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Grabstelle eines im Ersten Weltkrieg (vermutl. um 1916) gefallenen kanadischen Soldaten

9.5.2014 | Von:
Sönke Neitzel

Der Totale Krieg

Radikalisierung der Gewalt im Zweiten Weltkrieg

Der Zweite Weltkrieg war anders. Die Verbrechen bildeten die eigentliche Signatur dieses Krieges. Zuallererst ist hier der Holocaust zu nennen, über den im nächsten Kapitel mehr zu erfahren sein wird, aber auch der Massenmord an den sowjetischen Kriegsgefangenen und die Tötung hunderttausender Zivilisten im Partisanenkampf – vor allem in Weißrussland und im Norden Chinas. Die Massaker an der Zivilbevölkerung in Nanking, Singapur, Manila oder Warschau gingen weit über das Ausmaß der Massengewalt im Ersten Weltkrieg hinaus.

Staatliche Mordbefehle, allen voran die der Deutschen, schufen einen neuen kriminellen Rahmen, und die erbitterten Kämpfe ideologischer Todfeinde taten das ihre zur Radikalisierung. "Es herrschen Sitten und Gebräuche wie im 30-jährigen Krieg", schrieb der deutsche General Gotthard Heinrici am 12. September 1941 unter dem Eindruck alltäglichen Sterbens und Mordens in sein Tagebuch. Und dies war mitnichten nur an der Ostfront so. Im Pazifik führten japanische und US-amerikanische Truppen einen gnadenlosen Kampf, in dem auf beiden Seiten kein Pardon gegeben wurde.

Und nicht zuletzt ist die neue Dimension sexueller Gewalt zu erwähnen. Zahlreiche Vergewaltigungen gab es auch im Ersten Weltkrieg, vor allem an der Ostfront und auf dem Balkan. Im Zweiten Weltkrieg spielte die sexuelle Gewalt gegen Frauen aber eine viel größere Rolle als bislang vermutet – und dies betraf alle Armeen, auch die Wehrmacht. Die japanische Armee richtete eine Vielzahl von Bordellen ein, in denen Hunderttausende koreanische und chinesische Frauen vergewaltigt wurden. Die Gewalt der Roten Armee gegenüber Frauen in Deutschland, aber auch in Polen oder Ungarn 1944/45 ging noch darüber hinaus. Heute schätzt man, dass rund zwei Millionen deutsche Frauen vergewaltigt wurden.

Quellentext

Entgrenzte Gewalt

"General Patton made it very plain over there that we were to kill the enemy wherever we found him", remembered Captain Howard Cry of the divisions 180th Regimental Combat Team. "He said to kill and to continue to kill and that the more we kill the less we’d have to kill later and the better off the Division would be in the long run. […] He did say that the more prisoners we took the more men we’d have to feed and not to fool around with prisoners. He said that there was only one good German and that was a dead one."

Zit. nach: Stanley Hirshon, General Patton. A Soldier’s Life, New York 2002, Seite 2

“They [German soldiers] finally surrendered, and they came out and were lined up, and per usual no one knew what was going on. It was confusion. [The battalion commander] lined them up and said ‘I want you to shoot ‘em’. And I was horrified. Quite a few of us were horrified. And I went to him and told him, you know, that this was against all international law and humanity. Then my good buddy grabbed me and said, ‘This nut’ll shoot you. You better quit. Knock this off’.
A hastily assembled party of Americans led some twenty-five Germans into a snowy-field out of sight of the enemy in the woods beyond the village and shot them.”
Afterwards Miller wondered what could have made a commander order such a thing.
“I’ve rationalized that the Germans had massacred a group of Americans at Malmedy and maybe he’d gotten wind of this or something. But it was a terrible thing to see, and I talked to a lot of my buddies who had shot these guys, and they were horrified, too, after it happened.
You can’t comprehend doing that under any circumstances. But you know, people do change in war. When you’ve seen people killed every day and people maimed every day, pretty soon you become hardened, very hardened. I once stayed in a hole for an hour and a half or something like that – it seemed like that, anyway – with a dead German. And it’s kind of an eerie feeling. But you were so worried, really, about yourself that you didn’t think too much about it. I remember I was not affected when a good friend of mine was killed and run over by a tank, and it was an awful horror, and I was shocked that it didn’t bother me very much. But about a week after the war ended, I saw an automobile accident and I got sick, as I normally would have before the war. I went from being terribly, terribly tough to being normal.”

