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Berlin, Alexanderplatz, Rotes Rathaus, 1900

13.4.2016 | Von:
Prof. Dr. Benjamin Ziemann

Das Ende des Kaiserreichs: Weltkrieg und Revolution

Staatsintervention und politische Polarisierung

Bereits unmittelbar nach Kriegsbeginn wurde die Steuerung der Kriegswirtschaft zu einem zentralen Problem, das staatliches Handeln erforderte. In den ersten Tagen nach der Mobilmachung war durch zahlreiche Fabrikschließungen die Arbeitslosigkeit stark gestiegen. Bald darauf entwickelte sich aber der Mangel an Arbeitskräften zum entscheidenden Nadelöhr der Kriegswirtschaft, da sowohl die Armee als auch die Industrie auf "kriegsverwendungsfähige" Männer im Alter von 18 bis 45 Jahren angewiesen waren. Noch im August 1914 kam es zur Gründung der Kriegsrohstoffabteilung (KRA) im preußischen Kriegsministerium. In ihr arbeiteten Angestellte aus der Industrie an der Beschaffung von Rohstoffen für den Nachschub des Heeres. Die Alliierten verhängten im August 1914 eine See­blockade. Sie schnitten Deutschland dadurch von allen Importen ab, die vor 1914 etwas mehr als 40 Prozent des Rohstoffbedarfs gedeckt hatten. Die KRA schuf bald weitere Kriegsrohstoffgesellschaften, insgesamt 200 an der Zahl. Als private Aktienge­sellschaften unter staatlicher Aufsicht regulierten sie die Be­wirtschaftung aller kriegswichtigen Rohstoffe. Damit entwickelte sich ein System der korporatistischen, Staat und Privatwirtschaft verschmelzenden Lenkung der Kriegswirtschaft.

Im August 1916 wurde nach vielen Intrigen General Erich von Falkenhayn als Chef der Obersten Heeresleitung (OHL) abgesetzt. Ihn ersetzte die dritte OHL unter Erich Ludendorff und Paul von Hindenburg. In diesem Gespann war Ludendorff die treibende Kraft einer umfassenden Mobilisierung von Wirtschaft und Gesellschaft für den Krieg. Nach 1918 prägte Ludendorff dafür die Formel vom "totalen Krieg". Bereits kurz nach ihrem Amtsantritt legte die dritte OHL ihr sogenanntes Hindenburg-Programm vor, das bis 1917 eine Verdoppelung der Rüstungsproduktion erreichen sollte. Dieses ehrgeizige, letztlich weit überzogene Ziel sollte unter anderem durch eine Ausdehnung der Wehrpflicht bis zum 50. Lebensjahr und durch die Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht für Frauen erreicht werden.

Angesichts des inzwischen gewachsenen kriegskritischen Potenzials in der Arbeiterschaft war für seine Durchsetzung allerdings die Zustimmung von SPD und Gewerkschaften nötig. General Wilhelm Groener, Chef des neugeschaffenen Kriegs­amtes zur Kontrolle der Kriegswirtschaft, legte dafür den Entwurf eines Gesetzes über den "Vaterländischen Hilfsdienst" vor. Die im Dezember 1916 schließlich verabschiedete Fassung unterschied sich allerdings erheblich von seinem Entwurf. Eine informelle Koalition aus SPD, Zentrum und den Linksliberalen der FVP setzte zahlreiche arbeiterfreundliche Änderungen durch. Zu ihnen gehörte die Einführung von Arbeiterausschüssen und einer Schlichtung in jenen Fällen, in denen ein Arbeitgeber dem Arbeitsplatzwechsel nicht zustimmen wollte. Zudem musste die Schwerindustrie des Ruhrgebietes nun erstmals Gewerkschaften als Vertretung der Arbeiter in Tariffragen anerkennen.

