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Berlin, Alexanderplatz, Rotes Rathaus, 1900

13.4.2016 | Von:
Prof. Dr. Benjamin Ziemann

Das Ende des Kaiserreichs: Weltkrieg und Revolution

Revolte und Revolution: Massenbewegungen 1917-1918

Durch seine lange Dauer führte der Krieg zu einer Zuspitzung und Verschärfung der sozialen Ungleichheit in der deutschen Gesellschaft. Deren klassengesellschaftliche Dimension trat immer deutlicher hervor, ohne dass alle Klassen und Sozialgruppen davon jeweils einheitlich betroffen waren. Auf der einen Seite standen die wachsenden Kriegsgewinne indus­trieller Unternehmer, vor allem jener, die Waffen und Ausrüstungsgegenstände für das Militär herstellten. Bei der Firma Krupp etwa stiegen die jährlichen Gewinne von 1913 bis 1917 um mehr als das Doppelte. Mit der zunehmenden Knappheit an Nahrungsmitteln nahm die Bedeutung des Tauschs auf dem Schwarzmarkt zu. Ab 1916 wurde etwa ein Drittel aller Nahrungsmittel hier gekauft. Schleichhändler, die städtischen Konsumenten Lebensmittel zu überhöhten Preisen verkauften, wurden zum Symbol wachsender sozialer Ungleichheit. Besitzende Bauern profitierten davon, dass sie als Selbstversorger hinreichenden Zugang zu Nahrungsmitteln hatten und die im Krieg ansteigende Inflation zur Entschuldung ihrer Anwesen nutzen konnten. Aber nicht alle Angehörigen des Bürgertums profitierten vom Krieg. Die Realeinkommen der Beamten etwa sanken, die der höheren Besoldungsstufen real bis 1918 um nicht weniger als 53 Prozent.

Uneinheitlich ist das Bild auch bei den unteren Sozialschichten. Auf der einen Seite verschärfte der Krieg die Arbeits- und Lebensbedingungen der Industriearbeiter. Die Arbeitszeit nahm zu, und gerade in der Munitionsproduktion kam es zu vielen Arbeitsunfällen und gesundheitlichen Schädigungen. Auf der anderen Seite stiegen die Löhne nominell (d. h. nicht um die Inflation bereinigt) bis 1918 um mehr als das Doppelte. Die vermehrte Verfügung über Geldeinkommen vor allem durch jugendliche Arbeiter wurde als ein moralisches Krisensymptom der Kriegsgesellschaft aufmerksam registriert. Behörden und bürgerliche Sozialreformer wollten darauf mit einem "Sparzwang" reagieren. Angesichts des begrenzten Zugangs zu Nahrungsmitteln sanken die Reallöhne der Arbeiterschaft jedoch insgesamt leicht ab.

Während es so zu einer Zunahme der Unterschiede und auch der Spannungen zwischen den sozialen Klassen kam, trat ab 1916 noch ein anderer Konflikt in der Kriegsgesellschaft hervor: der Gegensatz zwischen Stadt und Land, städtischen Konsumenten und bäuerlichen Produzenten von Nahrungsmitteln. Die durch die alliierte Blockade sinkende Zufuhr von Kunstdünger, der Arbeitskräftemangel und die Requirierung von Pferden führten rasch zu einem massiven Rückgang der Agrarproduktion in allen Bereichen. Die Produktion von Weizen etwa sank bis 1918, verglichen mit dem letzten Vorkriegsjahr 1913, auf die Hälfte.

Hinzu kam eine verfehlte staatliche Agrarpolitik, die durch die Deckelung der bäuerlichen Verkaufspreise und Ablieferungsquoten verfehlte Anreize setzte und die Bauern so zum Verkauf auf dem Schwarzmarkt motivierte. Die 1916 einsetzende Mangel­ernährung weiter Bevölkerungskreise in den Städten war die Folge. Dabei sank nicht nur die Menge, sondern auch die Qualität der verfügbaren Nahrungsmittel, vor allem der sogenannten Ersatz-Lebensmittel. In der städtischen Arbeiterschaft wuchs der Unmut über die Bauern, die angeblich Nahrungsmittel in ihren Scheunen horteten. Diese dagegen empörten sich über die rapide wachsende Zahl von Felddiebstählen und Hamsterern.

