Berlin, Alexanderplatz, Rotes Rathaus, 1900

13.4.2016 | Von:
Prof. Dr. Benjamin Ziemann

Religion, Konfession und säkulares Wissen

Die protestantische Grundierung der Nationalkultur

Charakteristisch für die protestantischen Kirchen war ihre enge Verbindung zu den Landesherren in den Einzelstaaten des Reiches. Sie ging auf die Konfessionalisierung im Zuge der Reformation und der Glaubenskriege seit dem 16. Jahrhundert zurück. Die Landesherren waren zugleich summus episcopus, oberster Bischof der jeweiligen evangelischen Landeskirche. Sie übten damit das Kirchenregiment, die Aufsicht über die inneren Angelegenheiten der Kirche aus. In Preußen geschah dies seit 1850 über den Evangelischen Oberkirchenrat, dem die Konsistorien, die kirchlichen Behörden, nachgeordnet waren. Die Kirchenhoheit dagegen, die staatliche Aufsicht über die Kirche, lag beim preußischen Kultusministerium. Die Pfarrer waren dem König durch ihren Amtseid verpflichtet und in Besoldung und Ausbildung dem Beamtenstatus angelehnt. Diese Kirchenverfassung bewirkte eine ausgesprochene Staatsnähe und eine hierarchisch-konservative Grundanlage der evangelischen Landeskirche nicht nur in Preußen.

Das evangelische Deutschland war in mehrfacher Hinsicht gespalten. Neben den lutherischen Landeskirchen gab es reformierte (das heißt calvinistische) Kirchen, unter anderem im Gebiet des ehemaligen Königreichs Hannover. In Preußen hatte König Friedrich Wilhelm III. reformierte und lutherische Landesteile sowie Regionen, in denen es beide Konfessionen gab, 1817 zur Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union (ApU) unter einer einheitlichen Agende (Handlungsanweisung für den Gottesdienst) zusammengefasst. Innerhalb der ApU blieben jedoch weit über 1918 hi­naus Spannungen zwischen den Befürwortern der Union und denjenigen Lutheranern bestehen, welche die Union als eine Verwässerung ihres Bekenntnisstandes ablehnten.

Darüber hinaus gab es theologische Differenzen und politische Spannungen zwischen innerkirchlichen Strömungen, die wiederum selbst in verschiedene Gruppen zerfielen. Die beiden wichtigsten Strömungen waren die "positiven", konservativen Vertreter des Luthertums auf der einen und die Rationalisten und Liberalen auf der anderen Seite. Jene sahen die Kirche in erster Linie als eine hierarchische Körperschaft. Diese sollte den Glauben in einer Weise verkündigen, die der harmonischen Einfügung der Gläubigen in die Gesellschaft diente und nicht etwa ihrer Befreiung als Individuen. Die Liberalen befürworteten dagegen eine weniger an Dogmen orientierte, stärker individualistische Ausrichtung des Glaubens. Theologisch versuchten sie, das Christentum mit den Erkenntnissen der modernen, rationalen Wissenschaft zu versöhnen und vor deren Hintergrund zu reinterpretieren. Ihren entschiedensten theologischen Ausdruck fand diese Strömung im Kulturprotestantismus, der Glaube und moderne Bildung versöhnen wollte. Adolf von Harnack (1851–1930) und Ernst Troeltsch (1865–1923), zwei seiner wichtigsten Vertreter, zählten zu den bedeutendsten protestantischen Theologen des Kaiserreichs.