Erinnerungen des Private Burnett Miller, in: Geoffrey C. Ward / Ken Burns, The War. An Intimate History 1941-1945, Knopf Verlag / Random House, New York 2007, Seite 331 f.

Erklärungsansätze für den Radikalisierungsschub

Wie lässt sich die Gewalteruption des Zweiten Weltkrieges erklären? Lange Zeit wurde der Erste Weltkrieg dafür verantwortlich gemacht. Die Soldaten seien durch die jahrelange Erfahrung des Kämpfens, Tötens und Sterbens brutalisiert worden.

Mittlerweile ist die Wissenschaft solchen Interpretationen gegenüber zurückhaltender. Der eigentliche Radikalisierungsschub erfolgte etwa in Deutschland vielmehr durch den traumatischen Umstand der Niederlage und der bürgerkriegsähnlichen Kämpfe nach dem Waffenstillstand. So weiß man mittlerweile, dass Adolf Hitler seine Hinwendung zum radikalen Antisemitismus erst 1919/20 in München vollzog. Aber nicht nur in Deutschland gab es mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandes kein Ende der Gewalt. Auch Italien versank im Chaos, und der brutale Kampf zwischen Links und Rechts endete im Oktober 1922 mit der Machtübernahme der Faschisten Benito Mussolinis.

Noch extremer war die Situation in Russland, wo die Oktoberrevolution der Bolschewiki 1917 in einen jahrelangen Bürgerkrieg mündete, der erst 1922 endete. Er kostete rund acht bis zehn Millionen Menschen das Leben und war damit beinahe so verlustreich wie der gesamte Erste Weltkrieg. Die von Stalin etablierte Gewaltherrschaft führte dann zu einer ungeahnten Radikalisierung des gesellschaftlichen Lebens. Die gewaltsame Kollektivierung der Landwirtschaft, die Enteignung der Bauern und ihr Zusammenschluss in Produktionsgenossenschaften Ende der 1920er- und Anfang der 1930er-Jahre, forderte drei bis sieben Millionen Todesopfer. Die "Große Säuberung", die Verfolgung vorgeblicher Feinde Stalins 1937/38, kostete 200 000 Menschen das Leben (siehe auch Seite 60).

In anderen Ländern ging es bei weitem nicht so gewalttätig zu. Aber es kam doch vielerorts zu einer Verschärfung der innenpolitischen Verhältnisse. Autokratische Staatsformen setzen sich in Spanien, Albanien, Portugal, Polen und Litauen durch. Schließlich folgten Jugoslawien, Griechenland, Rumänien und spätestens ab 1932 Deutschland und 1934 Österreich. Außerhalb Europas ist vor allem an Argentinien und Japan zu denken. Die 1919/21 geschaffene Friedensordnung hat den Hass der Völker aufeinander nur noch weiter geschürt: so etwa den der Deutschen auf die Polen und Tschechen und umgekehrt, der Polen auf die Russen, der Ungarn auf die Rumänen und der Italiener auf die Kroaten. Zur Durchsetzung des vermeintlichen Rechts schien Gewalt das gebotene Mittel zu sein, solange man nur sein Ziel erreichte. Der Stärkere würde sich sein Recht schon nehmen, von Schiedsgerichtsbarkeit und Ausgleich wollten immer weniger politische Kräfte etwas wissen, weil sie keine brauchbaren Lösungen hervorbrachten. Gewalt war als Mittel der Politik in einem Ausmaß akzeptiert, wie dies noch im 19. Jahrhundert unvorstellbar erschien.

