und Asien mit einem Male auf ein Drittel der früheren Strecke um das Kap der Guten Hoffnung. Bis 1880 war ein Dampfernetz entstanden, das Häfen auf allen Kontinenten verlässlich erreichbar machte. Ozeandampfer waren sicherer als Segelschiffe. Die Gefahr für Menschenleben und Sachwerte war wesentlich geringer. Da sie vom Wind unabhängig waren, konnten sie regelmäßig verkehren. Erstmals gab es auch im Fernverkehr zu Wasser Fahrpläne. Das Dampfschiff war die wichtigste Globalisierungstechnologie der Epoche.
Auch die Telegrafie überwand ozeanische Distanzen, sobald es gelang, Kupferkabel gegen Salzwasser zu isolieren und solche Kabel mit Hilfe von Spezialschiffen über große Entfernungen hinweg auf dem Meeresgrund zu verlegen. Die Telegrafie hatte als landgestützte Technologie begonnen; auf optische Telegrafen folgte der elektrische Telegraf, an dem in den 1830er-Jahren Erfinder in mehreren Ländern gleichzeitig arbeiteten. Ab 1844 stand ein einsatzfähiger Prototyp zur Verfügung. In den 1850er-Jahren wurden die großen Städte Europas durch Telegrafenleitungen miteinander vernetzt. Mit Seekabeln wurde mehrere Jahre lang experimentiert. Ab etwa 1870 war die Technik der Unterwasserkabel ausgereift. Innerhalb weniger Jahre wurde ein Telegrafennetz geschaffen, das die großen Hafenstädte aller Kontinente erreichte. Die letzte wichtige Lücke im globalen Netz wurde geschlossen, als 1903 das Transpazifikkabel zwischen San Francisco und Manila seinen Betrieb aufnahm.
Damit wurde ein beispielloser Grad der globalen Informationsverdichtung erreicht. Noch am Vorabend des Telegrafenverkehrs waren Briefe aus New York 14, aus Kapstadt 30, aus Kalkutta 35, aus Shanghai 56 und aus Sydney 70 Tage nach London unterwegs gewesen. Nun erreichte eine Kabelbotschaft um die halbe Welt ihren Empfänger innerhalb eines einzigen Tages. Telegrafenkommunikation war jedoch sehr teuer. Privatleute konnten sie sich, insbesondere über große Entfernungen, nur selten leisten. Von großer Bedeutung wurde sie für die Übermittlung von Aufträgen und Preisen im Welthandel, für Börsengeschäfte, Diplomatie, Militär sowie für die Nachrichtenagenturen, von denen die großen Zeitungen ihre Neuigkeiten aus dem Ausland bezogen. Die Telegrafie war niemals imstande, große Datenmengen zu transportieren. Sie drang nicht – wie wenige Jahrzehnte später das Telefon – in Privathaushalte vor und bedurfte stets der Bedienung durch ausgebildete Telegrafisten. Die Nachrichtenübermittlung verlief entlang der Kabelleitungen; Botschaften konnten also nur schwer in die Breite gestreut werden wie beim World Wide Web. Insofern war die Telegrafie keine direkte Vorläuferin des Internet. Aber sie beeinflusste Wirtschaft, Politik und das allgemeine Lebensgefühl in geradezu revolutionärer Weise.
Telekommunikation verlangte Standardisierung. Zu Beginn existierten verschiedene technische Telegrafie-Standards nebeneinander, und es war fast unmöglich, grenzüberschreitende Tarife zu ermitteln. Schon seit der Jahrhundertmitte wurde auf verschiedenen Ebenen erfolgreich nach Vereinheitlichungen gesucht. Eine solche Bildung großer Kommunikationsräume durch ausgehandelte Standardisierung charakterisierte zur gleichen Zeit auch andere Bereiche. Die nationalen Eisenbahnfahrpläne wurden allmählich in einen Europa-Fahrplan integriert. Durch Absprachen zwischen den Nationen kam es zu großflächigen Vereinheitlichungen von Gewichten und Längenmaßen. Mitte der 1870er-Jahre hatte sich das metrische System weitgehend durchgesetzt; nur das British Empire betrachtete es mit Skepsis. Das Chaos regionaler und lokaler Zeitmessungen wurde 1884 auf der Internationalen Meridian-Konferenz in Washington beseitigt, als die Einteilung des Globus in Zeitzonen sowie eine internationale Datumsgrenze beschlossen wurden. Auf dem Gebiet des Rechts wurde es möglich, zu Übereinkünften zu gelangen, die Verträgen transnationale Gültigkeit verliehen, es also Gläubigern ermöglichten, ihre Schulden im Ausland einzutreiben. Auch für die Beförderung von Briefpost im Auslandsverkehr wurden Absprachen nötig. Viele der Normierungen und Vereinheitlichungen, die noch heute selbstverständlich sind, gehen auf das dritte Viertel des 19. Jahrhunderts zurück.
