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Grabstelle eines im Ersten Weltkrieg (vermutl. um 1916) gefallenen kanadischen Soldaten

9.5.2014 | Von:
Sönke Neitzel

Der Krieg von unten

Referenzrahmen der Gesellschaft

Menschen handeln nicht im luftleeren Raum. Sie orientieren sich an Ordnungssystemen, die für alle gleichermaßen Klarheit schaffen und zeigen, wie man sich richtig verhält. Diese Referenzrahmen, so der Sozialpsychologe Harald Welzer, werden von sozialen Gruppen wie der Armee und sozialen Situationen wie dem Krieg weiter ausdifferenziert. Ein junger Mann, aufgewachsen im kaiserlichen Deutschland, musste 1914 als Soldat einer preußischen Infanteriedivision an der Westfront also ebenso wenig darüber nachdenken, wie er sich zu verhalten hatte, wie ein Altersgenosse, der 1944 in der Wehrmacht an der Ostfront kämpfte. Auch er stellte nicht in Frage, was er tat und wie er es tat –, es erschien ihm aufgrund der gesellschaftlichen und gruppenspezifischen Rahmenbedingungen selbstverständlich.

Der Krieg ist zweifellos eine der stärksten Kräfte, denen Menschen ausgesetzt sein können. Doch es gibt andere, noch gewichtigere Einflussfaktoren, denn sonst würden alle militärischen Konflikte ähnlich verlaufen. Im Ersten Weltkrieg war die deutsche Besatzungsherrschaft weniger brutal, die Behandlung der Kriegsgefangenen weniger grausam. Es gab keine verbrecherischen Befehle, so wie den Kriegsgerichtsbarkeitserlass vom 13. Mai 1941, der deutsche Truppen ermächtigte, "Straftaten feindlicher Zivilpersonen" auch mit "kollektiven Gewaltmaßnahmen" zu beantworten (siehe Seite 38), oder den Kommissarbefehl vom 6. Juni 1941, der verlangte, "Politkommissare" der Sowjetarmee ohne Verhandlung zu töten.

Dies lag vor allem an den großen Unterschieden im gesellschaftlichen Werte- und Normensystem. Politik und Gesellschaft radikalisierten sich in Deutschland in den 20 Friedensjahren zwischen 1918 und 1938 erheblich. Rechtsnormen spielen schon 1932 eine viel geringere Rolle als 1913, und in den sechs Jahren vor Kriegsbeginn wurde Deutschland als Rechtsstaat abgeschafft. Juden wurden stigmatisiert, ihrer bürgerlichen Rechte beraubt, 2000 bis 3000 von ihnen ermordet. Gegen jene, die den Nationalsozialismus ablehnten, ging das Regime mit aller Härte vor. Das soziale Handeln der Gesellschaft hatte sich seit 1933 erheblich verändert und damit beispielsweise auch, welches Maß an Gewalt als normal und legitim galt.

Im Krieg wurden die Rahmenbedingungen von der politischen Führung weiter verschärft, kriminelle Befehle erteilt, Härte und Gewalt gepredigt. Die Soldaten aller Dienstgrade passten sich dem an – mal zögernd, meist aber sehr rasch. Wer meinte, in einem Tausendjährigen Reich zu leben, für den waren die Werte und Normen des Nationalsozialismus tonangebend. Dies galt sowieso für diejenigen, die schon immer an die NS-Bewegung geglaubt und sich ihr früh angeschlossen hatten. So steht zu vermuten, dass die 400 000 SA-Männer "der ersten Stunde" zum Großteil in der Wehrmacht kämpften und das ihre taten, um dieser ein nationalsozialistisches Gepräge zu geben. Der gesellschaftliche Rahmen ist für das Denken und Handeln von Soldaten also ebenso wichtig wie die Gesetze des Krieges.

Referenzrahmen des Militärs

17 Millionen Männer haben sich weitgehend problemlos in die Wehrmacht integriert. In der deutschen Gesellschaft hatte sich spätestens am Ende der 1920er-Jahre ein Wertesystem ausgebildet, das dem des Militärs sehr ähnlich war. Pflichterfüllung, Vaterlandsliebe, absoluter Gehorsam und unbedingte Loyalität waren bereits vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler gesellschaftlich tief verankert. 1933 war der Boden für eine umfassende Durchdringung der deutschen Gesellschaft mit dem Wehrgedanken somit längst bereitet.