Quellentext

Ein Erlass des Oberbefehlshabers des Heeres

Abschrift
An A.O.K.3
Zur Bekanntgabe an alle unterstellten Truppen
Mit richterlicher Untersuchung der Vorgänge in Bromberg beauftragte Oberkriegsgerichtsrat meldet:
Am Tag vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in Bromberg, der am Montag, dem 4.9.39 stattfand, also am 3.9.39, wurden in der Zeit zwischen 12.00 Uhr vorm. und etwa 15.00 Uhr nachm. die Wohnungen der Volksdeutschen von polnischem Militär durchsucht. Als Grund der Durchsuchung wurde stets angegeben: Es sei aus dem Haus auf poln. Soldaten geschossen worden, oder das Haus solle nach Waffen durchsucht werden. In sehr vielen Fällen fand die Durchsuchung ausschließlich durch poln. Soldaten statt, in anderen Fällen beteiligten sich neben den Soldaten auch die poln. Eisenbahner der französischen Bahn, halbwüchsige Bengel und sonstiges übles Volk. Bei den Haussuchungen wurde zunächst von den Soldaten und dem Mob sämtliches Geld und die Wertsachen gestohlen, die Wohnungen auch sonst ausgeplündert und völlig verwüstet. Die Männer der Familien, von 13- oder gar 10-jährigen Jungen bis zum 70- oder 80-jährigen Greis, wurden in fast allen Fällen in viehischer Weise umgebracht. Nur in wenigen Fällen begnügte man sich mit dem einfachen Abschießen. Zumeist wurden die ermordeten mit Brechstangen, Seitengewehren, Gewehrkolben, Knüppeln derart zusammengeschlagen, daß ihre Gesichter bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt wurden. Es wurden Leichen vorgefunden, denen Oberschädeldecke und Gehirn fehlten, denen das Gesicht gänzlich nach innen geschlagen war, denen die Augen mit Seitengewehren ausgestochen waren, denen mit Seitengewehren der Leib aufgestochen war, denen die Zunge abgeschnitten oder herausgerissen war, denen Herz und in einem Fall auch die Lunge herausgenommen war. Ich vernahm Zeugen, die bekundeten, daß sie ein Mädchen mit gespaltenem Schädel und abgeschnittenen Fingern gesehen hätten.

Ich selbst sah angekohlte, z. T. verbrannte Leichen ermordeter Volksdeutscher. In vielen Fällen mußten die Volksdeutschen die Ermordung ihrer Väter, Brüder mit ansehen, ohne ihnen wenn sie verletzt nicht gleich tot waren, Hilfe bringen zu dürfen. Da wurden sie noch von den Soldaten und vom Pöbel verhöhnt. In all diesen Fällen mußten sie die Ermordung der Angehörigen ansehen, um dann selbst als nächstes Opfer erschlagen oder erschossen zu werden. Es handelt sich nach dem Ergebnis der Ermittlung offensichtlich um ein systematisches Vorgehen des poln. Militärs mit dem Ziele, sämtliche volksdeutschen Männer zu beseitigen.
Die an den Schandtaten von Bromberg beteiligten polnischen Truppen sind im Raum Kutno – Warschau – Modlin – Plock eingeschlossen. Den gegen sie angesetzten deutschen Truppen ist das Verhalten der poln. Wehrmacht gegen wehrlose Volksdeutsche bekanntzugeben.
Ein solcher Feind ist jeder Niedertracht fähig und verdient keine Schonung.

gez. von Brauchitsch
Infanterie – Regiment 48
22. Sept. 1939
II. Bataillon
Abschrift zur Kenntnis und Bekanntgabe.
Vom II. Btl. sind keine Gefangenen zu machen.
Verteiler A. B.
je Zug 1 Abdruck.
(handschriftliche Unterschrift)
Oberleutnant und Adjutant

Quelle: privat


Kriegführung Deutschlands

Das Fatale war, dass sich in Deutschland Hitler mit seinen radikalen Vorstellungen politisch durchsetzen konnte. Ab 1933 fielen schrittweise alle Grenzen. Die massive Gewalt gegen Kommunisten und Sozialdemokraten sowie der Ausschluss aller vermeintlichen Feinde aus der "Volksgemeinschaft", allen voran der jüdischen Deutschen, verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Wahrnehmung von "Normal" und "Nicht-normal" verschob sich. Die deutschen Soldaten des Jahres 1914 zogen mit einem anderen Referenzrahmen in den Krieg als ihre Söhne im Jahr 1939. Die Haltung gegenüber Juden verdeutlicht dies. Die jüdischen Deutschen waren während des Ersten Weltkrieges trotz aller Diskriminierungen Teil der soldatischen Gemeinschaft. 1939 gab es keine jüdischen Deutschen in der Wehrmacht, und es hat sie auch schon in der Reichswehr praktisch nicht gegeben. Juden waren 1939 "Andere", und dies ist eine Erklärung, warum es schon zu Beginn des Zweiten Weltkrieges auch von "ganz normalen" Wehrmachtsoldaten zu weit mehr Übergriffen auf Juden kam als im Ersten.

