Grabstelle eines im Ersten Weltkrieg (vermutl. um 1916) gefallenen kanadischen Soldaten

9.5.2014 | Von:
Sönke Neitzel

Wie die Weltkriege endeten

Situation und Neuordnung nach 1945

Auch der Zweite Weltkrieg hörte am Tag der Kapitulation nicht einfach auf. Neben den Kampfhandlungen der Großmächte waren eine Vielzahl von Bürgerkriegen, ethnischen Konflikten und regionalen Kriegen ausgetragen worden, die ihre eigene Dynamik aufwiesen und teilweise erst nach Mai 1945 ihre volle Kraft entfalteten.

Die Gewalt der Kriegsjahre hatte zudem bei Hunderttausenden Rachegelüste hervorgerufen, die sich in Zeiten zusammenbrechender öffentlicher Ordnungen Bahn brachen. So ermordete die jugoslawische kommunistische Guerillabewegung unter Führung von Josip Broz (Tito) zwischen Bleiburg und Maribor unter den Augen britischer Truppen 50 000 bis 60 000 Angehörige der kroatischen Ustascha, der slowenischen Heimwehren und der serbischen Tschetniks. Diese Massaker hatten ihre Vorgeschichte im blutigen jugoslawischen Bürgerkrieg seit 1941, in dem der Kampf gegen die deutsche und italienische Besatzungsmacht nur ein Teil des Konfliktes war. Überall in Europa wurden nun alte Rechnungen beglichen. In Italien fielen 12 000 bis 20 000 Faschisten der Rache zum Opfer, in Frankreich exekutierte man etwa 9000 Kollaborateure.

Den politisch-militärischen Rahmen des Kriegsendes bestimmten die Alliierten mit ihrer Entschlossenheit, den Kampf bis zur bedingungslosen Kapitulation ihrer Hauptgegner fortzuführen. Diesmal sollte es keine störenden Einflüsse geben wie einst die 14 Punkte Wilsons, die man 1919/20 nicht vollkommen hatte beiseite wischen können. Da auch Hitler jedes Einlenken strikt untersagte und seine innenpolitische Machtstellung nach dem gescheiterten Bombenattentat vom 20. Juli 1944 stärker denn je war, endete der Kampf in Europa erst, als der Diktator tot und Deutschland vollständig von den Alliierten besetzt war.

Grenzverschiebungen und Blockbildung

Durch den aufziehenden Kalten Krieg verkomplizierten sich die Verhältnisse auf der diplomatischen Bühne sehr bald. Auf der Pariser Friedenskonferenz von 1946 herrschte noch Einigkeit. Italien, Rumänien, Ungarn, Bulgarien und Finnland erhielten ihre staatliche Souveränität zurück. Sie mussten vergleichsweise hohe Reparationszahlungen vor allem an die Sowjetunion leisten, und es kam zu einer Reihe von meist kleineren Grenzkorrekturen. Mit Japan wurde 1952 der Friedensvertrag von San Francisco geschlossen, den die Volksrepublik China und die Sowjetunion schon nicht mehr unterschrieben. Über das weitere Schicksal Deutschlands scheiterten die Verhandlungen schon im Ansatz, sodass die Sieger bald eigene Wege gingen. Die Westmächte und die Sowjetunion gründeten 1949 jeweils deutsche Teilstaaten, in denen 1954 und 1955 die Besatzungsstatute beendet wurden. Bezüglich West-Berlins und einer möglichen Wiedervereinigung gab es aber noch Vorbehaltsrechte. Erst mit dem im März 1991 in Kraft getretenen 2+4-Vertrag wurde die Bundesrepublik wieder vollständig souverän. Das Abkommen markierte das Ende der Nachkriegszeit und gilt als Friedensvertrag.

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges entstanden keine neuen Staaten, es wurden auch keine Großreiche aufgelöst so wie 1918/19. Gleichwohl gab es bedeutende Grenzverschiebungen. Die Sowjetunion behielt alle territorialen Gewinne. Die drei baltischen Staaten blieben sowjetisch, ebenso wie das 1939 annektierte Ostpolen (s. a. Karte VIII).

