IzpB 337/2018: China Cover

7.9.2018 | Von:
Kristin Shi-Kupfer
Matthias Stepan
Shawn Shieh

Gesellschaft im Umbruch

Zwei-Kind-Politik gegen eine alternde Gesellschaft

Die Ende der 1970er-Jahre eingeführte und auch in China umstrittene Politik strenger Geburtenkontrolle wurde schrittweise gelockert: Die politische Führung erkannte, dass die zunehmende Alterung der Gesellschaft die Sozialkassen belastet. Gleichzeitig sah sie, dass das anhaltende Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern die soziale Stabilität bedroht: In manchen Jahren wurden auf 100 Mädchen bis zu 118 Jungen geboren – mit der Folge, dass junge Männer aus ärmeren Verhältnissen inzwischen nur schwer eine Frau finden.

2015 hob die Zentralregierung die Ein-Kind-Politik ganz auf und erlaubt seitdem jedem Paar, ein zweites (allerdings kein drittes) Kind zu bekommen.

Bislang erzielte diese Entscheidung jedoch noch nicht die von der Regierung erhoffte Wirkung: Die Behörden rechneten mit rund drei Millionen Neugeborenen im Jahr 2016, tatsächlich kamen jedoch nur 1,31 Millionen Babys zur Welt. Laut Umfragen der staatlichen Kommission für Familienplanung zögern rund 75 Prozent der befragten Familien mit der Entscheidung für ein zweites Kind. Als Gründe nennen sie zum einen die hohen Bildungskosten, zum anderen verweisen sie auf unzureichende Betreuungsmöglichkeiten.

Wie viele westliche Länder steht auch die chinesische Gesellschaft vor der Aufgabe, die Folgen der Überalterung durch neue Versorgungssysteme in den Bereichen Pflege und Altersversorgung zu meistern. Die Altersgruppe 60+ ist in den 2010er-Jahren vier Mal so schnell gewachsen wie die Durchschnittsbevölkerung. Bis 2050 werden Schätzungen zufolge rund 30 Prozent der Bevölkerung in diesem Alter sein.

Wie sind Chinesen versichert?Wie sind Chinesen versichert? (© mohrss.gov.cn / statista.com / ceicdata.com)

Grundlegend, doch nicht wirklich gesichert

Ein Großteil der chinesischen Bevölkerung ist Anfang des 21. Jahrhunderts ansatzweise über staatliche Sozialversicherungsprogramme abgesichert, insbesondere in den Bereichen Gesundheit und Altersversorgung. Chinas Beschäftigte können sich jedoch bei einem Unfall oder einem plötzlichen Jobverlust nicht vollständig auf staatliche Unterstützung verlassen: Nur ein geringer Teil der rund 776 Millionen Erwerbstätigen ist gegen solche Risiken versichert.
Das soziale Sicherungssystem steht vor drei zentralen Herausforderungen:
  • nachhaltige Finanzierung: Aufgrund der demografischen Entwicklung und einer geringeren Menge an Einzahlenden sind die Kassen in manchen Regionen leer. Besonders betroffen sind Provinzen, die einen hohen Anteil an Wanderarbeitern haben – meist Erwerbstätige aus ländlichen Regionen, die in den aufstrebenden Wirtschaftszentren den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien verdienen. Aufgrund der insgesamt angespannten Haushaltslage in vielen Provinzen neigen zuständige Beamte dazu, die zweckgebundenen Gelder in teils sehr riskante Investitionsprojekte umzuleiten.
  • Nationale Übertragbarkeit: Laut Gesetz gehören die Beiträge zu personenbezogenen, aber eben lokal angelegten Versichertenkonten. Im Falle eines Umzugs sollten diese Beiträge an die zuständigen Behörden des neuen Wohnorts übermittelt werden. Bei einem Wohnortwechsel in eine andere Provinz erweist sich das in der Praxis jedoch als nahezu unmöglich: Die regionalen Regierungen haben kein Interesse daran, entsprechende Informationen zu teilen, da sie die gesammelten Sozialbeträge in ihren ohnehin oft klammen Kassen nicht verlieren wollen.
  • Nicht versicherte Sozialbereiche: Kranke müssen ihre Behandlungskosten oftmals zuerst selbst in bar bezahlen und dann bei der Versicherung einreichen. Zudem deckt die staatliche Krankenversicherung nicht für alle Angestellten kostspieligere Behandlungen wie größere Untersuchungen mit teuren Geräten oder Operationen ab. Insbesondere ärmere Familien sehen sich oftmals gezwungen, sich die entsprechenden Gelder in der Verwandtschaft zu leihen. Zunehmend werden auch soziale Medien für private Spendenkampagnen genutzt.