Sie waren eng verbunden mit der Schaffung übernationaler Institutionen. Besonders wichtig war dabei der Freihandel, von Großbritannien als Pionier angeregt, der nach 1860 innerhalb weniger Jahre in fast ganz Europa eingeführt wurde. Der Kontinent, der seit jeher durch Zollschranken aller Art zerschnitten gewesen war, verwandelte sich damit in eine einzige große Freihandelszone. Die Rückkehr zahlreicher Länder zu einem gemäßigten Protektionismus ab 1878 machte diese Errungenschaften nicht vollkommen rückgängig. Gegenüber asiatischen Staaten setzten die Briten den Freihandel mit Drohungen oder Waffengewalt durch und diktierten „ungleiche Verträge“, die einheimische Märkte ohne Zollschranken für westliche Produkte öffneten.
Eine weitere neuartige Institution in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen war der Goldstandard, ein Mechanismus zum Ausgleich von Währungsschwankungen. Damit war bis 1870 erstmals in der Geschichte ein umfassendes Weltwährungssystem geschaffen worden, dem sich vor dem Ende des Jahrhunderts mit Ausnahme Chinas alle großen Länder der Welt anschlossen.

Quellentext

Der deutsche Erfinder des Telefons

[...] Die Franzosen haben Charles Bourseul, der 1854 ein Telefon beschrieb, aber nicht baute, die Italiener haben den Kerzenfabrikanten Antonio Meucci, der 1860 ein Telefon behauptete (wo ist es?), die Deutschen haben Philipp Reis, der 1861 tatsächlich etwas übertrug, die Welt aber kennt nur den aus Schottland nach Kanada emigrierten Taubstummenlehrer Alexander Graham Bell, der 1876 – anders als alle anderen – einen Apparat vorstellte, mit dem wirklich jeder telefonieren konnte.
Bell kommt 15 Jahre nach Reis und ist zwei Stunden früher auf dem Patentamt als der Amerikaner Elisha Gray. 600 Prozesse werden von Gray und anderen Telefonerfindern gegen das Bellsche Patent geführt, bis vor das höchste Gericht. In den USA hat die umwälzende Bedeutung der Erfindung jeder sofort begriffen, und viele wollen daran teilhaben. Bells Schwiegervater ist Patentanwalt. Er weiß alle Begehren abzuwenden.[...]
Im [Philipp-Reis-]Museum tritt uns Lehrer Reis nach einem Foto von 1860 als lebensgroße Pappfigur entgegen. Kleine Statur, dicker Kopf, jeder Hut eine Sonderanfertigung. [...] Seine Schüler nennen ihn „Schlosser“, weil er immer schwarze Fingernägel hat vom Schrauben und „Bosseln“.
In Friedrichsdorf [...] [i]n seinem Privatlabor an der Schule experimentiert er mit Strom, den er aus Voltasäulen bezieht, jenen grandiosen Ur-Batterien, die seit Anfang des 19. Jahrhunderts elektrische Energie erstmals verfügbar machen. Bekannt ist ihm das Galvanische Tönen: der Eigenresonanzton, den ein mit isoliertem Draht umwickelter Eisenstab von sich gibt, wenn der Stromkreis geschlossen oder geöffnet wird. Reis entdeckt beiläufig, dass der Eisenstab auch andere Töne von sich geben kann, und will dieses Phänomen nutzen, um Sprache und Musik zu übertragen. Fortan beschäftigt er sich mit der Frage: Wie könnte ein Ton einen Stromkreis so öffnen und wieder schließen, dass es am anderen Ende entsprechend tönt?
Er schnitzt ein übergroßes menschliches Ohr aus Holz; als Trommelfell dient ihm etwas Haut von einer Hasenblase, auf der er ein Stück Platin befestigt. Bewegt sich die Membran, bewegt sich auch das Metall und schließt und öffnet einen Stromkreis, an den eine drahtumwickelte Stricknadel angeschlossen ist, die nun zu tönen beginnt. [...]
