Grabstelle eines im Ersten Weltkrieg (vermutl. um 1916) gefallenen kanadischen Soldaten

9.5.2014 | Von:
Sönke Neitzel

Erinnerung

Nationale Meistererzählungen in Europa und in den USA

Allerdings deutet der Umstand, dass etwa in Großbritannien die WW-II-Spiele weitaus beliebter sind als in Deutschland, auf einen Kulturunterschied auch in der jüngeren Generation hin. Im Vereinigten Königreich etablierte sich schon bald nach dem Krieg die Meistererzählung einer heroischen Nation, die praktisch im Alleingang das übermächtige "Dritte Reich" besiegt habe. Die "Luftschlacht um England" gehört zum kulturellen Erbe des Landes, und jedes englische Schulkind weiß, was eine Spitfire ist. Alles, was nicht in das Bild einer "nation of winners" passt, wird konsequent ausgeblendet: Die herbe Niederlage in Norwegen wird verdrängt, der Rückzug von Dünkirchen zum Sieg erklärt und der unterschiedslose Bombenkrieg gegen die deutsche Zivilbevölkerung als verdiente Strafe für Auschwitz angesehen. Die gewaltsame Einsetzung einer bürgerlichen Regierung in Griechenland wird als Kampf gegen den bösartigen Kommunismus erklärt. Jeder kann sich heute schnell ein Bild von der britischen Meistererzählung machen, man muss sich nur in einer beliebigen Buchhandlung vor das Regal "Military History" stellen. Man findet dort Bücher von britischen Siegen und Berichte von heroischen Einzelaktionen. Sehr beliebt sind Kommandooperationen: der Zweite Weltkrieg als eine große James Bond-Geschichte.

In den Vereinigten Staaten war der Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg zumindest in den 1970er-Jahren viel kritischer – man könnte auch sagen souveräner – als in Großbritannien. Die Umbrüche der 68er-Zeit und die Kritik am Vietnamkrieg waren in ihrem Einfluss auf das Geschichtsbild nicht zu unterschätzen. Mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Ende eines klaren Gut/Böse-Schemas gab es aber auch hier mehr denn je die Notwendigkeit, den Zweiten Weltkrieg als heroischen Referenzpunkt auszuweisen. Die Soldaten von damals avancierten zur "greatest generation ever". Natürlich ist dies eine Verklärung. Viele der GIs, die am 6. Juni 1944 in der Normandie landeten, dürften nur eine vage Ahnung gehabt haben, wofür sie eigentlich kämpften. Das Wissen um Deutschland war von wenigen Propagandafilmen geprägt und wenig spezifisch. Und über Auschwitz wusste von den normalen Soldaten ohnehin kaum jemand Bescheid. Kriegsverbrechen der Amerikaner haben in diesem Bild kaum Platz: Die Gefangenenerschießungen in der Normandie und der Trophäenkult im Pazifik werden ausgeblendet. Beredter Ausdruck der aktuellen amerikanischen Kriegsdeutung ist das 2004 eingeweihte WW II-Memorial in Washington, D. C. oder auch der Umstand, dass 1995 der Direktor des National Air and Space Museums in Washington, D. C. aufgrund von öffentlicher Kritik zum Rücktritt gezwungen wurde, weil er zum 50. Jahrestag des Atombombenabwurfs eine Ausstellung zeigen wollte, die auch die japanischen Opfer thematisierte.

In den von Deutschen besetzten Ländern entstand bald nach dem Krieg die Vorstellung einer gegen die Deutschen geeinten Nation im Widerstand. Die Résistance in Frankreich und die Resistenza in Italien wurden mythisch überhöht, um die tief gespaltenen Gesellschaften zu einen. Am frappierendsten war dieser Vorgang in Italien, wo die faschistische Zeit vor 1943 weitgehend aus dem Gedächtnis verschwand und bald nur noch die Zeit der deutschen Besetzung im Vordergrund stand. Kein Wort vom blutigen italienischen Kolonialkrieg in Abessinien (1935-1941), der zwischen 350 000 und 760 000 Äthiopier das Leben kostete. Kein einziger Italiener ist je wegen Kriegsverbrechen in der faschistischen Zeit vor einem italienischen Gericht angeklagt worden. Dies war auch ein Grund, warum man in Italien die deutschen Kriegsverbrecher zunächst nicht verfolgte. Man fürchtete zu sehr, dass auch die eigenen Untaten, etwa in Jugoslawien, zur Sprache kommen würden.

Mythen und Tendenzen zur Versachlichung

Aus Sicht des Historikers ist es ein Leichtes, diese Bilder als verkürzt, verzerrt oder falsch zu entlarven. Doch Nationen und Gesellschaften benötigen Mythen offenbar ebenso, wie wir uns alle positive Selbstbilder zurechtlegen. Jeder will sich als guten Menschen sehen und drängt alles beiseite, was dieses Bild in Frage stellen könnte. So gleicht die Geschichte der Weltkriege einem riesigen Baukasten, aus dem man sich bedient, um sich als Gesellschaft, als Gruppe oder aber als Einzelperson das herauszunehmen, was passt, und alles andere tunlichst zu ignorieren. Überall begegnen uns dieselben Muster, aber doch in unterschiedlichem Ausmaß: Die offizielle Erinnerung in den USA oder Großbritannien an den Sieg im Zweiten Weltkrieg ist zweifellos immer noch komplexer und offener als etwa in Russland. In Deutschland ist der Umgang mit den eigenen Verbrechen weit differenzierter als in Japan. Dort gibt es zwar auch kritische Stimmen, es dominiert im öffentlichen Raum aber das von den Atombombenabwürfen geprägte Opfernarrativ.