Der Richtungsstreit unter den Protestanten um die richtigen theologischen Antworten auf den rapiden sozialen Wandel im Kaiserreich erfolgte vor dem Hintergrund einer substanziellen Entkirchlichung. Diese betraf die evangelischen Landeskirchen in unterschiedlichem Maße und knüpfte dabei an längerfristige, bis 1800 zurückreichende Entwicklungen an. So beteiligten sich die Mitglieder reformierter Gemeinden in Nordwestdeutschland traditionell weniger am Abendmahl als die Gemeindemitglieder in jenen Teilen von Württemberg und Ostwestfalen, die durch die stärkere praktische Frömmigkeit des Pietismus und der Erweckungsbewegung geprägt waren. Ab 1850 überlagerten Verstädterung und Industrialisierung diese regionalen Unterschiede und verstärkten den Trend zur Entkirchlichung. In der preußischen Provinz Sachsen – die etwa dem heutigen Sachsen-Anhalt entspricht – war die Abendmahlsfrequenz bis 1913 auf 31 Prozent abgesunken, in der Provinz Brandenburg gar auf 24 Prozent. Das heißt auf 100 evangelische Bewohner wurden dort nur 24 Oblaten pro Jahr ausgeteilt, wobei die mehrfache Abendmahlsteilnahme frommer Christen eingerechnet ist. In vielen Großstädten, in denen Kirchenbau und Anstellung von Pfarrern mit dem Bevölkerungswachstum nicht mithalten konnten, war die Lage noch schwieriger. So lag die Abendmahlsfrequenz in Berlin schon 1862 bei nur 17, 1913 dann bei 14 Prozent, und in Breslau oder Dresden gab es noch niedrigere Werte.

Bereits 1848 hatten sich auf Initiative von Johann Heinrich Wichern zahlreiche protestantische Vereine zum "Central-Ausschuß der Inneren Mission" zusammengeschlossen, der die sozial-caritative Arbeit der evangelischen Kirchen koordinierte. Die der Kirche entfremdeten Industriearbeiter ließen sich jedoch auf diese Weise nicht zurückgewinnen. Das musste der Berliner Hofprediger Adolf Stoecker erfahren, der 1878 die Christlich-Soziale Arbeiterpartei gründete. Damit rückte er zwar die soziale Frage nachhaltig auf die kirchliche Tagesordnung, doch sein unmittelbares Ziel, die Berliner Industriearbeiter für die Kirche zu gewinnen, scheiterte. So wandte er sich ab 1879 dem alten Mittelstand der Handwerker und Kleinhändler zu und vertrat ein offen antisemitisches und zugleich antikapitalistisches Programm.

Bei aller inneren Fragmentierung und Polarisierung innerhalb des evangelischen Deutschlands gab es doch zwei Grundhaltungen, welche die meisten Protestanten im Kaiserreich teilten. Die eine war ein zuweilen militanter Antikatholizismus, der die Sache der Protestanten in erster Linie durch den Gegensatz zu Rom definierte. Er fand seine wichtigste Plattform im Evangelischen Bund zur Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen. 1886 gegründet, erreichte dieser bis 1911 eine Massenbasis von 470.000 Mitgliedern, die er etwa bei den Reichstagswahlen gegen das Zentrum mobilisierte. Der Evangelische Bund war auch ein Beispiel für die Verbreitung der zweiten zentralen Grundhaltung, der Verbindung von evangelischer und nationaler Gesinnung im Nationalprotestantismus. Dieser interpretierte die Reichsgründung mit der theologischen Kategorie der Vorsehung und stellte das 1871 gegründete Reich eng neben das Reich Gottes. Der deutsche Nationalstaat erschien damit als Erfüllung einer besonderen nationalen Mission der Protestanten, die mit der Reformation begonnen hatte.

In der nationalprotestantischen Deutung der Geschichte rückten der Thron der Hohenzollern, der kirchliche Altar und die Nation eng zusammen. Die politische Handlungseinheit Nation wurde so mit sakralem Pathos aufgeladen. Sichtbaren Ausdruck fand diese Haltung etwa in der Feier des Sedantages am 2. September, jenem Tag, an dem Frankreich 1870 nach der Schlacht bei Sedan kapituliert hatte. Der Pfarrer Friedrich Bodelschwingh (1831–1910), Gründer der Bodelschwinghschen Anstalten in Bielefeld-Bethel, hatte dieses Datum 1872 für eine Feier der Buße und zugleich des Dankes für die Gründung des Nationalstaates vorgeschlagen. Der Sedantag entwickelte sich in der Folgezeit zum wichtigsten Datum für die öffentliche Feier des Reichsnationalismus. Er verwies damit zugleich auf die protestantische Grundierung der deutschen Nationalkultur. Denn die Katholiken boykottierten die Feier des Sedantages weitgehend.

