Grabstelle eines im Ersten Weltkrieg (vermutl. um 1916) gefallenen kanadischen Soldaten

9.5.2014 | Von:
Sönke Neitzel

Der Krieg von unten

Referenzrahmen des Individuums

Ludwig Crüwell und Wilhelm Ritter von Thoma waren gleich alt und durchliefen eine beinahe identische militärische Karriere. Sie kämpften als junge Frontoffiziere im Ersten Weltkrieg, dienten in der Reichswehr und stiegen in der Wehrmacht zum General auf. Beide kommandierten Panzerdivisionen an der Ostfront, waren zuletzt Befehlshaber des Afrika-Korps und gerieten im Mai bzw. November 1942 in britische Gefangenschaft. Man möchte meinen, dass sie sich sehr ähnlich waren. Doch sie deuteten Krieg und Nationalsozialismus denkbar unterschiedlich. Crüwell war ein glühender Anhänger Hitlers, glaubte fest an den "Endsieg" und bestritt vehement den verbrecherischen Charakter der deutschen Kriegführung. Thoma war ein ebenso glühender NS-Gegner, hielt bereits Ende 1942 den Krieg für verloren und empörte sich über die ungeheuerlichen Gräueltaten.
Das Beispiel zeigt, dass selbst in der Militärelite ganz unterschiedliche Persönlichkeiten anzutreffen waren. Und dieser Befund trifft erst recht zu, wenn man die ganze Wehrmacht mit ihren 17 Millionen Soldaten – einen Querschnitt der männlichen deutschen Bevölkerung – in den Blick nimmt. Hier fanden sich Arbeiter, Angestellte und Akademiker, Nationalsozialisten, Kommunisten und Sozialdemokraten, Protestanten, Katholiken und Atheisten, Österreicher, Mecklenburger, Ostpreußen und Westfalen.
Doch hatten die Sozialmilieus einen Einfluss auf das Denken und vor allem auf das Handeln der Männer? Auf den ersten Blick kaum. So sehr sich Crüwell und Thoma in ihren politischen Überzeugungen unterschieden, so sehr ähnelten sie sich in ihrem Handeln als Berufsoffiziere: Sie wollten vor allem die ihnen gestellten Aufgaben an der Front gut erfüllen. Auch die große Masse der einfachen Soldaten akzeptierte, wie wir bereits gesehen haben, die Regeln des Militärs und sah es zumindest bis zum Herbst 1944 – und im Ersten Weltkrieg bis Sommer 1918 – als ihre Pflicht an, für Deutschland zu kämpfen.
Und doch handelten die Soldaten nicht alle gleich. Selbst auf der untersten Ebene gab es in einer totalen Organisation wie einer Armee noch Entscheidungsfreiheiten, Gelegenheiten, sich so oder so zu entscheiden: einen Gefangenen zu erschießen oder ihn laufenzulassen, sich zu ergeben oder weiterzukämpfen. Das Bild von der Truppe ist keineswegs einheitlich. Der wichtigste Unterschied betrifft zweifellos die Moral. Es gab intrinsisch motivierte Soldaten, die unbedingt kämpfen wollten und auch noch schossen, wenn es niemanden mehr gab, der ihnen dies befahl. Die meisten aber waren Mitläufer, die nur ihre vermeintliche Pflicht taten, mehr aber nicht.
Hoch motivierte "Krieger" finden sich besonders häufig unter den Offizieren und den Unteroffizieren. Oberleutnant Ernst Jünger war einer von ihnen. Als er bei einem Sturmangriff am 25. August 1918 – gut zwei Monate vor Kriegsende – einen Brustdurchschuss erlitt, musste er hilflos mit ansehen, wie sich Soldaten seiner Kompanie den Engländern ergaben. "Leider konnte ich kein Gewehr regieren", so Jünger in seinem Tagebuch, "um die ganze Lumpenbagage zusammenzuknallen." Ganz ähnlich klang der 25-jährige Pionierhauptmann Werner Otto im Dezember 1944. Er zeigte sich noch in amerikanischer Kriegsgefangenschaft vollkommen verständnislos darüber, dass einige "Scheißkerle" seines Panzerpionierbataillons 220 "nicht mehr gewollt" hätten und sich, ohne einen Schuss abzufeuern, ergeben hätten. Manche Historiker glauben, dass die Zahl solch besonders motivierter Soldaten in der Wehrmacht höher gewesen sei als in der kaiserlichen Armee und dass so die große Kampfkraft und das lange Aushalten bis Mai 1945 zu erklären seien.

