Zum Reformationsjubiläum 1617 illustriert ein Flugblatt einen prophetischen Traum Friedrichs des Weisen

11.8.2017 | Von:
Luise Schorn-Schütte

Beabsichtigte Folgen der Reformation

Unterschiedliche Wege der Verbreitung

Die zeitgleiche Verbreitung der Reformation im Europa des 16. Jahrhunderts traf auf unterschiedliche politische Rahmenbedingungen. Der Verlauf der Kirchenbildung war deshalb regional sehr verschieden. Dort, wo die weltliche Obrigkeit die reformatorische Bewegung bewusst förderte, konnte sie in vielen Fällen ihre Herrschaft stärken.

Das gilt für Schweden ebenso wie für das mit jenem verbundene Finnland. Dort beschloss der Reichstag 1527, die Kirche in beiden Regionen direkt der Krone zu unterstellen und die Kirchengüter dem Monarchen zu übertragen. In Schweden wie auch in anderen europäischen Regionen wirkten Theologen, die in Wittenberg ausgebildet worden waren, für eine organisatorische Festigung im Sinne der lutherischen Entwicklung.

Eine etwas andere Entwicklung lässt sich in Dänemark ebenso wie in etlichen Hansestädten an der Ostsee (Riga, Reval) beobachten. Dort scheinen die reformatorischen Tendenzen zunächst durch deutsche Kaufleute und deutschsprachige Theologen wirksam geworden zu sein. Auch etliche Adlige griffen die Bewegung auf. Erst in einem zweiten Schritt unterstellte der dänische König 1536 das Land einer durch den Reformator Bugenhagen entworfenen einheitlichen Kirchenordnung.

In England wurde die Reformation nachweislich als machtpolitisches Instrument durch König Heinrich VIII. (1491–1547) eingeführt, 1534 entstand die anglikanische Staatskirche mit dem König als Oberhaupt. Erst unter dem protestantisch erzogenen Eduard VI. (1537–1553) setzte 1547 eine Stärkung der Gemeinde ein, die protestantische Theologen vom europäischen Kontinent unterstützten.

Demgegenüber war die Reformation in Frankreich und in den nördlichen Niederlanden von Anfang an eine durch (lutherische) Theologen, Stadtbürger und Adlige getragene gemeindekirchliche Bewegung, die in Frankreich allerdings auf energischen Widerstand des katholischen Königshauses stieß.
In den 1550er- und 1560er-Jahren dominierte in beiden Regionen die Theologie des französischen Exiljuristen Jean Calvin. Dabei kennzeichnete die nördlichen Niederlande, dass dort die Selbstständigkeit der kirchlichen gegenüber der politischen Gemeinde betont wurde.
In Frankreich wurde die Kontroverse zwischen dem katholischen Königshaus und den protestantischen hochadligen und städtischen Eliten (Hugenotten) ab 1562 mit mörderischer Gewalt in Religionskriegen ausgetragen. Ebenso kämpften die unter spanischer Herrschaft stehenden katholischen Landesteile der Niederlande ab 1566 gegen die Regionen, die sich zum Protestantismus bekannten. Auch dieser "Freiheitskampf", wie ihn die Zeitgenossen nannten, wurde über Jahrzehnte blutig ausgetragen.

Die Wirkung der Reformation in Ostmitteleuropa (Polen, Ungarn, Böhmen, Siebenbürgen) beruhte auf einem starken Rückhalt im regionalen Adel. Daraus erwuchsen gemeindechristliche Organisationsformen, wobei sich weitgehend die Theologie Calvins durchsetzte. Insbesondere die Entwicklung in Polen ist bemerkenswert: 1572 anerkannte der Sejm (der polnische Reichstag) das gleichberechtigte Miteinander von protestantischen, römisch-katholischen und orthodoxen Glaubensformen.

Die unterschiedlichen Wege, auf denen die reformatorische Bewegung in Europa Aufnahme und Verfestigung fand, belegen, dass sie keineswegs ausschließlich zur Verdichtung und Stärkung weltlicher Macht diente. Neben einer bewussten Instrumentalisierung waren gemeindebezogene Vielfalt und die Akzeptanz des Miteinanders gelebte Alternativen. Für das Europa des ausgehenden 16. Jahrhunderts war die Einheit der Christenheit beendet – das war die in Kauf genommene, bewusst eingesetzte und/oder gestaltete Wirkung der Reformation.