Universitäten und Wissenschaften

Religion war im Kaiserreich eines der zentralen kulturellen Muster, mit dem Individuen und Gruppen ihr Leben und die soziale Wirklichkeit deuteten und ordneten. Neben und zum Teil an die Stelle der Religion trat die moderne Wissenschaft. Ihre wachsende Bedeutung hing zunächst mit der rasanten Expansion der Universitäten zusammen. Zu den 19 bereits 1871 bestehenden Universitäten kamen bis 1914 Straßburg, Münster und Frankfurt am Main hinzu. Aus dem Ausbau der früheren Polytechnika entstanden daneben bis 1914 noch elf Technische Hochschulen. Weitaus stärker wuchs die Zahl von Studenten und Lehrenden. Allein an den Hochschulen stieg die Studentenzahl von 13.068 im Jahr 1871 auf 60.853 im Jahr 1914. Das war eine Steigerung um 325 Prozent. Die Zahl der Lehrenden stieg, etwas gemäßigter, um 159 Prozent. Die Hochschulen wurden "Großbetriebe", so der Theologe Adolf von Harnack.

Im Zuge der Expansion des Hochschulsystems erfolgte eine tiefgreifende innere Differenzierung und Spezialisierung der Wissenschaften. Zwar bauten nur wenige Universitäten eigene naturwissenschaftliche Fakultäten auf. Aber an den Instituten kam es zur Spezialisierung in eng umgrenzten Schwerpunkten empirischer Forschung. Die Forschungsorientierung der Wissenschaft – seit der Universitätsreform Wilhelm von Humboldts zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Charakteristikum der deutschen Hochschulen – fand nach 1900 neue Formen. Mit der Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft 1911 entstanden bis 1914 vier reine Forschungsinstitute für die naturwissenschaftliche Grundlagenforschung. Vom Staat organisiert, aber vorwiegend mit Spenden der Industrie finanziert, markieren diese Institute den Übergang in die moderne Großforschung. Ihre Organisationsform trug maßgeblich dazu bei, dass vor allem in der Physik und Chemie deutsche Wissenschaftler seit 1900 weltweit führend waren und wegweisende Forschungsergebnisse vorlegten. Zugleich zeigte sich, dass auch im Rahmen eines autoritären Staates die funktionale Spezialisierung als ein wichtiges Strukturprinzip der Moderne mit Erfolg angewandt werden konnte.

In den Naturwissenschaften vollzog sich am Ende des 19. Jahrhunderts eine Revolution des Wissens, die fundamentale Auswirkungen auf das moderne Weltbild hatte. In der Biologie steht beispielhaft dafür die Evolutionstheorie, die der Engländer Charles Darwin (1809–1882) seit 1859 entwickelte. In Deutschland griff der in Jena lehrende Zoologe Ernst Haeckel (1834–1919) diese Ideen auf und vermittelte sie zugleich an ein breites Publikum. Haeckel trug damit maßgeblich zur Popularisierung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse bei, die nachhaltigen Einfluss auf das Weltbild breiter Bevölkerungsschichten ausübten. Aus der Evolutionstheorie formte Haeckel eine "wissenschaftliche" Welt­anschauung, die er Monismus nannte. Er fasste sie 1899 in seinem Buch "Die Welträtsel" zusammen, das rasch in mehr als 400.000 Exemplaren verbreitet wurde. Gerade sozialdemokratische Arbeiter lasen das Buch mit Begeisterung und entwickelten daraus säkulare, das heißt religiöse Erklärungen ablehnende Ideen. In der Physik vollzog sich ein erheblicher Erkenntnisfortschritt sowohl durch die Anwendung experimenteller Methoden als auch durch theoretische Reflexion. Die Quantentheorie von Max Planck (1858–1947) und die Relativitätstheorie von Albert Einstein (1879–1955) deuteten die Grundlagen von Raum, Zeit und Materie auf fundamental neue Weise.