Das Hilfsdienstgesetz war kein direkter "Triumph der Arbeiterschaft" (Gerald D. Feldman). Aber es markierte eine entscheidende Weichenstellung hin zu einer schrittweisen Aufwertung des Reichstages – und damit vor allem der SPD. Der Preis dafür war allerdings, dass der Mehrheitsflügel der SPD fortan als informeller Partner von Industrie und Reichsleitung bei der Beruhigung sozialer Konflikte in den Betrieben und an der Heimatfront fungierte. Gerade in der hochgradig polarisierten innenpolitischen Situation der Jahre ab 1916 war dies problematisch. Der 1914 proklamierte "Burgfrieden" war von Beginn an löcherig gewesen. Bereits im Herbst 1914 hatten Wirtschaftsverbände und der radikalnationalistische Alldeutsche Verband Denkschriften verfasst, die weitreichende territoriale und ökonomische Kriegsziele im Westen und Osten proklamierten. Doch die Diskussion dieser Kriegszielforderungen vollzog sich bis 1916 unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Berliner Regierungszirkeln.

Die Freigabe der öffentlichen Kriegszieldiskussion am 15. November 1916 trug dann zu einer weiteren Radikalisierung im Lager der Rechten bei. Diese hatte sich im selben Jahr bereits in einer Zunahme antisemitischer Agitation abgezeichnet, an der sich sowohl antisemitische Vereinigungen wie der Reichshammerbund als auch zahlreiche Individuen beteiligten. Der preußische Kriegsminister Adolf Wild von Hohenborn (1860–1925) öffnete der Judenhetze dann Tür und Tor, als er am 11. Oktober eine "Judenzählung" in der gesamten Armee anordnete. Er berief sich dabei auf Eingaben und anonyme Denunziationen, nach denen jüdische Männer sich angeblich der Wehrpflicht entzogen. Diese Behauptung war falsch und diffamierend. Wilds Nachfolger, Hermann von Stein (1854–1927), erklärte die Zählung im Januar 1917 deshalb für bedeutungslos, ohne allerdings eine Entschuldigung abzugeben. Aber der Verweis auf angebliche jüdische "Drückeberger" war fortan, zusammen mit Klagen über die angebliche Bereicherung jüdischer Kaufleute und Händler in der Kriegswirtschaft, eine zentrale rhetorische Figur organisierter antisemitischer Agitation durch diverse radikalnationalistische Verbände.

Die Formierung eines rechtsradikalen Lagers verdichtete sich im September 1917 mit der Gründung der Deutschen Vaterlands­partei. Die Initiative dazu ging von führenden Mitgliedern des Alldeutschen Verbandes und der Konservativen aus. Im Kern wandte sich die Vaterlandspartei gegen eine weitere Demokratisierung des Reiches, sie sprach sich für die Zurückdrängung kriegskritischer Strömungen aus sowie dafür, einen "Siegfrieden" nur auf der Grundlage weitreichender deutscher Annexionen abzuschließen. Daneben verfolgte die neue Partei das Ziel, eine nationalistische Massenpartei unter Einschluss der Industriearbeiter aufzubauen und damit die traditionelle soziale Begrenzung der Konservativen auf die Mittel- und Oberschichten aufzuheben. Darin war die Partei aber nur teilweise erfolgreich. Bis Februar 1918 mobilisierte man zwar 300.000, bis September 1918 gar 800.000 Mitglieder. Nur die Hälfte von ihnen war allerdings individuell beigetreten. Die anderen waren der Partei durch ihre Mitgliedschaft in nationalen Agitationsverbänden wie dem Ostmarkenverein korporativ angeschlossen. Die soziale Basis der Vaterlandspartei blieb auf die protestantischen Mittelschichten begrenzt, wobei auffallend viele Frauen in den Versammlungen aktiv waren.