Quellentext

Der deutsche Blick auf Warschau 1942

[...] Der offizielle Soldaten-Führer von 1942, der […] eine Auflage von mehreren 10.000 Stück erreichte, widmet der Zeit von der Gründung Warschaus bis 1939 ebenso viele Seiten wie der Beschreibung der Kampfhandlungen im September 1939. Die Darstellung ist nicht von Sympathie für die ehemalige polnische Kapitale geprägt: "Eine besonders sehenswerte Stadt im üblichen Sinne ist Warschau nicht. [...] Ja, es ist nicht einmal ein schönes Stadtbild vorhanden, das unser Auge erfreut." Bereits die Einführung macht deutlich, dass das Büchlein vor allem darauf abzielte, Besuchern eine angebliche deutsche Vergangenheit des eroberten Gebiets vor Augen zu führen […]. […]

Was der Besucher mit eigenem Auge erkennen könne, zeige bereits die Geschichte Warschaus, in der immer wieder "der Kampf zwischen Lebenswillen und Lebensuntüchtigkeit deutlich hervor[trete]" – also beispielsweise durch den "starken Zuzug deutscher Kaufleute, Edelhandwerker, Architekten, Ärzte, Künstler im 16. bis 18. Jahrhundert", die mit dem "kulturell zurückgebliebenen polnischen Kleinbürgertum" konkurrieren mussten: "Ihnen hauptsächlich ist der schnelle Aufstieg Warschaus aus seinem mittelalterlichen Kleinstadtsein zur kulturellen Keimzelle des polnischen Staates zu danken, und an ihr Wirken erinnern besonders augenfällig die Bauten, die heute den Alten Markt umzäunen. Neben Deutschen waren an dieser Leistung auch Italiener beteiligt." Großzügig billigt diese Interpretation sogar dem verbündeten Achsenpartner einen Anteil an der Stadtgeschichte zu – ohne allerdings im Weiteren zu erwähnen, warum Warschau wieder polnisch und der deutsche Einfluss zurückgedrängt wurde.

Es passt zu dieser verqueren Sicht auf die Geschichte, dass Baumeister oder Künstler, die in der Stadt gearbeitet hatten, nur erwähnt werden, wenn sie Deutsche waren – oder zumindest deutsche Namen hatten. Treten schon die Polen als Akteure in Warschau stark zurück, so gilt das noch viel mehr für die jüdische Bevölkerung der Stadt. Das Ghetto mit fast einer halben Million Insassen, das beim Erscheinen des Soldaten-Führers einen der touristischen Höhepunkte jeder Besichtigung der Metropole durch Deutsche darstellte, wird nur an einer Stelle kurz erwähnt, und zwar als "Seuchensperrgebiet, das im Jahre 1940 von der Stadtverwaltung zum Schutze der Großstadtbevölkerung angelegt worden ist". Mit dieser Formulierung wurde nicht nur die scheinbare Notwendigkeit begründet, die Juden abzusondern, sondern das deutsche Vorgehen auch noch als logisch und sinnvoll legitimiert. Es passt zu dieser Sichtweise, dass die Aleje Jerozolimskie [Jerusalemer Alleen] – die während des Kriegs Bahnhofstraße hießen – als ein "Beweis" für frühere vergebliche Versuche, "die Juden aus dem allgemeinen Stadtbild auszuscheiden", instrumentalisiert wurden. [...]

Der deutsche Blick auf Warschau 1917

[…] Ein Soldaten-Führer, der bis 1917 alleine vier Auflagen erlebte, liefert eine halbwegs nüchterne geschichtliche Einführung. Betont wird darin allerdings, dass "die russische Regierung darauf bedacht [gewesen sei], die mehr oder weniger ausgeprägte Selbständigkeit Polens zu beschneiden oder ganz zu vernichten". Damit hebt das schmale Büchlein die Selbstinszenierung der Mittelmächte als Befreier vom zaristischen Joch hervor, weist aber auch darauf hin, dass die Polen kein sehr ruhiges Volk seien und stets die Freiheit gesucht hätten. Die Legitimierung der eigenen Besatzung geschah also durch eine Delegitimation der russischen Fremdherrschaft. Immer wieder zielt der Führer darauf ab, wie sehr der Kriegsgegner der Stadt geschadet habe, so etwa, weil er den Bau eines Zentralbahnhofs verweigerte oder die Stadt nicht verschönern wollte.