Die Geistes- und Sozialwissenschaften entwickelten ebenfalls Forschungsprogramme, die – zum Teil mit einiger Verzögerung – weit über Deutschland hinaus wirkten und bis in die Gegenwart gültige, grundlegende Einsichten in die Struktur moderner Gesellschaften vermitteln. Ein Beispiel ist die Soziologie. Zwar kam es erst 1909 zur Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, mit der die neue Disziplin erste Schritte zu ihrer institutionellen Stabilisierung unternahm. Aber bereits um 1900 legten Georg Simmel (1858–1918) und Max Weber (1864–1920), die beiden Gründer der deutschen Soziologie, wichtige Befunde zur Deutung der modernen Gesellschaft vor.

Simmel unterstrich die Rolle unpersönlicher Kommunikationsmedien wie etwa des Geldes für die Entfaltung von sozialen Bindungen auch über große Distanzen hinweg. Zugleich richtete er den Blick auf die Beziehungen von Personen in alltäglichen Handlungszusammenhängen. Er betonte, dass sich das Individuum erst in der "Kreuzung von sozialen Kreisen" entfalte, also in unterschiedlichen Kontexten wie Erziehung, Religion, Politik oder Konsum.

Weber verfolgte ähnliche Ideen. In seiner Soziologie der Religion ("Die Protestantische Ethik und der Geist des modernen Kapitalismus", 1905) analysierte er die Herausbildung der von religiösen Motiven befreiten Erwerbswirtschaft als das Ergebnis calvinistischer Vorstellungen über die "innerweltliche", also nicht erst im Jenseits wartende Erlösung. Auf unterschiedliche Weise entwarfen Simmel wie Weber so das Bild einer modernen Gesellschaft, die durch die Ausdifferenzierung von Funktionsbereichen an Komplexität und Dynamik gewinnt. Gerade bei Simmel, dessen Arbeiten stark von der Erfahrung des Lebens in der Metropole Berlin geprägt waren, war dies zugleich eine Selbstbeschreibung der deutschen Gesellschaft um 1900.

Mehr als jedes andere Thema markieren die konkurrierenden Deutungskulturen der Religion und der Wissenschaft das Kaiserreich als eine Epoche des Übergangs. Auf der einen Seite zeigten der Wunderglaube und die Marienverehrung der Katholiken eine heute fremd anmutende Lebenswelt, die auf Spannungen und Konflikte der Moderne in zutiefst traditionaler Weise reagierte. Auf der anderen Seite führten die modernen Natur- und Geisteswissenschaften – unter Einschluss der protestantischen Theologie – das Nachdenken über die Bedingungen menschlichen Daseins in Grenzbereiche hinein, in der alte Gewissheiten schwankten und eine grundsätzliche Neubewertung aller Wissensbestände nötig wurde. Der protestantische Theologe Ernst Troeltsch hat das 1896 prägnant ausgedrückt, als er in einer Versammlung einen kritischen Einwurf mit den Worten begann: "Meine Herren, es wackelt alles."

Nochmals festzuhalten bleibt, dass der konfessionelle Gegensatz von Katholiken und Protestanten – trotz der Entkirchlichung unter den Protestanten – die Geschichte des Kaiserreichs in fundamentaler Weise geprägt hat. Denn der Konfessionsgegensatz trug entscheidend zur Fragmentierung und Segmentierung von Gesellschaft und Politik bei. Damit hemmte er die Entwicklung einer Kultur der Anerkennung und des Kompromisses, die für die Durchsetzung einer pluralistischen Demokratie von entscheidender Bedeutung sind.