Elektrisiert vom Erfolg, baut er immer neue „Geber“, bald sieht das Ohr aus wie eine Kaffeemühle mit seitlich angesetztem Trichter. Der „Nehmer“ hingegen nimmt die Form einer futuristisch verdrahteten Zigarrenschachtel an. Drähte spannen sich vom Wohnhaus in den Garten und zum Institut Garnier hin, ein paar Hundert Meter die Hauptstraße entlang.
„Telephon“ – der ferne Ton – nennt Reis den Sender, den Empfänger „Reproductionsapparat“. Er versteht den Empfänger also nicht als Teil des Telefons, hat noch keinen Begriff vom Ganzen, vom System. Auch hat seine Erfindung einen Makel, der ihren potenziellen Nutzen halbiert: Die Übertragung ist eine Einbahnstraße. Man kann nur etwas durchsagen, nichts erwidern.
Dies wird später das große Plus von Bell sein: Sein Telefon besteht aus einer Muschel, in die man spricht und aus der man hört, abwechselnd. Zudem kommt Bell ohne die plumpen und schnell erschöpften Batterien aus.
Bells Telefon wird noch einen Vorteil haben: Man kann tatsächlich etwas verstehen. Bei Reis ist das nicht immer der Fall. Selbst die berühmten ersten Sätze, die Musiklehrer Peter zu Testzwecken bewusst unsinnig gesprochen haben will, kommen nur verstümmelt an. [...]
Am 26. Oktober 1861 ist der große Moment gekommen. Reis präsentiert sein Gerät erstmals einer kritischen Öffentlichkeit, dem Physikalischen Verein in Frankfurt, dem er seit 1851 angehört: „Über die Fortpflanzung musikalischer Töne auf beliebige Entfernungen durch Vermittlung des galvanischen Stromes“. Aber warum rückt er Musik in den Titel und nicht Sprache? Weil die Sprachübertragung nicht immer klappt. Auch in Frankfurt wollen die Wörter nicht kommen. Die honorige Versammlung ordnet die Sache standesgemäß ein: Welch hübsche Spielerei dieses Lehrers!
[...] Hätten sich ein paar mehr kluge Köpfe über sein Telefon gebeugt, wäre der Grund der Unzuverlässigkeit schnell erkannt worden: Was Reis nämlich für das Wirkprinzip hielt – das Öffnen und Schließen des Stromkreises –, behinderte in Wahrheit die Funktion. Sein Telefon konnte nur etwas Detailliertes übertragen, wenn der Stromkreis geschlossen war. Dann schwankte der elektrische Widerstand am losen Platinkontakt im Takt der Sprache und modulierte so die Wiedergabe. Intuitiv hatte Reis deshalb bei jedem Gerät eine Stellschraube eingebaut. Sein Justieren war immer dann erfolgreich, wenn er das vermutete Wirkprinzip durch seine Fummelei außer Kraft setzte.
1864 zeigt er seinen Apparat vor der illustren Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte in Gießen – weiter kommt er nicht mehr. Dem Erfinder fehlen das Echo, die Energie und letztlich auch das kommerzielle Ziel: Trotz seiner Kaufmannslehre strebt er nie das große Geschäft an, sondern immer nur die wissenschaftliche Anerkennung. Die bleibt ihm versagt.
[...] Alexander Graham Bell wird in einem der vielen Patentprozesse später zugeben, das deutsche Telefon gekannt zu haben. Aber da ist es für Reis längst zu spät. Unheilbar erkrankt er an der Lungenschwindsucht. Er stirbt, kurz nach seinem 40. Geburtstag, am 14. Januar 1874 in Friedrichsdorf. [...]
Als die ersten Bellschen Apparate am 26. Oktober 1877 in Berlin getestet werden, ist Generalpostmeister Heinrich von Stephan enthusiasmiert. Sofort beginnt er mit dem Aufbau eines Netzes. Siemens fertigt Nachbauten zu Tausenden an, ohne sich um das amerikanische Patent zu scheren. Schnell wird klar, welche Chance man im Jahr 1861 verpasst hat. Das hindert die Reichspost nicht, Reis auch noch den Namen seiner Erfindung zu nehmen. Von Amts wegen heißt es fortan „Fernsprecher“. Klingt deutscher! Einzig wir, das Volk, sprechen bis heute respektvoll vom Telefon.

Ulrich Stock, „Das Reis-Phone“, in: Die Zeit, Nr. 42 vom 13. Oktober 2011