Gleichzeitig ist aber die Beschreibung der Sehenswürdigkeiten betont neutral. Zwar gäbe es einerseits kaum bemerkenswerte Denkmäler, aber nicht wenige der "sehr zahlreichen" Kirchen seien wertvoll. Die 1877 erbaute Synagoge wird besonders hervorgehoben, weil sie eine "wertvolle Bibliothek" enthalte. Auch Warschaus Parks finden lobende Erwähnung: "Der Zauber des Lazienki ist groß." Deutsche Kultur wird nur insofern betont, als die eigenen Ingenieure die 1915 zerstörten Brücken wiederhergestellt hatten – ansonsten referiert der Wegweiser die polnisch-sächsische Geschichte, aber nicht in bemerkenswerter Ausführlichkeit. Ein wesentlicher Unterschied zu dem Werk von 1942 besteht darin, dass im Ersten Weltkrieg keine Separation der Besatzer von den Besetzten gesucht wurde. 1917 waren die von Polen betriebenen Cafés und Gasthäuser daher benutzbar, es gab keine Sperrzone, dafür aber gezielte Empfehlungen, die auch für die Warschauer Theater, die Oper und die Philharmonie ausgesprochen wurden. [...]

Stephan Lehnstaedt, Mit Führer in Warschau. Deutsche Reiseliteratur aus zwei Weltkriegen, in: Ruth Leiserowitz / Stephan Lehnstaedt / Joanna Nalewajko-Kulikov / Grzegorz Krzywiec (Hg.), Lesestunde – Lekcja czytania, Deutsches Historisches Institut Warschau 2013, Seite 185 ff.


Der Polenfeldzug 1939 zeigt, wie sehr sich der Referenzrahmen mittlerweile verschoben hatte. Zunächst forderte eine Freischärlerpsychose, jener im Belgien oder Ostpreußen des Jahres 1914 nicht unähnlich, etwa 7000 Todesopfer. Daneben hatte sich aber in der Zwischenkriegszeit unter dem Eindruck der Abtrennung Ostpreußens vom Reich und der Behandlung der deutschen Minderheit in Polen ein Hass aufgestaut, der durch die Ermordung einer niedrigen vierstelligen Zahl von Volksdeutschen in den ersten Kriegstagen weiter angestachelt wurde. In der Folge kam es zu zahlreichen Gewaltausbrüchen gegen gefangene polnische Soldaten und Zivilisten. Diese Gewalteruption überstieg deutlich das Ausmaß des Ersten Weltkrieges, und auch im weiteren Verlauf des Krieges war die Bereitschaft der Wehrmacht, etwa gegen polnische Partisanen mit äußerster Härte vorzugehen, viel ausgeprägter als in den Jahren 1915/18. In dieser Zeit war Polen von den deutschen Soldaten noch als Kulturland wahrgenommen worden. All dies gab es im Zweiten Weltkrieg von Anfang an nicht mehr. SS-Einheiten töteten bis Ende 1939 40 000 Polen, darunter 7000 Juden, meist Angehörige der polnischen Gesellschaftseliten – Ärzte, Rechtsanwälte, Priester und Politiker. Diese Massenmorde führten zwar zu Protesten auf Seiten der Wehrmacht. Doch auch in ihren Reihen gab es genug Soldaten, die sich an den Gewaltmaßnahmen beteiligten oder diese zumindest stillschweigend akzeptierten.

Hitler war entschlossen, einen radikalen Krieg zu führen. Und dabei war er nicht allein. Viele Wehrmachtangehörige griffen die Anregungen Hitlers willig auf, um vor allem in der Sowjetunion einen Feldzug zu führen, in dem jede Gewaltmaßnahme recht war, wenn sie nur zum eigenen Sieg führte. Die Dispositionen und die Befehle – zwei wesentliche Voraussetzungen für Verbrechen – hatten sich im Vorfeld des Angriffs auf die Sowjetunion massiv verschärft. Auch Stalin und die Rote Armee waren entschlossen, einen radikalen Krieg zu führen, sodass sich die Gewaltbereitschaft der Kontrahenten gegenseitig verstärkte. Das Zusammenwirken von rassistisch, ideologisch und kulturell geprägten Feindbildern mit außerordentlich verlustreichen Gefechten führte im Übrigen auch im Pazifik zu zahllosen Verbrechen auf beiden Seiten.Dennoch war auch der Zweite Weltkrieg in seinen Kriegsmethoden nicht überall und ständig total. So brutal die Deutschen etwa über das besetzte Polen herrschten, so vergleichsweise fair behandelten sie zur selben Zeit die 700 000 polnischen Kriegsgefangenen – im Übrigen auch die Juden unter ihnen, die fast ausnahmslos überlebten. Der Krieg zwischen Deutschen und Westalliierten wurde zu Lande und zu Wasser im Wesentlichen nicht brutaler geführt als im Ersten Weltkrieg, und auch an der Ostfront gab es Phasen, in denen man zu zivilisierteren Formen des Krieges zurückfand.