National spezifische Prägungen

Werte, Normen und Gebote der Gesellschaft und des Militärs, persönliche Prägungen und schließlich die konkrete Situation des Kämpfens bilden als komplexes Beziehungsgeflecht den Rahmen für soldatisches Denken und Handeln. Dies gilt heute ebenso wie für die beiden Weltkriege.

Und doch waren und sind nicht alle Armeen gleich. Abgesehen von den Unterschieden in der Ausrüstung, Bewaffnung und Ausbildung unterschied sich der Referenzrahmen etwa der deutschen, italienischen und japanischen Soldaten teilweise erheblich. Während auf den Pazifikinseln die japanischen Garnisonen praktisch bis zum letzten Mann kämpften und den Tod der Gefangenschaft vorzogen, ergab sich die Wehrmacht meist erst nach hartem Gefecht.

Quellentext

Einstellungen von US-Soldaten

"Der Krieg hatte die Soldaten verändert. Zynischer, brutaler, mit geänderten Vorstellungen für ihre persönliche Zukunft, erwarteten sie das Ende des Krieges. Daß die Amerikaner ihrem Land besonderen Patriotismus gezollt hätten, geht aus der […] Feldpost nicht hervor. Wie alle anderen Soldaten hatten sie Heimweh, setzten sich mit ihren Vorgesetzten auseinander, kritisierten das Armeeleben und freuten sich auf die Heimkehr.
Die Zensur trug sicherlich ihren Anteil an der Homogenität der Briefe, konnte aber nicht alle negativen Äußerungen verhindern. Vom Kriegsverlauf durften die Soldaten nichts berichten, genau so wenig von den Brutalitäten und Entbehrungen des Kriegslebens. Patriotische Äußerungen hätte die Zensur sicher nicht unterbunden. Statt Stolz klangen jedoch Frustrationen in der Feldpost deutlich durch. Die Soldaten paßten sich zu einem gewissen Grad an die Zensur an, verliehen aber dennoch ihren Gefühlen in den Briefen Ausdruck. Kritik an Militär und Politik stand meist zwischen den Zeilen. Im Laufe der Kriegsjahre nahm die Zahl der Beschwerden in den Briefen zu. Sie reflektieren die zunehmende Ermüdung der amerikanischen Soldaten, die trotz des Siegeszuges schwer am Kriegsdasein trugen.
Zudem wirkte sich das Leben im Militär auf die Persönlichkeiten der Soldaten aus. Die Trennung von gewohnten Lebensumständen zwang die Soldaten, neue Überlebensmechanismen zu entwickeln. Die […] Briefsammlungen zeigen, daß der Krieg die Soldaten über Jahre hinweg psychisch veränderte. […] Bei aller Vorsicht, die Soldaten und Vorgesetzte gleichermaßen in den Briefen an die Angehörigen walten ließen, stehen zahlreiche Hinweise auf Radikalisierung, suchtähnliche Verhaltensweisen und Verrohung zwischen den Zeilen. […] Obwohl sich der Sieg der Amerikaner im Laufe des Jahres 1944 abzeichnete, kämpften die G. I. s nicht mit Euphorie. Dagegen beschrieben die Briefe, wie sowohl Soldaten als auch der Offizier versuchten, die blutige Auseinandersetzung zu überleben, persönlich zu verkraften und die Zeit bis zur Heimkehr zu verkürzen. Von einer breitflächigen Identifikation mit amerikanischen Kriegszielen in den Feldpostbriefen der Gefreiten kann man nicht sprechen."

