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Kirche in Deutschland

4.8.2009 | Von:

Stellung in der modernen Gesellschaft

Innergesellschaftliche Aktionsfelder

Staat und Politik: Nach wie vor übt das Christentum einen erheblichen Einfluss auf Staat und Politik aus.
  • Im Staat selbst bildet sich in vielfältiger Weise ab, dass Religionen Bestandteil des Gemeinwesens sind. Hier wäre der große Bereich der "Zivilreligion" zu betrachten, also staatliche Zeichen und Handlungen, die sich aus Religionen ableiten lassen. In Deutschland zählen dazu Phänomene wie der Bezug auf Gott in der Präambel des Grundgesetzes, die freiwillige Eidesformel "so wahr mir Gott helfe" bei der Vereidigung von Ministern und Rekruten der Bundeswehr, das musikalische Gebet beim Großen Zapfenstreich der Bundeswehr, die Kreuze in bayerischen Klassenzimmern sowie die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten vor einem geschmücktem Tannenbaum. Im weiteren Sinne gehört zur Zivilreligion auch die Militärseelsorge zur geistlichen Betreuung der Angehörigen der Bundeswehr.
  • Darüber hinaus gibt es seit dem Kaiserreich Parteien, die sich in ihrem Selbstverständnis ausdrücklich auf Religion beziehen. So legen die CDU und die CSU, die Nachfolger der katholischen Zentrumspartei, ihren Parteiprogrammen ausdrücklich die aus "dem christlichen Verständnis vom Menschen und seiner Verantwortung vor Gott" (CDU) bzw. dem "christlichen Menschenbild" (CSU) abgeleiteten Werte zugrunde.
  • Schließlich haben die meisten deutschen Politikerinnen und Politiker als Individuen eine Erziehung durchlaufen, die sie in der einen oder anderen Weise mit der Kirche in Berührung gebracht hat. Insofern das Christentum Teil ihrer je eigenen Bildungsgeschichte ist, kann man von einer (mehr oder minder ausgeprägten) Religiosität von Politikerinnen und Politikern sprechen. Unter den Bundestagsabgeordneten der derzeitigen Legislaturperiode hat sogar eine erstaunlich hohe Anzahl Theologie studiert (katholisch: vier; evangelisch: elf). In der Rangfolge der im Bundestag vertretenen Berufsgruppen liegen die Geistlichen mit zwölf Vertretern auf Platz 9. Dementsprechend ist mit unterschiedlichen Graden von Beeinflussung politischen Handelns durch Maßstäbe, Parameter oder Interessen zu rechnen, die direkt oder indirekt vom Christentum ableitbar sind und sich aus den Biographien der einzelnen Politikerinnen und Politiker ergeben. Die Religiosität von Politikern ist indessen in Deutschland noch ungenügend erforscht. Erst in neuester Zeit schenkt die Politikwissenschaft diesem Aspekt politischen Handelns größere Aufmerksamkeit. Es gibt allerdings Anzeichen dafür, dass die religiöse Individualisierung auch in den politischen Biographien ihren Niederschlag gefunden hat, dass der Einfluss der Kirchenbindung zurückgegangen ist und weiter zurückgeht.
Natürlich versuchen die Kirchen, den noch vorhandenen Einfluss zu sichern und zu mehren. Dies geschieht in Staat und Politik auf vielen Ebenen, durch öffentliche Stellungnahmen und Verlautbarungen ebenso wie durch stille Einflussnahme, etwa durch den "Bevollmächtigten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union" (derzeit: Prälat Dr. Bernhard Felmberg) oder durch den Leiter des "Katholischen Büros in Berlin" (derzeit: Prälat Karl Jüsten), die kirchlichen Lobbyisten im Bundestag.