Ein wichtiger Anlass für die Gründung der Vaterlandspartei war die Friedensresolution des Reichstages vom 19. Juli 1917. Eine Mehrheit aus den Abgeordneten von SPD, Zentrum und FVP forderte darin einen "Frieden der Verständigung", der mit Annexionen unvereinbar sei. Das war ein wichtiges Signal dafür, dass sich der Reichstag nun aktiv in die Auseinandersetzung um die deutsche Kriegspolitik einmischte, die bis dahin fest in der Hand der OHL gelegen hatte. Am 1. Februar 1917 nahm das Deutsche Reich den uneingeschränkten – das heißt ohne Vorwarnung der Handelsschiffe erfolgenden – U-Boot-Krieg wieder auf. Die OHL hatte sich damit gegen den zunehmend isolierten Reichskanzler Bethmann Hollweg durchgesetzt. Doch mit diesem Schritt war zugleich die Aussicht auf eine diplomatische Beendigung des Krieges endgültig verbaut. Denn nur zwei Tage später brachen die USA die diplomatischen Beziehungen mit Deutschland ab, und am 6. April erklärten sie dem Deutschen Reich den Krieg. Seit dem Sommer 1917 stationierten die USA Truppen in Frankreich. Etwa 500.000 US-Soldaten kämpften im Sommer und Herbst 1918 an der Westfront gegen die deutschen Truppen und machten deren Niederlage damit praktisch unvermeidlich.

Die parlamentarische Mehrheit für die Friedensresolution hatte sich seit dem 6. Juli 1917 angebahnt. Der bis dahin annexionistisch eingestellte Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger (1875–1921) konnte sich nun im Hauptausschuss des Reichstages zu einer realistischen Beurteilung der Kriegslage durchringen. Dies führte zur Bildung des Interfraktionellen Ausschusses, in dem SPD, Zentrum und FVP ihre parlamentarische Politik koordinierten. Eine erhebliche Schwäche dieser informellen Koalition bestand allerdings darin, dass sie keine volle Parlamentarisierung des Reiches forderte. Sie mischte sich auch nicht in die Suche nach einem Nachfolger für Bethmann Hollweg ein, der auf Druck der OHL bereits am 13. Juli 1917 als Reichskanzler zurücktrat.

Quellentext

Der innenpolitische Streit um die Kriegsziele 1917

Im Sommer und Herbst 1917 verschärfte sich der Konflikt um die Kriegsziele. Die einen forderten einen "Scheidemannfrieden" ohne Annexionen und Kontributionen für die Gegner Deutschlands, die anderen einen "Hindenburgfrieden", der Deutschland weitreichende Gebiete im Westen (Belgien) und im Osten sichern sollte. Auch die Presse griff in den Streit ein. Nachdem das Zen­trumsblatt "Kölnische Volkszeitung" Unterschriften für einen Siegfrieden gesammelt hatte, rief die sozialdemokratische Tageszeitung "Münchener Post" zu Unterschriften für einen "sofortigen Frieden" auf. Dabei erhielt sie besonders viele Zuschriften von der Front. Eine Aktennotiz des Pressereferenten im bayerischen Kriegsministerium vom 15. Juni 1917 hielt fest:

"Die Schriftleitung der ‚Münchener Post‘ stellt dem K. M. [Kriegsministerium] wahllos herausgegriffene Stichproben aus den bei ihr eingegangenen Zuschriften zur freien Verfügung. Die Zahl dieser Briefe, die so massenhaft einliefen, daß sie gar nicht mehr buchmäßig behandelt werden konnten, beläuft sich schon jetzt auf mehrere Tausend. Die einzelnen Briefe enthielten oft Bogen mit 200 Unterschriften. Kein einziger Brief ergehe sich in Drohungen bezüglich Lockerung der Disziplin oder Verweigerung der Pflichterfüllung. Auffallend sei es, daß die Landbevölkerung bei den Unterschriften ganz besonders stark vertreten sei. Die Briefe dürften Zeugnis geben von den in größeren Teilen des Feldheeres herrschenden Anschauungen."

Aus den der Aktennotiz beigefügten Briefauszügen:

"Man ist gegenseitig bestrebt, einen völligen Vernichtungskrieg fortzusetzen, bis alles dem Siechtum verfällt. Es ist völlig ausgeschlossen, daß der Sieger sich finanziell bei dem oder den Besiegten sichern kann. Es werden Ausgaben vorhanden sein, die heute noch unübersehbar sind. Was wird es kosten, wenn man nur der Krüppel und Hinterbliebenen sich einigermaßen annimmt! [...] Daß wir die Besiegten sind, will und wird uns kein Feind einreden. Schon ein Blick auf die Karte zeigt, daß wir die günstigsten Chancen in der Hand haben. Man sieht aber auch, daß gewisse Industrielle riesige Kapitalien durch den Krieg angehäuft haben, daß Wucher und Auspowerung der arbeitenden Klassen in allen Ländern in vollster Blüte stehen, während andere an körperlicher Schwäche zu Grunde gehen und die junge Generation durch fortwährende Unterernährung an Kraft soviel verliert, daß sie sich nicht mehr erholen kann. Gegen das Geschrei gewisser besoldeter Schreier des Großkapitalismus, daß Deutschland ohne Entschädigung zu Grunde ginge, müssen ‚russische Mittel‘ angewandt werden."

