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Berlin, Alexanderplatz, Rotes Rathaus, 1900

13.4.2016 | Von:
Prof. Dr. Benjamin Ziemann

Die moderne Industriegesellschaft

Deutsche Juden zwischen Partizipation und Ausgrenzung

Die Herausbildung einer durch scharfe soziale Gegensätze geprägten Klassengesellschaft war ein Aspekt der sozialen Ungleichheit im Kaiserreich. Über Unterschiede in Einkommen, Besitz und Bildung hinaus ist es nötig, auch nach der Einbeziehung religiöser und ethnischer Minderheiten und nach dem Umgang mit kultureller Differenz zu fragen. Der wichtigste Lackmustest für die Beurteilung, wie offen die deutsche Gesellschaft war, ist die Integration der jüdischen Minderheit. Im Jahr 1871 lebten 512.000 Juden auf dem Gebiet des Deutschen Reiches, das waren 1,25 Prozent der Bevölkerung. Bis 1910 stieg ihre Zahl zwar auf 615.000. Doch das stärkere Wachstum der Gesamtbevölkerung und Faktoren wie Taufen (ca. 23.000 bis 1918) sowie die überwiegend christliche Erziehung der Kinder in Misch­ehen ließ ihren Anteil auf 0,95 Prozent sinken.

Nur eine kleine Minderheit der in Deutschland ansässigen Juden waren ausländische Staatsbürger, 1900 etwa nicht mehr als 41100. Allerdings gab es seit den 1880er-Jahren eine erhebliche Zuwanderung von Juden aus Russland, die Deutschland als Transitland nutzten. Vor 1914 schifften sich allein in Hamburg jährlich 100.000 osteuropäische Juden zur Auswanderung in die USA ein. Antisemitische Gruppen und Verbände nutzten ihre vorübergehende Anwesenheit zu einer lautstarken Agitation gegen die von den "Ostjuden" angeblich ausgehende "Gefahr".

Mit der Gründung des Reiches 1871 war der langwierige Prozess der Emanzipation der Juden in Deutschland abgeschlossen. Deutsche Juden waren nunmehr als deutsche Staatsbürger rechtlich in allen Belangen gleichgestellt. Dies ging auf ein Gesetz des Norddeutschen Bundes vom Juli 1869 zurück, das ab 1871 im Reich gültig war. Die formale rechtliche Gleichstellung bedeutete jedoch nicht, dass Juden damit gleichen Zugang zu allen öffentlichen Ämtern hatten. So blieb die Ernennung zum Offizier oder Reserveoffizier abhängig von der Zustimmung der Offiziere eines Regiments. Antijüdische Vorurteile und ein exklusives Standesdenken, die im Offizierskorps weit verbreitet waren, sorgten dafür, dass es in der preußischen Armee bis 1918 keine jüdischen Offiziere gab. Seit 1885 fanden Juden dort auch keine Aufnahme als Reserveoffizier mehr. Dies betraf im Übrigen auch getaufte Juden. Ähnliches galt für den höheren Staatsdienst in den Ministerien und das diplomatische Korps. Etwas besser war die Situation in der Justiz, obwohl den Juden auch hier leitende Positionen verschlossen blieben und ein hoher Anpassungsdruck die Taufe zur Vorbedingung einer reibungslosen Karriere machte. Dennoch waren in Preußen rund vier Prozent der Richter bekennende Juden. Vergleichbares galt für die Hochschulen. Etwa acht Prozent der Studenten waren jüdisch, und 1910 waren nicht weniger als 12 Prozent der – unbesoldeten, auf einen Ruf als Professor wartenden – Privatdozenten Juden. In beiden Gruppen waren Juden also deutlich überrepräsentiert. Ordinarien, also ordentliche Professoren, wurden von den Fakultäten berufen. In dieser Gruppe lag der Anteil der Juden 1910 bei nur 2,5 Prozent, und die meisten von ihnen lehrten in Medizin und Naturwissenschaften. Für getaufte Juden war die Chance des Zugangs zu einer akademischen Karriere höher. Aber auch ihnen gegenüber hegten die Professoren in den Geisteswissenschaften erhebliche Vorbehalte.