Wirtschaft: Auch im Bereich der Ökonomie ist der Einfluss des Christentums erheblich.
  • Die Religiosität von Unternehmern beeinflusst ebenso wie die von Arbeitnehmern das wirtschaftliche Handeln und hat in der Vergangenheit zu weitreichenden Thesen geführt. So sah Max Weber einen Zusammenhang zwischen der calvinistischen Ethik und dem "Geist" des Kapitalismus. Zwar sind die großen Vereinigungen und Verbände der Arbeitgeber auf der einen und die klassischen Gewerkschaften auf der anderen Seite nicht religiös geprägt. Gleichwohl gibt es in Deutschland sowohl christliche Unternehmerzirkel als auch christliche Arbeitnehmerbewegungen, Vereine und Gewerkschaften.
  • Daneben machen die Kirchen besondere pastorale, soziale und pädagogische Angebote im Bereich der Arbeitswelt, etwa durch den "Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt" oder das "Kolpingwerk Deutschland". Ersterer setzt sich für humane und sozial gerechte Bedingungen in der Arbeitswelt ein und begleitet und unterstützt Menschen etwa durch Informations- und Fortbildungsangebote in ihrer christlichen Existenz innerhalb ihres beruflichen Umfelds. Das Kolpingwerk ist aus einem Verein für Handwerksgesellen hervorgegangen und sieht heute als wesentliche Aufgaben unter anderem die Jugendsozialarbeit und die Arbeit mit Familien.
  • Die Kirchen versuchen auch durch bestimmte Aktionen, aus christlichen Grundsätzen abgeleiteten ethischen Maximen öffentliche Geltung zu verschaffen. So waren kirchliche Gruppen in der Vergangenheit maßgeblich an einem Wirtschaftsboykott gegen Südafrika zur Abschaffung der Apartheid beteiligt ("Kauft keine Früchte aus Südafrika", seit 1977) und engagieren sich heute in vielfältiger Weise im Kampf gegen eine Globalisierung auf dem Rücken der Armen, etwa durch die Einrichtung oder Unterstützung von "Eine-Welt-Läden" und durch die Beteiligung an der Fairtrade-Bewegung.
  • Schließlich sind die Kirchen selbst in vielfältiger Weise unternehmerisch tätig. Im Bereich des so genannten Dritten (oder: Non-Profit-) Sektors, also dem weder gewinnorientierten noch staatlichen Teil der Wirtschaft, sind sie durch ihre diakonischen und karitativen Unternehmungen die größten Arbeitgeber, indem sie beispielsweise Kindergärten, Kindertagesstätten, Schulen, Krankenhäuser und Behinderteneinrichtungen betreiben.
    • Das Diakonische Werk der EKD, der Dachverband der Diakonischen Werke der 22 Landeskirchen der EKD und weiterer Institutionen umfasst fast 27 500 selbstständige Einrichtungen unterschiedlicher Größe und Rechtsform mit über einer Million Betreuungsplätzen. Darin sind mehr als 435 000 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter voll- oder teilbeschäftigt.
    • Im Deutschen Caritasverband e.V., dem Wohlfahrtsverband der katholischen Kirche, sieht es ähnlich aus: Es gibt mehr als 25 000 Caritas-Einrichtungen, die sich der Gesundheits-, Jugend-, Familien-, Alten- und Behindertenhilfe widmen sowie Hilfen in sozialen Notlagen leisten oder der Aus- und Fortbildung dienen. Hier sind insgesamt rund 520 000 Menschen hauptberuflich tätig.
    Das heißt, dass in Deutschland mehr als 950 000 Menschen im Bereich des Dritten Sektors in kirchlichen und kirchennahen Einrichtungen arbeiten.

    Zur Finanzierung und zum ökonomischen Schutz dieser und anderer Unternehmungen haben sich ein umfangreiches kirchliches Bankenwesen sowie kirchliche Versicherungsunternehmen entwickelt.

    Als ökonomischer Faktor nicht zu unterschätzen ist auch die Produktion von Gütern, die im weitesten Sinne mit Religion zu tun haben. Das reicht von der Herstellung religiöser Medien (Bücher, Filme, Musik) über die Architektur (Kirchenbau) bis hin zur Fabrikation von Devotionalien (Kreuzen, Amuletten).
Über Deutschland hinaus sind die Kirchen mit ihren großen Hilfswerken wie "Brot für die Welt" und "Misereor" tätig, um weltweit Not zu lindern und es unterprivilegierten und benachteiligten Menschen zu ermöglichen, am Produktionsprozess teilzunehmen und ihren Lebensunterhalt auf diese Weise nachhaltig zu sichern.