Gegen die Rückkehr der Sowjets regte sich schon bald heftiger militärischer Widerstand. So kämpften in den Jahren 1944 bis 1950 in der Ukraine etwa 400 000 Männer und Frauen im antikommunistischen Untergrund, 100 000 waren es in Litauen, jeweils 20 000 bis 40 000 in Lettland und Estland. Hinzu kam der Widerstand der polnischen Heimatarmee in den Gebieten, die nunmehr zu Weißrussland gehörten. Die Deportation zehntausender Sympathisanten, der geschickte Einsatz von Spitzeln und der mangelnde militärische Nachschub brachen den Widerstandsbewegungen nach einigen Jahren jedoch das Rückgrat. Ende der 1940er-Jahre waren nur noch wenige Hundert Kämpfer in den einzelnen Regionen aktiv.

Die Sowjetunion etablierte in den von ihr eroberten Gebieten kommunistische Satellitenregime und bildete so einen Gürtel von Pufferstaaten gegen die liberal-demokratische Welt. Besonders bitter war dies für die Westmächte im Fall von Polen, für dessen Souveränität sie einst in den Krieg gezogen waren.

Allerdings handelten die Westmächte prinzipiell nicht viel anders und waren nicht gewillt, kommunistische Regierungen in ihrem Einflussbereich zu dulden. Dies wurde besonders deutlich in Griechenland. Als die Wehrmacht im Oktober 1944 abzog, wurde das Land längst von der kommunistischen Partisanenbewegung kontrolliert. Der britische Premierminister Winston Churchill war entschlossen, nicht tatenlos zuzusehen, wie die geostrategisch wichtige Region vollends unter kommunistischen Einfluss geriet. Stalin hatte ihm schon im April 1944 zugestanden, dass Griechenland künftig in der britischen Einflusssphäre liegen sollte. Mehrere zehntausend britische Soldaten kämpften im Dezember 1944 und Januar 1945 Athen frei, wobei Teile der Stadt durch die heftigen Gefechte und die Luftangriffe der Royal Air Force zerstört wurden. Tausende Tote forderten die Kämpfe, in denen die britischen Truppen den "weißen" Milizen bei ihrem Rachefeldzug gegen Kommunisten freie Hand ließen. Churchill verhinderte mit seiner Intervention eine kommunistische Machtübernahme schon zum Jahreswechsel 1944/45. Dies war die entscheidende Voraussetzung dafür, dass sich die konservativen Kräfte mit westalliierter Hilfe in dem von 1946 bis 1949 währenden blutigen Bürgerkrieg schließlich durchsetzen konnten und in Griechenland wieder eine konstitutionelle Monarchie errichtet wurde. Die Meinung der griechischen Bürger spielte für Churchill dabei ebenso wenig eine Rolle, wie Stalin es interessierte, von wem die Polen regiert werden wollten.

Vertreibungen

Auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 hatten die Großen Drei endgültig vereinbart, Polen nach Westen zu verschieben und es mit deutschen Gebieten zu entschädigen. Präzedenzlos waren solche Grenzziehungen am Konferenztisch gewiss nicht. Neu war jedoch, dass in Ostmitteleuropa nach den schlechten Erfahrungen der Zwischenkriegszeit ethnisch einheitliche Gebiete geschaffen werden sollten.

Die größte Vertreibung der Geschichte begann aber nicht erst nach den Beschlüssen der Siegermächte, sondern hatte bereits mit dem Rückzug der deutschen Truppen eingesetzt. Getrieben von Rachegefühlen gingen Polen und Tschechen daran, vollendete Tatsachen zu schaffen, noch bevor die Großen Drei offizielle Beschlüsse gefasst hatten. Die wilden Vertreibungen arteten in Gewaltexzesse aus. Raub, Vergewaltigungen und Mord waren an der Tagesordnung.

Auf der Konferenz von Potsdam (17. Juli bis 2. August 1945) wurden die Vertreibungen schließlich legalisiert. Allerdings bestanden Briten und Amerikaner darauf, dass diese fortan in geordneter und humaner Weise ablaufen sollten. Dass sie damit gegen die Atlantik-Charta vom August 1941 verstießen, interessierte 1945 niemanden mehr. Diese hatte vorgesehen, dass "keinerlei territoriale Veränderungen vorgenommen werden sollten, die nicht im Einklang mit den in voller Freiheit ausgedrückten Wünschen der betroffenen Völker" stehen. Zu viel Leid hatten die Deutschen über Europa gebracht, und in der Realpolitik hatten hehre Erklärungen ohnehin keinen Platz. 11,7 Millionen Deutsche mussten bis 1947 ihre Heimat verlassen. Sieben Millionen stammten aus den neuen polnischen Gebieten, drei Millionen aus der Tschechoslowakei, 1,8 Millionen aus dem Memelland, Ungarn, Jugoslawien oder Rumänien. Die genaue Zahl der Opfer ist nicht bekannt, seriöse Schätzungen nennen bis zu 600 000 Tote.