Neben den begrenzten Zugangs- und Aufstiegschancen im Staatsdienst war die Berufs- und Sozialstruktur der jüdischen Minderheit im Kaiserreich immer noch durch die frühere rechtliche Sonderstellung vor der Emanzipation bestimmt, die sie vom Handwerk und dem Erwerb landwirtschaftlichen Besitzes ausgeschlossen hatte. Zugleich nutzten die Juden nach 1871 die Chancen, die ihnen die Dynamik der kapitalistischen Wirtschaft eröffnete, und waren überproportional häufig im Handel, im Bankwesen und in der Industrie tätig.

Es vollzog sich ein teilweise bemerkenswerter sozialer Aufstieg in bürgerliche Berufsgruppen. Dies ist ein wichtiger Grund dafür, warum die Geschichte der jüdischen Minderheit bis 1918 als eine "Erfolgsgeschichte" (Reinhard Rürup) beschrieben worden ist. Allerdings gilt es, diese tiefgreifende Verbürgerlichung der deutschen Juden differenziert zu betrachten. 1907 zählten zwar etwa 60 Prozent aller Juden dem Beruf nach zum gehobenen Bürgertum. Aber eine genaue Analyse des Einkommens der jüdischen Bewohner von Breslau – die mit rund 20.000 Juden im Jahr 1910 die drittgrößte jüdische Gemeinde im Reich stellten – zeigt, dass vor 1914 weniger als die Hälfte von ihnen ein bürgerliches Einkommen aufwies.

Ein wichtiges Indiz für die gesellschaftliche Akzeptanz der Juden ist ihre Teilhabe am bürgerlichen Vereinswesen. So öffneten sich etwa die Freimaurerlogen für jüdische Mitglieder. In Zentren jüdischen Lebens wie Breslau, Berlin oder Frankfurt am Main waren Juden nach der Reichsgründung prominent in den Vereinen des bürgerlich-liberalen Lagers vertreten. In diesen Städten entwickelte sich eine "pluralistische Urbanität" (Till van Rahden), die Juden und Nichtjuden gleichermaßen umfasste. Bürgerliche Juden leisteten hier einen aktiven Beitrag etwa zur Definition der kommunalen Armenpflege, die Fürsorge nicht als reine Mildtätigkeit, sondern als "soziales Recht" verstand. Bürgerlich-großstädtische Juden pflegten ihre jüdische Identität also situativ, sie pflegten nicht nur ihre religiöse Gemeinschaft, sondern beteiligten sich aktiv an bürgerlich-liberalen Gesellschaftsgruppen, die sie kulturell veränderten.

Es waren vor allem die staatsnahen Gruppen des Bürgertums wie höhere Beamte und Offiziere sowie Adelige, die sich dem geselligen Umgang mit Juden verweigerten. Die Bilanz der jüdischen Gleichstellung im Kaiserreich bleibt also ambivalent. Ungeachtet der rechtlichen Emanzipation blieb ihnen eine Karriere in vielen staatlichen Berufen verschlossen oder nur um den Preis der Taufe möglich. Im liberalen Milieu einiger Großstädte bestimmten Juden aktiv bürgerliche Werte und kulturelle Praktiken mit. Zugleich entwickelte sich jedoch ein anti-emanzipatorisches Lager, in dem die soziale Ausgrenzung bekennender wie getaufter Juden ein wichtiger Teil der kollektiven Identität war.

