Zum Reformationsjubiläum 1617 illustriert ein Flugblatt einen prophetischen Traum Friedrichs des Weisen

11.8.2017 | Von:
Luise Schorn-Schütte

Nicht beabsichtigte Folgen

Protestantische Kultur

Die kulturellen Folgen der Reformation sind bis in die Gegenwart wirksam. Zu ihnen gehört die protestantische Kirchenmusik ebenso wie die Bedeutung der Predigt in den evangelischen Kirchen. Die Rolle der Predigt belegt nicht nur die sakrale Dominanz des Wortes, so wie es in der Bibel niedergelegt ist (sola scriptura), sondern zugleich die theologische Ausbildung des Pfarrers/der Pfarrerin, der/die das Wort kompetent auszulegen vermag. Sprachfähigkeit, Auslegungskompetenz, Musik als Teil der protestantischen Frömmigkeit, Theologie als Wissenschaft und damit ein umfassender Bildungsanspruch für die gesamte Gemeinde einschließlich ihres weiblichen Teils wurden zu Charakteristika für die protestantische Form des kirchlichen Lebens.

Das Pfarrhaus: All das wurde vorgelebt, idealisiert, kritisiert, verworfen oder weiterentwickelt im protestantischen Pfarrhaus. Es sollte als Partner und idealerweise seelsorgender Begleiter der Gemeinde wirken und wurde darüber hinaus zum Kern des protestantischen Familienideals mit theologiepolitischem Anspruch.

Wen wundert es, dass diese Erwartungen niemals völlig erfüllt wurden, dass das gläserne Haus vielmehr zur Last für seine Bewohner werden konnte und geworden ist? Die Kritik am Pfarrhaus als dem Beispiel eines "autoritären Familienmodells" ist in der Literatur des 19./20. Jahrhunderts ebenso präsent wie die Beschreibung geglückter Verwirklichung des Ideals, die es ja auch gegeben hat.
Der Kern des Pfarrhauses, die legitime Ehe des Pfarrers, wurde schon in der ersten Generation der Reformatoren zum Ausweis der reformatorischen Bewegung. In den Kirchenordnungen wurde festgelegt, dass der Pfarrer verheiratet sein sollte. Die Pfarrfrau hatte zunächst die wirtschaftliche Aufgabe, den zumeist mit Ländereien ausgestatteten Pfarrhaushalt zu organisieren und zu verwalten. Sehr rasch aber wurden ihr weitere Aufgaben in Gestalt sozialer, pädagogischer und geistlicher Hilfestellungen für die Gemeinde übertragen.

Neben dem gepredigten Wort in der deutschen, nicht mehr der lateinischen Sprache und dem Abendmahl in beiderlei Gestalt (Brot und Wein) war für die Gemeinden das prägendste Merkmal der neuen Konfession die Existenz eines legitim verheirateten Pfarrers, der neben vielen Büchern viele Kinder hatte (multi libri et multi liberi). Auf den Dörfern entstand die erste Generation der protestantischen Pfarrfamilien häufig durch die Eheschließung des katholischen Priesters mit seiner Haushälterin. Hier wirkte die Ehe des "entlaufenen Mönchs" Luther mit der ehemaligen Nonne Katharina von Bora als Vorbild.

Der Bildungsstand der ersten und zweiten Pfarrergenerationen konnte erst allmählich auf das erforderliche Niveau angehoben werden. Dabei erwies sich die Landgrafschaft Hessen als kreativ. Sie schuf mit der ersten protestantischen Universität in Marburg/L. und der dazu gehörenden Stipendiatenanstalt eine Ausbildungsinstitution für die nachfolgenden Pfarrergenerationen. Das Geld dazu stammte aus den Erträgen der säkularisierten Klostergüter. Auch die Versorgung der nunmehr entstehenden neuen Sozialgruppe Pfarrfrauen bzw. -witwen wurde auf diese Weise geregelt. Am Ende des 16. Jahrhunderts richtete man in Hessen erstmals Pfarrwitwenhäuser und -kassen ein; weitere Territorien folgten dem Beispiel, das als sehr frühe Form einer Hinterbliebenenversorgung charakterisiert werden kann.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts finanzierten sich die neuen Pfarrfamilien auf der seit dem Mittelalter üblichen Basis von Pfarrlehen. Das Pfarrerpaar und seine Familie waren einerseits angewiesen auf den Ertrag der eigenen Ackernutzung, andererseits auf die Lieferung von Naturalien und geringen Geldbeträgen, die der Pfarrer für seine Amtshandlungen erhielt. Diese Abhängigkeit des geistlichen Amtes vom Leistungswillen und -vermögen der Pfarrgemeinde war Anlass für stete Reibereien zwischen dem Seelsorger und seiner Gemeinde.