"Hoffentlich wird dem rheinischen Zentrumsblatt gründlich der Mund gestopft. Ich bin auch Rheinländer und einstmals Verehrer dieses Blattes. Aber die schwarze Presse und Partei hat den Arbeiter und Mittelstand in der Not schmählich verlassen. Ich bin seit Kriegsbeginn an der Front, soweit ich die Stimmung der Soldaten kenne, wünscht kein Soldat den Frieden der Köln. Volksztg., sondern den der Münchener Post."
"Enttäuscht von der Haltung eines großen Teils der ‚bürgerlichen Presse‘, wenden weite Volkskreise ihre letzte Hoffnung der Sozialdemokratie zu."
"Kann auch versichern, daß wenn eine allgemeine Abstimmung im Felde zugelassen würde, daß sich dann 99 Prozent der Feldgrauen für einen sofortigen dauerhaften Frieden im Sinne Scheidemanns aussprechen würden."

"Wir haben im Bereiche unserer Kompagnie für den Frieden ohne Annexionen 32 Unterschriften erhalten. In Folge einer Anzeige beim Kompagnieführer wurde erfolglos ein großes Verhör veranstaltet, Ansprachen folgten, in denen das Unterschriftensammeln als strafbar bezeichnet wurde. Uns verbietet man, im Interesse der Menschlichkeit, unsere Kameraden aufklären zu wollen! Haben wir nicht mehr verdient in diesen drei Jahren als eine solch' ungerechte Behandlung?"

"Ich liege gegenwärtig mit einem größeren Beobachtungskommando bei [...], als ich meine Kameraden die M. P. lesen ließ, stimmten die ohne Ausnahme für den Frieden ohne Annexionen."
"Noch wenige Monate liegen vor uns und wir haben das dritte Jahr dieses schrecklichen Menschenmordens hinter uns. Und noch scheint man verschiedentlich zu zögern, den wahren Willen aller Völker zu erfüllen, den Willen und das Verlangen nach einem sofortigen Frieden, nach einem Frieden, der keine Nation erniedrigt. Wohl der größte Prozentsatz des deutschen Volkes ist sich bewußt, daß es keiner Macht mehr gelingt, ohne den letzten Rest der Kraft des Volkes einer wahnwitzigen Eroberungspolitik zu opfern, als Sieger aus dem Kampf hervorzugehen. Auch der Sieger wäre der Besiegte. Mit den Unsern in der Heimat sind wir heraußen alle in der Erzielung eines sofortigen Friedens einig."

"Wir bedauern nur, daß die M. Post nicht eine so große Masse von Zetteln unter die Frontsoldaten bringen kann, daß eine Befragung aller möglich wäre. Wir kennen in unserem Bataillon keinen Soldaten, der nicht zustimmen würde. Wir wünschen recht lebhaft, daß die weitesten Kreise von der Stimmung der Soldaten an der Front unterrichtet werden, der tiefempfundene Wunsch nach dem Weltfrieden wird auch von jenen ausgesprochen, die vor nicht langer Zeit zu den Gegnern der Sozialdemokratie gehörten. Die Sehnsucht nach dem Frieden hat alle erfaßt ohne Unterschied der Berufsstellung. Nur Berufsmilitärs können sich für einen sog. ‚Hindenburgfrieden‘ begeistern."

Bernd Ulrich / Benjamin Ziemann (Hg.), Frontalltag im Ersten Weltkrieg. Ein Historisches Lesebuch, Klartext-Verlagsgesellschaft, Essen 2008, S. 118 f.