Johanna Pfund, "Zurück nach Hause!" Aus Feldpostbriefen amerikanischer GIs, in: Detlef Vogel, Wolfram Wette (Hg.), Andere Helme – andere Menschen? Heimaterfahrung und Frontalltag im Zweiten Weltkrieg. Ein internationaler Vergleich, Klartext-Verlag Essen 1995, Seite 301

Quellentext

Ein typisch japanischer "Spiritual Talk"

The following are extracts from a speech made by a Japanese lieutenant to his men before going into battle:


When we fight, we win. When we attack, we capture. The results of our recent glorious battles are facts acknowledged by all. What induces these admirable military achievements? America, England, and China, whose natural resources, physical strength, and equipment are not inferior to ours, were routed miserably in battles with the Imperial Army. Here we must consider that for some reason they have defects. If so, what are those defects?
Fundamentally, America and England are countries which traditionally value individualism. It is known from American and English literature and orations that the people regard the state as an assembly of individuals. Accordingly, the individual is of supreme importance, and the state secondary. Thus, it is quite understandable that there is no disgrace in the individual sacrificing everything to save his life when endangered.
China is a country dominated by the family system. From ancient times the traditions of a perennial family have been observed and respected, but the people have little interest in changes of the constitution of the country. Their past history reveals twenty changes of dynasties. Among them were families, but nothing higher. The Chinese still observe the family system, as of old. Recently, their leaders have endeavored to arouse national consciousness, but the crust of tradition still remains unbroken. It stands to reason that such a people cannot win in the arena of modern decisive battles.
Then, what about Japan? It is a known fact that Japan is not an individualistic country. It is not even a country of family systems. In Japan, the family is stressed; blood ties are highly regarded and ancestors are worshipped more than in China. But there is much more than this in Japan. There is the Imperial Family, unique in this world, that is over us. The Imperial Family is the light, the life, the pride of Japan. In truth, Japan is Japan and the Japanese are Japanese because of the Imperial Family. From this consciousness the Japanese spirit is born. A loyalty, which utterly disregards the safety of the home and family, even one’s own life, for the welfare of the Emperor and country, is born. This special Japanese spirit is something peculiarly Japanese, quite different from anything American, English, or Chinese. When setting out to do things, we who possess this special Japanese spirit can accomplish our duty; but those who do not have it, perform only a superficial duty. Thus, in the arena of decisive battles, the issue between the enemy and ourselves is already decided.
Carry out your duty with sincerity, self-sacrifice, and patriotism, and strengthen your determination to adopt an honorable attitude when dying or wounded.
The spirit of bushido has been spoken of from olden times in these words: "Among flowers, the cherry; among men, the warrior". With this spirit hold your ground without yielding a step, no matter what wounds you may receive, and thus make your end glorious by carrying out your duty calmly.

The National Archives, London [TNA, WO 208/1447]
Dieses Dokument wird in englischer Übersetzung wiedergegeben, weil eine verlässliche deutsche Übersetzung nicht auffindbar war.


Italienische Soldaten kapitulierten vielfach vorzeitiger, weil sie häufiger als die Deutschen den Staat als ein feindliches Organ ansahen, dessen Interessen nicht die seiner Bürger waren. Ähnliche Ansichten hegten sie oft über die italienische Armee, deren Offiziere ihnen als eine "inkompetente, feige Clique" galt, die ihre Posten nicht durch Leistung, sondern einzig durch Vetternwirtschaft erhalten hatte.