Quellentext

Der Kriegsgerichtsbarkeitserlass

Der Führer und Oberste Befehlshaber der Wehrmacht.
Führerhauptquartier, d. 13. Mai 1941.
Erlass über die Ausübung der Kriegsgerichtsbarkeit im Gebiet "Barbarossa" und über besondere Massnahmen der Truppe.
[…] [Für] […] den Raum "Barbarossa" (Operationsgebiet, rückwärtiges Heeresgebiet und Gebiet der politischen Verwaltung) [wird] folgendes bestimmt:
I. Behandlung von Straftaten feindlicher Zivilpersonen.
  • 1. […]
  • 2. Freischärler sind durch die Truppe im Kampf oder auf der Flucht schonungslos zu erledigen.
  • 3. Auch alle anderen Angriffe feindlicher Zivilpersonen gegen die Wehrmacht, ihre Angehörigen und das Gefolge sind von der Truppe auf der Stelle mit den äussersten Mitteln bis zur Vernichtung des Angreifers niederzukämpfen.
  • 4. Wo Massnahmen dieser Art versäumt wurden oder zunächst nicht möglich waren, werden tatverdächtige Elemente sogleich einem Offizier vorgeführt. Dieser entscheidet, ob sie zu erschiessen sind. Gegen Ortschaften, aus denen die Wehrmacht hinterlistig oder heimtückisch angegriffen wurde, werden unverzüglich […] kollektive Gewaltmassnahmen durchgeführt, wenn die Umstände eine rasche Feststellung einzelner Täter nicht gestatten.
  • 5. Es wird ausdrücklich verboten, verdächtige Täter zu verwahren, um sie bei Wiedereinführung der Gerichtsbarkeit über Landeseinwohner an die Gerichte abzugeben.
  • 6. […]
II. Behandlung der Straftaten von Angehörigen der Wehrmacht und des Gefolges gegen Landeseinwohner.
  • 1. Für Handlungen, die Angehörige der Wehrmacht und des Gefolges gegen feindliche Zivilpersonen begehen, besteht kein Verfolgungszwang, auch dann nicht, wenn die Tat zugleich ein militärisches Verbrechen oder Vergehen ist.
  • 2. […]
  • 3. Der Gerichtsherr prüft […], ob […] eine disziplinare Ahndung angezeigt oder ob ein gerichtliches Einschreiten notwendig ist. Der Gerichtsherr ordnet die Verfolgung von Taten gegen Landeseinwohner im kriegsgerichtlichen Verfahren nur dann an, wenn es die Aufrechterhaltung der Mannszucht oder die Sicherung der Truppe erfordert. […]
  • 4. […]
    […]
Im Auftrage
Der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht
gez. Keitel

Hier nach: Bundesarchiv-Militärarchiv (BArch MA), RW 4/v. 577, Bl. 72-74


Abschied vom Mythos des "guten Krieges"

Die finale Stufe des Totalen Krieges, der atomare Schlagabtausch von NATO und Warschauer Pakt, blieb der Menschheit glücklicherweise erspart. Zu Recht kann man aber darauf verweisen, dass es in den Kriegen nach 1945 teilweise noch wüster zuging als in den Jahren 1939 bis 1945. Der Bombenkrieg der US Air Force im Korea-Krieg stellte auch den Zweiten Weltkrieg in den Schatten. Der Norden des Landes wurde in Schutt und Asche gelegt, mehr als eine Million Zivilisten wurden getötet. Vom Mythos des "guten Krieges" der Demokratien blieb nicht viel übrig. Massaker an der Zivilbevölkerung, die Tötung von Kriegsgefangenen, die Ausplünderung ganzer Landstriche kamen in den zahllosen Kriegen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer wieder vor. Es gab auch Völkermorde, Hungerpolitik und Vertreibungen. Und dennoch: In keinem anderen Konflikt wurden mehr Menschen mobilisiert, radikalere Ziele verfolgt und mehr Verbrechen begangen als im Zweiten Weltkrieg. Niemals zuvor und niemals seither hat die Menschheit einen so totalen Krieg geführt.


Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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