Gleichwohl ist unübersehbar, dass in den vergangenen Jahrzehnten die Erinnerung an die Weltkriege wesentlich differenzierter geworden ist. In der Zwischenkriegszeit war die Erinnerung an die Jahre 1914 bis 1918 hart umkämpft und barg erheblichen innen- wie außenpolitischen Sprengstoff. Noch in den 1960er-Jahren erschütterte die Fischer-Kontroverse die Bundesrepublik. Der Streit wich einer sachlichen Diskussion über verschiedene Erklärungsmodelle. Die Abgeklärtheit der Debatte war schon 2004 zu erkennen, als erstmals seit 1945 mit zahlreichen Ausstellungen, Filmen und Publikationen an den Jahrestag des Kriegsausbruchs 1914 erinnert wurde – und zwar in einer betont nüchternen Art. Der Erste Weltkrieg ermöglichte auch die erste öffentlichkeitswirksame Versöhnungsgeste zwischen den ehemaligen Feinden. 1984 reichten sich Helmut Kohl und François Mitterrand auf dem Soldatenfriedhof in Verdun demonstrativ die Hand.

Die Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg war demgegenüber weit schwieriger. Nur ein Jahr später kam es anlässlich des gemeinsamen Besuches von Ronald Reagan und Helmut Kohl auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg zu einem Eklat, weil dort neben Wehrmachtsoldaten auch solche der Waffen-SS beerdigt waren.

Mittlerweile ist aber auch die Betrachtung des Zweiten Weltkrieges sachlicher geworden. Durch die intensive Erforschung dieser Zeit ist unser Blick erheblich differenzierter als früher. So wird in Deutschland heute niemand mehr behaupten, dass die Wehrmacht einen "sauberen" Krieg führte. Ihre Verbrechen sind minutiös dokumentiert. Der Holocaust steht – sichtbar durch das 2004 fertiggestellte Mahnmal in Berlin und den Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar – im Zentrum des deutschen Geschichtsdiskurses.

Aber auch im Ausland hat sich viel getan. In kaum einem europäischen Land, vielleicht von Belarus/Weißrussland abgesehen, ist man heute noch der Ansicht, dass man sich im Zweiten Weltkrieg geschlossen im Widerstand befand. Das Thema Kollaboration ist in ganz Europa, aber auch in vielen asiatischen Ländern mittlerweile gut dokumentiert. Nun werden lange verschwiegene Themen, wie die Racheakte an Kollaborateuren oder an mit Deutschen liierten einheimischen Frauen, thematisiert.

Auch die Frage nach der Verstrickung in den Holocaust wird außerhalb Deutschlands mittlerweile angesprochen. 1995 entschuldigte sich Staatspräsident Jacques Chirac für die Mitwirkung der französischen Polizei bei der Deportation der französischen Juden. Und auch in Polen gibt es eine Diskussion um die eigene Schuld in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Auslöser der Debatte war das Massaker von Jedwabne am 10. Juli 1941, in dem Polen bei der Ermordung von mindestens 340 jüdischen Einwohnern eine zentrale Rolle spielten. 2001 sprach der polnische Präsident Aleksander Kwas´niewski in einer Rede die Schuld polnischer Bürger an dem Massaker erstmals öffentlich an. Mittlerweile setzt sich in der polnischen Öffentlichkeit die Erkenntnis durch, dass es auch in Polen, einem Land, das wie kein zweites unter der mörderischen deutschen Besatzung zu leiden hatte, vor allem Opfer, aber eben auch Täter gab. Und in Großbritannien werden die Bombardements deutscher Städte heute durchaus auch kritisch gesehen, insbesondere der symbolträchtige Angriff auf Dresden im Februar 1945.

Bleibende Belastungen und die Neigung zur Instrumentalisierung

Und doch bleibt die Erinnerung an die Weltkriege umstritten. Die Beurteilung des Völkermords an den Armeniern 1915 ist noch immer eine hochbrisante politische Frage. In der Türkei wird die Genozid-These weitgehend abgelehnt, ein entsprechendes Denkmal in der osttürkischen Stadt Kars wurde 2011 wieder abgerissen. Ankara verwahrt sich international gegen entsprechende Vorwürfe. Aus diplomatischer Rücksichtnahme vermeiden es daher viele Staaten, darunter Deutschland, offiziell von einem Völkermord an den Armeniern zu sprechen. In Frankreich steht die Leugnung seit 2012 hingegen unter Strafe, woraufhin die Türkei ihren Botschafter auf unbestimmte Zeit aus Frankreich abberief.