Der Konfliktauslöser entfiel erst mit dem Wechsel zur Geldleistung als Pfarrbesoldung seit dem Ende des 18. / Beginn des 19. Jahrhunderts. Damit wurde der Pfarrer aber auch ein von der weltlichen Obrigkeit bezahlter Amtsträger; das Bild vom geistlichen Amt wandelte sich, und die wachsende soziale Distanz zur Gemeinde eröffnete ein neues Konfliktfeld.

Im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert gehörte das Pfarrerpaar neben dem Arzt, dem Offizier und dem Juristen zum Honoratiorenkreis in städtischen und ländlichen Gemeinden, der dort hohes Ansehen genoss und informellen Einfluss ausüben konnte. In diesem Milieu entstanden politisch-kulturelle Bindungen und Prägungen, die sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts auch in parteipolitischen Zuordnungen (Nationalliberale, Konservative, Christlich-Soziale) wiederfanden.

Bildung und Lebensführung der Pfarrer verbesserten sich kontinuierlich seit der Mitte des 17. Jahrhunderts, theologische und seelsorgerische Kenntnisse waren als Mindeststandard vorhanden. Das gilt auch für die Pfarrfrauen, für die zwar keine eigene Ausbildungsstätte vorhanden war, die aber aufgrund ihrer sozialen Herkunft aus zumeist gebildeten und/oder wohlhabenden (stadt-)bürgerlichen Familien Grundkenntnisse des Lesens und Schreibens, der Haushaltsführung und der Kindererziehung mitbrachten.

Über die Eheschließungen integrierten sich die neuen Pfarrfamilien sehr rasch in das ohnehin wachsende Geflecht stadt- und amtsbürgerlicher Familienverbände. Diese neue Art der Verzahnung von gelehrter Bildung im Pfarrhaus und ökonomischem Erfolg im Handels- und Handwerkerhaushalt war eine sehr langwirkende, nicht bewusst beabsichtigte Wirkung der Reformation. Diese hatte unbestreitbar großen Anteil an der Entstehung eines aufgeklärten, später politisch liberalen oder national­liberalen Bürgertums. Die besondere Rolle der Pfarrfrau führte zu einer Aufwertung der Ehe und der Rolle der Frauen in der protestantischen Kirche. Mit den Diakonissenverbänden entstand im 19. Jahrhundert eine eigene sozial, seelsorgerisch und medizinisch geschulte Funktionsgruppe. Eine Frauenordination (Priestertum aller Gläubigen) gibt es in der lutherischen Kirche in Deutschland als rechtliche Norm seit 1927, die erste ordinierte Pastorin wurde 1959 in Lübeck in ihr Amt eingeführt.

Kirchenmusik: Auch die Rolle der Kirchenmusik, des Gemeindegesangs insbesondere für das protestantische Gemeindeleben ist bemerkenswert. Bereits in den ersten Jahren der reformatorischen Bewegung entstand unter anderem durch Luthers umfassende Lieddichtung ein Grundmuster der protestantischen Liturgie, das identitätsstiftend wirkte.

1523 und 1524 wurden die ersten Gesangbücher in Wittenberg gedruckt mit Liedern für das Kirchenjahr und ins Deutsche übertragenen lateinischen Hymnen wie "Nun komm der Heiden Heiland". In den folgenden Jahrzehnten entstand eine Fülle protestantischer Kirchenlieder, darunter beispielsweise die Lieddichtung des Berliner Pfarrers Paul Gerhardt (1607–1676), die auch über die konfessionellen und nationalen Grenzen hinaus Verbreitung fand. Als Ausdruck theologischen Widerstandes entstanden im "Dritten Reich" die Kirchenlieder des Berliner Pfarrers Jochen Klepper (1903–1942) und des Widerstandskämpfers und Theologen Dietrich Bonhoeffer (1906–45).

Auch für die neue Frömmigkeitsbewegung des Pietismus  im 18. Jahrhundert spielten Kirchenlieder eine wichtige Rolle. Zeitlich parallel trat mit der geistlichen Musik eine neue Musikgattung hervor. Der lutherische Kantor an der Leipziger Thomaskirche Johann Sebastian Bach (1685–1750) und seine Söhne komponierten Kantaten und große Oratorien zu Weihnachten und Ostern, die für die Ausgestaltung des protestantischen Gottesdienstes unverzichtbar wurden. An den Aufführungen beteiligten sich städtische Knabenchöre, so etwa in Leipzig und Dresden, seit dem 19. Jahrhundert kamen gemischte Kirchenchöre und Posaunenchöre hinzu. Eine Wirkung, die der Bachs vergleichbar war, hatte für die anglikanische Kirche in England Georg Friedrich Händel (1685–1759).