Quellentext

Brot für die Welt

[...]. Die Debatte, wie politisch "Brot für die Welt" sein darf, hat die Arbeit des Hilfswerks von Anfang an begleitet. Und diesen Anfang markierte eine Zigarrenkiste. Ende der fünfziger Jahre wollten die Christen der Welt etwas von dem zurückgeben, was sie selbst nach dem Krieg so reichlich erhalten hatten: Hilfe in der Not. "Für die Hungernden" schrieb Lothar Kreyssig, Mitglied der Bekennenden Kirche und später Gründer von "Aktion Sühnezeichen", auf eine Zigarrenkiste, die er im kirchlichen Amt in Berlin aufstellte. Dort war man sich schnell einig - hier eine Initiative und da eine Aktion, das führt zu nichts. Als im April 1959 die katholische Bischofskonferenz unter dem Motto "Misereor" zu einem Fastenopfer gegen Armut, Hunger und Krankheit in der sogenannten Dritten Welt aufrief, drängte Christian Berg, damals Generalsekretär des Evangelischen Hilfswerks und Direktor der Ökumenischen Abteilung des Diakonischen Werkes, auf eine gleichgerichtete Aktion der Protestanten in der nächsten Adventszeit. Als Kampagnentitel wurden die abenteuerlichsten Namen durchdacht: "Lazarus vor Europas Tür" oder "Denn sie sollen satt werden". Eines Tages im Juli 1959 kam Berg [...] in sein Barackenbüro, rief die Mitarbeiter zusammen und fragte sie: "Was haltet ihr von Brot für die Welt?"

[...] "Brot für die Welt" - das war in den ersten Jahren wörtlich gemeint. Hungerkatastrophen im afrikanischen Biafra und in Indien machten Schlagzeilen. Akute Überlebensnot zu lindern galt als das Gebot der Stunde. Auf den Sammelbüchsen war die bekannte "Hungerhand" des Berliner Künstlers Rudi Wagner zusammen mit der Zeile "Wenn Du wieder satt geworden bist, gib 5 Pfennig für die Hungernden" abgebildet. Dieser heute seltsam fremd anmutende Satz traf das damalige Lebensgefühl der Deutschen, denen trotz Wirtschaftswunder die eigene Hungerzeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch lebhaft in Erinnerung war.
Schon bald begannen sich die Prioritäten zu ändern. "Brot für die Welt" gewährte nicht mehr nur Hungerhilfe, sondern unterstützte Projekte wie die Bananenkampagne, die von Kleinbauern angebaute Früchte aus Costa Rica nach Deutschland schaffte. Es wurden Minenräumaktionen in Angola, Behindertengruppen in Botswana, Menschenrechtsarbeit in Paraguay, Erziehungskurse für Mädchen und Frauen in indischen Slums gefördert. Aktuell existieren knapp 1 200 Projekte - jeweils zu einem Drittel in Afrika, Asien und Lateinamerika. Hinter diesen so ungleichen Initiativen verbirgt sich ein Grundgedanke: Hilfe zur Selbsthilfe. [...]
Gleichzeitig wurde die Arbeit politischer und selbstkritischer. Friedenspolitik, Menschenrechte, Frauenförderung, Neokolonialismus, strukturelle Gewalt zwischen Reich und Arm waren die neuen Stichworte in den Entwicklungsdebatten. Im Advent 1970 stand eine Kampagne erstmals unter dem Motto "Den Frieden entwickeln". Sie öffnete sich der Theologie der Befreiung und geißelte die "systematische Ungerechtigkeit in der Weltwirtschaft". 1977 rief das Hilfswerk die "Aktion e" aus - "einfacher leben - einfach überleben - Leben entdecken" - und forderte ein Umdenken im Lebensstil der reichen Nationen. Statt der bittenden "Hungerhand" zeigten die Plakate nun die Hände eines Dritte-Welt-Bauern, der gewissenhaft und sachkundig sein Feld bestellt. Dies war kein Almosenempfänger mehr, sondern der eigentliche, aktive Träger der Entwicklung.
Nach zwei Jahrzehnten zog die Zeitschrift "Diakonie" eine erste selbstkritische Bilanz des Wandels und sprach von "schmerzhaften Lernprozessen beim Abschied von den missionarisch-paternalistischen Hilfskonzepten". Der damalige Direktor Hans-Otto Hahn konstatierte: "Als Brot für die Welt begann, den direkten Zusammenhang zwischen unserem Überfluss und dem Hunger der anderen beim Namen zu nennen, war die Empörung groß."
Heute steht die Entwicklungsarbeit vor allem unter dem Eindruck des Klimawandels. "Nachhaltige Landwirtschaft" und "klimasichere Ernährung" wurden zu Kernthemen der Sammelaktionen. Immer wieder pocht "Brot für die Welt" darauf, dass nachhaltige Verbesserungen im Leben der Armen nur möglich sind, wenn sich die Strukturen in den Ländern des Südens und die Gesetze im internationalen Welthandel ändern. "Gottes Spielregeln für eine gerechte Welt" hieß die Leitidee der Spendenaktion 2007. Das Jubiläumsmotto 2008 "Es ist genug für alle da" will diese Botschaft von globaler Gerechtigkeit weiter vertiefen. [...]