Die zunehmende Verschärfung der sozialen Ungleichheit war neben der Dauer des Krieges der wichtigste Faktor für den tiefgreifenden Verlust an Legitimität, den der wilhelminische Staat bis 1918 erlebte. Der Legitimitätsverfall des Staates höhlte zugleich den "Burgfrieden" aus und schuf damit die Voraussetzungen für eine revolutionäre Situation, wie sie sich seit Anfang 1918 entwickelte. Das wachsende Protestpotenzial zeigte sich zuerst an einem Konflikt über Lebensmittel. Im Oktober 1915 kam es im Berliner Arbeiterviertel Lichtenberg erstmals zu Lebensmittelkrawallen. Über mehrere Tage hinweg protestierten Arbeiterfrauen lautstark über den Mangel an Butter und das aggressive Verhalten der Kaufleute. Weitere Proteste dieser Art in Hamburg, Chemnitz und Nürnberg folgten im selben Jahr. Dabei wurden Schaufenster zerstört, und vor den Rathäusern versammelte Menschenmengen forderten "Frieden und Brot". Der Legitimitätsverlust des Staates entfaltete sich 1915/16 auch unter den Soldaten an der Front. Für diese schien es zunehmend offensichtlich, dass der Krieg nicht der Verteidigung Deutschlands diente, wie es die offizielle Rhetorik behauptete. Zudem schürten Konflikte zwischen Offizieren und Mannschaften die Wahrnehmung klassengesellschaftlicher Ungleichheit auch an der Front. Eine wachsende Zahl von Frontsoldaten öffnete sich sozialdemokratischen Vorstellungen von einem vor allem im Interesse des Großkapitals geführten Krieg.

Die Politik des Burgfriedens hatte zunächst kriegskritische Verlautbarungen und Maßnahmen der SPD verhindert. Doch das führte die Partei vor eine Zerreißprobe. Schon im Dezember 1915 stimmten 18 Reichstagsabgeordnete der SPD um deren Vorsitzenden Hugo Haase gegen weitere Kriegskredite. Karl Liebknecht, Führer der radikalen Linken, hatte dies bereits im März 1915 getan. Nach ihrem Ausschluss aus der Fraktion im März 1916 gründeten die 18 Abgeordneten die "Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft". Sie entwickelte sich rasch zum Zentrum einer systematischen Kritik an der Burgfriedenspolitik der Parteimehrheit, die 1917 zur offenen Spaltung der Partei führte.

Die im April 1917 gegründete Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) vereinte traditionelle Vertreter der Parteilinken mit eigentlich der Parteimitte angehörenden, "zentristischen" Kritikern des Burgfriedens. Vor allem in den industriellen Zentren des Reiches mit vielen jugendlichen Arbeitern wie Berlin, Nürnberg, München oder Braunschweig entwickelte sich die USPD rasch zur Massenpartei. Die mangelnde Reformbereitschaft der Reichsleitung verschärfte das Protestpotenzial. Zwar hatte Kaiser Wilhelm II. in seiner Osterbotschaft im April 1917 eine Reform des preußischen Dreiklassenwahlrechts in Aussicht gestellt. Doch das blieb leere Hinhalterhetorik, die zum Legitimitätsverlust des Staates unter der Masse der Bevölkerung den der Monarchie hinzufügte.

Bereits im April 1917 kam es in Berlin, Leipzig und einigen anderen Städten zu Massenstreiks der Industriearbeiter. Der Januarstreik 1918 war dann bereits eine Generalprobe für die Revolution. An ihm beteiligten sich rund eine Million Arbeiter, allein in Berlin etwa 400.000. Neben einem sofortigen Friedensschluss ohne Annexionen forderten sie eine umfassende Demokratisierung, die Parlamentarisierung des Reiches und die Aufhebung des Belagerungszustandes. Nur durch das beschwichtigende Eingreifen von Führern der Mehrheits-SPD, durch Verhaftungen und die Einberufung von Streikführern zum Militär konnte der Staat die Streikwelle niederschlagen. Der Beginn der deutschen Frühjahrsoffensive an der Westfront am 21. März 1918, die rasch erhebliche Geländegewinne mit sich brachte, ließ das Protestpotenzial kurzfristig abflauen. In Erwartung einer siegreichen Offensive lehnten viele Soldaten an der Front den Januarstreik ab. Doch das rasche Festlaufen der Offensive führte bald zu einem dauerhaften Stimmungsumschwung, den der Beginn der alliierten Gegenoffensive ab Juli noch verstärkte.