Kirchenlieder und die Kirchenmusik der Oratorien wurden zu einer eigenen Kunstform. Sie gewannen ihre frömmigkeitsprägende Wirkung für die ganze Gemeinde dadurch, dass mit Lied und Liedtext immer Bezug auf die Anliegen der protestantischen Theologie genommen wurde. Die Bibelverse und Lebenssprüche des Alten und Neuen Testaments ließen sich auf diese eingängige Weise an jedes einzelne Gemeindemitglied weitergeben, parallel zu den Glaubensinhalten, die in Katechismus und Glaubensbekenntnis vermittelt wurden.

Bildende Kunst: Eine ähnliche Wirkung entfaltete die kirchliche Kunst im europäischen Protestantismus. Im Unterschied zum bilderfeindlichen Calvinismus entwickelte sie sich vornehmlich im Luthertum. Hier entstand in der Frühphase der Reformation eine sogenannte Bildtheologie, mit deren Hilfe die reformatorischen Anliegen auch nicht lesekundigen Gemeinden vermittelt werden konnten. Eine besondere Rolle spielte dabei der mit Luther befreundete Wittenberger Maler Lucas Cranach. Beispielhaft sei hier auf den Cranach-Altar in der Weimarer Stadtkirche verwiesen.

Auch in den folgenden Jahrzehnten blieb diese erzählerische Komponente für die Kunst bestimmend. Die Umsetzung des theologischen Kerns in bildliche Darstellungen bezog sich vornehmlich auf historische Erzählungen des Alten und Neuen Testaments. Damit konnten auch spezifische Anliegen der Reformation wie die theologisch zentrale Ablösung des Gesetzes durch Gnade anschaulich vermittelt werden (Darstellung von Gesetzes- und Gnadentafeln, Pfarrkirche Gotha).

Sprache: Prägend wurde die Kultur des Wortes in protestantischen Gottesdiensten, sie brach besonders radikal mit der Liturgie der römisch-katholischen Kirche, die auf rituelles und symbolisches Handeln angelegt war. Jeder Gläubige sollte selbst die Bibel lesen können, theologisch geschulte Pfarrer sollten sie auslegen – die Konsequenz daraus war die rasche Institutionalisierung von Bildungseinrichtungen (Schulen, Gymnasien) in den Gemeinden und von Hohen Schulen (Universitäten) für die akademische Bildung der Geistlichkeit.

Ins Zentrum rückte, um der breiteren Verständlichkeit willen, die jeweilige regionale/nationale Sprache, das Lateinische wurde abgelöst. Aus diesem Grund war die Bibelübersetzung durch Luther ein ganz pragmatisches Vorgehen. Deren sprachbildende Kraft wird in der jüngeren Sprachforschung zwar inzwischen deutlich relativiert mit dem Argument, dass es schon vorher und auch nachher (katholische) Bibelübersetzungen gegeben habe. Auch dies ist ein Moment der Entmythologisierung, der Lösung aus einer Lutherverehrung, die dem 19. Jahrhundert und seinem nationalen Anliegen zugewiesen werden muss.

Dennoch bleibt die Verbindung von Bibelübersetzung, reformatorischer Theologie und Nationalsprache bedeutsam, denn sie wies den Weg zur Religionsfähigkeit der Nationalsprachen im Allgemeinen. Und wenn mit der eigenen Sprache die eigene Konfession gegen diejenige einer fremden Herrschaft gesetzt werden konnte, bewirkte das eine Verfestigung der eigenen Identität sowie eine Politisierung von Religion und Sprache. Diese Entwicklung war für die europäischen Nationalbewegungen des 19./20. Jahrhunderts von Gewicht, insbesondere für kleinere Nationen Nord- und Ostmitteleuropas.

Theologie als Wissenschaft: Im Rahmen einer theologischen Wissenschaft, die seit dem 18. Jahrhundert an den protestantischen Universitäten etabliert war, lernten alle späteren Pfarrer den textkritischen Umgang mit "heiligen" Texten. Dies hatte im 19./20. Jahrhundert auch eine Entmythologisierung des Alten und des Neuen Testaments zur Folge. Darüber hinaus setzten sich die textkritischen, um Deutung und Auslegung bemühten Arbeitsweisen zeitlich parallel auch in anderen historisch und philologisch arbeitenden Wissenschaften der Universitäten Europas und Nordamerikas durch.