Dynamik des Geschlechterkonflikts

Widersprüche und Grenzen der Emanzipation kennzeichnen auch die Geschlechterbeziehungen und damit ein anderes Feld, in dem die Gesellschaft des Kaiserreichs eine dynamische Entwicklung durchlief. Dabei war die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen zunächst tief in die soziale, rechtliche und politische Ordnung eingelassen. Das Muster der patriarchalischen Kernfamilie war weit über das Bürgertum hinaus akzeptiert. Es schrieb unterschiedliche Lebensentwürfe für Männer und Frauen vor, die Männern das Berufsleben und die öffentliche Sphäre vorbehielten, während für Frauen das private Umfeld der Familie und die Kindererziehung vorgesehen waren. Frauenarbeit war in diesem Rollenmodell nur auf unterbürgerliche Schichten beschränkt und auch dort nur als vorübergehende Tätigkeit vor der Verheiratung. Noch 1907 gingen rund 70 Prozent der unverheirateten Frauen einer Erwerbsarbeit nach, jedoch nicht mehr als 26 Prozent der Ehefrauen. Insgesamt waren im Kaiserreich konstant etwa 35 Prozent aller Frauen erwerbstätig. Die Statistik weist zwar von 1882 bis 1907 eine Steigerung aus. Diese resultierte jedoch nur aus der genaueren Erfassung von jungen Frauen, die im bäuerlichen Betrieb der Eltern mithalfen. So war noch 1907 fast jede zweite erwerbstätige Frau in der Landwirtschaft tätig. Die Erwerbschancen aller Frauen vergrößerten sich durch den seit dem späten 19. Jahrhundert anhaltenden Geburtenrückgang. Bei diesem gingen bürgerliche Frauen vor allem aus der Schicht der Angestellten durch eine bewusste Familienplanung voran, während unter den Arbeitern der Schwerindustrie (Bergbau, Eisen-/Stahlerzeugung) um die vier Kinder pro Ehe bis 1914 die Norm blieben.

Die soziale Hierarchie zwischen Männern und Frauen ergab sich nicht nur aus ihrer unterschiedlichen Einbindung in die ökonomische Sphäre. Sie war auch das Ergebnis rechtlicher Festlegungen. Nach langer Verzögerung wurde 1896 vom Reichstag das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) verabschiedet. Es trat zum 1. Januar 1900 in Kraft. Das BGB schuf ein einheitliches Privatrecht und regelte damit auch die Rechtsverhältnisse in der Ehe. Dabei gab es dem Mann das alleinige Recht der "Entscheidung in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten". Der Ehefrau gestattete das BGB nur, "innerhalb ihres häuslichen Wirkungskreises die Geschäfte des Mannes für ihn zu besorgen und ihn zu vertreten" (§§ 1354, 1357).

Auch von der politischen Sphäre blieben Frauen weitgehend ausgeschlossen. Erst die Weimarer Republik brachte ihnen im Gefolge der Revolution vom November 1918 das Wahlrecht für den Reichstag und für die Parlamente von Kommunen und Einzelstaaten. Bis zum Ende des Kaiserreichs vertrat von den Parteien allein die SPD seit 1891 ohne jeden Vorbehalt die Einführung des Frauenwahlrechts. Ihr gesellten sich nur einige Gruppen am progressiven Rand des Linksliberalismus hinzu. Die politische Teilhabe von Frauen wurde auch auf anderen Wegen eingeschränkt. Erst das 1908 verabschiedete Reichsvereinsgesetz erlaubte ihnen die Mitgliedschaft in politischen Vereinen und damit auch in den Parteien. Vor allem proletarische Frauen machten in großer Zahl von dieser Chance Gebrauch und traten der SPD und den Freien Gewerkschaften bei. Im Jahr 1914 waren immerhin 175.000 Frauen Mitglied der SPD, was einem Anteil von 16 Prozent entsprach.

Dies ist ein wichtiges Indiz dafür, dass sich die Verhältnisse zwischen Männern und Frauen seit der Jahrhundertwende dynamisch veränderten: Seitens der Frauen wurde die hierarchische Geschlechterordnung zunehmend in Frage gestellt und immer mehr Frauen engagierten sich in der bürgerlichen Frauenbewegung. Deren Anfänge gehen auf das Jahr 1865 zurück, als die sozialkritische Schriftstellerin Louise Otto-Peters (1819–1895) den Allgemeinen Deutschen Frauenverein gründete. Dessen Mitgliederzahl stagnierte allerdings zunächst.

Quellentext

Eine Vision der modernen Frau

Helene Stöcker (1869–1943) war eine der bekanntesten Frauenrechtlerinnen und Pazifistinnen des Kaiserreichs. 1905 war sie eine Mitbegründerin des Bundes für Mutterschutz. In diesem Text aus dem Jahr 1893 entwirft sie ihre Vision der "modernen Frau".