Weniger arm, aber auch weniger gleich

Dank hoher Wirtschaftswachstumsraten konnte die chinesische Regierung nicht nur einen Ausbau der sozialen Sicherungssysteme finanzieren, sondern auch mittels gezielter Programme den Anteil der in Armut lebenden Bevölkerung reduzieren. Unterstützt wurde sie dabei zum Teil durch internationale Organisationen. Betrug ihre Zahl nach Aussagen der Weltbank im Jahr 1978 noch rund 770 Millionen Menschen, waren es 2017 laut Angaben Pekings nur noch 30,46 Millionen, wobei sich letztere Angaben auf Menschen in ländlichen Regionen mit nachholender Entwicklung beziehen. Die chinesische Regierung will diese Zahl bis 2020 auf Null reduzieren. Wie hoch "neue" Armut in den Städten ist – zum Beispiel durch hohe Kosten für medizinische Behandlungen – lässt sich derzeit nicht ermitteln.

Chinas Armutsbekämpfung gilt international – auch im Vergleich mit seinem unmittelbaren Nachbarn Indien – als ein beachtlicher humanitärer Erfolg. Allerdings bleibt eine Schattenseite – die wachsende soziale Ungleichheit. "Früher waren wir zwar alle arm, aber wenigstens gleich", ist eine weitverbreitete Aussage gerade unter ehemaligen Arbeitskräften von Staatsbetrieben.

Die ungleiche Verteilung der Wohlstandsgewinne liegt zum Teil daran, dass Partei- und Staatskader sowie Direktoren von Staatsunternehmen sogenannte graue Einkommen beziehen konnten, indem sie sich etwa bei der Vergabe von Lizenzen, Zertifikaten oder Dokumenten bestechen ließen.

Tabelle: Jährliches Einkommen und Konsum in ausgewählten Regionen in ChinaJährliches Einkommen und Konsum in ausgewählten Regionen in China (© www. xiaze.org)
Gleichzeitig wurde die ländliche Bevölkerung gezielt benachteiligt: Die Menschen in den Städten erhielten aufgrund ihrer strategischen Bedeutung für das chinesische Wachstumsmodell und auch aufgrund ihres größeren Unruhepotenzials privilegierten Zugang zu Wohnraum, Nahrungsmitteln sowie Bildung und Gesundheit. Deshalb sind städtische Durchschnittseinkommen in der Regel drei- bis viermal so hoch wie auf dem Land.

Seit 2006 ist die Schere zwischen Stadt und Land jedoch nicht mehr größer geworden. Mögliche Erklärungen dafür liegen in positiven Auswirkungen einer unter Xi Jinpings Vorgänger Hu Jintao vorangetriebenen Entwicklung der ländlichen Regionen. Auch stiegen in manchen Branchen und Bereichen die Löhne ländlicher Wanderarbeitskräfte, weil dem Rückgang der arbeitsfähigen Bevölkerung Rechnung getragen werden musste.

Mit ihrem Verdienst stützen diese Wanderarbeitskräfte oft ihre auf dem Land oder in kleineren Städten verbliebenen Familien. Gleichzeitig wären das rapide Wirtschaftswachstum und die Wohlstandsgewinne der städtischen Eliten ohne diese besondere Gruppe nicht möglich gewesen, die meist zu Niedriglöhnen auf den großstädtischen Baustellen, an den Fließbändern der Industriebetriebe, im Gastgewerbe oder als Betreuung für die Kinder wohlhabender Städter arbeiten.

2018 bezifferte das chinesische National Bureau of Statistics (NBS) ihre Zahl auf 286,52 Millionen, davon hatten 64,9 Prozent keinen offiziellen Arbeitsvertrag. Laut NBS waren sie typischerweise im Bausektor, in der Logistik (Kurierdienste, Lageristik) sowie im Bereich der Haushaltsdienstleistungen tätig und verfügten über ein durchschnittliches Monatseinkommen von 3485 Renminbi (RMB) oder umgerechnet ca. 450 Euro. Dafür arbeiteten sie durchschnittlich 25,2 Tage im Monat bzw. 8,7 Stunden pro Tag.