Ganz anders in Japan: Die wichtigsten militärischen Regeln – Gunjin Chokuyu, Senjinku und Bushido, Verhaltenskodizes der Samurai, mit kaiserlichem Erlass von 1882 für das Verhalten in der Schlacht vorgeschrieben – verpflichteten die Soldaten zu Loyalität, Tapferkeit, Mut und vor allem zu absolutem Gehorsam. Rückzug war verboten, und die Männer wurden vergattert, sich niemals zu ergeben. Diese Wertvorstellungen waren auch deshalb so wirkungsmächtig, weil sie auf der auch in der Zivilgesellschaft verankerten Überzeugung aufbauten, dass Gefangenschaft etwas zutiefst Unehrenhaftes sei. Sie bringe nicht nur Schande über einen selbst, sondern auch über die eigene Familie. Deshalb begingen zahllose japanische Soldaten in hoffnungsloser militärischer Lage lieber Selbstmord, als sich in die Hände des Feindes zu begeben. Bis März 1945 hatten die Alliierten lediglich knapp 12 000 japanische Soldaten interniert, aber Millionen von Wehrmachtsoldaten.

Der gesellschaftliche und militärische Referenzrahmen unterlag also national spezifischen Prägungen. Wer aus japanischer Perspektive ein vorbildlicher Soldat war, war für die meisten Italiener eher ein Dummkopf und für die Wehrmachtsoldaten ein teils bewunderter, teils verachteter Fanatiker. Solch große Unterschiede hatte es im Ersten Weltkrieg zumindest bei den Armeen der klassischen Großmächte nicht gegeben. Die gesellschaftlichen Wertesysteme waren ähnlicher als im Zweiten, und das Verhalten der Soldaten auf dem Schlachtfeld wies weniger Unterschiede auf.

Quellentext

Der Umgang mit dem Tod – Bericht eines japanischen Soldaten

Extracts from an account by Private Takeshi Uchiyama published under the title "The Frontline in the South Seas" in the "FUJI", October 1943, are reproduced below from S.E.A.C. and I. C. Weekly Intelligence Summary NO. 118. This article throws further light on the characteristics of the Japanese:


[…] What the troops are always considering seriously is the question of suicide in the case of emergency. When it comes to a desperate fight, we may unfortunately be severely wounded and fall prisoners into the enemy’s hands. For a Japanese to be taken prisoner is not only a personal disgrace, it is the greatest dishonour that can befall his whole family. Accordingly, we are giving serious consideration to the question how to commit suicide in such an event.
As for myself, I have fortunately procured some potassium cyanide which I have put in a small phial and stitched inside my collar, so that in the last issue I shall by no means die by the bayonet. As I intend to take poison – thanks to it – I can go into the front line resolutely. All the troops who are engaged in dangerous places, by a previous agreement, are declaring that they each want a dose of poison for suicide. Those who possess revolvers will keep the last cartridge for themselves. They do not say this because they want to die at once and be put out of their misery. They are convinced that when the end comes, this is the most certain way of dying. It is the poignant cry of those, who feel their shame.
The enemy, however, take a completely different view. They desire by all means to save their lives. Recently, when we examined some prisoners from an enemy plane that had been brought down, they said that they would have received a reward if they had bombed the Japanese forces. As they grudged their lives, however, they had dropped their bombs into the sea or on the mountains and fled home. Consequently, now an observer is put on every Boeing and Consolidated plane to make certain that every bomb is dropped on the enemy. In this respect I think that their airmen and ours are totally different. They are quite unconcerned about being taken prisoner. Give them a few cigarettes and they sing and dance with glee. They are indeed despicable. […]
On this occasion I have returned from the front bringing the remains of the fallen soldiers. In the army we regard these ashes as more precious than living beings. When we were on board ship we were given strict instructions by the officer-in-charge as follows: – "You are about to cross seas that are dominated by enemy submarines. You know now what may befall you. If the ashes of those who have fallen in battle are lost and their spirits are again made to meet a second death, we who are responsible for bringing home those ashes, will be without excuse before their bereaved families. Whatever happens, even though the ship sinks, do all you can to save these ashes."
[…] Every one of us in charge of these boxes of ashes kept them by our sides continually. At night we tied them to our waists with a rope attached to a life belt, so that if we were struck by a torpedo and had to dive overboard, though we might be drowned, the boxes of ashes would certainly float.

The National Archives, London [TNA, WO 208/1447]
In Englisch wiedergegeben, weil eine verlässliche deutsche Übersetzung nicht auffindbar war.



Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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