Martin Gehlen, "Wie uns die Zeiten ändern", in: Der Tagesspiegel vom 29. November 2008

Bildungswesen: Kirchen unterhalten eigene Kindergärten, Kindertagesstätten und Schulen und nehmen dadurch einen erheblichen Einfluss auf die Bildung und Ausbildung.

Auch hier eine Zahl: Die letzterhobene Statistik (Schuljahr 2002/03) weist für die Bundesrepublik 1164 katholische Schulen mit etwa 368 000 Schülerinnen und Schülern aus. Ihnen stehen derzeit 988 evangelische Schulen mit etwa 147 000 Schülerinnen und Schülern gegenüber. Dieses Schulangebot trifft vor allem in den neuen Bundesländern, in denen es durch den herrschenden Sozialismus zu einem starken Rückgang des Bildungsbürgertums kam, auf eine gesteigerte Nachfrage.

Dabei muss man sich allerdings bewusst bleiben, dass der Löwenanteil der Finanzierung nicht von den Kirchen, sondern vom Staat getragen wird. Der Trägeranteil der Kirchen bei den Kindergärten beträgt heute deutlich unter 20 Prozent. Dies wirft Fragen im Hinblick auf die Aufnahmeverfahren in diesen Einrichtungen auf: Ist es zulässig, dass in einen kirchlichen Kindergarten überwiegend oder bevorzugt Kinder der eigenen Konfession aufgenommen werden, wenn die Kosten ganz überwiegend von der Allgemeinheit getragen werden?

Demgegenüber haben die kirchlichen Akademien (15 evangelische, 24 katholische), die früher - ähnlich wie die Denkschriften und Hirtenbriefe - entscheidend zur Meinungsbildung beitrugen und öffentliche Debatten nicht selten vorantrieben, erheblich an Attraktivität verloren. Die deutlich zurückgegangene Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und deren gestiegener Altersdurchschnitt haben auf Seiten der Anbieter zu erheblicher Unsicherheit geführt. Zwar gibt es unverändert zahlreiche Veranstaltungen, in denen gesellschaftliche Strömungen oder Probleme thematisiert und theologisch bearbeitet und geistliche Hilfestellungen gegeben werden. Aber viele Einrichtungen reagieren auf die veränderten Rahmenbedingungen auch mit einer Tendenz zur "Entkirchlichung" und "Enttheologisierung" ihres Tagungsprogramms zugunsten von Esoterik- und Wellness-Kursen. Doch begeben sie sich damit nicht selten in einen Teufelskreis, da ihr Angebot sich nur noch graduell von dem der Volkshochschulen unterscheidet. Am Ende steht oftmals die Schließung von Einrichtungen.