Quellentext

Ein deutscher Infanterieoffizier über seine Soldaten

22.6.1942:

Aber in solchen Stunden bekommt man auch wieder – auch als der Offizier, dem es selber nicht anders geht – eine grenzenlose Hochachtung vor der Haltung des kleinen Mannes und einfachen Landsers, der gar kein "Idealist" ist von Haus aus, sondern ein nüchterner und alltäglich denkender Realist, dessen private Wünsche und Interessen sehr weit weg liegen von dem, was er jetzt tun muss, der keinen militärischen Ehrgeiz hat, der ihm dieses Elend erleichtern könnte, der vielleicht Jahre hindurch diesen Krieg mitmachen muss und doch noch ohne Orden und Ehrenzeichen nachhause kommt – denn alle kriegen die ja nicht –, der morgen vielleicht schon totgeschossen wird und der das alles doch mit einer stoischen Ruhe und Gelassenheit hinnimmt. Da ist kein Schimpfen und Toben, kein Wutgeschrei oder Verzweiflungsausbruch, sondern eher fast eine gelassene oder grimmige Heiterkeit, eine Art Eulenspiegelphilosophie: Grösser kann die Sch…. nicht mehr werden, also muss es uns bald wieder besser gehen.

26.11.1943:

Von da aus kann man alles sehen, und deshalb sind erhebliche Teile meiner HKL auch nur zur Nachtzeit zugänglich. Die Neigung meiner Landser, auch bei Tage hin- und herzulaufen mit der Begründung – "och, er schiesst ja nicht immer!" –, bekämpfe ich mit allen Mitteln. Nicht allein der eben doch immer möglichen Verluste wegen, sondern weil ich ganz genau weiß, dass der Iwan – ebenso wie wir – seine Beobachtung natürlich sammelt, auf diese Art die Lage der Bunker, die Verbindungs- und Versorgungswege, die Essenausgabestellen u. -zeiten usw. ermittelt und diese Kenntnisse dann eines Tages, wenn es darauf ankommt, mit vernichtender Wirkung auswertet. Aber den Landser kümmern solche Überlegungen wenig. Er lebt den Tag, ihn interessiert das Essen, die Post und der nächste Urlaub, und alles andere ist ihm weitgehend wurst.

Kriegstagebuch Theodor Habicht, Inf.Rgt. 27 / Gren.Rgt. 547; Bundesarchiv-Militärarchiv (BArch MA), MSg 2/12956 (22.6.1942) / MSg 2/12958 (26.11.1943)


Rolle der Wehrmacht und militärischer Werte

Mit der Einberufung wurde dann ein Wertekanon bestätigt, der den Männern längst geläufig war: Die Wehrmacht sei eine der leistungsfähigsten Armeen der Welt, der deutsche Soldat sei potenziell der beste der Welt, es sei seine Pflicht, tapfer, hart, siegreich und angesichts einer drohenden Niederlage bis zur letzten Patrone zu fechten. Kämpfte man als Soldat erfolgreich, so konnte man sein Gesicht, seine Ehre wahren, auch wenn die Schlacht oder gar der Krieg verloren ging. Man war dann selbst nicht schuld – konnte sozusagen nichts dafür. Man befand sich in der Rolle eines Fußballspielers, der gut spielt und erhobenen Hauptes vom Platz geht, obwohl sein Team verliert.

Dieser Logik entsprechend wurde die Wehrmacht – trotz aller Kritik im Einzelnen – als Institution niemals in Frage gestellt. Zu kämpfen war eine Pflicht, die zu erfüllen den allermeisten selbstverständlich war. Und erst als die Wehrmacht im Herbst 1944 und vor allem im Frühjahr 1945 den Zusammenhalt verlor, Ordnung, Struktur und Einheit im Chaos der Niederlagen verlorengingen, waren immer mehr Soldaten bereit, den Kampf aufzugeben und in Gefangenschaft zu gehen. Bis dahin wurde die Wehrmacht – nicht zuletzt wegen der großen Erfolge der ersten Kriegsjahre – als Organisation sehr positiv wahrgenommen, als effektiv, leistungsfähig und erfolgreich. Und dies selbst von solchen Soldaten, die das NS-System massiv kritisierten.