In der Mitte der chinesischen Gesellschaft finden sich Menschen aus sehr unterschiedlichen Berufsgruppen. Sie arbeiten im Management staatlicher Betriebe, in Architektur- oder Anwaltsbüros sowie in IT-Unternehmen, sind alle relativ gut gebildet, haben ein stabiles Einkommen und können finanzielle Rücklagen bilden. Auf Basis eines Jahreseinkommens zwischen 10.000 und 100.000 US-Dollar gehören rund 300 Millionen Menschen zu dieser "Mittelschicht".

Chinas Superreiche werden seit 2012 von einer Mediengruppe in Shanghai in einer Rangliste erfasst und veröffentlicht. Zu Beginn des Jahres 2018 enthielt diese sogenannte HurunListe 819 Dollar-Milliardäre, mehr als die 571 Personen, die in den USA in diese Kategorie fallen. Auf diese Superreichen schauen viele mit zwiespältigen Gefühlen: Einerseits ist Reichtum in China das einzige gesamtgesellschaftlich akzeptierte Symbol für Erfolg. Andererseits mehren sich Stimmen innerhalb der chinesischen Gesellschaft, die von den Wohlhabenden fordern, der Gemeinschaft in Form von Spenden oder gemeinnützigem Engagement etwas zurückzugeben. Offene Feindseligkeiten gegen Millionäre hat es jedenfalls bislang kaum gegeben, wozu die generellen Zuzugsbeschränkungen für ländliche, also ärmere Menschen ebenso beitragen wie die zunehmend exklusiveren und gut gesicherten Wohnanlagen der Reichen.

Quellentext

Luxusgut Wohnraum

Nie Yunfei [...] [e]in schmaler Junge mit Brille hockt in seinem Wohnzimmer. 28 Jahre ist der Softwareentwickler. Angestellt bei der Suchmaschine Baidu, Chinas Gegenstück zu Google, wohnt er in Schanghai, einer der teuersten Städte der Welt. [...]

Yunfeis Hochhaus steht im Neubauviertel Pudong. Schanghais glamouröse Uferpromenade Bund ist eine halbe Stunde Fahrt entfernt, weit weg also. [...]

Doch der Eindruck, zwischen Yunfeis Knittercouch und Chinas teuersten Diskotheken lägen Welten, er täuscht. Bei dem 28-Jährigen handelt es sich um einen Millionär. Zumindest auf dem Papier. Der Mann hat Betongold. Zwei Dekaden nach der Öffnung der Wohnungsmärkte ist es nicht das Vermögen auf der Bank, das Chinas Gesellschaft teilt. Es sind Immobilien. Es gibt Chinesen, die eine Wohnung besitzen. Und alle anderen.

Der junge Yunfei kann gleich zwei Apartments sein Eigen nennen. Auf dem chinesischen Immobilienmarkt gleicht das einer Lizenz zum Gelddrucken. Seitdem er vor zwei Monaten im Internet seinen Vermögenswert nachgeschaut hat, ist Yunfei bereits um 50.000 Euro reicher geworden. Der Sohn einer Lehrerin und eines kleinen Beamten vom Land verdient brutto umgerechnet 47.000 Euro im Jahr. Seine Immobilien aber sind anderthalb Millionen Euro wert. Tendenz schnell steigend.

Yunfei ist ein Symbol für den Wahnsinn, der sich auf Chinas Häusermarkt abspielt. Seine Geschichte ist aber auch Warnung: vor einer gefährlichen Blase. Denn sollten die Preise schlagartig sinken, könnte das in China zu Verwerfungen führen [...].
Bis Ende der neunziger Jahre gab es im Reich der Mitte keine Wohnungsbesitzer. Jedes Haus gehörte dem Staat. Wer in der Fabrik arbeitete oder in der Verwaltung, bekam eine Unterkunft gestellt für eine niedrige Miete oder wohnte kostenlos. Ein Immobilienmarkt, der in anderen Ländern die Wirtschaft auf Trab hielt, existierte in der Volksrepublik nicht. Sozialistisch ist das moderne China aber nur noch in der Theorie. Die Führung bot dem Volk an, die staatlichen Wohnungen für ein paar Zehntausende Euro zu kaufen. Das sollte nicht zuletzt die Funktionäre sagenhaft reich machen. Chinas Wohnungspreise stiegen laut dem Washingtoner Peterson Institute for International Economics im Zeitraum 2005 bis 2010 um 80 Prozent. Wie sich die Hauspreise langfristig genau entwickelt haben, ist in China schwierig zu bestimmen. Die renommierte Tsinghua-Universität aus Peking kommt auf einen Anstieg von 255 Prozent in den Jahren 2006 bis 2016. [...]