[…] Die moderne Frau ist etwas, das noch nicht in dieses Jahrhundert hineingehört – für die es noch keinen Namen und – keinen Mann gibt, keine Stellung in der Gesellschaft; denn ihrem ganzen, innersten Wesen nach gehört sie in ein Zeitalter der Zukunft – kurz, sie hat sich auf jeden Fall verfrüht. […]

Sie denkt nicht, dem Manne absolut "gleich" zu werden – aber sie will ein glücklicher – und das bedeutet auch für sie: ein freier Mensch werden und sich zugleich in ihrer Weibart immer höher entwickeln. Sie beklagt es längst nicht mehr – wie sie das als Kind vielleicht getan –, daß sie kein Mann ist; im Gegenteil, sie ist bereits zu einem wohligen Gefühl ihrer Weib-Vorzüge gekommen. […] Sie ist eigentlich geboren, zu lieben mit allen Fibern ihres Wesens, mit Geist, Herz und Sinnen […]. Aber da der Mann, den sie brauchen könnte, noch nicht geboren ist […], schenkt sie ihren Reichtum andern: sie betet die mütterliche Freundin an, […] sie umfängt mit aller Glut erster noch unklarer Leidenschaft irgendein holdes, junges Geschöpf, das ihr dafür – halb geschmeichelt, halb verwirrt, die heiß ersehnte Freundschaft schenkt. Sie erzieht ihre Geschwister, ihr ähnlich in Temperament und Intelligenz, mit mehr als mütterlichem Stolz […] – und endlich lebt sie in innigster Gemeinschaft mit gleichfühlenden, gleichstrebenden Genossinnen.

So ist es ihr möglich geworden […] durch die allererste, leidenschaftliche Jugendzeit durchzukommen – ohne der Gefahr zu erliegen, in ihrem starken Liebesbedürfnis sich an irgendeinen Mann wegzugeben, der doch nie "ihr" Mann sein kann. Aber nun sie frei und unabhängig mitten im Herzen der Weltstadt lebt – nun ihr das, was sie glühend begehrte: Leben im Verkehr mit geistig ebenbürtigen Menschen – in reichem Maße zuteil geworden – nun hat sie eine merkwürdige Erfahrung gemacht. Bisher hat sie immer die Frau im allgemeinen für das konservative Element gehalten – aber nun muß sie lernen, daß der Mann in bezug auf die Frau noch viel konservativer ist, daß er in Hirn und Nerven nicht nur die Tradition seiner Großeltern, sondern seiner Urgroßeltern hat, und daß selbst die "Neuen, Freien" von der Frau nur die Dirne und die Hausfrau im ältesten, spießbürgerlichsten Sinne kennen – und darum ein etwas – hm – verdutztes Gesicht machen, wenn sie ernsthaft mit ihnen über die Kreutzersonate reden will. […]

Sie stellt freilich auch eine Forderung, die bis dahin noch nie gestellt worden: Sie läßt sich nicht mehr die Beleidigungen des Ballsaals gefallen, und sie will auch nicht als Mannweib betrachtet werden – ja, sie ist ein anspruchsvolles Geschöpf! Ein Weib will sie sein – Liebe nehmen und Liebe geben und doch nicht mehr in ehrfürchtigem Schweigen lauschen, wenn kluge Männer sprechen?! Nein, nein, für solch ein Geschöpf ist überhaupt noch keine Formel gefunden – und doch – ich weiß es ganz genau: Alles Heil, das eine sehnsüchtig harrende Zeit von einem zukünftigen Erlöser erwartet, muß vom Weib ausgehen – dem Weib, das sich allen Männern zum Trotz – aus eigner Kraft zu einem Menschen durchgerungen!