Medien: Schließlich sind die Kirchen auch in den Medien präsent. Sie üben so einen erheblichen kulturellen und intellektuellen Einfluss aus, der sich teilweise indirekt vollzieht. Diese Präsenz manifestiert sich in unterschiedlicher Weise:
  • Klassische Multiplikatoren religiöser Nachrichten sind die kirchlichen Nachrichtendienste, die "Katholische Nachrichtenagentur" (kna) und der "Evangelische Pressedienst" (epd). Daneben spielen die von der Evangelischen Allianz getragene Nachrichtenagentur "idea" sowie neuerdings die konservative katholische Nachrichtenagentur "kath.net" in der öffentlichen Wahrnehmung eine nicht unbedeutende Rolle.
  • Deutlich zurückgegangen ist hingegen in den letzten Jahren die Bedeutung einer eigenständigen kirchlichen Publizistik. So musste die evangelische Wochenzeitung "Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt" im Jahr 2000 eingestellt werden. Sie wurde in ein Monatsmagazin mit dem Namen "Chrismon" umgewandelt, das großen überregionalen Zeitungen beigelegt wird und daneben in einer erweiterten selbstständigen Ausgabe erscheint. Daneben gibt es nur noch das "Sonntagsblatt", eine evangelische Wochenzeitung für Bayern. Auf katholischer Seite gibt es die in Bonn erscheinende Wochenzeitung "Rheinischer Merkur" sowie die dreimal wöchentlich erscheinende konservative "Tagespost" (Würzburg), wobei allerdings nur dem "Rheinischen Merkur" eine nennenswerte überregionale Bedeutung zukommt. An beiden Zeitungen sind die Bischofskonferenz und/oder Bistümer finanziell erheblich beteiligt.
  • Im Gegenzug haben die Kirchen in den letzten Jahren ihren Einfluss in den elektronischen Medien Fernsehen, Radio und Internet deutlich verstärkt. Zur Koordination dieser Aktivitäten verfügen sie über eigene Medienbeauftragte bzw. Abteilungen.
    • Die Kirchen sind nicht nur in den Rundfunk- und Fernsehräten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mit Sitz und Stimme vertreten - über die Kirchenredaktionen wird das Programm der großen Fernsehsender auch unmittelbar mit gestaltet: zum Beispiel durch das jeden Samstagabend ausgestrahlte "Wort zum Sonntag", durch die im Fernsehen übertragenen Gottesdienste sowie durch die Sendungen "Gott und die Welt" in der ARD und "37 Grad" im ZDF.
    • Daneben nehmen die Kirchen durch Produktions- und Sponsoringaktivitäten auf das kulturelle und mediale Leben Einfluss. So besitzt die EKD in der EIKON eine eigene Filmproduktionsfirma, die sich "in der deutschsprachigen Medienlandschaft als Vermittlerin der christlichen Botschaft, als Stimme der Schwachen, als Fenster nach Osteuropa und in die Dritte Welt sowie als Chance für Kreative auf Freiraum in Verantwortung" versteht. Ähnlich breit ist die katholische Kirche aufgestellt: Auch sie engagiert sich über die Firmen der TELLUX-Gruppe in der Produktion und sodann in der gesamten Verwertungskette von Filmen.
    • Darüber hinaus sind beide Kirchen an dem Fernsehsender Bibel-TV beteiligt, zu dem mit "[tru:] young television" neuerdings auch ein Jugendsender gehört. Einzelne Landeskirchen und Diözesen leisten sich weitere Fernseh- und Radioprogramme.
    • Auch die Internetpräsenz der Kirchen und christlichen Gruppen wurde in letzter Zeit erheblich ausgebaut und hat zu einer unübersichtlichen Vielfalt geführt. Alle Landeskirchen und Diözesen verfügen über umfangreiche Webportale mit einem vielfältigen Angebot. Man experimentiert online mit "Kirchenfernsehen", "heavenradio", mit Internetvideoportalen, mit Andachten als podcasts und Seelsorge in chatrooms.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Einfluss der Kirchen in der deutschen Gesellschaft immer noch erheblich ist, sich aber von Formen offener Einflussnahme zunehmend auf Formen indirekter Beeinflussung verlagert. Dies ist möglicherweise als Reflex auf die abnehmende Kirchenbindung und den Vertrauensverlust gegenüber den Kirchen als Institutionen zu deuten.