Die Vertreibungen betrafen aber nicht nur die Deutschen, wenn diese auch die bei weitem größte Gruppe bildeten. Auch 1,2 Millionen Polen mussten ihre Heimat im ehemaligen Ostpolen verlassen. Besonders hart traf es jene, die in den Bürgerkrieg mit ukrainischen Milizen gerieten, der 1942 in Westgalizien und Wolhynien begonnen hatte. Bis zu 90 000 Polen wurden dort auf brutale Weise ermordet. Im Gegenzug vertrieben die Polen 482 000 Ukrainer und brachten 20 000 von ihnen um. Beide Volksgruppen gingen mit derartiger Inbrunst aufeinander los, dass sie darüber zuweilen den Kampf gegen die Wehrmacht hintanstellten. Dieser Krieg dauerte bis 1947 an. Gemischt besiedelte Gebiete gab es danach nicht mehr.

Und damit ist die Liste der Vertreibungen noch nicht vollständig: 150 000 bis 350 000 Italiener mussten aus Istrien und Dalmatien fliehen, das an Jugoslawien fiel, 120 000 Ungarn aus der Slowakei, 250 000 Finnen aus Karelien – das fortan zur Sowjetunion gehörte. Die Aufzählung ließe sich weiter fortsetzen. Ostmitteleuropa, in dem viele Nationalitäten und Religionen über Jahrhunderte zusammengelebt hatten und das kulturell so florierende Städte wie Lemberg prägten, wurde homogenisiert. Und meist waren die Vertreibungen mit unfassbaren Grausamkeiten verbunden.

Die Ereignisse in Asien

In Asien endete der Zweite Weltkrieg mit der Verkündung der japanischen Kapitulation durch den Tenno am 15. August 1945. Am 2. September 1945 wurde die entsprechende Urkunde auf dem amerikanischen Schlachtschiff Missouri in der Bucht von Tokio unterzeichnet. Zur geplanten Invasion Japans kam es nicht mehr, da nach den beiden Atombombenabwürfen und der Kriegserklärung der Sowjetunion am 9. August 1945 Kaiser Hirohito endlich einlenkte und die Waffen niederlegen ließ.

Aber auch hier ging einer der wichtigsten Konflikte weiter: Der seit 1927 wütende Bürgerkrieg in China zwischen Kommunisten und Nationalchinesen flammte nach der japanischen Kapitulation mit neuer Energie auf. Er endete vier Jahre später mit dem Sieg Mao Tse-tungs und der Flucht Chiang Kai-sheks nach Formosa. Infolgedessen gibt es bis heute neben der am 1. Oktober 1949 proklamierten Volksrepublik China noch Taiwan, das ehemalige Formosa, das sich selbst "Republik China" nennt.

Nach der japanischen Kapitulation trachteten die Europäer danach, ihre alten Kolonialreiche wieder zu übernehmen. Doch als Franzosen, Briten und Niederländer nach Indochina, Malaysia und Indonesien zurückkehrten, waren sie nicht willkommen. Mit großer Härte versuchten die alten Kolonialherren die Freiheitsbewegungen zu unterdrücken. Dabei ist gerade die Rolle der Franzosen und Niederländer interessant, die – eben noch von der Wehrmacht besetzt – nun selbst als gewalttätige Okkupationsmächte auftraten. Indonesien erhielt nach einem blutigen Kampf 1949 seine Unabhängigkeit, Malaysia folgte 1957, und aus dem ehemals französischen Indochina bildeten sich 1954 – nach acht Jahren Krieg – die unabhängigen Staaten Kambodscha, Laos und Vietnam, das allerdings in einen kommunistischen Norden und demokratischen Süden geteilt war: Sprengstoff für den nächsten Krieg.

Quellentext

Kriegsminister Shimomura rechtfertigt in einer Ansprache an Armee und Bevölkerung Japans Kapitulation

Since 9th August we have been confronted with a sudden great change in the situation, as a result of which we have come face to face with many grievous circumstances, and the most grievous of all is that a shadow has been cast, though it be but temporarily, upon the sovereignty of his Majesty the Emperor. The path we, his Majesty’s soldiers, should follow in this unprecedented state of affairs has been made clear in the Imperial Rescript. But we have not consolidated our determination. I regret to say I have the impression that there are still some who have not fully understood. In the Homeland, in particular, the confusion of ideas seems greater than among the troops at the front. For instance, there are those who say:
"For greater Japan to surrender at this time is inexcusable, both in view of the Empire’s 3,000 years’ history and before the Loyal souls of these, our comrades, who have fallen in battle. Either I must carry on the fight, at least myself, or I must show the sincereity of my patriotism by manfully committing suicide." […]
When, as C-in-C (Commander-in-Chief) in North China, I first learnt of the acceptance of the Potsdam Declaration, I shed tears of bitter sorrow as I turned the matter over in my mind all night. But by next morning my mind had become clear, and I at once took up my writing-brush to draft my instructions communicating to all the Forces under my Command the broadcast of His Majesty the Emperor. The substance of my instructions was as follows:

"This, my Command, comes to you with bitter tears. Based upon the decision of the Emperor, it represents a far-sighted national policy and is to be received with reverence. Let no one dare to go against or conflict with the spirit of the Imperial Rescript, even though his conduct spring from the true spirit of the Bushido".
Whence was it that I received this clear impulse? It was in a sentence in the Rescript to the Armed Forces, which I have read every morning since my childhood days – "should the glory of the Imperial Throne fall low, bear ye your part of grief with me." For many a year I had never thought that such a thing might come to pass in our country and consequently I was ill-prepared in spirit to comply with these gracious words. However, faced with the present unexpected situation, I have been filled with a deep understanding and, thinking also of the words which follow “guard ye all your posts and unite with me" – the only way has been shown to me, and my resolve hardens. I, too, have been assailed by the doubt – "is this enough to safeguard the state?" – and have for a time shared the same feelings. But today, since there is a way open to us, be it small and narrow, it is the duty of loyal subjects that we should defend it. We must defend it in the face of all difficulties. To make it yet narrower ourselves, or to turn our backs upon, it would be suicide. […]
We must not allow ourselves to be carried away by our feelings and resort to such temporising measures as to conceal or destroy weapons which we are required to hand over. It is most necessary to make the foreigner realise the beauty of the Japanese spirit and our sublime moral sense by giving up what we are required to give up honourably, without great regret, and in an orderly manner. But this does not mean that we should submit to anything and everything. Should new and unreasonable demands, or demands outside the scope of the existing treaties, be made by the other party, needless to say the Government would endeavour to secure their revision by lawful means, and in such a case, it is my intention to make every effort myself. I want you, calmly, to place your confidence in the authorities, and to be careful at all times not to be carried away, even for a moment, by your passions and indulge in acts of violence, even individually.

[…] [A]t this time the concentration of the total power of the people is more necessary than ever. If, at this time, there emerges from the nation one transgressor, by so much will the revival of the country be delayed. The Post War Victory will certainly not be accomplished in a short space of time. Long-lasting patience is necessary. Only by enduring indescribable hardships, even into the second and third generation, and by concentrating every effort upon the sole object of Post-War reconstruction, will it be possible to comply with the Emperor’s wishes and to fulfil the Imperial desire expressed in the rescript to the Army and Navy, to be sure to leave a permanent foundation for the State. […]
The excellence of the Imperial forces has already been proved in war, and now, in the post-war period, as peaceful civilians, we should show our sublime sense of responsibility and the other fruits of our spiritual training, both at home and abroad, in a natural and dignified manner – without pride and without extravagance.

The National Archives, London [TNA, WO 203/1113]
In Englisch wiedergegeben, weil eine verlässliche deutsche Übersetzung nicht auffindbar war.


Geschärftes Bewusstsein für Friedenswahrung

Die Kapitulation Deutschlands und Japans 1945 markierte nicht das Ende aller Kriege. Grausamkeiten, Konflikte, Kriege gingen weiter. Und dennoch: Auf den Zweiten Weltkrieg folgte kein Dritter. Die Angst vor der nuklearen Katastrophe machte die Welt sicherer, brachte die seit den Revolutionskriegen 1792 bis 1815 stetig ansteigende Tendenz zur Totalisierung der Kriegführung zum Stehen. Die neue bipolare Weltordnung erwies sich als erstaunlich stabil, und neue internationale Organisationen entstanden: die UNO, die Weltbank, der Internationale Währungsfonds, die Weltgesundheitsorganisation, das Kinderhilfswerk UNICEF und die UNESCO. Nach zwei Weltkriegen war Deutschen und Franzosen klargeworden, dass endlich eine Lösung für ein erträgliches Miteinander geschaffen werden musste. Aus dieser Erkenntnis erwuchs im Verlauf der Zeit das vielleicht bemerkenswerteste Ergebnis des Zeitalters der Weltkriege: die Europäische Union.


Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

Mehr lesen