Wohl dem also, der gekauft hat. Seine erste Schanghaier Wohnung erwarb Yunfei 2012 für umgerechnet 190.000 Euro. Damals war sein Gehalt zwei Drittel niedriger. Mit den Ersparnissen der Mutter zahlte der Sohn die Hälfte der Summe an. Dann stieg der Wert des Apartments unaufhörlich. Bis heute um 160 Prozent. Der Wert der zweiten Wohnung, gekauft 2015, wuchs noch schneller: in gut einem Jahr um das Doppelte.

China ist im Rausch des Betongolds. Ein-Zimmer-Löcher in verfallenen Betonburgen für 13.000 Euro den Quadratmeter gelten in Schanghai als Schnäppchen. In München liegen die Preise um rund die Hälfte niedriger. [...] Das Problem: Wohnen wird zum Luxus, denn die Mieten sind in vergleichbarem Tempo wie die Kaufpreise gestiegen.

Längst beherrscht die quälende Wohnungsfrage den Alltag der Chinesen. "Was habe ich falsch gemacht?", lautet der Titel eines Essays, den ein IT-Ingenieur aus Shenzhen [...] im Internet veröffentlicht hat. Millionenfach haben ihn Chinas Internetnutzer geteilt. Im Jahr 2010 kaufte der Autor für 1,2 Millionen Yuan (165000 Euro) ein Apartment, die monatlichen Raten für den Kredit betrugen 6000 Yuan. Dann kam das Baby. Vergangenes Jahr kam ein zweites Kind, weshalb die Ehefrau nicht mehr arbeiten konnte. Der erste Sohn musste bald zur Schule. Halbwegs gute Schulen in den chinesischen Großstädten an der Ostküste nehmen aber nur Schüler auf, deren Eltern in der unmittelbaren Umgebung wohnen. Darum musste eine neue Wohnung in der Nähe der Wunschschule her. Weil die Apartmentpreise dort im Vorjahr um 40 Prozent gestiegen waren, bekamen es die Eltern mit der Angst zu tun. "Wenn du dieses Jahr nicht kaufst, kannst du dein Gehalt auch aus dem Fenster werfen", lautet eine Redewendung in Chinas Mittelschicht. In Shenzhen kauften die jungen Eltern deshalb eine zweite Wohnung. Zur Finanzierung nahmen sie eine Hypothek auf die erste auf. Am Ende überstieg die Zinsbelastung das Gehalt des Vaters. Sein Arbeitgeber wollte ihn ins Ausland schicken, doch der Mann wollte die Frau nicht alleinlassen. Daraufhin wurde er entlassen. In Chinas verrücktem Immobilienmarkt gebe es keine Sicherheiten, folgerten die Leser aus der Geschichte. Angesichts der rasanten Steigerungsraten lauere allerorten das Unglück.

Ende vergangenen Jahres begann die Regierung gegenzusteuern. In rund zwanzig Städten wie Peking und Schanghai können die Menschen nun nicht mehr so einfach in Betongold investieren wie zuvor. [...]
Jungspekulant Yunfei beeindruckt das kaum. "Kauf lieber gleich", rät er [...]. "Bevor es zu spät ist."

Hendrik Ankenbrand, "Im Rausch des Betongolds", in: Frankfurter Allgemeine Woche Nr. 10 vom 3. März 2017
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Quellentext

Kein Platz für Wanderarbeiter?

Sie wühlen sich durch den Schutt, auf der Suche nach Sachen, die sie noch brauchen können. "Hier", sagt Yang Hongwei und stützt sich auf seine Schaufel, "stand das Haus, wo wir gewohnt haben ." [...]
Peking hat innerhalb von nur anderthalb Monaten die Stadtviertel abgerissen, in denen der ärmere Teil der Bevölkerung wohnte. Chinas Hauptstadt wolle "eine lebenswerte, moderne Weltmetropole werden", hat die Stadtverwaltung vorgegeben. "Einwohner niedrigster Klasse" störten da nur, so die Beamten. [...] Jetzt wühlen sich diese Menschen durch die Reste ihrer Heimstätten. Ohne Übergangsfristen, ohne Sozialplan, ohne Nachzudenken hat die Stadt die Abrissbagger geschickt.