Seit August setzte ein "verdeckter Militärstreik" (Wilhelm ­Deist) der Frontsoldaten im Westen ein. Zu Hunderttausenden entfernten sie sich von der Truppe und bahnten sich auf eigene Faust einen Weg Richtung Heimat durch das belgische Etappengebiet. Dem Militär als dem Garanten des wilhelminischen Herrschaftssystems war damit bereits der Boden entzogen, noch bevor die Meuterei der Kieler Matrosen am 29. und 30. Oktober das Signal zur Revolution gab. Die Seekriegsleitung hatte den Befehl zum Auslaufen der Flotte gegeben, den die Matrosen als Selbstmordkommando interpretierten. Durch die Bildung von Soldatenräten organisatorisch unterstützt, griff ihre Meuterei rasch auf andere Seekriegshäfen über. Entlang der Bahnlinien breitete sich die Revolution dann rasch auf die Garnisonen des Heimat­heeres aus. Unabhängig davon hatte der bayerische USPD-Führer Kurt Eisner in München bereits am 8. November die Republik ausgerufen und damit die Monarchie der Wittelsbacher gestürzt.

Die Oberste Heeresleitung weigerte sich bis zum September 1918, die durch das Scheitern der Märzoffensive und die alliierten Erfolge geschaffene Kriegslage anzuerkennen. Dann jedoch forderte sie von den zivilen Instanzen am 29. September die Einleitung von Waffenstillstandsverhandlungen. In einem Notenwechsel mit dem US-Präsidenten Woodrow Wilson verhandelte die Reichsleitung die Bedingungen für einen Waffenstillstand. Bald forderte Wilson darin auch eine fundamentale Reform des politischen Systems in Deutschland. Neben den Mehrheitsparteien des Interfraktionellen Ausschusses befürwortete nun auch die OHL eine Parlamentarisierung des Reiches. Sie hoffte, damit die Verantwortung für die Niederlage auf die zivilen Politiker abwälzen zu können. Am 26. Oktober verabschiedete der Reichstag die sogenannten Oktoberreformen, mit denen das Reich den Übergang zu einer parlamentarischen Monarchie vollzog: Der Kanzler war nunmehr allein vom Vertrauen des Reichstages abhängig, und der Dualismus von Bundesrat und Reichstag wurde zugunsten des letzteren aufgehoben.

Doch diese Parlamentarisierung in letzter Minute konnte die Schubkraft der Ende Oktober anhebenden revolutionären Massenbewegung nicht mehr bremsen. Nach Kiel und München wurde Berlin zum dritten zentralen Schauplatz der Revolution. Der linke Flügel der USPD und die zahlenmäßig kleine "Spartakusgruppe" um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht mobilisierten hier Anfang November zahlreiche Arbeiter zu einem revolutionären Massenstreik. Die Berater des Kaisers im Großen Hauptquartier und die OHL gelangten nun rasch zur Einsicht, dass eine Verwendung des Militärs zur Niederschlagung der Revolution unmöglich sei. Der letzte Reichskanzler, Prinz Max von Baden, erklärte am 9. November öffentlich die Abdankung des Kaisers. Zugleich übertrug er das Amt des Reichskanzlers an den Führer der Mehrheitssozialdemokraten, Friedrich Ebert. Am Mittag desselben Tages rief dessen Parteigenosse Philipp Scheidemann vom Balkon des Reichstages die "deutsche Republik" aus.

Die Revolution hatte das monarchische System des Kaiserreichs beiseite gefegt. Als revolutionäre Übergangsregierung bildete sich der Rat der Volksbeauftragten, der aus je drei Vertretern von MSPD und USPD bestand. Die Volksbeauftragten proklamierten umgehend Wahlen zu einer Verfassunggebenden Nationalversammlung. Während die revolutionären Auseinandersetzungen und Kämpfe in verschiedenen Teilen Deutschlands weiter andauerten, war damit der erste Schritt zu einer parlamentarischen Republik getan.