Dies lag gewiss auch daran, dass die politische und militärische Führung aus dem Klassensystem der kaiserlichen Streitkräfte gelernt hatte: In der Wehrmacht bekamen alle das gleiche Essen, trugen die gleiche Uniform, erhielten die gleichen Orden. Das Kämpferideal galt nun auch für die hohen Offiziere, und das Führen von Vorne wurde zum Prinzip. 289 deutsche Generäle sind im Zweiten Weltkrieg gefallen, mehr als doppelt so viele wie im Ersten. So war der innere Zusammenhalt deutscher Soldaten 1939 bis 1945 insgesamt zweifellos höher und ihre Moral besser als 1914 bis 1918.

Der Blick auf militärische Werte, die in ähnlicher Ausprägung auch in anderen Armeen zu finden waren, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Wehrmacht Teil der nationalsozialistischen Gesellschaft war. Das bedeutet nicht, dass alle Soldaten überzeugte Nationalsozialisten sein mussten. Doch die Institution war dem NS-Staat treu ergeben und gab den Soldaten vor, was sie zu tun und zu lassen hatten. Konkret hieß dies, etwa in der Sowjetunion keinerlei Rücksichten zu nehmen sowie hart und erbarmungslos zu kämpfen. Obwohl die meisten Generäle einem eher konservativ-monarchistischen Weltbild anhingen, sorgten sie dafür, dass der Krieg in der Sowjetunion im nationalsozialistischen Sinne geführt wurde. Ihre Anpassungsleistung war aus Sicht Hitlers nahezu perfekt. Gewiss, er traute der Wehrmacht nicht alles zu. Zahlreich waren seine Klagen, dass sie eben doch zu weich für den Weltanschauungskrieg sei. So überließ er die Mordaktionen im Hinterland lieber den Einsatzgruppen der SS und stellte mit der Waffen-SS eine politische Armee auf. Doch es gab allenfalls halbherzige Bemühungen, die Befehle Hitlers abzumildern, und zahllose Wehrmachtoffiziere waren selbst von der Notwendigkeit einer radikalen Kriegführung überzeugt. Militärgerichte ließen 1939 bis 1945 20 000 deutsche Soldaten wegen "Feigheit vor dem Feind" hinrichten. 1914 bis 1918 waren es gerade einmal 48. Dies ist ein deutlicher Beleg für die Veränderungen des militärischen Referenzrahmens, zumal es die meisten Soldaten bis zur exzessiven Anwendung der Todesstrafe ab Frühjahr 1945 als vollkommen normal erachteten, dass Überläufer und "Feiglinge" mit dem Tode bestraft wurden.

Rolle von Ideologie und politischer Überzeugung

Nach wie vor ist heftig umstritten, welche Rolle politische Überzeugungen für die Soldaten spielten. Können etwa die Verbrechen der Wehrmacht damit erklärt werden, dass die Landser Nazis waren? Die Abhörprotokolle und Feldpostbriefe zeigen, dass sich die große Mehrheit der deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges für komplexere politische Fragen nicht interessierte. Über die NS-Ideologie in einem differenzierten Sinne wurde kaum diskutiert. Es finden sich in den Quellen nur wenige tiefer gehende Reflexionen über "Rassenfragen", die Neuordnung Europas oder den "Kreuzzug gegen den Bolschewismus". Die Beurteilung der Kameraden war ebenfalls nicht an deren politische Überzeugungen gebunden. Ob jemand Nationalsozialist, Kommunist oder ein Sozialdemokrat war, spielte keine Rolle. Viel wichtiger war, welche Leistungen er als Soldat erbrachte, ob er "schneidig" und tapfer oder ängstlich und feige kämpfte. Soweit glichen die Soldaten des Zweiten jenen des Ersten Weltkrieges.