Nicht nur ihre Behausungen, das ganze Leben der Wanderarbeiter liegt in Trümmern. "Wir hatten vor, uns in Peking etwas aufzubauen, haben davon geträumt, dass unser Sohn als Pekinger aufwächst", sagt Yang. "Es war hier ja nicht alles perfekt. Aber wir [haben] das auf uns genommen. Wir haben sogar geglaubt, hier gebraucht zu werden." Schließlich funktioniert der gigantische Billiglohnsektor, auf dem sich Pekings "höherklassige" Elite ausruht, nur dank der Arbeitskraft von Leuten wie Yang und seiner Frau. Sie arbeitet als Kellnerin in einem Imbiss. Er arbeitet in einer Wohnanlage als Handlanger der Hausverwaltung. Das Ehepaar will nun samt Kind noch bis zum Frühlingsfest Mitte Februar bleiben und schauen, ob sie eine neue Bleibe finden. Sonst müssen sie Peking verlassen.

Die Aussicht darauf, dass das eigene Kind einmal als Pekinger aufwächst – das war für viele der Ansporn, in die große Stadt zu ziehen. Offiziell war der Zuzug nicht erlaubt, aber es wurde geduldet. Die Bevölkerung der chinesischen Hauptstadt schwoll so von sechs Millionen Menschen Mitte der 80er Jahre auf heute [im Januar 2018] 22 Millionen an.

Die Wanderarbeiter haben den schnellen Umbau der grauen sozialistischen Hauptstadt zur modernen Metropole erst möglich gemacht. Doch ihr Zustrom, getrieben von der Hoffnung auf sozialen Aufstieg, wurde auch zum Problem. Denn Peking hat nicht genug Wasser, Straßen und Wohnraum für alle. Und den begehrten Status als offizieller gemeldeter Hauptstädter gibt es nur für eine hochqualifizierte Minderheit.

Yang und seine Frau kommen beide aus der Provinz Shaanxi, aus einem Dorf, das eigentlich nur aus einer Straße besteht, an der sich links und rechts schwarz verölte Autowerkstätten, Tofumacher oder Eisenwarenhandlungen reihen. "So etwas Schönes oder Helles wie hier in Peking gibt es da nicht", sagt Yang und deutet in Richtung des großen Einkaufszentrums an der nahen U-Bahn-Station Xihongmen [...]. "Und bei uns im Dorf endet die Schule nach der neunten Klasse." Noch nie sei jemand aus ihrem Dorf in der Großstadt auf die Uni gegangen. [...]

Viele Wanderarbeiter lassen ihr Kind bei den Großeltern zurück, doch das wollte Yangs Frau ausdrücklich nicht. "Dort wäre er ja als dummer Gurkenbauer herangewachsen." Die Leute in Peking sollten den Sohn zu etwas Besserem machen. Die Kinder von Wanderarbeitern aber dürfen nicht einmal normal zur Schule gehen. Auch Yang und seine Familie sind offiziell noch in Shaanxi gemeldet, und so wartet dort ein Schulplatz auf ihren Sohn.

Jetzt ist der Neunjährige zumindest zum Teil ein Großstädter, gewöhnt an U-Bahn, Einkaufszentren und die gigantischen Großbildschirme, auf denen überall Werbung flimmert, doch im Frühjahr muss er wohl nach Shaanxi umziehen. Ein fremdes Land für den Jungen, dessen Eltern sich seine Umwandlung in einen "Menschen höherer Qualität" gewünscht hatten. So sprechen die Leute im sozialistischen China wirklich. [...]

Was werden Yang Hongwei und seine Frau nun machen? "Wir wissen es nicht." Nach sieben Jahren in Peking gehören sie nicht mehr aufs Land, aber die Stadt will sie nun ebenfalls nicht mehr. Vielleicht gehen sie in eine Provinzhauptstadt, in der das Wachstum hoch und Leute wie er noch willkommen sind. "Wir Chinesen sind gut darin, bittere Erlebnisse zu schlucken. Es geht schon irgendwo weiter."

Finn Mayer-Kuuk, "Wanderung nach Irgendwo", in: Frankfurter Rundschau vom 22. Januar 2018
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