Zum Reformationsjubiläum 1617 illustriert ein Flugblatt einen prophetischen Traum Friedrichs des Weisen

11.8.2017 | Von:
Luise Schorn-Schütte

Nicht beabsichtigte Folgen

Verbreitung des Protestantismus

Alle Karten zur Konfessions- bzw. Religionsverteilung in Europa seit der Mitte des 16. Jahrhunderts belegen, dass die römisch-katholische Kirche ihre Dominanz im Großen und Ganzen behaupten konnte. Das Ende der Einheit der lateinischen Christenheit führte zur Verlagerung der Vorherrschaften, nicht jedoch zur allseits akzeptierten Mehrkonfessionalität in Europa.
Der Norden und der Nordosten wandten sich dem Protestantismus zu, das Alte Reich "mitten in Europa" regelte das Miteinander der Konfessionen im Augsburger Konfessionsfrieden 1555 so, dass auf der Ebene der Territorien Monokonfessionalität herrschte. Der Süden Europas blieb beim alten Glauben bzw. kehrte wieder zu ihm zurück. Lediglich in den Niederlanden wurde Mehrkonfessionalität praktiziert, auch wenn sie rechtlich nicht festgeschrieben war.

Migration: Diese Ausgangslage musste unweigerlich zur Konfessionsmigration führen, war es doch das Ziel der Obrigkeiten, konfessionell einheitliche Herrschaftsregionen zu erzwingen. Mit der Wanderung der englischen Calvinisten (Puritaner), die in der anglikanischen Kirche eine konsequente, reine (purus) Reformation vermissten und gerade deshalb nur die Gemeinde (congregatio) als Autorität anerkannten, begann zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine besonders nachhaltige Wanderungsbewegung, die aus Europa hinaus führte.

1608 wanderte eine geschlossene puritanische Gemeinde aus der Nähe der englischen Stadt York zunächst in die als tolerant betrachteten Niederlande weiter, um sich dort in der Stadt Leiden niederzulassen. 1617 verbanden sie sich dann mit einigen wohlhabenden Londoner Kaufleuten, um im Herbst 1620 in die englischen Kolonien in Nordamerika aufzubrechen, in denen konfessionelle Freiheit galt. Am 11. November 1620 landete diese Gruppe (102 Personen) mit dem Schiff Mayflower in der Bucht von Cape Cod.

Noch auf dem Schiff unterzeichneten 41 männliche Auswanderer, die sogenannten Pilgrim Fathers, den "Mayflower compact", eine Übereinkunft, die zum Gründungsmythos der Kolonien und der späteren Vereinigten Staaten wurde. In diesem Bund (covenant) verpflichteten sie sich, eine politische Gemeinschaft (civill body politick / politischer Körper) zu bilden, um sich an Land gegenseitig zu helfen, zusammenzubleiben und eine lebensbedrohliche Anarchie zu vermeiden. Der Bund hatte doppelten Charakter: Er war zugleich ein Bund der Pilgrim Fathers untereinander und ein Bund aller mit Gott. Für die Zeitgenossen war dies eine legitime Verknüpfung politischer und religiöser Ziele.

In der Kolonie Plymouth, die sich in den folgenden Jahren mühsam festigte, galten klare Vorgaben zur Verwirklichung protestantischer Lebensgemeinschaften. Die Organisationsformen folgten der calvinistischen Ämterlehre; Schulbildung war für alle vorgesehen, von den Gemeindemitgliedern wurden regelmäßiger Kirchgang und ein moralisch vorbildlicher Lebenswandel erwartet. Als Ausbildungsstätten für die Geistlichkeit wurden Colleges auch in anderen protestantischen Kolonien gegründet. Eines davon war das Harvard College (1636), benannt nach dem Stifter seiner Bibliothek.

Etwa 60.000 Siedler fanden im 17. und 18. Jahrhundert den Weg in die englischen Kolonien, darunter 20.000 Puritaner, die zwischen 1628 und 1640 ankamen. Nicht alle Auswanderer waren Protestanten, nicht alle kamen aus England. In der 1632 gegründeten Kolonie Maryland zum Beispiel siedelten sich katholische Exulanten (d. h. Glaubensflüchtlinge) aus dem Mutterland an, die sich im protestantischen England der konfessionellen Zuspitzungen nicht mehr sicher fühlten. Und nach der Aufhebung des Edikts von Nantes (1685) kamen Hunderte von Hugenotten aus Frankreich, um dem Glaubenszwang in ihrer Heimat zu entgehen. Diese zumeist gut ausgebildeten und wohlhabenden Exulanten wurden schnell integriert und gehörten bald zur Elite der englischen Kolonien.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts trafen neue Gruppen englischer Protestanten ein: Baptisten und Quäker. Sie siedelten zunächst in der 1636 gegründeten Kolonie Rhode Island, in der anders als in der strikt puritanisch geprägten Kolonie Massachusetts ein Nebeneinander verschiedener protestantischer Glaubensrichtungen zugelassen war.
Die Baptisten unterschieden sich vor allem in ihrer Ablehnung der Kindertaufe von den Puritanern, während die Quäker auf eine "innere Erleuchtung" bauten und dafür auf alle institutionalisierten Formen der Frömmigkeit (Liturgie, Sakramente) verzichteten. Mit der Gründung einer Eigentümerkolonie durch einen der führenden zeitgenössischen Quäker, William Penn (1681), fand diese protestantische Glaubensrichtung einen eigenen Siedlungsort in der Kolonie Pennsylvania. Eines der Merkmale dieser Gruppe war die Ablehnung jeglicher Gewaltanwendung.
Die englischen Koloniebildungen in Nordamerika führten dazu, dass diese Region im 18. Jahrhundert die dichteste Verbreitung des vielfältiger werdenden Protestantismus außerhalb Europas aufwies. Aufgrund der anhaltenden Zuwanderung setzte sich diese Entwicklung im 19./20. Jahrhundert fort. Vergleichbares lässt sich zeitlich parallel für Kanada feststellen.