Aber so wenig selbst der moderne Mann schon fähig ist, dies Weib zu begreifen – so wenig er es also zu seiner Gefährtin macht –, so wenig ergibt sich das moderne Weib dem Manne. Nicht aus Askese oder aus Unlust an ihm – aus einem vielmehr äußerlichen Grunde: Was alles – in unsern unpraktisch zurückgebliebenen häuslichen und ökonomischen Verhältnissen – auf sie wartet, das genügt, ihre Augen einstweilen noch offenzuhalten: hinter der großen Seligkeit die Küche und die Kinderstube (nicht als ob sie ihre Kinder einmal nicht lieben würde), aber aus dem freien Menschen wird ein Lasttier mit unglaublich raffinierten Verpflichtungen – und sie dürstet nach der Freiheit ebenso wie nach der Liebe – erst beide vereint vermögen ihr die Harmonie des freien Menschentums zu bringen. So hat sie denn die nötige Kritik, um sich nicht durch ihre jungen, heißen Sinne überrumpeln zu lassen […], obwohl sie es nur zu gut weiß: Das Beste vom Leben kann nur in der innigsten Gemeinschaft zweier freier Menschen – zwischen Mann und Weib erblühen – ohne Frage, ohne Zweifel! Es begegnet ihr oft, wenn sie irgendwo davon redet, daß man ehrlicher, offener, natürlicher werden solle, daß man vor allem endlich das Weib lehre, sich bewußt als Weib zu fühlen – daß man sie dort mitleidig erstaunt, zweideutig lächelnd ansieht: "Wie unschuldig Sie sein müssen!"

So hält sie denn sich selber fest als das große Glück, nach dem sie rastlos gejagt und das sie endlich – so über Erwarten – gefunden. Sie weiß es jetzt, daß jeder, der frei werden will, es nur durch sich selber werden kann. Sie hält, was sie hat, daß niemand ihre Krone nehme: Vernunft und Kunst und Wissenschaft – des Menschen allerhöchste Kraft! Ihr Ziel ist: ein Mensch zu sein, dem nichts Menschliches fremd ist! Aber sie hofft auch auf die kommende Zeit, da aus ihrer Gemeinschaft mit einem Manne eine Ehe werden kann!

Helene Stöcker, "Die moderne Frau", in: Freie Bühne, Jg. 4 (1893), S. 1215–17, zitiert nach: Jürgen Schutte / Peter Sprengel, Die Berliner Moderne 1885–1914, © Philipp Reclam jun., Stuttgart 1987, S. 152 ff.

Erst als sich 1894 verschiedene Berufsvereine und lokale Frauenvereine im Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) als Dachverband zusammenschlossen, erzielte die Frauenbewegung eine breitere Resonanz in der Öffentlichkeit. Allein von 1900 bis 1908 wuchs die Mitgliederzahl des BDF von 70.000 auf 200.000. Die proletarische, SPD-nahe Frauenbewegung organisierte sich separat. Nur eine Minderheit der bürgerlichen Frauenbewegung vertrat radikale politische Ziele und setzte das Frauenstimmrecht an die Spitze ihrer Forderungen. Die breite Mehrheit, und hier nicht zuletzt die protestantischen Frauenvereine, die dem BDF 1908 beitraten, zielte vor allem auf bessere Bildungsmöglichkeiten für Frauen. Ein anderes Anliegen war die praktische und konzeptionelle Einbindung von Frauen in die Sozialarbeit und Sozialpolitik, und damit auch deren Mitgestaltung. Als "Kulturaufgabe" der Frau – so der zeitgenössische Begriff – sahen die Protagonisten dieser Strömung das Bemühen, die Kälte und Entfremdung der hochdifferenzierten, von Männern dominierten Berufswelt zu mildern und zu ergänzen. Dieses Ziel wurde im Konzept der "geistigen Mütterlichkeit" gebündelt, die nicht auf die Familie beschränkt war, sondern eine fundamentale Reform der bürgerlichen Kultur und Gesellschaft durch weibliche Werte forderte.

Gemessen am Auftreten und an der Militanz der britischen Suffragetten (vom englischen Wort für Wahlrecht: suffrage), deren Demonstrationen seit 1903 die Öffentlichkeit im Vereinigten Königreich aufschreckten, waren dies gemäßigte Ziele. Doch bei einem solchen Vergleich sollte nicht übersehen werden, dass sich gerade im Bereich der Bildungschancen in Deutschland seit 1900 deutliche Veränderungen abzeichneten. Gymnasium und Abitur waren im Kaiserreich den Jungen vorbehalten, während den Mädchen zunächst nur der Abschluss in einer "höheren Töchterschule" möglich war. Die Frauenbewegung, in der viele Lehrerinnen aktiv waren, hatte sich erst für die Verbesserung der höheren Töchterschulen, dann aber auch für die Zulassung von Mädchen zum Abitur eingesetzt. Seit 1893 entstanden so zunächst private Mädchengymnasien, ab 1906 kam als staatlicher Schultyp das Lyzeum hinzu, das Mädchen zum Abitur führte. Komplettiert wurde diese spürbare Erweiterung der Bildungschancen und -zugänge durch die Zulassung von Frauen zum Studium, zuerst 1900 in Baden und dann 1908 auch in Preußen.