Konfliktthemen: Als Folge dieser komplexen Gemengelage im Miteinander von Kirche und Gesellschaft kommt es immer wieder auch zu teilweise heftig ausgetragenen Konflikten.
  • Größter Problempunkt ist für die Kirchen derzeit die Aufrechterhaltung des Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen. Obwohl er in GG Art. 7 Abs. 3 garantiert ist, gelten (neben dem Sonderfall Bremen) für die Bundesländer Brandenburg und Berlin rechtliche Ausnahmeregelungen. Sie rühren nicht zuletzt daher, dass in den neuen Bundesländern Religion zu DDR-Zeiten kein ordentliches Lehrfach gewesen war und durch die Wiedervereinigung hier Regelungsbedarf entstand. In Berlin scheiterte am 26. April 2009 ein Volksentscheid des Vereins "Pro Reli" e.V., der darauf abzielte, älteren Schülern die Entscheidungsfreiheit zwischen den Wahlpflichtfächern Religion und Ethik zu ermöglichen. Die Auseinandersetzungen werden auch dadurch verschärft, dass nach neuesten Umfragen eine Mehrzahl der Deutschen dafür ist, dass ein Werte- und Ethikunterricht an Schulen Pflichtfach wird.
  • Demgegenüber spielen andere Konflikte im Augenblick eine eher untergeordnete Rolle. Erinnert sei etwa an das "Kruzifix-Urteil" des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1995, das die Anbringung von Kreuzen in bekenntnisfreien Schulen als Verstoß gegen GG Art. 4 Abs. 1 wertete.
  • In Zeiten finanzieller Engpässe steht auch die Frage der Existenz theologischer Fakultäten an staatlichen Universitäten und deren Größe wiederkehrend auf der Tagesordnung und muss durch komplexe Verhandlungen zwischen den Ländern und den Kirchen geregelt werden.
  • Ein Dauerthema der öffentlichen Diskussion sind die Versuche, die Ladenöffnung an Sonn- und Feiertagen durchzusetzen, die aber bisher stets am Widerstand des Bundesverfassungsgerichts gescheitert sind.
  • Neuestens gibt es Kontroversen um das Verhältnis von zivilrechtlicher und kirchlicher Eheschließung infolge der Novellierung des Personenstandsgesetzes, die zu Anfang des Jahres 2009 in Kraft getreten ist. Danach ist es nunmehr erlaubt, ohne vorherige standesamtliche Trauung kirchlich zu heiraten, womit die Vorordnung der Zivil- vor die kirchliche Ehe, wie sie seit Einführung der Zivilehe im Jahre 1875 bestanden hatte, abgeschafft wurde. Dies wird von Staatskirchenrechtlern, aber auch von jüdischen Gelehrten teilweise abgelehnt, da sie das einheitliche, staatliche und religiöse Ordnungen übergreifende Eheverständnis akut bedroht sehen. Auch wird davor gewarnt, dass sich die rechtliche Situation der nur kirchlich verheirateten Paare im Todesfall eines der Partner oder bei Trennung durch den Wegfall der zivilrechtlichen Trauung verschlechtert.
Erstaunlicherweise kein zentraler Diskussionspunkt ist derzeit in der öffentlichen Debatte die Kirchensteuer, obwohl sie von explizit freigeistigen und atheistischen Kirchengegnern wie etwa den Mitgliedern und Unterstützern der "Humanistischen Union", des "Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten e.V.", oder des "Humanistischen Verbandes Deutschland" (HVD) unverändert als das deutlichste Zeichen einer fortdauernden Verflechtung von Staat und Kirche bekämpft wird. Von einer ähnlich säkularen Weltsicht inspiriert ist der jüngste Versuch der "Giordano Bruno Stiftung", über eine Petition an Bundesrat und Bundesländer zu erreichen, dass der Feiertag "Christi Himmelfahrt" in "Evolutionstag" umbenannt wird.

Größer als zwischen dem Staat und den Kirchen sind die Konfliktfelder in der bundesdeutschen Gesellschaft derzeit im Umgang mit dem Islam. Sie betreffen etwa die Stellung und die Rechte von Frauen, die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen, den Bau von Moscheen, den Gebrauch der deutschen Sprache in Moscheen und die Frage des Tragens eines Kopftuchs als religiöses Zeichen in Schulen.