Für den Zweiten Weltkrieg gibt es eine ganze Reihe ähnlicher Fälle, in denen die unterschiedliche Lesart historischer Ereignisse zu Belastungen der internationalen Beziehungen führte. Der Streit zwischen China/Korea und Japan über die verharmlosende Darstellung des Krieges in japanischen Schulbüchern ist ein Beispiel hierfür. Er führte 2005 zu massiven anti-japanischen Demonstrationen. Auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise 2009 beschuldigte der griechische Vizepräsident Theodoros Pangalos Deutschland, dass es das geraubte Gold der griechischen Zentralbank niemals zurückgegeben habe. Doch das griechische Gold ist nie in die Hände der Deutschen geraten, sondern konnte 1941 nach London evakuiert werden und ist von dort nach 1945 an Griechenland zurückgegeben worden.

Dieses Beispiel zeigt, dass der Zweite Weltkrieg immer wieder zu politischen Zwecken instrumentalisiert wird, weil sich mit dem Thema immer noch Emotionen und Ressentiments hervorrufen lassen. Die historische Genauigkeit spielt dabei keine Rolle. Dieses Spiel mit der Geschichte ist allenthalben zu beobachten und wird insbesondere gerne mit Zahlen betrieben: Während die eine Seite besonders hohe Opferzahlen nennt, werden diese von der anderen Seite besonders niedrig angesetzt. So hat der Bund der Vertriebenen jahrzehntelang darauf beharrt, dass bei Flucht und Vertreibung zwei Millionen Deutsche umgekommen seien. Das Bundesarchiv hatte 1975 bereits die vermutlich recht verlässliche Zahl von 600 000 Todesopfern genannt, während auf polnischer Seite diese Dimensionen lange Zeit strikt bezweifelt wurden. Zudem sprach man hier verharmlosend lieber von "Überführung" oder "Transfer" der Deutschen.

Ein ähnliches Spiel mit Zahlen und Begriffen findet sich etwa beim Genozid an den Armeniern, beim Massaker von Nanking oder auch bei dem Luftangriff auf Dresden. Im letzten Fall wurden von interessierter Seite stets Opferzahlen von teilweise bis zu 500 000 genannt, um die Royal Air Force möglichst umfassend zu kriminalisieren. Eine von der Stadt Dresden beauftragte Kommission hat unter Berücksichtigung aller bekannten Dokumente 2008 die Todeszahl auf 20 000 bis 25000 beziffert. Ob dies die teilweise erregten Debatten um die Opferzahlen beruhigen wird, bleibt indes abzuwarten. Im Internet finden sich auch heute noch immer Websites, die vom "Bombenholocaust" in Dresden sprechen, bei dem angeblich 300 000 Menschen ums Leben kamen.

Gerade das Internet macht es heute jedem leicht, für die abstrusesten Theorien und Interpretationen eine Öffentlichkeit herzustellen. Durchforstet man das World Wide Web, stellt man rasch fest, dass es in allen an den Weltkriegen beteiligten Staaten Verschwörungstheorien und Geschichtsklitterung gibt. Das Bedürfnis, die eigene Nation im möglichst positiven Licht zu sehen und von Schuld reinzuwaschen, ist oftmals größer als die Bereitschaft, Erkenntnisse der Wissenschaft zu akzeptieren. In Deutschland – und nicht nur hier – führt dies bis hin zur Leugnung, dass es den Holocaust überhaupt gegeben habe.

Der Begriff Holocaust entfaltete im Übrigen eine derartige moralische Wirkungsmacht, dass er ganz bewusst auch für andere historische Sachverhalte verwendet wird, um Aufsehen zu erregen, wie etwa "Atombomben-Holocaust", "Indianer-Holocaust", "African Holocaust" oder "Hunger-Holocaust" ("Holodomor", an den Ukrainern 1929-1933). Diese Methode wurde auch in der Politik angewandt. Der damalige Außenminister Joschka Fischer begründete den Bundeswehreinsatz 1999 im Kosovo etwa damit, dass "ein zweites Auschwitz" verhindert werden müsse.

Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, dass die Geschichte der Weltkriege in ganz unterschiedlicher Weise gelesen, interpretiert und instrumentalisiert werden kann. Wir sollten uns bewusst sein, dass Geschichte konstruiert wird – in Museen und Gedenkstätten ebenso wie in Büchern oder Filmen. Neben der schlichten Unmöglichkeit, die Weltkriege realitätsnah nachzubilden, liegt dies sicherlich auch daran, dass das breite Publikum meist nicht nach Differenzierung, sondern nach Vereinfachung verlangt. Der Historiker Hans Delbrück bemerkte schon am Ende des 19. Jahrhunderts, dass das öffentliche Leben Schlagworte brauche, "grob gefügte Münzen, die durch die Hände von Millionen gehen können und doch nicht abgegriffen werden". In der Tat: Das Differenzieren ist mühsam, schwierig und zuweilen schmerzhaft. Und vor allem liefert es keine einfachen Antworten. Gleichwohl sollte man versuchen, die Geschichte hinter der Geschichte zu erkunden. Man wird höchstwahrscheinlich auf Unerwartetes stoßen.


Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

Mehr lesen