Quellentext

Gertrud Bäumer – ein Leben für die Frauenbewegung

Wie viele Angehörige des deutschen Bildungsbürgertums stammte Gertrud Bäumer (1873–1954) aus einer Familie protestantischer Pfarrer. Nach Absolvierung einer höheren Töchterschule besuchte sie ein Lehrerinnenseminar und unterrichtete seit 1892 an verschiedenen Volksschulen. Über ihre Arbeit als Lehrerin kam sie in Kontakt mit dem Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverein (ADLV). Helene Lange (1848–1930), eine der Leitfiguren der deutschen Frauenbewegung, hatte ihn 1890 gegründet. Bis 1904 wuchs der ADLV auf fast 20.000 Mitglieder an. Die hier organisierten Lehrerinnen waren bereit, "die Professionalisierung ihres Berufes und den Kampf um Stellen mit ihren männlichen Kollegen aufzunehmen" (Angelika Schaser).

1898 zog Bäumer nach Berlin. Dort bereitete sie sich auf das Oberlehrerinnenexamen vor, dessen Absolventinnen Kurse an Hochschulen belegen konnten. An der Universität Berlin besuchte sie Veranstaltungen in Deutsch und Theologie. Bevor auch Preußen 1908 Frauen zur Immatrikulation zuließ, war dies nur mit Genehmigung des jeweiligen Professors möglich. So war Gertrud Bäumer, die 1904 mit einer Arbeit über Johann Wolfgang von Goethe auch einen Doktortitel erwarb, eine der Pionierinnen des Frauenstudiums in Deutschland. Doch im Seminar des berühmten Pädagogen Friedrich Paulsen blieb Bäumer, wie sich ein Kommilitone erinnerte, "stumm als Frau, die damals in der Universität nur geduldet wurde."

Ende der 1890er-Jahre litt Helene Lange, die in Berlin lebte, unter einer schweren Augenkrankheit, die ihre Arbeit als Leiterin von Gymnasialkursen für Frauen beendete. Von einer Kollegin vermittelt bot Bäumer ihre Hilfe an. Ende 1899 zog sie in die Wohnung Langes. Damit begründete sie eine Arbeits- und Lebensgemeinschaft, einen "fraulichen Lebensbund" – so die mit beiden befreundete Marianne Weber, Ehefrau des Soziologen Max Weber –, der bis zum Tod von Helene Lange 1930 Bestand hatte.

Berufstätige bürgerliche Frauen um 1900 waren auf der Suche nach einer angemessenen Lebensform. Für die in der Frauenbewegung in großer Zahl aktiven Lehrerinnen galt bis 1919 ein vom Staat verhängtes "Lehrerinnenzölibat", das sie bei der Eheschließung zur Aufgabe des Berufes zwang. Lange und Bäumer waren nicht die einzigen prominenten Repräsentantinnen der bürgerlichen Frauenbewegung, die eine weibliche Lebensgemeinschaft als Alternative vorzogen. Auch Anita Augspurg (1857–1943) und Lida Gustava Heymann (1868–1943) lebten und arbeiteten zusammen für den Feminismus. Wie Bäumer und Lange folgten sie damit dem nach einer Novelle von Henry James benannten Modell der "Boston Marriage".

Eine solche Lebensgemeinschaft finanziell unabhängiger bürgerlicher Frauen war nicht durch die mangelnde Gelegenheit zur standesgemäßen Eheschließung motiviert. Vielmehr bot sie den Pionierinnen der Frauenbewegung die beste Möglichkeit, ihre Tätigkeit eigenständig und ohne Unterordnung auszuüben. Die Führung des Haushaltes von Lange und Bäumer oblag, wie im Bürgertum üblich, einem Dienstmädchen.