Die Wanderungen waren aber nicht mehr ausschließlich religiös motiviert, im 19. und frühen 20. Jahrhundert hatten sie vor allem ökonomische und politische Gründe, und die Einwanderer brachten ihre evangelische, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts auch immer häufiger römisch-katholische Konfession mit.

Im frühen 19. Jahrhundert gab es einen starken Zustrom von Lutheranern aus Deutschland und Skandinavien, ihre neuen Kirchenformen wuchsen rascher als dies in ihren Ursprungsländern der Fall war. Das galt z. B. für eine pietistische  Brüdergemeinde aus Deutschland (Moravian Church), die sich besonders intensiv den schwarzen und den indianischen Bevölkerungsgruppen vor Ort zuwandte. Eine vergleichbare Entwicklung nahm auch der Methodismus. Er war aus einer englischen Bewegung entstanden, die dem deutschen Pietismus nahe stand. Aus beiden kirchlichen Gründungen speiste sich unter anderem die sogenannte Zweite Erweckung (Second Great Awakening) in den Vereinigten Staaten des frühen 19. Jahrhunderts.
Es waren gemeindechristliche Bewegungen, die keine staatskirchlichen Einbindungen kannten und suchten und deshalb mit der von der Verfassung der USA vorgegebenen Trennung von Kirche und Staat sehr gut zurechtkamen. Baptisten wie Methodisten öffneten sich rasch der schwarzen Bevölkerung (berühmter Prediger Martin Luther King, 1929–1968). Daraus entstanden eigene afrikanische Kirchen (African Churches). Die Sklavenfrage wurde für sie zur beherrschenden Problematik.
Nordamerika war durch die Migrantenströme zur Weltregion mit der größten Verbreitung der protestantischen Konfession geworden. Entsprechende Entwicklungen gab es aber ebenso in Australien, das seinerseits mehrheitlich Zuwanderer aus England anzog. In einigen südamerikanischen Ländern, die zuvor überwiegend römisch-katholisch gewesen waren, sorgten unter anderem Lutheraner aus Deutschland für neue konfessionelle Mehrheiten.

Nach Russland zogen ab der Mitte des 18. Jahrhunderts deutsche Kolonisten. Sie kamen als gut ausgebildete Spezialisten auf Einladung des russischen Zaren, der ihnen die konfessionelle Eigenständigkeit inmitten der russisch-orthodoxen Staatskirche zugesichert hatte. Es handelte sich mehrheitlich um Methodisten und Lutheraner; ihre Siedlungsgebiete fanden sie im Wolga- und Schwarzmeergebiet.

Mission: Erst im 18. Jahrhundert entwickelten auch die protestantischen Kirchen ihre eigene Mission, eine Form der Weitergabe des christlichen Glaubens, der von der römisch-katholischen Kirche seit jeher betrieben worden war. Den Anfang machten die pietistischen und Erweckungsbewegungen aus Deutschland und Skandinavien, unter dem Namen Second Awakening auch aus England. Damit verbreiteten sich die Herkunftskirchen der Missionare über die ganze Welt.

Den Anstoß gaben die missionarischen Bemühungen des lutherischen Dänemark um die Ureinwohner seiner nördlichen Kolonien in Grönland ebenso wie in einigen kleineren Kolonien in der Karibik, in Afrika und Indien. Eine weiterreichende Wirkung erzielte dann die Mission der Pietisten aus der Herrnhuter Brüdergemeine . Verschiedene Missionare wurden in die Kolonien europäischer Großmächte gesandt, wo sie eine unabhängige Kirchenorganisation (Moravian Church siehe oben) aufbauten.

Bemerkenswert war das Bemühen der Missionare, keine rassischen oder sozialen Unterschiede in den Kirchen zuzulassen. Auf diese Weise entstanden im 19. Jahrhundert weitere protestantische Kirchen in Indien, China, Japan und Indonesien. Angesichts des starken Bevölkerungswachstums in vielen dieser Regionen wuchsen auch die protestantischen Kirchen mit. Das führte dazu, dass heute "die Mehrheit der Protestanten [...] in Ländern lebt, in denen es sie vor dem 19. Jahrhundert nicht oder kaum gegeben hat", so die Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg 2017.