Und doch gab es einen gewichtigen Unterschied. Politik vermittelt sich nämlich nicht durch gelehrte Diskussionen, sondern durch die soziale Praxis, die zur Aneignung ideologisch gefärbter Normen führt. Die Vorstellung von der Ungleichheit der Rassen, das Einverständnis zum Ausschluss der Juden aus der "Volksgemeinschaft", die Rechtfertigung von Verbrechen und die Selbstverständlichkeit eines Härteideals teilten wohl die meisten deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges. Sie leiteten dies mehrheitlich gewiss nicht aus dem Schrifttum der NSDAP ab, sondern es erschien ihnen schlicht als gegeben und bedurfte keiner weiteren Begründung. Insofern hatten die Soldaten des Jahres 1943 sicherlich einen ideologischeren Referenzrahmen als jene des Jahres 1916. Überzeugte Weltanschauungskrieger, die ihr Denken und Handeln bewusst in einen nationalsozialistischen Kontext stellten, bildeten gleichwohl nur eine deutliche Minderheit, die mit zunehmender Kriegsdauer immer kleiner wurde. 1944 machten sie vielleicht noch fünf bis zehn Prozent der Soldaten aus.

Welche Rolle spielte die Ideologie für das Handeln der Soldaten? Zweifellos haben nationalsozialistische Wertvorstellungen zu Dispositionen geführt, die Gräueltaten begünstigten. Ob es dann aber wirklich zu einem Verbrechen kam, hing ganz erheblich von der konkreten Situation und der jeweiligen Befehlslage ab. Es gab Nationalsozialisten, die keine Kriegsverbrechen begingen, und NS-Kritiker, die es taten. Dieser Befund ist durchaus beunruhigend, denn die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts zeigt, dass fast jeder Mensch die fürchterlichsten Verbrechen begehen kann, wenn die situativen Rahmenbedingungen dies geboten erscheinen lassen. Ob jemand im Zweiten Weltkrieg zum Täter wurde, hing dann meist von Zufällen ab, etwa in welcher Einheit oder an welchem Frontabschnitt er kämpfte.

Quellentext

Ein Gespräch über den Massenmord

C.S.D.I.C. (UK), G.R.G.G. 197, [TNA, WO 208/4363]

Bericht über am 20. und 21. Sept. 44 von höheren PW-Offizieren erlangte Informationen
Gespräch von General Heinrich Eberbach mit seinem Sohn, OLt. z. S. Heinz Eugen Eberbach
(e)

Sohn: Was sagst du zu den Leuten wie Himmler und Goebbels und so, Speer?
Vater: Also Himmler ist zweifellos einer von den Leuten, die uns in der ganzen Welt am meisten geschadet haben.
Sohn: Ja, das hat er, aber da ist ja die Frage, ob er nicht wahnsinnig viel geleistet hat.
Vater: Nein, nein, wir sind von einem gewissen Mindestmass Menschlichkeit und Anständigkeit, das man doch einfach haben muss, weil nämlich sonst der Pendel der Geschichte gegen einen einschlägt; ich habe früher dir schon einmal gesagt, da bei diesem Geschichtsbuch, das ich da immer mitgeschleppt habe, dass das eine meiner Erfahrungen aus der Geschichte ist. Ich meine, man kann sogar vielleicht noch so weit gehen, dass man sagt, gut, es müssen eben diese Million Juden, oder wie viele wir da umgebracht haben, gut, das musste eben im Interesse unseres Volkes sein. Aber die Frauen und die Kinder, das musste nicht sein. Das ist das, was zu weit geht.
Sohn: Nun ja, wenn die Juden, dann auch die Frauen und Kinder, oder mindestens auch die Kinder. Brauchen sie gar nicht öffentlich machen, aber, was nützt mir das, wenn ich die alten Leute umlege.
Vater: Ja, das geht einfach zu sehr gegen die Menschlichkeit, das schlägt letzten Endes gegen einen selber, einfach weil es schon auch eine solche Roheit ins Volk hineinbringt, das sind ja Dinge, die ich teilweise erst hier so erfahren habe von den Offizieren, die das selber miterlebt haben – was haben wir an Polacken umgebracht, wir haben mindestens eine Million umgebracht, was haben wir in Jugoslawien umgebracht – ich habe das auch nie gewusst. Ich habe es auch nie getan. Was haben wir an Russen umgebracht, nicht nur Polen, 10000e. [...]

Sönke Neitzel, Abgehört: Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942-1945, © 2005 Propyläen Verlag in der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin, 6. Aufl., Berlin 2012, Seite 139 f.




Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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