Zielstrebige und umsichtige Verbandsarbeit, extensive publizistische Arbeit sowie die Förderung durch Helene Lange brachten Gertrud Bäumer rasch in die Führungspositionen der Frauenbewegung. Bereits 1899 rückte sie in den Vorstand des ADLV auf, ab 1907 redigierte sie dessen Verbandszeitschrift. 1910 wählte auch der Bund Deutscher Frauenvereine (BDF), die Dachorganisation der bürgerlichen Frauenbewegung, Bäumer zur Vorsitzenden. In dieser Position öffnete sie den BDF für konservative und konfessionell gebundene Gruppen, die substanzielle Emanzipationsforderungen wie die nach dem Frauenstimmrecht ablehnten. Zugleich trieb sie die Nationalisierung der Frauenbewegung voran. Bereits 1912 legte Bäumer dem preußischen Kriegsministerium Pläne für einen Nationalen Frauendienst (NFD) vor. Im Fall eines Krieges sollte er alle karitativen Funktionen der Frauenverbände bündeln. Als der NFD mit dem Kriegsbeginn 1914 seine Arbeit aufnahm, beschrieb Bäumer diesen "Heimatdienst" als eine "Kriegsübersetzung" von Begriff und Anliegen der Frauenbewegung.

Das Reichsvereinsgesetz von 1908 erlaubte auch Frauen die Mitgliedschaft in politischen Vereinen. Am Tag seines Inkrafttretens besuchte Bäumer eine Versammlung der Freisinnigen Vereinigung und betrat damit eine für sie "neue Welt". Diese linksliberale Partei hatte sich 1903 mit dem National-Sozialen Verein zusammengeschlossen, den der Pfarrer Friedrich Naumann begründet hatte. Damit übernahm der Freisinn auch Naumanns programmatisches Ziel, die Arbeiterschaft mit der Nation auszusöhnen. Als die linksliberalen Parteien 1910 zur Fortschrittlichen Volkspartei (FVP) fusionierten, wurde Bäumer als einzige Frau in den Zentralausschuss der Partei gewählt. Doch die FVP vertrat keine politischen "Frauenrechte". Erst kurz vor der Revolution im Herbst 1918 rang sich die FVP dazu durch, das Frauenstimmrecht zu befürworten. Der Lebensweg von Gertrud Bäumer bis 1918 verdeutlicht, dass Bildung und Beruf bürgerlichen Frauen im Kaiserreich neue Freiräume und Emanzipationschancen eröffneten. Doch im Bereich der Politik blieben Grenzen und Ambivalenzen bestehen, die auch eine nationalistisch auftretende Frauenbewegung nicht ausräumen konnte.

Der steigende Zulauf zur bürgerlichen Frauenbewegung war ebenso wie die erweiterten weiblichen Bildungschancen ein Indiz für einen seit 1900 wachsenden Geschlechterkonflikt. Viele Männer im konservativ-nationalen Lager nahmen ihn als eine grundlegende Erschütterung der männlichen Dominanz wahr. Sie reagierten mit der Ideologie des Antifeminismus, der die angeblich "natürliche" Hierarchie zwischen den Geschlechtern wiederherstellen und Frauen ihren biologisch bestimmten Platz in der Gesellschaft zuweisen wollte. In der politisch aufgewühlten Atmosphäre des Jahres 1912, die nach der Reichstagswahl im Januar durch die Gewinne der SPD und neuerliche Forderungen nach dem Frauenstimmrecht geprägt war, fand diese antifeministische Geisteshaltung ihren organisatorischen Ausdruck in der Gründung des "Deutschen Bundes zur Bekämpfung der Frauenemanzipation". Im Zeichen nationaler Integration wandte er sich gegen die Frauenbewegung. Er trug somit zur weiteren Formierung eines anti-emanzipatorischen Lagers bei, das sich in ähnlicher Weise anlässlich der spannungsvollen Integration der Juden in bürgerliche Kreise gebildet hatte. Der Antifeminismus war Ausdruck einer Mobilisierung gegen die Moderne und zugleich "Indikator einer Gesellschaft in Bewegung", so die Historikerin Ute Planert. Während sich die Strukturen der Klassengesellschaft bis 1914 weiter verfestigten, zeigte sich ab 1900 zugleich ein intensives Ringen um vermehrte Partizipation, Gleichstellung und soziale Reform.